Island: Der große Fisch

Gudmundur Danielsson (*1910; † 1990) war viele Jahre Lehrer, zunächst in Reykjavik, dann in Eyrarbakki an der Küste. Über Studienaufenthalte in Nordamerika und in Europa veröffentlichte er Reisebeschreibungen. 1953 bis 1973 war er Redakteur der Zeitung „Sudurland“ (Südland). Er verfaßte zahlreiche sehr realistische und populäre Romane und Erzählungen, in denen er vor allem das ländliche Leben schildert. Seine Geschichte vom „Großen Fisch“ (1964) ist autobiographisch.

Jetzt, wo dies im Herbstmonat geschrieben wird, ist die Fangzeit seit drei Wochen vorüber, und alles kommt wieder in die gewohnte Ordnung, meine Gesundheit und meine Arbeit, wie es in früheren Herbsten auch geschah. Denn sobald die Fangzeit zu Ende ist, ändern sich mein Gesundheitszustand und meine seelische Verfassung, und ich werde ein anderer Mensch, man könnte sagen, ein gesunder Mensch mit einer starken Neigung zu geistiger Arbeit und zum Stillsitzen wie ein Gelehrter oder Dichter. Und so wird es auch in diesem Winter werden, bis es aufs neue Frühjahr wird, ich werde zum Stubenhocker und Dichter, und mein ganzer Sinn ist an die verworrenen Schicksalsfäden meiner Frauen und Männer gefesselt und daran, wie man eine Geschichte entwickeln muß. Ich weiß das aus Erfahrung, so war es im letzten Winter und im Winter davor und alle Winter, solange ich mich erinnern kann. Aber ebenso sicher ist, daß das nicht länger als bis zum Frühjahr dauert, bis die Fangzeit wieder beginnt, dann ist es um meinen Frieden geschehen.

Das jedoch ist nicht immer so gewesen – erst vier Sommer habe ich damit zu kämpfen, tatsächlich sogar nur drei, denn am 9. Juli des Sommers 1956 bekam die Leidenschaft Gewalt über mich, damals zum erstenmal – nach dem Kampf mit dem großen Fisch.

Dieser Kampf hat wohl eine halbe Stunde gedauert, und er endete damit,d aß der Fisch vom Haken loskam und mich oben am Flußufer allein ließ. Aber nicht als gleich gesunden, nicht als denselben Menschen, der ich zuvor gewesen war. Denn dieser Fisch, der mir in der Strömung entschwand, hat seitdem weder aufgehört, in den Tiefen meiner Träume mit seinem silberglänzenden Schwanz von der Größe eines Schaufelblattes zu schweben, noch seine Zaubermelodieauf der bis zum Bersten gespannten Seite der Wurfleine und auf meiner rundgebogenen Angelrute zu spielen. Es ist dieser Fisch und nichts anderes, was mir jedes Frühjahr meine Arbeitsruhe und meinen Seelenfrieden raubt, so daß mein Arbeitszimmer seine Behaglichkeit und meine Arbeit dort ihren Wert verliert und alle meine Gedanken sich mit dem Rauschen des Wassers und dem Hauch der weiten Landschaft mischen. Denn in meinen Nerven und in meinem Blut lebt die Erinnerung an den großen Fisch wie eine unheilbare Krankheit, wie ein Bazillus, wie ein verborgenes Feuer im Herd, auch wenn ich davon während der kalten Jahreszeit nichts verspüre.

Ich habe seit dem 9. Juli des Jahres 1956 viele Fische geangelt, einigemal sogar prächtige Fische, aber ihretwegen würde ich meine Berufung und meinen Verstand nicht über Bord werfen und die Hochsommer des Lebens nicht damit vertun, ruhelos auf Flußufern herumzustreifen und die Angelrute über die Wasseroberfläche auszuwerfen. Es ist der große Fisch, der das verursacht, er und niemand anders, die Hoffnung, daß er wiederkehren möge, daß das gleiche Feuer aufs neue meine Nerven und meine Seele ergreife, mich noch einmal mit seiner wundersamen Gewalt und mit seinem Tempo ganz ergreife.

Ich habe schon erwähnt, daß der Kampf mit ihm eine halbe Stunde dauerte und damit endete, daß ich den Fisch verlor.

Als ich an die vierzig Jahre alt war, hatte ich eine Angelrute geschenkt bekommen, sie war neun Fuß lang, norwegischer Machart, federleicht und elastisch. Von da an versuchte ich, in Flüssen und Seen zu meiner Unterhaltung Fische zu angeln, war aber die ersten Jahre nie sehr ausdauernd bei diesem Geschäft, sondern legte stets mehr Wert auf andere Beschäftigungen.

Bis zum Abend des 9. Juli 1956.

Ich befand mich gerade an einer Stelle am Fluß, die Schwanenbucht heißt, es war acht Uhr abends, kein Fang. Ich hatte meine Schnur mehrmals ausgeworfen, aber nichts an den Haken bekommen. Jetzt legte ich die Rute auf den Abhang, legte mich selbst neben sie ins Gras und schaute verschiedentlich zum wolkenbezogenen Himmel hinauf oder auf die graue Strömung hinaus, die vor mir brodelte. Eine grüne Seidenschnur führte von der Rutenspitze schräg nach unten in die Strömungsrinne, und ich wußte, daß der Haken mit dem Wurm weit draußen war, mindestens dreißig bis vierzig Faden.

„Sonderbar, daß jetzt bei Hochflut nichts anbeißt“, sagte ich zu meinem kleinen Sohn, der neben mir am Flußufer saß und mit Halmen spielte. Da sah ich, daß die Spitze der Rute plötzlich zuckte, dreimal hintereinander, leicht, doch mit besonderem Nachdruck, mir kam es irgendwie so vor, als werde bei mir an die Tür geklopft, unversehens, zur Nachtzeit, und als sei das Anliegen des Gastes ziemlich dringend. Ich faßte die Rute mit der rechten Hand und sprang auf die Füße, und im gleichen Augenblick zuckt es wiederum zwei- oder dreimal, oder richtiger gesagt, es war, als würde die Stange auf und nieder gerüttelt, eine Bewegung wie bei einem kräftigen Händeschütteln, und dann gleichzeitig ein langer drückender Griff, der mir kein Ende nehmen zu wollen schien.

Ich lasse mehr und mehr Schnur nach und halte sie zugleich mit aller Kraft straff, in der Hoffnung, daß der Fisch bald klein beigeben wird. Aber er gibt nicht nach, sondern flüchtet nun flußabwärts, ich habe keine andere Wahl, als mit ihm zu laufen, und das, so schnell die Füße tragen, denn ich merke, daß weder ich selbst noch die Rute oder die Schnur für den Kampf gemacht sind, der nun begonnen hat. „Er reißt sich los – er reißt sich los!“ jammerte eine unbekannte Stimme tief in meiner Seele. „Dieser Fisch ist größer, als daß Gott in dir geben will.“

Nichtsdestoweniger laufe ich weiter, die Rute ist zum Halbkreis geboten und die Seidenschnur zum Zerreißen gespannt, so daß es in ihr wie in einer Windharfe saust. Es ist ein Hundertmeterlauf geworden, und schnell bin ich bis auf die Landzunge gekommen, wo die Schwanenbucht ins Moor einschneidet, weiter kann ich nicht, und dort muß sich der Fisch losreißen. Plötzlich hält er an. Ich seh den Wirbel, der sich bildet, als er sich wieder stromaufwärts wendet, er ist noch draußen im tiefen Wasser, nicht einen Fuß dem Land näher als zu Anfang. Was macht er jetzt? … Ja was? Er scheint sich im Ungewissen zu sein, schwimmt einige Kreise aufwärts, unter der Wasseroberfläche, jedoch so tief, daß ich ihn nicht seh. Plötzlich taucht er, und dabei kommt sein Schwanz nach oben aus dem Wasser, metallisch glänzend, so groß wie ein Schaufelblatt. Er bleibt eine Weile am Grund und rüttelt an meiner Angel. Ich kann mir denken, daß er in der Absicht, sich von der Angel zu befreien, das Maul am Grund des Flusses scheuert. So geht es ein oder zwei Minuten, aber ich passe auf, daß ich die Schnur nie locker lasse, halte die Rute direkt nach oben, so daß in jede Bewegung Anstrengung kostet. Wenn nichts kaputtgeht und ich keinen Fehler mache, dann müßte das Ende des Wettkampfes danach ausfallen, wer die längere Ausdauer hat, ich oder er. Die Kampferregung durchfährt uns wie ein Hochspannungsstrom, wir erkennen einander so deutlich, als seien wir miteinander verwachsen. So, nun hat er seine Entscheidung getroffen: Er gibt plötzlich nach – und springt. Er springt nicht hoch, vielleicht anderthalb oder zwei Fuß, aber nun sehe ich doch den großen Fisch in ganzer Größe, den Bruchteil einer Sekunde lang. Zum Halbmond gebogen schießt er einen Augenblick in die Luft, der Fürst des Wassers, silbrig glänzend, mit der blauen Farbe des Stahls, und verschwindet dann mit einem schweren Dröhnen wieder unter die Oberfläche und flüchtet nun stromaufwärts, denselben Weg  zurück mit noch größerer Schnelligkeit, als er sie vorher stromabwärts gezeigt hatte. Sein Rücken taucht ab und zu auf und durchschneidet den Strom, es ist, als fliege eine Granate den Fluß entlang, und ich hinge an ihr fest.

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Diesmal muß ich schnell gelaufen sein als jemals sonst, eine Hundertmeterstrecke, ich habe wahrscheinlich einen Weltrekord im Hundertmeterlauf aufgestellt, obgleich man ihn mir nie bestätigen wird. Und als der Lauf zu Ende war, da trennten wir uns. Der Fisch fuhr noch einmal zum Grund hinunter und schüttelte mein Angelgerät, es war, als gäbe man sich die Hand und verabschiede sich mit starkem Handschlag, und plötzlich wurde die Schnur schlaff, sie war lose, und ich spulte sie mit zitternden Händen auf. Nichts war kaputtgegangen, und ich hatte keinen Fehler gemacht, aber der große Fisch war trotzdem weg. Gott wollte ihn mir nicht gewähren, das war es – zumindest nicht dieses Mal, aber er erfüllte mich statt dessen mit einer unheilbaren Sehnsucht: Diesen Fisch oder einen seinesgleichen werde ich irgendwann bekommen, das ist ganz sicher, koste es, was es wolle. Obgleich ich zuerst lernen muß, die Vogelsprache zu beherrschen, das Sausen der Winde zu verstehen, wenn sie im Schilf des Flusses rascheln, und dem Saitenspiel der Gewässer zu lauschen, bis mir das alles in Fleisch und  Blut übergangen ist und ich alle diese Melodien auswendig summen kann, werde ich das ohne zu zögern auf mich nehmen, in der Hoffnung, daß ich jenseits all dieser Nichtigkeit noch einmal auf den großen Fisch treffen werde – und ihn dann bekomme.

 

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Dieser Text ist ein Kapitel des 1997 erschienen Buches Die Welt im Trüben – Vom Fischen und Dichten. Es ist jetzt fast 20 Jahre her, seitdem ich es zum ersten Mal gelesen habe. Vor allem die zauberhafte Einleitung Manfred Mixners (siehe unten) vergaß ich nie, so sehr berührten mich diese Zeilen. Viele weitere Geschichten von Autoren wie Hermann Hesse, Ernest Hemingway, Herman Melville, Anton Tschechow, Jack London, Siegrid Lenz oder Tania Blixen ziehen mich immer wieder in ihren Bann.

Die Welt im Trüben

Ich bedanke mich bei Mathias Gatza für die Genehmigung zur Veröffentlichung. Seinerzeit war er Autor und Verleger anspruchsvoller Gegenwartsliteratur. In seinem 2008 erschienen Debüt-Roman Der Schatten der Tiere verarbeitete er seinen Bruch im Berufsleben, als er vom Verleger zum Autor wurde. Der Roman wurde von der Kritik begeistert aufgenommen und 2009 mit dem  Förderpreis des Literaturpreises der Stadt Bremen ausgezeichnet. 2012 erschien sein Künstlerroman Der Augentäuscher. Laut dem Feuilleton der FAZ „Briefroman, Thriller und Wissenschaftsfarce. Und ein großer Spaß.“ Ende 2013 gehörte er zu den Gründern des internationalen Literatur-Projektes Fiktion.

Da es keine Word-Datei des Textes mehr gab, mussten die Buchseiten von mir abgetippt werden. Alle Fehler gehen auf meine Kappe.

Weitere Beiträge aus dem Buch:

https://krautjunker.com/2016/07/29/ueber-das-fischen-und-das-dichten/

https://krautjunker.com/2016/10/21/goetterdaemmerung/

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Fotoquelle: Kajetan Fiegl. Auf seinen Bildern ist ein nordamerikanischer Saibling (Salvelinus malma) zu sehen, den sein Freund Mike Radowski im August 2016 im Quinhagak River AK in Alaska gefangen hat. Geschätztes Gewicht mind. 6-8 Pfund (angeblich ohne Anglerlateinzuschlag) bei einer Länge von 82 cm. Mike Radowski blieb mit dem Fang die innere Unruhe Gudmundur Danielsson erspart und er schläft wie ein Baby. Soviel Seelenpein kann eine gute Angelschnur ersparen…

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