Ein Koch packt aus: Schwachsinnige Ernährungstrends, wir wir ihnen entkommen und wieder sorgenfrei essen können

Buchvorstellung von Martin D. Wind

Gehörst auch Du, lieber Leser, zu einer Generation, die damit aufwuchs, dass „gegessen wurde, was auf den Tisch kam“? Da gab es Kartoffeln in allerlei Gestalt, als Pellkartoffeln, als Salzkartoffeln, Bratkartoffeln oder auch Kartoffelstampf, es gab Nudeln und es gab Wirsing, Karotten, Erbsen, Kohl, Grünkohl, Rüben, Reis, Kohlrabi, also alles, was die heimische Scholle so hergaben. Dazu gab es Fleisch vom Schwein oder Huhn, seltener Rind, in manchen Gegenden Hasen und sehr selten auch mal Wild. Beerenobst stand in Form von Marmeladen, Gelees, als Kuchenbelag oder ab und zu auch mal als Frischobst in einer Süßspeise auf dem Tisch. Kaum jemand machte sich Gedanken, was dieses Essen mit uns Menschen „anstellte“. Es wurde gegessen, um satt zu werden und um genug Energie für das Leben und die Arbeit zu haben. Sofern es noch lecker war, umso besser.

Eines der wenigen „Wunderessen“ war die berühmte Hühnerbrühe, die gegen Erkältungen zum Einsatz kam. Einzig Menschen mit ärztlich festgestellten Erkrankungen, die diätetisch behandelt werden mussten, machten sich grundlegende Gedanken über ihre Ernährung. Sie waren beinahe so etwas wie bestaunte Exoten. Heute hat sich das grundlegend geändert. Aus dem vorösterlichen „Fasten“ ist inzwischen eine Gesundheitsaktion geworden, jegliche Lebensmittel scheinen auf ihre „Wirkung“ getestet und rund um die Nahrungsaufnahme hat sich ein Zirkus entwickelt, der beinahe schon religiöse Züge trägt: Gluten, Kohlehydrate, Saures und Basisches, Paleo, Antioxidantien – all´ diese und viele weitere Begriffe schwirren durch den Raum, wenn es heute ums Essen geht. Und es gibt viele Menschen, die das Nachdenken über Essen belastend ernst nehmen. Anderen wiederum schlägt es auf den Magen, beim Verzehren ihrer Lieblingsspeisen Predigten lauschen zu müssen.

Dem britischen Koch Anthony Warner geht diese Entwicklung gewaltig gegen den Strich. Ihn nervt die Krampfhaftigkeit, mit der heute an Lebensmittel herangegangen wird. Er ärgert sich massiv über die aus seiner Sicht zum Teil hanebüchenen und großenteils unwissenschaftlichen Erklärungen, mit denen dem Volk Ernährungstipps untergejubelt werden  Er hat ein Buch geschrieben, das hier kurz vorgestellt werden soll. Titel der rund 350 Seiten starken Kampfschrift: Ein Koch packt aus: Schwachsinnige Ernährungstrends, wir wir ihnen entkommen und wieder sorgenfrei essen können. Das Buch basiert auf den vielfältigen Erfahrungen und seinem umfangreichen Wissen, das Warner als Betreiber des Blogs The Angry Chef (siehe: https://angry-chef.com/) seit 2016 gesammelt hat. Über Jahre hat er sich mit diesem Projekt einen immensen Fundus zusammengetragen und ein Netzwerk aus echten Fachleuten aufgebaut, das ihn wissenschaftlich berät.

Diese wissenschaftliche Begleitung ist bitter nötig, denn er zerlegt seine „Gegner“ mit einem Furor, den man sich nur leisten sollte, wenn man sich seiner Sache sehr sicher ist. Das ist ab und zu beinahe erschreckend, auf der anderen Seite aber auch sehr erheiternd und kurzweilig zu lesen. Er nimmt sich nicht nur die weitverbreiteten Glaubenssätze zur Ernährung vor, er überprüft auch die wissenschaftliche Qualifikation der Gurus, der Schamaninnen und der Stars und Sternchen, die uns allen erklären wollen, wie wir uns einzig und alleine „gesund“ ernähren können. Das hat eine Härte und Klarheit, die voraussetzt, dass Warner juristisch auf der sicheren Seite ist. Schon dieser Mut und die Klarheit verstärken noch einmal den Eindruck, dass da jemand zu Recht ärgerlich ist.

Eines von mehreren kleinen Beispielen aus dem Kapitel „Detox-Diäten“, also „Entgiftungsernährung“, soll zeigen, wie es da „zur Sache geht“:

»Wilde Blaubeeren (nur aus Maine) ziehen Schwermetalle aus unserem Gehirngewebe und wenn Schwermetalle entfernt sind, schließen sie Lücken, die durch Oxidation entstanden sind und heilen. Es ist wichtig, wilde Blaubeeren zu verwenden, da sie einzigartige Phytamine mit speziellen Entgiftungseigenschaften besitzen.«

So stand das 2016 auf der Webseite „Goop“ von Gwyneth Paltrow, einer us-amerikanischen Schauspielerin geschrieben. Paltrow und ihre Seite sowie unzählige Lifestyle-, Food-, Fitness oder auch Diät-Blogs sowie Fernsehsendungen zu Ernährung und zahlreiche Illustrierte vermitteln den Eindruck, unsere heutige Gesellschaft sei einem einzigen Giftcocktail ausgesetzt, dessen Rückstände sich im Körper „absetzen“, „sammeln“ und negative Wirkungen verursachen. Warner lässt einen Psychologen, eine Forscherin zu „Pseudowissenschaften“ und eine Ernährungsberaterin diese Phänomen einordnen. Er sucht nach klinischen oder auch wissenschaftlichen Studien, die eine entgiftende Wirkung bestimmter Lebensmittel beweisen sollen. Weder in der Biologie, noch in der Chemie oder gar in der Medizin wird er fündig.

Anthony Warner arbeitet er sich Kapitel für Kapitel an den oben auszugsweise bereits vorgestellten Mythen moderner Ernährungstrends ab, in typisch angelsächsischer Manier manchmal sehr ausführlich und gar redundant, sehr informativ und fundiert. Es bedarf ab und zu einer Lesepause, um die Fülle der  Informationen zu verarbeiten und einzuordnen. Aber man greift auch wieder gerne zum Buch, um weiter zu lesen. Einziger wirklicher Schwachpunkt ist die Schriftgröße: Hier hätte der Verlag einige Erklärungswiederholungen eventuell kürzen und dafür die Schrift größer wählen sollen. Aber das liegt wahrscheinlich eher am Alter des Rezensenten, der sich vornimmt demnächst wieder mehr Karotten zu essen … Eine lohnende Anschaffung, die man sich durchaus auch als „Nachschlagewerk“ zulegen kann.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

9783742304926
Titel: Ein Koch packt aus: Schwachsinnige Ernährungstrends, wir wir ihnen entkommen und wieder sorgenfrei essen können

Autor: Anthony Warner

Verlag: Riva

Verlagslink: https://www.m-vg.de/riva/shop/article/14436-ein-koch-packt-aus/

ISBN: 978-3-7423-0492-6

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Blog des Autors: https://angry-chef.com/

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ira Moritz sagt:

    Sehr informativ und wie immer knackig von Dir präsentiert, das mag ich sehr!

    Gefällt 1 Person

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