Ein Bär will nach oben

Buchvorstellung

Ein depressiver und menschenscheuer Professort für Literatur an der University of Maine zieht aufs Land, »weil er auf Sex mit Frauen hoffte, die ebenfalls aufs Land gezogen waren und unter Depressionen litten. Die meisten dieser Frauen erschienen ihm depressiv – oder zumindest verbittert -, wahrscheinlich, weil sie auf dem Land leben mußten. Er wollte zuerst mit ihnen Sex haben und dann einen Bestseller darüber schreiben. Den Roman hatte er geschrieben, aber die Handlung entstammte seiner Phantasie, nicht seiner Erfahrung, denn er hatte bald entdeckt, daß Frauen, die aufs Land gezogen waren, unförmige Overalls trugen, häufig nach Kerosin rochen, zu Sonnenwendfeiern gingen und nicht bereit waren, siech die Beine zu rasieren.«

Tragischerweise wird ihm sein Romanskript wird von einem Bären gestohlen. Dieser Bär »gutmütig und immer hungrig« ist eigentlich auf der Suche nach etwas Wertvollem gewesen. Also beispielsweise einer Torte. Obwohl sich sein Lesestoff bisher »auf die Schilder von Marmeladengläsern und Dosen mit bunten Zuckerstreuseln beschränkt« hat, erkennt er den Wert des Manuskriptes, denn »Es gab viel Sex, und auch das Fischefangen kam nicht zu kurz.«

Zeitgleich hat der Autor ein Rendevouz mit einer behaarten Aussteigerin, die davon lebt, ihren Patienten Energiemassagen zu verabreichen. Da sie eine lila gefärbte Hühnerfeder benutzt, muss sie zu diesem Zwecke noch nicht mal ihre Hände einsetzen. Es funkt nicht zwischen den beiden: Sie wird ihn nicht ranlassen, da er seine Jeans bügelt und nicht nach Holzfeuer und Fichtenharz riecht. Er wiederum kann sich nicht in ihre alternativ-esoterischen Überzeugungen hineinfühlen.
»Sie schaute ihn an.
„Sie wissen, daß die Erde jetzt in eine weibliche Phase eintritt, oder?“
„Tut mir leid, das wußte ich nicht.“
„Ja, die feminine Kraft wird mit jedem Tag stärker. Ich bereite gerade ihr zu Ehren ein Fest der Mondgöttin vor.“
Bramhall nickte. Die behaarte Frau liebte solche Feste. In Nächten mit nur mäßiger Depression munterte ihn der Gedanke nachhaltig auf, wie wundervoll es war, nicht bei einem Fest zu Ehren der Mondgöttin zu sein.«

Der Bär hat einen genialen Plan. Zuerst macht er sich stadtfein. So bricht er in ein Bekleidungsgeschäft ein, um sich einen Anzug zu stehlen, von der Art, »wie ihn Holzfäller zu einer Beerdigung« tragen. Bis auf die Krawatte, mit den Hula-Tänzerinnen drauf, aber da konnte er nicht wiederstehen. »Sein Geschmack war erbärmlich, aber er war ja nur ein Bär.« Er legt sich einen von einer Marmeladenmarke inspirierten Namen zu, wandert in die Stadt, sucht sich einen Literaturagenten und beginnt ein neues Leben als gefeierter Autor.

Der Professor hingegen tröstet sich über den Verlust des Buches mit einem Mördercocktail, nach dem »er sich wie ein verrosteter Anker am Meeresgrund« fühlt*.

Wie es der britische Kognitionsforscher Chris Frith in seinem Buch Wie unser Gehirn die Welt erschafft beschrieben hat, ist »Wahrnehmung … eine Vorhersage dessen, was in der Außenwelt sein sollte«. Das, was wir Menschen für die Welt halten, ist in Wirklichkeit ein selbsterschaffenes Konstrukt in unserem Kopf, welches wir für plausibel halten. So erkennt kein Mensch, dem der Bär begegnet, mit wem er es zu tun hat. Im Gegenteil, seine dummen und fragmentarischen Aussagen interpretieren seine Gesprächspartner zu hochgeistigen Weisheiten um. Schließlich wird seine Abneigung gegen bürgerliche Konventionen und sein Hang, nur im Augenblick zu leben, als sehr modern empfunden. Sein zwischen Dominanz und Verwirrung schwankendes animalisches Verhalten als »stark, aber angeschlagen« von den Frauen geliebt. »Die Frage zerfiel in einzelne Teile, und der Bär war nicht imstande, sie wieder zusammenzusetzen. Seine lange Zunge fuhr nervös über seine Schnauze. Eine Frau, die sich gerade zu einer Gruppe von Managern der Firma Tempo Oil gesetzt hatte, bemerkte den Bären und konnte den Blick nicht abwenden, nahm die Stimmen ihrer Kollegen kaum noch wahr. Na so was, dachte sie, als die rotsamtene Zunge des Bären noch einmal über seine Nase wanderte, da sitzt ein richtiger Mann.«

Während sich in den Städten der Bär als zweiter Hemingway seinen Weg nach oben bahnt, in Affären mit schönen Frauen stolpert und ein begehrter Star wird, geht es mit dem Literaturprofessor auf dem Lande augenscheinlich bergab. Erst wird er wortkarger und zieht sich tiefer in die Natur zurück. Schließlich beginnt seine Körperbehaarung zu sprießen. Diese Tierhaftigkeit wiederum verführt die haarige Aussteigerin dann doch dazu, sich auf ihn einzulassen. Letztendlich aber vermag ihn selbst die Liebe nicht mehr zu halten.
»Bramhall antwortete nicht sofort, weil ihm das Sprechen inzwischen schwerfiel. Aber schließlich fiel ihm ein Fragment aus seinem Leben als Literaturprofessor ein. „Shakespeares Wintermärchen. Bühnenanweisung, dritter Akt, Szene drei. Er stand auf und ging zur Scheunentür, ohne Hemd und Hose anzuziehen. „Geht ab, gefolgt von einem Bären“, sagte er und wanderte Richtung Wald.
„Arthur!“ Die behaarte Frau war, obwohl sie sich als Naturkind empfand, nicht darauf vorbereitet, nackt durch die Wälder zu laufen, besonders nicht bei dieser Kälte. Sie zog sich rasch an. „Warte auf mich!“ Als sie den Waldrand erreichte, war Bramhall verschwunden. Die behaarte Frau hielt nach einem Pfad Ausschau, aber da war keiner. Sie hatte das Gefühl, soeben in ein beängstigendes Mysterium des Waldes eingeweiht worden zu sein. Er hatte gesagt, ein Bär hätte seinen Roman gestohlen, aber was konnte das bedeuten? Wollte er damit sagen, daß sein Buch vom Geist eines Bären gechannelt worden war? War das der Grund für seine enthemmte Sexualität? Was für geheime Kräfte besaß dieser Mann? Und auf welchem Wochenendseminar hat er sie bekommen?«

Auch die Nebenfiguren sind nicht unbedingt das, was man als normal bezeichnet, so dass der menschenähnlicher werdende Bär oder der bärenähnlicher werdende Professor nicht völlig aus dem Rahmen fallen. Besonders ans Herz gewachsen ist mir die erfolgreiche esoterische Schriftstellerin Eunice.
»Die Bücher, die Eunice schrieb handelten von Engeln. Ihr neues Buch, Engel im Bett, war einfach und schön geschrieben, ein Buch für jeden, genau wie ihr letzter Bestseller Engel im Geschäftsleben. In ihrem Werk spürte man die ruhige Leichtigkeit des Bayou und einen alchimistischen Erfindungsreichtum, den sie von ihrem Vater geerbt hatte. Dieser hatte sein Leben damit verbracht, aus Maismehl, Wasser und Zucker Schnaps zu brennen. Eunice war aus den Sümpfen von Louisiana nach New Orleans gezogen, um Friseuse zu werden – ein aufgedonnertes Mädchen mit hübschen, festen Brüsten und allzeit bereitem Lachen. Eines Tages hatte sie die Dämpfe eines besonders starken Haarsprays eingeatmet und eine Vision gehabt – ein starker, gutaussehender, keuscher Mann mit eisgrauen Locken war ihr erschienen und hatte erklärt, er sei ihr Schutzengel und würde einen Star aus ihr machen. Also setzte sie sich abends hin und hackte einen 200 Seiten langen Text über Engel herunter, geschrieben in dem Plauderstil, den Friseusen mit ihren Kundinnen pflegen, während sie ihnen die Locken eindrehen. Ihr Textverarbeitungsprogramm korrigierte ihre Schreib- und Grammatikfehler, mehr oder weniger, und bei der Buchmesse in New Orleans verteilte sie Exemplare des Manuskripts mit Spiralbindung. Elliot Gadson bekam das Manuskript von Eunice in die Hand gedrückt, warf einen Blick darauf, erwartete etwas Kurioses oder einfach nur Verrücktes und begriff sofort, welches Potential diese Engel boten. Er nahm Eunice beiseite, wollte herausfinden, ob sie ihre fünf Sinne beisammen hatte, und entdeckte, daß sie eine echt amerikanische Quasselstrippe war, die Träume so gekonnt zusammenbraute wie ihr Vater, Anvil Cotton, seinen Schnaps. Sie nahm zuviel Tränen und Zucker für ihre Mischung, aber genau das machte diese zu einem unvergeßlichen Gesöff und brachte der Cavendish Press ein Vermögen ein. Eunice zog nach New York City, kaufte eine Siebenzimmerwohnung im Dakota-Gebäude und wurde zu einem beliebten Talkshow-Gast.«

Während ich diese Zeilen abtippe und dabei das Panoptikum der deutschen Promis und Politiker an meinem inneren Auge vorbeizieht, befürchte ich, dass die Realität heutzutage die Kunst imitiert. So verrückt es klingt, wirkt der Bär als Protagonist eigentlich auch nie unglaubwürdig, denn seine auf die Hinterbeine aufgerichtete Gestalt, seine Ernährungsgewohnheiten und seine schlichten Bedürfnisse ähneln doch in vielem den unseren. Zumindest den meinen. So begegnen uns seit jeher in dem Volksglauben der germanischen und slawischen Völker in Bärengestalt verzauberte Menschen. Den meisten werden zumindest der verzauberte Prinz aus Schneeweißchen und Rosenrot oder Beorn aus Der Herr der Ringe vertraut sein. In Lettland waren die Altvorderen sogar der Auffassung, dass Bären generell von Menschen abstammen – allerdings von Frauen, was ihre niedrigere Intelligenz erklären soll. Ob der lettische Schöpfer dieser tiefen Erkenntnis von zwei Männern abstammt, verliert sich in dem Dunkel der Geschichte.

In seinem Buch Das kulturelle Gedächtnis erklärt der deutsche Ägyptologe, Religionswissenschaftler und Kulturwissenschaftler Jan Assman diese in uns einprogrammierte Vorstellungen als »die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.« Wie auch immer, wenn uns Bären als menschenähnlich erscheinen, handelt es sich um Vorstellungen aus unserer mythischen Urzeit, als es noch keine scharfe Trennung zwischen Phantasie und Realität gab. Es ist eine Welt, die wir noch in unseren Träumen und Phantasien betreten und die der Grund dafür sind, dass es Fantasy in der Literatur und im Film gibt.

Am Ende von Ein Bär will nach oben begegnen sich der bärenhafte Professor und der menschenhafte Bär zu einem alles entscheidenden Showdown. Der Sieger dieses verrückten Kampfes erringt jedoch einen Phyrrussieg, der kein Lebensglück verheißt. Dies ist die geheime Botschaft der unterhaltsamen Gesellschaftssatire, die ein menschenscheuer Schriftsteller in den Wäldern von Maine geschrieben hat.

*

* Wer von meinen Lesern meint, einen Cocktail erfunden zu haben, der einen dazu bringt, sich wie ein verrosteter Anker am Meeresgrund zu fühlen, möge sich zwecks Veröffentlichung des Rezeptes bitte an mich wenden. Ebenso suche ich immer noch das Rezept für den Pangalaktischen Donnergurgler aus Per Anhalter durch die Galaxis. Er soll angeblich so schmecken, „als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen“.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

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Titel: Ein Bär will nach oben

Autor: William Kotzwinkle

Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 8 (1. Dezember 1998)

ISBN: 978-3499138959

Verlagslink: http://www.rowohlt.de/taschenbuch/william-kotzwinkle-ein-baer-will-nach-oben.html

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Über den Autor, der selbst zurückgezogen auf einer eigenen Landzunge im Nordosten Maines lebt: http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-38344491.html

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