Die paläolithische Küche

Buchvorstellung

Einer der aktuellen Megatrends der zeitgenössischen Kochkultur ist, neben Vegetarisch oder gar Vegan, die paläolithische Küche, auch Paläo-Diät oder Steinzeiternährung genannt.

Ihren Ursprung hat diese Ernährungsform in den späten 60ern und den folgenden 70er Jahren. Mit der Kraft des regel- und grenzenlosen Lebensgefühls dieser Epoche wurden so schnell wie nie zuvor in Musik, Mode, Sexualität oder Politik die Dämme bürgerlicher Konventionen weggespült. Und in dieser Zeit, in der zum ersten Mal in der westlichen Welt alle Bevölkerungsschichten genug zu essen hatten und es kein Privileg der Wohlhabenden war, im Winter exotische Südfrüchte zu genießen, entstand die im Grunde konservativ-revolutionäre Idee, sich wie ein Steinzeitmensch zu ernähren. Die Grundannahme dieser Ernährungsweise ist, dass sich das menschliche Erbgut seit der Altsteinzeit, vor der Erfindung des Ackerbaus, nicht verändert hat, und die Ernährung dieser Epoche aufgrund einer Millionen Jahre langen Anpassung die einzig artgerechte Ernährung des Menschen sei.

Während die offiziellen Stammväter der Paläo-Diät ihre Theorien naturwissenschaftlich begründeten, war Joseph Delteils (1894 bis 1978) Herangehensweise eine künstlerische. Der erfolgreiche französische Schriftsteller lebte in der surrealistischen und linksrevolutionären Szene von Paris, wo man durch Lebenshaltung und mit Lebenskunst traditionelle Normen in Frage stellte. 1931 zog er sich, von dem überspannten Hauptstadtleben gleichermaßen übersättigt wie schwer erkrankt, in die südfranzösische Provinz zurück. Dort lebte er bis zu seinem Tod in einer alten Ziegelei bei Montpellier.

Nirgendwo auf der Welt gab es zu dieser Zeit eine vergleichbare und glänzendere Verdichtung des Kulturlebens wie in der Kapitale des zentralistischen Frankreichs. Und kaum irgendwo in Europa ist der Unterschied zwischen der Hauptstadt, wo sich alles an Geist und Macht konzentriert, und der vernachlässigten Provinz so groß wie in Frankreich.

Delteils Heimat in der Provinz

Joseph Delteil trug beides in sich, die rückständige und traditionsbewusste Provinz, wie die vibrierende Avantgarde der Kulturhauptstadt. Aus der Spannung zwischen beiden Polen, Zentrum und Provinz, Avantgarde und Reaktion, schöpfte er seine schöpferischen Energien und Impulse für seine künstlerische Originalität, in der sich Altes und Neues in sonderbarer Weise mischten. Seine ersten vier Lebensjahre hatte er auf einem Bauernhof in einer Borie verbracht, einem urzeitlichen Kuppelbau aus Trockenmauerwerk im Tal der Dagne. Vielleicht ein Beleg dafür, dass Menschen nicht nur Gebäude formen, sondern die Gebäude auch Menschen formen.

Ganz in der Nähe befinden sich die legendären Chauvet Höhlen mit ihren mehr als 400 steinzeitlichen Wandbildern. 1898 kauften seine Eltern einen Weinberg bei Pieusse, 30 km von Limoux entfernt. Diesen Ort bezeichnete Delteil als seinen Geburtsort und in diesem Landkreis wuchs er zu einem jungen Künstler heran.

„Und die Mundart!“

Delteils geschmackvolles Büchlein, eher ein Brevier, beinhaltet einen übersichtlichen Text, der durch Schriftgröße und Layout aufgeblasen wurde, aber vor Leidenschaft und Poesie dampft und seinen Reiz aus einem unbekümmerten Mangel an rationalem Denken bezieht. Seinem Charakter nach handelt es sich nicht wirklich um ein Kochbuch mit verwendbaren Rezepten, das in klarer Schriftsprache verfasst wurde. Das Büchlein liest sich wie die Niederschrift einer weinumnebelten dramatischen Predigt im Dialekt, bei der sich die Zuhörer von der Sprachwucht berauschen ließen: „Und die Mundart! Ich spreche oft mundartlich oder Mundart, weil sie den Ursprüngen am nächsten ist, am reichsten an Sperma, am heiligsten.“

Die Begründung für dieses Opus erinnert den deutschen Leser an ein bestimmtes bundesdeutsches politisches Milieu, dessen Stil gewissermaßen von präapokalyptischer Religiosität geprägt ist: „Die moderne Zivilisation, das ist der Feind. Das ist das Zeitalter der Karikatur, der Triumph des Künstlichen. Ein Versuch, den Menschen aus Fleisch und Blut durch den Roboter-Menschen zu ersetzen. Alles ist gepanscht, verschmutzt, gefälscht, alle Natur denaturiert. Seht diese Metalllandschaften, die Atmosphäre der korrupten Städte … die Lüfte und ihre Vögel verpestet von Insektiziden, die von nuklearem Abfällen bis auf den Grund des Ozeans vergifteten Fische, der Hebel krebserregender Stoffe überall, die umwerfende Geschwindigkeit, das höllische Getöse, die große Verwirrung der Nerven, der Herzen, der Seelen, in Ketten legen, in Ketten sag‘ ich Euch …“ etc. etc.

Aber natürlich wird nicht nur die Hölle beschrieben, der Künstler bietet einen Ausweg an: Seine Küche, Halleluja!

Lyrische Zubereitungsschritte

Nicht überraschend erwarten den Leser keine traditionellen Rezepte: „Jawohl, ich verabscheue diese gewaltigen, diese grässlichen Kochbücher von 500 oder 5000 Seiten, mit Tausenden oder Millionen Rezepten, in denen man herumtappt und sein Latein verliert und aufgibt“.

In diesem Sinne werden vierzehn Rezepte vorgestellt, für jeden Wochentag je zwei Mittag- und Abendessen. Ihre künstlerischen Entwurfsgedanken sind die „Proportion, Anthroporythmie, der Goldene Schnitt, der Parthenon“. Dass bei den Zutaten Kartoffeln und Rohrzucker, Weißbrot oder andere im Paläolithikum unbekannte Lebensmittel auftauchen, gehört zu den kleinsten Ungereimtheiten.

Auch die Anweisungen für die Zubereitung sind eher lyrisch als hilfreich zu verstehen: „Schneiden Sie Ihr Tier in Stücke“ beginnt die Beschreibung des Confit. Bei der Hammelkeule wird die Begeisterung des Autors eher amüsieren als überspringen. So beginnt das Rezept mit „Dieser stattliche, dieser barocke, dieser merowingische, der stark nach Benzoe stinkt, nach brünstigem Stickstoff und markigen Urin, der Euch den Atem verschlägt und das Hinterteil verrückt macht“. Mahlzeit! Zutaten oder Kochanweisungen fehlen hier völlig, aber das ist in Ordnung.

Nach Art des Homer

Auch an anderer Stelle erfährt man Überraschendes und sieht manches Gemüse nie wieder mit den gleichen Augen: „Roter Paprika liebt den Exzess und die Maßlosigkeit. Er ist ein Sardanapal.“ So geht es fröhlich weiter und das macht dieses Buch trotz offensichtlicher Verrücktheiten auch sympathisch. Die Tristesse und Sinnenfeindlichkeit, die in der deutschen Bio-Kultur noch vor einigen Jahren kultiviert wurden und deren deprimierende Tempel grau-braune Reformhäuser waren, geht dem Surrealisten ab. Das gleiche gilt für die Theorie der Gleichheit der Geschlechter.

So rät der Autor für den „Rinderrostbraten nach Art des Homer“ dazu, einen Kampfstier auf einer Pike über offenem Feuer, möglichst aus „männlichen (männlichen, alles hängt daran) und bei abnehmendem Mond geschnittenen Weinranken“ zu braten, denn „der Wacholder“ ist gerade gut genug für Fräuleins.“ Als Belohnung darf der Steinzeit-Macho „mit dem Herzen in der Hand, Papas wackeres Rippenstück (mit der ganzen Rippe), das Rinderfilet Nebukadnezars“ verzehren. „Und es lebe das Männliche! Wehe den kleinen Kühen!“ Wie bei anderen Rezepten werden essentielle technische Anweisungen gegeben, die in modernen Haushalten nicht leicht umzusetzen sind. So muss es für die Kohlsuppe ein Kessel aus Gusseisen sein, der über offenem Feuer hängt, für Gemüsesuppe geht nur ein „Topf von rotem Ton“ und das Cassoulet verlangt nach einem Feuer aus „Stechginster aus dem Schwarzen Gebirge“, über dem die Bohnen in „Regenwasser gekocht“ werden.

Die wesentliche Natur

Empfindsame Tierfreunde und Naturschützer werden hier nicht fündig, denn anstatt des Desserts empfiehlt der Autor ein Kaninchen nach Steinzeitart. Für dessen Zubereitung muss das arme Vieh an einen Baum gebunden und um ihn ein Wald von zwanzig bis fünfundzwanzig Hektar angezündet werden. Verzehrt wird das Tier dann inmitten verkohlter Baumstümpfe, ohne Salz auf den noch warmen Steinen „inmitten der göttlichen Gerüche dieses unschuldigen Feuerwerks“.

Ist dies alles auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Zwar findet man auch immer hilfreiche Tipps und Anregungen, aber natürlich geht es dem Autor, in dem sich der Pariser Romancier mit dem derben Landmann vereint, nicht im Ernst darum, die Steinzeit zu simulieren. Vielmehr möchte er alle, die nur noch bearbeitete und denaturierte Lebensmittel kennen, mit deren eigentlichem Charakter und somit Geschmack bekannt machen. Was ist die wesentliche Natur der Dinge und wie können wir sie am ungefiltertsten genießen? Und warum sind wir so vernünftig und keine fröhlichen Exzentriker, die wie Kinder „wilder Mann“ spielen und dabei glücklich sind? Das sind Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt, auch wenn die Antworten vielleicht bei jedem Menschen andere sein werden.

Wer den gesunden Menschenverstand für das Maß aller Dinge hält und realistische Rezepte sucht, wird hier nicht fündig. Jedoch bietet sich Anhängern einer wilden und ursprünglichen Küche, die den Wettlauf um Künstlichkeit und Komplexität ablehnen, die Chance, einen unbekannten Vordenker zu entdecken. Und wer literarische Exzentriker liebt, deren geistige Kapriolen und temperamentvolle Sprache bewundert, kommt hier voll auf seine Kosten. Ich habe das Buch dieses Radikalinskis wie einen guten Armagnac empfunden: Unvernünftig, aber berauschend und zum Lachen und Herumspinnen anregend.

 

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Titel: Die paläolithische Küche

Autor: Joseph Delteil

Verlag: VAT Verlag André Thiele

ISBN-13: 978-3940884299

Verlagslink: http://www.vat-verlag.de/b%C3%BCcher/belletristik/joseph-delteil/  

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Anmerkung: Diese Rezension erschien bereits auf http://valentinas-kochbuch.de/

 

 

 

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