Nurmi oder Die Reise zu den Forellen

Der Onkel, ein angesehener Frauenarzt und leidenschaftlicher Forellenangler, war in seiner Jugend Leichtathlet, er ist sogar gegen den Weltmeister Nurmi angetreten, hat aber damals verloren, deshalb nennt ihn die Verwandtschaft spöttisch Onkel Nurmi. Wirklich geliebt wird der kauzige Onkel nur von seinem Neffen, dem Ich-Erzähler des Romans Nurmi oder Die Reise zu den Forellen (1996); der Junge hat seinem Onkel Nurmi wunderbare Erlebnisse zu verdanken. So ist Onkel Nurmi einmal mit ihm nach Finnland zum Forellenangeln gefahren, und dabei hat der Neffe eine sehr sonderbare Begegnung mit einem verführerischen Mädchen gehabt. Einer der schönsten, der berührendsten Abschnitte dieses poetisch-heiteren Buches von Gerhard Köpf, dem 1948 in Pfronten im Allgäu geborenen Erzähler, der in München lebt und sein Brot als Professor für Gegenwartsliteratur verdient, ist das Schlußkapitel, in dem er beschreibt, wie der Neffe ein letztes Mal mit seinem Onkel zum Angeln geht.

von Gerhard Köpf

Es war ein Tag zum Sonneputzen. Beide wußten wir, daß es zum letzten Mal sein würde, als wir die Ruten ineinandersteckten, das Geräusch aufsteigender Wasservögel hörten und das Morgenlicht im Rücken spürten. Natürlich trug ich meinen Stockmann. Mein Onkel blieb am Ufer, starrte lange in die quirlige Strömung und hörte auf ihre Musik. Er stand mit seiner Rute wie ein Soldat Gewehr bei Fuß.
Heut ist der Tag für Reizfliegen“, lautete sein Befehl, ehe er hineinwatete. Wir nahmen die Fliegen vom Hut.
„McGuinty, Achterhaken!“
Es konnte losgehen. Ich sah, wie es den Onkel freute, noch einmal den Druck der Strömung gegen seine Stiefel zu spüren.
Wie ein Lasso flog seine Schnur über den gekräuselten Spiegel, und ich atmete die schöne kalte Novemberluft, die schon ein wenig nach Schnee roch.
Dann angelten wir uns gemächlich am Ufer entlang. Mein Onkel fischte wie immer voraus. Ich versuchte, ihn so zu beobachten, daß er es nicht merkte. Aber er merkte es doch. Wieder bewunderte ich ihn, wie er seiner Fliege Zeit genug ließ, sanft aufzusetzen, indem er sie vor dem Fallen mit einer winzigen Bewegung aus dem Gelenk heraus leicht abbremste. Es sah alles ganz leicht aus. Wortlos schoben wir uns flußaufwärts auf die Mitte zu, wo die Strömung kräftiger wurde.
„Flußaufwärts, dem Zeitstrom entgegen, beginnt die Erinnerung.“
Nach einer Weile erspähten wir gleichzeitig die Rückenflosse einer herrlichen Forelle, die wie ein Skalpell das Wasser teilte. Eine leichte Brise kam auf und färbte das wellige Silber schwarz. Wir rückten vorsichtig näher, und einen Augenblick glaubte ich, den hellen Forellenbauch zu sehen und die Stelle, wo er in den Regenbogen übergeht. Es war ein wunderbarer Fisch.
Onkel Nurmis Fliege schwebte und tanzte und lockte mit ihren Schatten. Die Forelle stieg, und die Fliege verschwand einen Augenblick in einem kleinen Strudel. Das reizte den Fisch und es war zugleich der kritische Moment. Ab jetzt durfte nichts mehr schiefgehen. Der Fisch sprang, doch noch hatte er nicht angebissen. Er stemmte sich stolz gegen die Strömung und spielte sein Spiel: er mit uns wie wir mit ihm. So ging es eine halbe Ewigkeit, in der es nur uns drei gab auf der Welt.
Dann plötzlich ein winziger Ruck.
Das Wasser sprudelte auf.
Die Rute zuckte, ehe sie sich bog.
„Die Forelle ist nur deshalb der Verlierer, weil sie sich gegen die Strömung stellt.“
Onkel Nurmi schnalzte beglückt. Er faßte die Rolle nicht nach, sondern gab dem Fisch Leine. Meterweise riß die Forelle sie herunter. Die Rute krümmte sich stärker. Mein Onkel hielt sie in gleichmäßigem Zug. Er hatte einen Meisterwurf getan. Er war wirklich ein Künstler und hatte es noch einmal bewiesen. Als der Fisch stehenblieb, hielt der Onkel sanft dagegen. Dann holte er behutsam ein wenig Schnur ein. Ich steckte meine Angel in meinen Stiefel, pirschte mich an wie ein Indianer, so daß kein Schatten auf das Forellenloch fiel, löste den Kescher vom Rücken, tauchte ihn fischwärts ins Wasser, höchst vorsichtig, als wäre ich auf Schmetterlingsjagd, denn schon hatte ich die Forelle nervös gemacht. Das Schlitzohr drehte ab, auf das entgegengesetzte Ufer zu, doch mein Onkel zwang es entschlossen zur Umkehr. Immer dichter holte er sie heran, so dicht, daß ich den Regenbogen sah.
Was für ein Fisch!
Jetzt standen wir dicht bei dicht, und ich übernahm, hundertfach geübt, die Rute, während der Onkel mit der einen Hand den Kescher umfaßte, mit der anderen steil ins eisige Wasser griff: direkt unter den Fischbauch. Ich sah die gesprenkelte alte Männerhand, und ich sah den weißlichen Bauch des Fisches, und ich schwöre diesen Anblick nie zu vergessen. So zart ging mein Onkel vor. Dann hob er den Regenbogen. Die Forelle schimmerte im Spätherbstlicht, wie ich wohl nie mehr eine Forelle habe schimmern sehen. Sie glänzte und kämpfte, und ihre Farben wurden eins mit den Altersflecken in der Hand meines Onkels.
Er hob die Forelle hoch wie sein letztes Kind, das er auf die Welt holte, und ich glaube, er hatte Tränen in den Augen. Oder waren es nur Wasserspritzer? Als er den Fisch anlandete, löste er ihn sanft vom Haken. Dann bette er den Fang voller Zuneigung und Würde zurück ins Wasser, wartete, bis die Flossenschläge kräftiger wurden – und gab ihn für immer frei.
Auf dem Gesicht meines Onkels stand ein grandioses Lächeln. Seine Regenbogenhände zitterten. Er sah mich an, und ich wußte, daß ich nichts zu sagen brauchte. Lange schwiegen wir. Danach gönnten wir uns ein Bier. Der Onkel zog den Strohhalm aus seiner Brissago: „Mal sehen, ob ich die überhaupt noch aushalte.“
Wir rauchten und saßen noch eine gute Weile am Fluß.
Nach dem Angeln vergeht die Zeit anders. Es ist, als folgte sie veränderten Gesetzen. Wir lasen das Wasser, und wir lasen die Wolken, und der Onkel brummte vor sich hin: „Weißt du, Kleiner, bei vielem war ich dabei. Dazugehört habe ich selten. Wahrscheinlich ist der Mensch deshalb so ziemlich das traurigste Geschöpf unter der Sonne, weil er sich in eine Sehnsucht verrannt hat, die allen Naturgesetzen widerspricht.Manche nennen diese Sehnsucht Liebe, und es ist hoffnungslos unmöglich, sie je zu stillen, denn das Ding ist zart wie eine Seifenblase. Trotzdem würde ich mich gern noch einmal dieser Illusion hingeben, die einem schier das Fell über die Ohren ziehen kann. Aber ich bin ein alter Gringo und habe mich längst wie eine Schildkröte in meinem Panzer verkrochen.“
Es war in diesem Augenblick schwer zu erkennen, ob mein Onkel ein Kind war oder ein alter Mann. All das geschah wie zum ersten und zugleich zum letzten mal und schenkte mir Bilder, die mich nicht verlassen werden. Man schaut den Wolken nach und glaubt, man habe das ganze Leben noch vor sich. Aber der Doktor hatte es hinter sich. Er hatte es auf auf seinem Lauf überholt. Das verrieten die Furchen seiner Stirn.
Kurze Zeit später starb mein Onkel Nurmi, plötzlich und unerwartet, wie die Zeitung behauptete. Diesmal hatte er nicht weglaufen können. Und ich glaube, er hat es auch gar nicht gewollt. Die Rabe fand ihn draußen vor dem Haus auf seiner Bank. Der Kopf war ihm einfach auf die Brust gesunken. Am Ziel angekommen, saß er da mit dem Gesicht eines schlafenden Vogels, der sich soeben über jenen Zaun träumte, der um Onkel Nurmis Herz gezogen war.
Meine Kindheit war damit zu Ende, und ich fühlte mich wie einer, der sorglos hinausgewandert ist und erst am späten Nachmittag merkt, daß er vor dem Dunkelwerden nicht mehr nach Hause kommen kann.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Dieser Text ist ein Kapitel des 1997 erschienen Buches Die Welt im Trüben – Vom Fischen und Dichten. Es ist jetzt fast 20 Jahre her, seitdem ich es zum ersten Mal gelesen habe. Vor allem die zauberhafte Einleitung Manfred Mixners (siehe unten) vergaß ich nie, so sehr berührten mich diese Zeilen. Viele weitere Geschichten von Autoren wie Hermann Hesse, Ernest Hemingway, Herman Melville, Anton Tschechow, Jack London, Siegrid Lenz oder Tania Blixen ziehen mich immer wieder in ihren Bann.

Die Welt im Trüben

Ich bedanke mich bei Mathias Gatza für die Genehmigung zur Veröffentlichung. Seinerzeit war er Autor und Verleger anspruchsvoller Gegenwartsliteratur. In seinem 2008 erschienen Debüt-Roman Der Schatten der Tiere verarbeitete er seinen Bruch im Berufsleben, als er vom Verleger zum Autor wurde. Der Roman wurde von der Kritik begeistert aufgenommen und 2009 mit dem  Förderpreis des Literaturpreises der Stadt Bremen ausgezeichnet. 2012 erschien sein Künstlerroman Der Augentäuscher. Laut dem Feuilleton der FAZ „Briefroman, Thriller und Wissenschaftsfarce. Und ein großer Spaß.“ Ende 2013 gehörte er zu den Gründern des internationalen Literatur-Projektes Fiktion.

Da es keine Word-Datei des Textes mehr gab, mussten die Buchseiten von mir abgetippt werden. Alle Fehler gehen auf meine Kappe.

Weitere Beiträge aus dem Buch:

https://krautjunker.com/2016/07/29/ueber-das-fischen-und-das-dichten/

https://krautjunker.com/2016/10/21/goetterdaemmerung/

https://krautjunker.com/2016/11/16/island-der-grosse-fisch/

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Fotoquelle: Wikipedia

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Nurmi oder die Reise zu den Forellen

Titel: Nurmi oder Die Reise zu den Forellen

Autor: Gerhard Köpf

Verlag: Luchterhand Literaturverlag, München (1996)

ISBN: 978-3630869438

Der Titel ist leider vergriffen. Am besten finde ich antiquarische Bücher über http://www.buchhai.de.

Das aktuelle Sortiment des Luchterhand-Verlages: https://www.randomhouse.de/Verlag/Luchterhand-Literaturverlag/24000.rhd

Über den Autor Gerhard Köpf: http://www.culturbooks.de/portfolio/gerhard-koepf/ & https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=118855409

Eine Rezension des Buches Nurmi oder Die Reise zu den Forellenhttp://www.berliner-zeitung.de/gerhard-koepf—nurmi-oder-die-reise-zu-den-forellen–als-das-erzaehlen-noch-geholfen-hat-16984520

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