Anständig töten

von Steven Rinella

Man kann ein wildes Tier auf die richtige und auf die falsche Weise töten, wobei ich richtig und falsch nicht im praktischen Sinne meine. Es ist schwer zu erklären, ähnlich schwer wie das Phänomen, dass man hart verdientes Geld mit größerem Vergnügen ausgibt als solches, das man auf dubiose Weise erlangt hat. Das hat letztlich mit Metaphysik zu tun, mit Herzensdingen. Darüber dachte ich nach, als ich einmal mit einer rund ein Dutzend starken Hundemeute im Südosten von Arizona Berglöwen* jagte.

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Abb.: Berglöwe, auch Puma genannt; Bildquelle: Wikipedia

Es waren große, schmal gebaute Hunde – da war viel Walker-Blut im Spiel –, die meinen Jagdgefährten Floyd Green und Joe Mitchell gehörten, zwei bekannten Berglöwenjägern, deren Erfahrung zusammengenommen rund 60 Jahre und 500 Katzen umfasste.

Treeing_walker_coonhoundAbb.: Walker Coonhound, Bildquelle: Wikipedia

Viele ihrer Hunde wiesen Spuren vergangener Scharmützel mit Löwen auf, darunter geschlitzte Ohren, eingerissene Nasen und vernarbte Schnauzen. Die Verletzungen hatten sie sich meist dann zugezogen, wenn sie einen Berglöwen gestellt hatten, wenn sie ihre Beute also auf einen Baum gejagt oder vor einer Bergwand eingekreist oder in eine Höhle getrieben hatten und ihn dort in Schach halten mussten, bis das Herrchen kam und das Tier erledigte. Ich hatte zuvor schon zu Floyd gesagt, dass ein Hund doch eigentlich die Lust an der Löwenjagd verlieren müsse, nachdem er ein oder zwei Kratzer verpasst bekommen hatte. „Sollte man meinen, aber es ist genau umgekehrt“, erwiderte Floyd, „es macht sie nur noch gieriger.“
Ich kampierte mit Joe und Floyd unweit des Aravaipa-Canyons bei einem alten, verlassenen Ranchgebäude am Ende einer Zufahrt, die eine Autostunde lang war.

Aravaipa_Canyon_Wilderness_(15224785109)Abb.: Aravaipa-Canyon; Bildquelle: Wikipedia

Auf der Hinfahrt war uns eine Stelle aufgefallen, wo etwas von West nach Ost über die Straße und runter in eine tiefe Schlucht geschleift worden war. Am Ende der Schleifspuren lag unter einer buschigen kleinen Eiche zugedeckt mit Blättern und Staub ein toter Hirsch mit sauber abgenagten Knochen. Seine Haut war in Fetzen, hing aber hier und da noch am Kadaver wie die Kleidung eines Betrunkenen, der nur halb ausgezogen im Bett weggepennt ist. Floyd tippte mit dem Finger gegen die Cowboyhutkrempe und schälte die Haut des Hirschs ab, um mir die Blutkrusten und Zahnspuren am Hals des Tieres zu zeigen. Er zeigte mir auch, wo das Rückgrat mehrfach herumgewirbelt worden war. Er hatte keinerlei Zweifel, dass dies das Werk eines Berglöwen war, wenn auch mindestens eine Woche alt. Das war ein gutes Zeichen. Wir waren zum Jagen in diese Gegend gekommen, weil ein ortsansässiger Rancher im vergangenen Frühjahr – etwa neun Monate zuvor – 50 Kälber an Berglöwen verloren hatte, und dieser Kadaver bezeugte, dass mindestens ein Berglöwe noch in der Gegend war.
Hätte man mich zehn Jahre zuvor danach gefragt, hatte ich gesagt, dass ich Berglöwen nie jagen wurde. „Eine Katze vom Baum knallen“, hätte ich gesagt, „was ist denn daran so schwierig?“ Der Aspekt der Herausforderung gehört zu den am heißesten diskutierten Jagdthemen. Der Begriff wird so oft und auf so subjektive Weise umdefiniert,  dass man kaum zwei Jäger finden wird, die sich über seine Bedeutung einig sind. Um der Verwirrung Herr zu werden, halten sich manche von uns an das leichter zu umreisende Synonym der fair chase. Das ist ein ethischer Begriff, der Jägern ein Leitprinzip an die Hand gibt, das sie befolgen können. Jim Posewitz, der Begründer des Orion the Hunter’s Institute, schreibt, dass fair chase „mit dem Gleichgewicht zwischen dem Jäger und dem Gejagten zu tun hat. Dieses Gleichgewicht erlaubt dem Jäger gelegentlichen Jagderfolg, obwohl sich die Tiere generell seinem Zugriff entziehen.“
Manche Jagdmethoden sind ein solcher Affront gegen die Idee der fairen Jagd, dass sie bei Jägern fast durchgehend auf Verachtung stoßen. Beispielsweise sind sich die meisten Jager darüber einig, dass man Enten nicht mit Dynamit jagen sollte, weil das keine Herausforderung wäre. Die meisten Jäger sind aus dem gleichen Grund auch der Meinung, dass bei der Hirschjagd keine Nachtsichtgläser verwendet werden sollten. In vielen Fallen – so auch den genannten – hat unser Fairnessempfinden das Gesetz im Rücken. Es ist illegal, Enten durch Dynamit zu töten. Ebenso illegal ist es, Hirsche mithilfe von künstlichem Licht zu jagen.
Die Jagdfairness ist allerdings nicht immer gesetzlich geregelt. Bestimmte Praktiken, die eindeutig unfair sind, so wie das erbärmliche Bejagen von Tieren hinter hohen Maschendrahtzäunen, sind vielerorts erlaubt, solange sie auf privatem Grund und Boden und mit entsprechenden behördlichen Erlaubnissen ausgeübt werden. Ob sich ein Jäger für oder gegen die Teilnahme an solchen Schlappschwanzaktivitäten entscheidet, ist letztlich seine Sache. Andere Zweifelsfälle fordern vom Einzelnen wesentlich nuanciertere Entscheidungen als beim obigen Beispiel, auch wenn sie von vielen Jägern nicht weniger ernst genommen werden. Im Laufe der Jahre bin ich Jägern begegnet, die Gewehre mit Zielfernrohren ablehnen, da ihnen die Herausforderung des Zielens über Kimme und Korn lieber ist. Mir sind Jäger begegnet, die gar keine Gewehre verwenden, sondern die zusätzliche Schwierigkeit der Jagd mit dem Verbundbogen vorziehen.

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Abb.: Mit Pfeil und Bogen vom Autor getötete Wapitikuh, Madison Range, Montana; Bildquelle: Buch

Und ich habe Jäger getroffen, die den Verbundbogen aufgegeben hatten, um sich der noch größeren Herausforderung zu stellen, die ein selbst gebauter Langbogen mit sich bringt. Allerdings jagen manche Jäger mit ihren selbst gemachten Langbogen von Hochsitzen aus, die neben Köderhaufen stehen. Dass in diesem Vorgehen ja gar keine Herausforderung liege, meinen wiederum viele andere, die lieber zu Fuß im offenen Gelände mit Büchse und Zielfernrohr jagen.**
Ich begrüße diese Unterscheidungen, auch die, die mir erbsenzählerisch vorkommen, denn sie zeigen, dass Jäger denkende Menschen sind, die die Grenzen ihrer Welt nicht ohne Mühe bestimmen. Ich jedenfalls gebe mir damit Mühe, wobei ich auch eingesehen habe, dass es manchmal schwer ist, strenge Grenzen zu ziehen. So wie bei einem Erlebnis, das mir widerfuhr, als ich etwa neun Monate lang am Bighorn River in Wyoming lebte. In dieser Zeit freundete ich mich mit einem Heufarmer an, nennen wir ihn Bill. Nebenher betrieb er eine Wildgeflügelzucht. Er kaufte vom Großhändler Fasan- und Chukarhuhnküken für rund einen Dollar das Stück und zog die Vögel in riesigen, zeltähnlichen Anlagen aus Netzgewebe groß.

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Abb.: Chukarhuhn (Alectoris chukar), auch Chukarsteinhuhn genannt, Bildquelle: Wikipedia

Habichte und Falken stürzten sich von oben mit solcher Wucht auf die Vögel, dass sie das Netz durchstießen wie nasses Zeitungspapier, bis der obere Teil mit Maschendraht verstärkt wurde. Bill versah jeden Vogel mit einem Plastikteil, das eine ähnliche Funktion erfüllte wie die Scheuklappen bei Zugtieren. Aber während die Scheuklappen bei Zugtieren verhindern, dass sie durch Dinge im Augenwinkel erschreckt oder abgelenkt werden, sollen die Klappen bei Wildgeflügel im Mastbetrieb die Sicht so einschränken, dass der Vogel seine Mitgefangenen nicht zerfleischt vor lauter Frust und Angst, den typischen Symptomen gefangen gehaltener Wildtiere. Waren die Vögel ausgewachsen, verkaufte Bill sie für neun oder zehn Dollar pro Stück an Möchtegern-„Jäger“. Wenn ein Kunde kam, ging Bill in sein Vogelzelt und holte so viele Vögel, wie der Kunde abschießen wollte. Er steckte sie in einen Käfig und fuhr damit in seinem Geländewagen raus aufs Feld. Dann nahm er einen Vogel nach dem anderen heraus und schleuderte ihn mit einer Windmühlenbewegung herum wie Pete Townshend von The Who beim Gitarrespielen. Dadurch fielen die Vögel in den Schlaf oder in etwas Schlafähnliches. Bill formte dann aus Gras eine kleine Hütte, in die er den Vogel steckte. Dabei kam es auf genaues Timing an. Die Vögel sollten so zeitig aufwachen, dass sie bei Ankunft der Kunden aufflogen, aber nicht so früh, dass sie vorher schon auf Futtersuche davonspazierten.
Wenn die Kunden aufs Feld kamen, deutete ihr Verhalten durchaus auf Jagd hin. Sie führten Hunde bei sich, trugen Flinten und schossen auf essbare Vogel, die durch die Luft flogen. Aber auch wenn das Jagen in Wildgehegen diese Attribute der echten Jagd vorweist, fehlt dabei doch das herrliche Element der Ungewissheit, das für die Jagd so wesentlich ist wie Bratensaft für eine gute Sauce. Der Jagderfolg kam hier nicht etwa daher, dass die Jäger die Tierart und ihre Eigenheiten kennengelernt und ihren Lebensraum durchpirscht hatten; er kam daher, dass ihnen jemand gegen Bezahlung eigens aufgezogene Vogel so auf einem Feld versteckt hatte, dass sie sie einfach finden mussten.
Eines Tages lud Bill mich ein, „bei ihm zu jagen“. Diese Wortwahl kam mir bei ihm merkwürdig vor. Zwar bewarb Bill sein Geschäft mit dem Wort „Jagd“, aber er selbst verstand es keineswegs als Jagd. Jagen bedeutete für ihn, mit Packpferden 30 Kilometer weit in die obere Greybull-Region der Absaroka Mountains zu reiten und in einer von zerklüfteten Gipfeln, schmalen Pfaden und großen Grizzlys geprägten Landschaft Maultierhirsch, Wapiti und manchmal auch Dickhornschaf zu jagen.

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Abb.: Absaroka Mountains; Bildquelle: Wikipedia

Auf meine Nachfrage antwortete er, seine Saison gehe zu Ende, und sein Grundstück sei voller Vögel, die während der letzten Monate entweder den Kunden entgangen oder aus den Netzen entkommen waren.
Zuerst sagte ich ihm, dass ich nicht mitmachen könne. Bei allem Respekt, sagte ich, aber das gehe mir doch gegen die Ethik. Aber dann kam ich ins Nachdenken. Ich dachte daran, dass diese Vogelarten in dieser Gegend gar nicht heimisch waren, noch nicht einmal auf diesem Kontinent; dass sie den Winter wahrscheinlich nicht überleben wurden; und dass es, falls doch, ebenso falsch wäre, sie hier leben zu lassen, wie sie zu jagen. Außerdem dachte ich daran, wie lecker sie schmecken wurden. Also ging ich mit Bill hinaus, schoss ein paar Vögel, entbeinte und sautierte sie. Bis heute denke ich manchmal darüber nach, ob das richtig oder falsch gewesen ist. Und ich erwähne es nur, um hier nicht zu sehr mit der Genauigkeit meines eigenen moralischen Kompasses zu glänzen.
Es hilft, die waidmännische Ethik als eine Art Religion anzusehen, in dem Sinne, dass für den Glauben der meisten Menschen ihre Herkunft ebenso prägend ist wie das, was sie seit ihrem Auszug von zu Hause gelernt haben. In dem Landstrich, in dem ich aufwuchs, war es das Allernormalste, Hirsche mit einem Köder zu jagen. Ende September fuhren wir manchmal zu einem Möhrenverarbeitungsbetrieb in Grant, Michigan, um uns dort für fünf Dollar den Pick-up mit übergroßen und schief gewachsenen Möhren vollzuladen. Dann fuhren wir zu unseren Jagdrevieren, schaufelten einen Ranzen voll mit Möhren und schleppten sie in den Wald zu Stellen, wo sich Wildwechsel kreuzten. Wenn so ein Haufen dann von Hirschen besucht wurde, taten wir noch mehr Möhren dazu und hängten in der Nähe einen Sitz in einen Baum.
Beim Jagen mit Köder habe ich unzählbar viele kalte und elende Stunden verbracht, ohne einen einzigen Hirsch zu sehen. Manchmal hatte ich am Ende der Bogenjagdsaison auf nichts geschossen als ein unter meinem Baum herspazierendes Eichhörnchen oder Raufußhuhn. Die paar Hirsche, die in dieser Gegend lebten, hatten sich der absurden Dichte von im Wald ausgelegten Köderhaufen angepasst und mieden sie einfach tagsüber. Schließlich gab es für sie genug anderes zu essen – Apfel und Mais auf Obstwiesen und Feldern, oft nur ein paar hundert Meter weit weg von unseren Ködern. Unsere Strategie, die manch einer als Schummeln bezeichnen wurde oder als Minderung der waidmännischen Herausforderung, hatte also rückblickend den Effekt, dass die Hirschjagd fast schon zu schwierig wurde. Heute, gut 20 Jahre danach, jage ich gar nicht mehr mit Köder. Meine Gründe dafür sind nicht ausschließlich ethischer Natur. Es ist eher so, dass mich die Jagd mit unnatürlichen Ködern nicht interessiert, weil mich die Jagd auf Tiere nicht interessiert, die unnatürliche Dinge tun. In die Natur zu gehen und einen Hirsch aufzustöbern, indem ich das Rätsel seiner natürlichen Verhaltensmuster löse, fasziniert mich mehr, als den Hirsch dadurch zu finden, dass ich diese Muster beeinflusse. Köderjagd ist meiner Meinung nach keine Jagdmethode, die zu einem tieferen Verständnis der Tierwelt führt. Aber wer es mag, soll es machen.
Meine Meinung über die Jagd mit Hunden hat sich durch eine Reihe ebenso subjektiver wie zufälliger Erlebnisse gebildet.

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Abb.: Der Autor mit Freunden beim Zerlegen eines Elchs. Alaska Range; Bildquelle: Buch

Meine Einführung in diese Jagdmethode erhielt ich mit etwa 18 Jahren, als ich einen Waschbärenjager, den wir Dave nennen wollen, begleiten durfte. Es war in der Trainingssaison im Spätsommer, wenn man die Waschbärenhunde im Wald trainieren, aber noch keine Waschbären töten darf. Wir fuhren gegen elf Uhr abends raus und ließen die Hunde auf einem Waldweg aus dem Wagen. Dann fuhren wir hinter den rennenden Hunden her, so wie gehfaule Leute manchmal ihre Hunde Gassi fahren. Wir waren kaum anderthalb Kilometer weit gekommen, als die Hunde eine heiße Spur fanden und kläffend einen Hang hinabstürzten, über einen Bach hinwegsetzten und im Dunkeln verschwanden. Dave schaltete den Motor des Wagens aus, und wir horchten. An Tonlage und Intensität des Bellens konnte er erkennen, dass sie den Waschbären gestellt hatten. Mit Stirnlampen stiegen wir den Hang hinab, überquerten den Bach und sahen die Hunde an einer kleinen Eiche kratzen. Oben saß eine Waschbärin mit mehreren Jungen im Geäst.

Treed_RaccoonsAbb.: Waschbären im Geäst; Bildquelle: Wikipedia

Dave erklärte mir dann, dass es nicht gut wäre, die Hunde von den Waschbären wegzuziehen, ohne einen zu töten, da die Hunde ohne richtige Belohnung das Interesse an der Jagd verlieren könnten. Also hob er eine .22er-Pistole – ich wusste nicht mal, dass er eine dabeihatte – und knallte eines der Waschbärenjungen vom Baum runter. Daraufhin sagte ich ihm, dass ich für den Abend genug hatte, und dachte mir, dass ich mit Jagdhunden und ihren Herrchen zumindest eine Zeit lang nichts mehr zu tun haben wollte.***
Aber nun war ich in der Wüste von Arizona nicht nur mit zwei Hundeführern unterwegs, sondern tat auch mein Bestes, um ihnen zu helfen. Und offenbar war die Berglöwenjagd doch komplizierter als das Abknallen eines auf dem Baum sitzenden Tiers. Die wahre Herausforderung bestand darin, das Tier überhaupt auf einen Baum zu bekommen. Dazu musste man etwas finden, was im Sprachgebrauch von Löwenjagern als overnight track bezeichnet wird. Damit ist eine „warme“ Spur gemeint, die innerhalb der letzten acht, neun Stunden entstanden ist. Unter den richtigen Bedingungen – nicht zu viel Wind, Tau oder Regen – enthält eine derart frische Spur wahrscheinlich noch genug vom Eigengeruch des Berglöwen, um den Hunden die Aufnahme des Dufts und die Verfolgung zu ermöglichen. Aber trotz der im Frühjahr gerissenen Kälber und trotz des vor Kurzem getöteten Hirschs, den wir gefunden hatten, fehlte uns nach tagelanger Suche immer noch eine erfolgversprechende warme Spur.
Jeden Morgen standen Floyd und ich lange vor Sonnenaufgang auf. Joe war dann immer schon weg, da er so frühmorgens aufbrach, dass man es eher nachts nennen musste. Floyd und ich zogen hinaus in die Wüste und nahmen uns einen vorher festgelegten Punkt in der Landschaft zum Ziel: Tafelberge, tief eingeschnittene Canyons, hohe Bergkämme, Pässe – alles Orte, wo Berglöwen gerne entweder jagen, schlafen oder vorbeikommen. Floyd ist Mitte 50 und erinnert vom Aussehen an den Robert Redford jener Altersstufe. Er ist Teilhaber an den Zeitschriften Western Hunter (siehe: https://westernhunter.net/) und Elk Hunter (siehe: https://elkhuntermagazine.wordpress.com/) und Alleininhaber von Outdoorsmans (siehe: https://outdoorsmans.com/) , eines bekannten Sportwarenladens in Phoenix, der auf hochwertige europäische Ferngläser und die hauseigenen Rucksack- und Stativsysteme spezialisiert ist. Sein Betrieb gestattet es ihm, die Löwenjagd als geschäftliche Tätigkeit anzusehen, er kann also ohne schlechtes Gewissen so viel jagen, wie es ihm passt. Vor Jahren besaßen und betrieben er und seine Freundin eine Luftbildfirma. Dafür musste Floyd einen Hubschrauber anschaffen. „Hubschrauber fliegen hab ich in einem Monat gelernt“, sagte er mir. „Aber Löwen jage ich seit 20 Jahren, und ich lerne immer noch dazu. Löwenjagd ist das Schwerste, was ich je gemacht hab.“
Zumindest während dieser Jagdtour zog Floyd es vor, ohne die Hilfe seiner Hunde nach warmen Spuren zu suchen. Zum einen wollte er sie nicht strapazieren, bevor es an die eigentliche Löwenhatz ging. Zum anderen beeinträchtigen die Tritte zu vieler Hundepfoten die zarten Hinweise, die ein Berglöwe beim Gang über die hier überwiegend mit Fels, Kakteen und Gras bedeckte Erdoberflache hinterlassen konnte. Bei dieser Bodenbeschaffenheit bleiben kaum Spuren zurück. Floyd bezeichnet sich selbst als bare-ground-Löwenjäger, um sich abzusetzen von denjenigen, die kältere, feuchtere Gebieten bejagen, in denen häufig und vorhersagbar Schnee fällt – die spurenfreundlichste Substanz der Welt. Obwohl große Berglöwen an die 70 Kilo wiegen und Wapitis töten können, die viermal so viel wiegen, ist ihr Tritt offenbar so leicht wie ein zu Boden fallender Luftballon. Spuren hinterlassen sie nur auf Sand, und Sand kommt in dieser Gegend nur an bestimmten Stellen vor – Bachbetten, Wildwechseln –, an denen auch Maultierhirsche, Pekaris, Rinder, Wachteln, Rotluchse, Kojoten und Dickhornschafe rege verkehren – und Hunde, wenn man sie vor sich herlaufen lässt.
Floyd verbringt so viel Zeit mit dem Absuchen des Bodens nach Löwenspuren, dass es schon seine Haltung verändert hat. Wenn er nur dasteht, starren seine Augen schon auf den Boden vor seinen Stiefeln. Er ist geübt darin, alle Bodeneigenschaften außer Löwenspuren auszublenden. Diese messen durchschnittlich neun Zentimeter in Länge und Breite. Perfekte und vollständige Löwenspuren sind weit seltener als unvollständige. Manchmal sieht man nur den Abdruck einiger Zehen im Sand oder den Umriss eines Trittes, unterbrochen von einem flachen Stück Fels. Das Wichtigste an einer Berglöwenspur, nämlich der Teil, der Nachahmer ausschließt, ist die Hinterkante des Fersenballens. Sie hinterlässt im Sand einen Abdruck, der wie der untere Rand dieser drei Buchstaben zusammen aussieht: UUU.****
Während wir auf Spurensuche waren, gab es zwischen Floyd und mir viele Wortwechsel der folgenden Art:
„Das hier ist interessant“, sagte ich beispielsweise. „Das muss ein Löwe sein. Sieht ein bisschen nach Hund aus, aber viel runder. Musst du dir mal ansehen.“
„Ist der Fersenballen zu sehen?“, fragte Floyd dann.
„Nein“, sagte ich.
„Such weiter“, sagte er.
Und endlich geschah es. Nach fünf Tagen, in denen wir kaum etwas anderes gemacht hatten, als herumzulaufen und Spuren zu suchen, fand ich, was wir suchten. Es war unter einem großen Bergstumpf, in einem trockenen Bachbett, wo einige große Felsbrocken den Wildverkehr durch eine Enge lenkten. „Hier ist einer“, rief ich Floyd zu. „Hier ist ein Fersenballen, aber todsicher.“
Floyd kam her, um einen Blick drauf zu werfen. Über sein Gesicht huschte ein Anflug von Interesse, aber sein Enthusiasmus ließ rasch nach. „Kommt mir vor wie von einem Kojoten, der sich weggedreht hat. Dadurch sieht sie größer aus als normal“, sagte er. „Danach ist ein Pekari hintendrauf getreten. Davon kommt das Dreigeteilte. Und schau mal, davor und dahinter findest du keine weiteren guten Spuren. Nur Kojote und Pekari. Merk dir“, fuhr er fort, „jedes Tier kann einmal eine Löwenspur hinkriegen. Nur Löwen können das zweimal. Zeig mir zwei Spuren mit dreigeteilten Ballen, dann guck ich gerne.“
Auch wenn es mich enttäuschte, dass wir keine gute Löwenspur fanden, überrascht war ich nicht. Vor meiner Reise nach Arizona hatte ich nur drei wirkliche Begegnungen mit wilden Berglöwen gehabt.***** Jede dieser Begegnungen bestätigte mich in meiner Meinung, dass es sich um zurückgezogene und schwer fassbare Tiere handelt. Besonders klar habe ich die erste Begegnung vor Augen. Das war in der Nähe des Clearwater Lake in den Swan Mountains von Montana, kurz nachdem ich in den Westen gezogen war. An jenem Abend hatte ich Cutthroatforellen fliegengefischt und war bis kurz nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Wasser geblieben. Als ich fertig war, ging ich einen Kilometer durch den Wald zu dem Forstweg, wo ich meinen Van geparkt hatte. Es war stockdunkel, als ich die lange und rumpelige Fahrt zum Highway 83 antrat. Ungefähr auf halber Strecke kam ich an eine Stelle, wo der Forstweg in einen Steilhang gehauen war. Als ich eine Biegung umfuhr, hatte ich plötzlich eine Gruppe Maultierhirsche vor mir, Kühe und Kälber mitten auf der Straße zusammengedrängt. Ich kam naher, und sie rannten nach rechts und kraxelten mit wirbelnden Hufen und kullernden Steinen den steilen Hang hinauf.
Just in dem Moment sah ich im Seitenspiegel im Widerschein des Bremslichts eine huschende Bewegung. Ich drückte den Rückwärtsgang rein, damit das Rückfahrlicht anginge, und streckte den Kopf aus dem Fenster, um nachzusehen. Da stand er, wenige Zentimeter von der hinteren Stoßstange entfernt: der erste Berglöwe, den ich je sah. Er fuhr in einer Bewegung herum, die an im Glas geschwenkten Wein erinnerte, und verschwand im Dunkeln.
Während der folgenden Wochen dachte ich mehr über diesen Berglöwen nach, als ich je über ein Lebewesen nachgedacht hatte, abgesehen von einer Hündin namens Duchess, die 13 Jahre lang unserer Familie gehört hatte. Ich dachte darüber nach, was der Löwe wohl gemacht hatte, bevor ich seine Jagd in jener Nacht unterbrochen hatte. Aber weit mehr dachte ich darüber nach, was er danach unternommen hatte. Nördlich der Stelle, wo ich die Katze gesehen hatte, erstreckte sich das größte zusammenhangende Stück Wildnis in den kontinentalen Vereinigten Staaten. Was unternahm der Löwe wohl in den nächsten paar Tagen? Wo jagte er? Was fraß er? Wo schlief er? Wie reagierte er auf die Welt, mit der er konfrontiert war? Was trieb er?
Während ich über diese Fragen nachsann und die Antworten darauf recherchierte, fand ich heraus, dass nur diejenigen Männer und Frauen wirklich etwas von Berglöwen verstehen, die sie mit Hunden jagen. Indem sie ihren Hunden auf der Spur eines Berglöwen folgen, treten die Hundeführer buchstäblich in die Fußstapfen ihrer Beute. Sie sehen, wo der Löwe jagt; sie sehen, wo er frisst; sie sehen, wo der Löwe schläft. Sie erfahren die Landschaft in der Rolle des Löwen. Sie wissen, was der Löwe treibt.
Außerdem gehören Berglöwenjäger, wie ich herausfand, zu den meistgehassten Jägern im ganzen Land. Betrachtet man den Konflikt zwischen Jägern und Jagdgegnern als einen sich hinziehenden Krieg, dann stellt die Berglöwenjagd mit Hunden in vielen Bundesstaaten des Westens das derzeitige Schlachtfeld dar. Vor nur 100 Jahren wäre das noch unvorstellbar gewesen. Damals war es staatlicherseits üblich, für Berglöwen Kopfgeld auszuloben, weil sie gerne Vieh rissen. Für den Abschuss eines Löwen bekam man in Arizona 50 Dollar. In den 60er- und 70er-Jahren erkannten die westlichen Bundesstaaten langsam die Bedeutung von Berglöwen für das Ökosystem und ihren Wert für Großwildjäger. Die meisten Staaten erklärten den Berglöwen wieder zum Jagdwild und verlangten von Jägern, die einen schießen wollten, den Erwerb eines Jagdscheins und einer Abschusslizenz.
Es gibt mehrere Arten, Berglöwen zu jagen. Man kann versuchen, sie mit einem Raubtierlocker anzulocken, der das Klagen eines verwundeten Hirschs oder Hasen imitiert. Oder man kann in einem guten Löwengebiet umherziehen und hoffen, dass einem eine der Katzen über den Weg läuft. Aber die mit Abstand effektivste Methode ist der Einsatz von Jagdhunden. In Montana jagen 89 Prozent aller Berglöwenjäger mit Hunden. In Wyoming sind es 90 Prozent. 65 Prozent der in den letzten 25 Jahren in Arizona zur Strecke gebrachten Löwen wurden mithilfe von Hunden erlegt.
Jagdgegnern ist die Bedeutung von Hunden für die Löwenjagd schon lange bewusst. Ich glaube, dass halbwegs organisierte Jagdgegner ihre generelle Ablehnung der Jagd als Ablehnung der Berglöwenhatz im Besonderen tarnen. Dadurch können sie kleinteilige Rechtsstreitigkeiten anstrengen, ohne das ganz große Thema aufzureißen. Manche dieser Prozesse konnten gewonnen werden, da man Menschen, die noch nie gejagt und noch nie einen Berglöwen gesehen haben, leicht davon überzeugen kann, dass das Jagen von Tieren mit Hunden irgendwie pervers ist. 1994 wurde in Oregon per Volksentscheid ein Verbot der Berglöwenjagd mit Hunden eingeführt, wobei die Berglöwenjagd mit anderen Mitteln erlaubt blieb. Das Gleiche gilt in Washington und South Dakota: Löwen jagen? Ja. Mit Hunden? Nein. Wer sich wundert, wie solche Gesetze überhaupt entstehen können, sollte die Ergebnisse einer Umfrage von 2001 unter den Einwohnern Arizonas bedenken. Während nur 29 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass die Jagd insgesamt verboten gehörte, gaben 62 Prozent an, dass der Einsatz von Hunden bei der Berglöwenjagd illegal sein sollte.
Um ehrlich zu sein, brachte mich erst meine eigene Löwenjagderfahrung dazu, meine Vorbehalte gegenüber dem Einsatz von Hatzhunden zu überdenken. Ich wollte eines dieser Tiere von Nahem sehen, ich wollte den Kitzel spüren, den der Verzehr seines Fleisches brachte, und die einzige realistische Möglichkeit dazu war, gemeinsam mit Hundeführern auszuziehen und eine Spur zu finden. Wenn wir dann erst ein Tier auf einem Baum hatten und mir die Sache nicht gefiel, würde ich immer noch ohne Abschuss nach Hause gehen können.
Während wir nach Löwen suchten, schlief Floyds Partner Joe auf einem Stück Teppich auf der Ladefläche seines Pick-ups. Seine Hunde hatte er draußen vereinzelt festgebunden, sodass sie sich nicht streiten oder verheddern konnten. Wenn er dann um drei Uhr nachts aufstand, zog er sich verwaschene Levi’s und Danner-Jagdstiefel an, schnallte sich einen von Floyds Outdoorsmans-Rucksäcken auf den Rücken, ließ die Hunde los und brach mit ihnen in die Dunkelheit auf. Sie schafften mehrere Kilometer, bevor es hell wurde, und dann noch zehn, elf Kilometer nach Tagesanbruch. Eine beeindruckende Marschleistung für einen pensionierten Betonbauer, dessen Verletzungshistorie unter anderem einen Splitterbruch des Brustbeins (Betonfertiger), ein zerbissenes Bein (Berglöwe) und eine Schusswunde (.357-Revolver so mit dem Hammer auf Betonboden fallen gelassen, dass sich ein Schuss löste) enthielt. Joe benutzte beim Gehen eine Stirnlampe, um den Boden vor seinen Füßen nach Trittspuren abzusuchen. Seine Hunde schwärmten mit der Nase am Boden zur Seite und nach vorne aus. Aus ihrem Kläffen konnte er schließen, ob sie eine kürzliche Anwesenheit eines Berglöwen festgestellt hatten.
Fünf ganze Tage verbrachte er auf diese Weise ohne jeden handfesten Erfolg. Aber als Floyd und ich uns an unserem letzten Jagdtag gerade zum Aufbruch vom Lager fertigmachten, hörten wir eine Kakophonie aus Gebell von Joes Hunden hoch oben auf dem Berg. Es klang, als würde eine Gruppe Opernsänger gefoltert. Selbst aus großer Entfernung verstand Floyd sofort, was Joes Hunde zu sagen hatten. „Der Hund da, der so tief bellt, der gibt bei alten Löwenspuren nie Laut. Dafür ist er zu alt und zu schlau. Der bellt nur bei einer guten, warmen Spur.“
Wir beobachteten die Bergflanke, von der das Gebell herüberhallte, und entdeckten schnell das Flackern von Joes Stirnlampe. Er bewegte sich rasch über die Bergflanke. Die Silhouette des Berges wies eine Kerbe auf, und darin verschwand die Lampe bald. Das Hundegebell wurde mit zunehmender Entfernung leiser. Dann meldete sich Joes Stimme auf dem Walkie-Talkie. Er drängte Floyd dazu, einige seiner Hunde loszulassen.
„Hast du eine Spur gesehen?“, fragte Floyd. „Weißt du, in welche Richtung der Löwe lauft? Ist es ein Kater?“
„Gesehen noch nicht“, sagte Joe. „Aber die Hunde sind ihm hinterher. Lass am besten ein paar von deinen los und schick sie rauf.“ Floyd ließ sechs seiner Hunde von der Leine, und sie rannten sofort bergan in Richtung des Gebells. Floyd wandte sich mir zu und meinte: „Wir sollten uns beeilen.“
Der Canyon, den Joe mit seinen Hunden betreten hatte, beschrieb Floyds Erklärung zufolge einen langen Bogen. Floyd meinte, dass wir sie einholen konnten, wenn wir eine Abkürzung durch einen geraderen Nachbarcanyon nahmen. Wir durchquerten ein Salbeifeld, kamen an Saguaro-Kakteen vorbei und erreichten den Eingang des Canyons. Mit anbrechendem Tageslicht drangen wir in das trockene, braune Gebirge vor. Im Gehen erklärte mir Floyd, warum die Verfolgung einer Spur, die die Hunde gerochen haben, von der man aber keinen Fußabdruck gesehen hat, problematisch ist. Zwar können die Hunde mit Gewissheit feststellen, dass ein Löwe vorbeigekommen ist, aber die Richtung seiner Wanderung erkennen sie nicht. Dies kann offensichtlich zu erheblichen Irrtümern führen. „Die Chance, dass die Hunde einen in die falsche Richtung fuhren, ist fifty-fifty.“
Nach anderthalb Kilometer Wegstrecke konnten wir die Hunde immer noch nicht hören und hatten keine Ahnung, wo sich Joe befand. Auf dem Walkie-Talkie war er nicht zu erreichen, weil die stark zerklüftete Topografie den Empfang blockierte. Wir gingen noch anderthalb Kilometer, bevor wir den Canyonboden verließen und zu einem Hügelkamm aufstiegen. Als wir oben ankamen, war immer noch nichts zu hören. Mir fiel eine hohe, wie ein Daumen geformte Felsnadel auf, die über die Berglandschaft hinausragte wie ein Wolkenkratzer zwischen niedrigeren Gebäuden. Ich sagte zu Floyd, dass der Löwe wahrscheinlich dorthin wollte, zumindest würde ich dorthin wollen, wenn ich gehetzt wurde und meinen Verfolgern entkommen wollte. Floyd erwiderte, dass der Löwe immer noch nicht wisse, dass er gejagt wurde. Er sei vor Stunden hier gewesen und schlafe jetzt irgendwo anders und habe keine Ahnung, dass es uns überhaupt gebe.
Wir marschierten weiter. Stunde um Stunde verging, und es wurde Nachmittag. Es zeigte sich, dass der Berglöwe tatsächlich zur Felsnadel gestrebt war – ob er nun von seinen Verfolgern wusste oder nicht. Am Fuß der Nadel trafen Floyd und ich schließlich auf Joe. Die Hunde hatten inzwischen die Spur des Löwen verloren und waren andernfalls auch zu erschöpft für eine weitere Verfolgung gewesen. Als wir sie fanden, räkelten sie sich auf einem Steinhaufen. Hin und wieder leckte einer der Hunde an einem Stein und schlug an, da er mit seinem Speichel etwas vom Duft des Berglöwen hervorgeholt hatte. Der Hund rannte dann mit großem Buhei in irgendeine Richtung. Ich geriet dann immer in Aufregung und hoffte, dass ich doch noch einen Berglöwen von Nahem sehen konnte. Aber jedes Mal kam der Hund zurück und hatte das Interesse an der immer kälter werdenden Spur verloren. Schließlich schlugen Floyd und Joe vor, dass wir uns auf den Rückweg zum Lager machen sollten. Jeder von uns musste am Tag darauf irgendwo sein. Schweigend ging ich davon, enttäuscht darüber, dass ich nicht hatte herausfinden können, ob es wirklich schwierig war, eine Katze vom Baum zu knallen. Diesen Moment der Wahrheit zu erreichen hatte sich schlicht und einfach als zu schwierig erwiesen.

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Abb.: Im Saguaro National Park; Bildquelle: Wikipedia

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* Andere gebräuchliche Name dieser Tierart (Puma concolor) lauten Puma, Silberlöwe und Kuguar.

** Was manche Leute unter Herausforderung verstehen, ist mitunter noch weniger nachvollziehbar: Kürzlich las ich einen Leitartikel, in dem ein Jäger behauptete, dass andere Jäger sich zu sehr auf technische Hilfsmittel verließen. Er gab damit an, bei kaltem Wetter ungefütterte Stiefel der Marke XtraTuf zu tragen, womit er wohl sagen wollte, dass gefütterte Stiefel die Herausforderung des Draußenseins bei Kälte herabmindern. Ich fand das schräg, wenn man bedenkt, dass XtraTuf-Stiefel nahtlos laminiert und dreifach mit Neopren beschichtet sind, um sie wasserdicht und ozonresistent zu machen. Wieso das authentischer sein soll als filzgefütterte Lederstiefel, begreife ich nicht. Dazu anzumerken wäre noch, dass Ötzi, der 5.300 Jahre alte Bogenjäger, dessen Mumie in den Tiroler Alpen gefunden wurde, gefüttertes Schuhwerk trug. 

*** An dieser Stelle möchte ich die Subjektivität noch eine Stufe weiter treiben: Ich muss zugeben, dass mein negativer Eindruck von diesem Hundeführer stark von der Tatsache gefärbt war, dass meine Brüder und ich drei Waschbärenbabys als Haustiere gehabt hatten. Das erste, ein Männchen namens Critter, überlies uns ein Freund, der ein Waschbärennest vom Dachboden seiner Eltern hatte entfernen müssen. Die anderen beiden Waschbären waren Bruder und Schwester, wir nannten sie Poon und Tang. Sie stammten aus dem Kamin eines Holzofens im Haus eines anderen Freunds. Als mein Bruder Danny hinkam, um sie abzuholen, musste er nur die Ofenklappe öffnen und sich zwei aussuchen. Wir stellten fest, dass Waschbären die besten Haustiere der Welt sind. Ich nahm sie überallhin mit, selbst ins Autokino. Obwohl ihre Lieblingsgerichte Marshmallows, Mountain-Dew-Limonade und getrocknetes Hirschfleisch waren, aßen sie auch sehr gerne lebendigen Fisch. Wir füllten oft ein Planschbecken eine Handbreit tief mit Wasser und bevölkerten es mit Kaulbarschen und Flusskrebsen, die wir aus unserem See kescherten. Der Anblick der im Wasser nach ihrem Essen jagenden Waschbären war besser als jedes Fernsehprogramm. Das Problem beim Halten von Waschbären ist jedoch, dass die Tiere ab dem Alter von sieben Monaten immer wilder und ungestümer werden. Critter wurde so aggressiv in seinem Territorialverhalten, dass er jeden angriff, der ihm ein Marshmallow brachte. Irgendwie verwechselte er die Geste des Anbietens von Leckerlis mit dem Wegnehmen von Leckerlis. Seine Anwesenheit wurde so gefährlich, dass ich ihn tief in den Wald fuhr und freiließ. Ein paar Wochen später kam ein Kumpel von mir im Pick-up vorgefahren und meinte, er habe meinen Waschbaren gefunden. Als er die Tür öffnete, kam ein Waschbär herausgesprungen, der ganz sicher nicht Critter war. Das Tier rannte über die Auffahrt, biss meinen Vater ins Bein und flitzte dann einen Baum empor. Daraufhin mussten wir eine .22 holen und den Waschbar töten, um ihn auf Tollwut untersuchen zu lassen. Critter ward nicht mehr gesehen, und wir schoben im Nachhinein die Schuld an seiner Borstigkeit seinem männlichen Geschlecht zu. Und so wählten wir beim zweiten Mal ein Männchen und ein Weibchen. Wir dachten, dass sie sich paaren und zufrieden in dem Häuschen leben konnten, das wir ihnen gebaut und an einer Kiefer im Garten angebracht hatten. Es kam anders. Die beiden Waschbären mauserten sich mit der Zeit zu einer Art teuflischem Duo. Sie lauerten vor der Küchentür und drängten mit aller Macht herein, sobald wir sie aufmachten. Meine Mutter musste immer ein Fangnetz zur Hand haben, um sie einzufangen und rauszuwerfen. Einmal wurden sie durch das tropfende Bratenfett unter dem Spanferkelgrill zur Familienfeier eines Nachbarn gelockt. Sie eroberten den Grill und wehrten erfolgreich sämtliche Versuche der Familie ab, ihr bratendes Schwein zurückzugewinnen. Etwa einen Monat später, als die Eicheln reif waren, bestiegen sie eine Eiche in unserem Garten und blieben fast eine Woche lang dort oben, zumindest tagsüber. Was sie nachts trieben, wusste ich nicht. Eines Morgens waren sie dann verschwunden. Wir haben sie nie wiedergesehen. 

**** Die Pfotenabdrücke anderer nordamerikanischer Katzen, darunter Luchs und Jaguar, weisen ebenfalls dreigeteilte Fersenballen auf. Eine Ausnahme bildet der Ozelot, dessen Ballen zweigeteilt sind.

***** Einen Berglöwen im Zoo zu sehen zählt genauso wenig, wie George Washington im Wachsfigurenkabinett zu besuchen. Alles in allem komme ich mit meinen drei Begegnungen auf insgesamt etwa 30 Sekunden Berglöwensichtung.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Tiere töten und essen

Titel: Tiere töten und essen: Von der natürlichsten aller Lebensweisen

Autor: Steven Rinella

Verlag: Riva

Verlagslink: https://www.m-vg.de/riva/shop/article/3313-tiere-toeten-und-essen/

ISBN: 978-3-86883-363-8

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Rezension und Leseproben:

https://krautjunker.com/2018/06/13/tiere-toeten-und-essen-von-der-natuerlichsten-aller-lebensweisen/

https://krautjunker.com/2018/07/04/kostprobe-schwarzbaer/

https://krautjunker.com/2018/06/02/kostprobe-camp-meat/

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Titelbild: Photo by rawpixel on Unsplash

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