DAS KULINARISCHE NECRONOMICON: Die etwas andere Rezeptsammlung

„Seltsam, aber so steht es geschrieben…“ Mit dieser beunruhigenden Aussage endete jede Gruselgeschichte in den von mir als Kind geliebten Comics „Gespenster Geschichten“. Genau dieser Satz könnte das Motto des kulinarischen Necronomicons sein, bezieht sich doch schon der Titel des Buches auf ein fiktives Buch, um das sich die Horrorliteratur des Autors H. P. Lovecraft und dessen grausiger Cthulhu-Mythos dreht. Lovecraft schuf das griechische Kunstwort aus nekros νεκρός ‚Leichnam‘, nomos νόμος ‚Gesetz‘, eikon εἰκών ‚Abbild‘, ‚Ebenbild‘ ‚Bild‘, wodurch sich als Bedeutung „Ein Abbild des Gesetzes der Toten“ ergibt. Neben dem ohnehin düsteren Titel schmückt ein Minotaurus mit blutbeschmiertem Lendentuch vor einem Hintergrund von Kraken-Tentakeln die Vorderseite des Einbandes. Was dies in Lovecrafts Welt bedeutet, kann ich nicht sagen. Ich habe aufgehört seine Bücher zu lesen, weil ich es leid war in Inkontinenzwäsche zu schlafen und von meinen eigenen Entsetzensschreien aufzuwachen.

So ist „Das kulinarische Necronomicon“ innerhalb von abertausenden angebotenen Kochbüchern des deutschen Buchmarktes der einzige mir bekannte Titel, welcher ausdrücklich mit der Unappetitlichkeit seines Inhaltes für sich wirbt. Auf diese Weise stößt der Titel geistig gesunde Menschen ab und zieht Typen wie Dich, lieber kranker Leser und auch mich in seinen Bann. Doch was ist schon krank? Egon Friedell begreift in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ Krankheit als eine Betriebsstörung des Organismus, die man auch als Verschiebung des bisherigen Gleichgewichts begreifen kann, da sich Neues bildet und neu ist das Konzept des Buches zweifellos.

Einleitung

In den einführenden Sätzen erklärt der Autor anhand der Horror-Mystik Lovecrafts, den wohligen Schauer, den der von 08/15-Rezepten übersättigte Kochbuchleser bei der Lektüre von Zubereitungsarten erfährt, die teils illegal, oft schauderhaft, manchmal giftig oder zumindest gesundheitsgefährdend sind. Aus diesen Gründen wurde – bis auf Ausnahmen – nichts probegekocht. Demzufolge fehlen auch grundsätzlich Rezeptfotos wie man sehen wird. In einigen Fällen kann man dem Autor dafür danken, aber auch Kopfkinos können sehr verstörende Bilder zeigen.

 

Die Rezepte

Der 544 Seiten umfassende Rezeptteil beginnt bei „Gebackenem Kalbsbries“ und endet mit „Milbenkäse-Chips“. Die Schwerpunkte liegen bei Tieren und/oder deren Teilen, die normale Esser und Hobbyköche aus Ekel nicht mit der Kneifzange anfassen, geschweige denn verspeisen würden.

Ekel ist natürlich oft eine Frage der Erziehung. So erfuhr ich in den Romanen des französischen Dandys und Gourmets Théophile Gautier, wie begeistert in den besten Pariser Kreisen am Beginn der Belle Époque gebackenes Lammhirn verspeist wurde. Und Hand aufs Herz, waren damals nicht Zutaten und Zubereitungsarten, zumindest für die oberen Zehntausend des Geld- und Blutadels, nicht auf einem viel höheren Niveau als heute?

Im ersten Kapitel „Bries, Brain & Mark“ finde ich gleich die entsprechende Kochanleitung für das Lammhirn. Ebenso eine für „Blutente“, also einer Ente, die fachmännisch erstickt recht frisch und mitsamt ihres Blutes verspeist wird. Widerlich? Die Upperclass-Ladies aus der Glanzzeit der damaligen Weltkulturhauptstadt Paris wären wahrscheinlich bei dem, was in unseren Kantinen und Schnellrestaurants serviert wird, „mon Dieu“ ächzend, in Ohnmacht gefallen. Ein Großteil der deutschen Restaurantbesucher und Normaleverdiener hingegen würde spätestens dann umfallen, wenn der Garcon die Rechnung präsentieren würde, denn diese in Deutschland illegale Delikatesse kostet bis zu tausend Euro. Wein und Trinkgeld nicht einbegriffen.

So geht es munter weiter. Der sich fasziniert gruselnde Leser erfährt, wie man nicht nur von handelsüblichem Wild und Schlachtvieh, sondern auch aus Tieren, die man bis dato nicht als Nahrungslieferanten begriff, kuriose Tellergerichte herstellen kann. Nichts ist vor dem Menschen sicher, sofern er nur ein genügendes Maß an Hunger mit einer niedrigen Hemmschwelle kombiniert. Skorpione, Schwäne, Katzen, Raupen, Eichhörnchen, Robben, Stachelschweine, Marder, Quallen, Raben, Elefanten, Pinguine, Hunde, Maikäfer, Wale… –  All Creatures Great and Small sind essbar, wenn es sein muss oder soll.

Frei nach Fergus Hendersons Kochbuch „From Nose to Tail“ pickt sich der Wanderer zwischen den kulinarischen Welten nicht nur die edelsten Teile heraus, sondern verarbeitet buchstäblich das ganze Tier. Auf die gleiche morbide Art, wie manche Menschen gaaanz langsam an Verkehrsunfällen vorbeifahren, ist es anregend zu lesen, wie man vom Hirn über das Blut, allen Innereien, den Geschlechtsorganen und allem Denkbaren Delikatessen zaubern kann. Vielleicht können diese Informationen durchaus lebensverlängernd sein, wenn nach der Wiederwahl von Angela Merkel das nächste Mad-Max-Zeitalter beginnt, wer kann das schon mit Bestimmtheit sagen?

Manche Rezepte, wie die mit Innereien gebratene Waldschnepfe, sind anerkannte (wenn auch etwas aus der Mode gekommene) Köstlichkeiten der Haute cuisine. Anderes, wie Flamingozungen nach Art der alten Römer, würde ich höchstens probieren, wenn ich mit Asterix und Obelix eine dekadente Orgie feiern dürfte (Ich gestehe, dies ist eine meiner Lieblingsphantasien). Für Grindwalsteaks verfüge ich einfach über keine Teller von Parkplatzgröße und an den einmal in die Nase gezogenen Geruch von fermentierten Eishai erinnert man sich angeblich noch würgend auf dem Totenbett.

Voraussichtlich werde ich bedauerlicherweise auch niemals erfahren, ob mich die Hoden eines Kampfstieres im Bett in einen gefeierten Matador verwandeln können und muss zum Kompensieren weiterhin meine geringelten Glücksstrümpfe tragen. Oder soll ich, bevor ich „in die Arena steige“, Sellerie  mit Bottarga futtern? Angeblich ist dieses gesunde Gemüse erektionssteigernd und enthält mit Androstenol einen nach Männerschweiß duftenden Lockstoff, der geschlechtsreife Weibsbilder in freudig vibrierende… Themawechsel. Bottarga ist eine Köstlichkeit, deren Zubereitungsgeheimnis die Phönizer vor 3.000 Jahren nach Sardinien brachten. Probiere es, ist wirklich köstlich und lässt Dich vergessen, dass es auf dieser Welt nicht genug Sellerie gibt, um Dich zum Sexgott zu machen.

Fazit

Die Praxisrelevanz des kulinarischen Necronomicons geht gegen Null. Zumindest bis nach der Bundestagswahl 2017 beim nächsten Untergang des Abendlandes wieder gebackene Bisamratte mit Steckrüben aufgetischt wird.

Die Erweiterung des kulinarischen Horizontes hingegen ist beim Überschreiten aller Ekelgrenzen enorm.

Am Schluss stellt sich die aus jedem Schulaufsatz gefürchtete Frage: Was will uns der Dichter mit seinem Werk sagen? Da er für mich zuerst ein Unbekannter war, bat ich ihn um ein Ferninterview, woraufhin ich leider keine Antwort erhielt.

Bei der weiteren Lektüre des Buches baute sich so vor meinem inneren Auge (der große Knubbel auf mein Stirn, den ich mit mir trage, seitdem ich mit einem Jahr gegen die Heizung gelaufen bin) das Bild eines Mannes auf, der in seinem Hobbykeller vor sich irre vor sich hin summend, Skulpturen aus rohem Robbenfleisch modelliert…

Ganz so ein kulinarischer Dr. Frankenstein ist er in Wirklichkeit wohl nicht, denn Evert Kornmayer ist ein anerkannter Kochbuchverleger und wurde neben so illustren Superstars wie Paul Bocuse mit dem Nobelpreis der Kochbuchwelt, dem Gourmand World Cookbook Award, ausgezeichnet. Irgendwas wird er sich also schon dabei gedacht haben. Oder musste es einfach aus ihm raus? Frage ihn am besten selbst, was ihn zu diesem irren Buch trieb, vielleicht spricht er mit Dir?

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Ich danke Herrn Kornmayer für die Genehmigung zur Veröffentlichung.

Autor: Evert Kornmayer

Verlag: Verlag Kornmayer

ISBN-13: 978-3942051361

Verlagslink: http://kornmayer-verlag.de/kulinarische-necronomicon-p-10.html


Wer sich einen Bären braten möchte, findet hier ein Rezept:https://krautjunker.com/2016/07/25/baerenbraten/

 

 

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