Captain’s Dinner bei Antonio Russo, Castellammare del Golfo, Sizilien

von Paul Pflüger

Eigentlich ist es italienischen Fischern nicht erlaubt, Gäste mit an Bord zu nehmen. Doch Antonio Russo schert sich nicht um die Regeln aus dem weit entfernten Brüssel. „Natürlich! Gerne! Um sechs Uhr morgens gehts los“, antwortet er auf die Frage, ob man ihn begleiten könne. In der Morgendämmerung erscheint er pünktlich auf die Minute am Hafen von Castellammare del Golfo: Bedächtig steigt der alte Fischer die Treppe aus dem Dorf hinunter und trottet Richtung Kaimauer. Am Anleger gleitet er erstaunlich geschmeidig in sein Boot hinab und macht mit geschickten Bewegungen die Leinen los. Den Motor dreht er per Hand an, und nach zwei zögerlichen Hustern kommt die alte Dieselmaschine in Schwung. Zufrieden zündet sich Antonio eine Zigarette an, und als das Boot die Hafenmauer passiert, hat sich der alte Sizilianer in einen aufrechten Seemann verwandelt, der mit stolzer Brust und genüsslich rauchend am Ruder steht.

83 Jahre ist Antonio alt und fährt immer noch jeden Tag zur See. Doch wenn der nächste Winter kommt, soll damit Schluss sein. Er liebt seine Arbeit, aber so langsam wird es ein wenig beschwerlich, und die Fischerei ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.

Als junger Mann hat Antonio im Thunfischfang gearbeitet. Jedes Jahr kamen stattliche Thunfische in großen Schwärmen in die türkis-blauen Gewässer rund um Castellammare.

Castellmare del Golfo

Auf der Route zu ihren Laichgründen im östlichen Mittelmeer schwammen sie direkt an der Nordwestküste Siziliens vorbei und wurden dort freudig erwartet, denn sie brachten Arbeit und Wohlstand in die Küstendörfer. Wie seine Vorfahren, so war auch Antonio bei der Thunfischstation im Nachbardorf angestellt. Er zählte zu den stärksten Männern auf seinem Boot und stand beim Fang stets an der wichtigsten Position, um die gigantischen, bis zu 300 Kilo schweren Fische im entscheidenden Moment an Bord zu ziehen.
Antonio hat das goldene Zeitalter des Thunfischfangs an vorderster Front miterlebt. Heute ist die Realität eine andere. Die Thunfische im Mittelmeer sind längst nicht mehr so zahlreich und nur noch selten so groß wie damals. Die alten Fangstationen wurden geschlossen, verfallen zu Ruinen, und Antonio fängt inzwischen Fische, die oft kleiner als seine Hände sind.

Auch an diesem Morgen machen sich die schrumpfenden Bestände bemerkbar. Antonio schimpft rauchend vor sich hin, während er die Maschen entwirrt, um die magere Beute zu inspizieren. Doch dann – ein Lichtblick: Einige Sepien sind im Netz gelandet. Sichtlich erfreut begutachtet er die tintenspuckenden Kreaturen, schickt ein paar dankende Worte nach oben und legt die Mollusken in einen separaten Eimer. Der ist für zu Hause. Mittags wird es Antonios Leibspeise geben, „Linguine al Sepia“, zubereitet von seiner Frau. Angela, die Liebe seines Lebens, ist ein weiterer Grund, warum er die Netze an den Nagel hängen will. Sie sorgt sich doch etwas um ihren qualmenden Seebären, wenn er alleine, ohne Funkgerät oder Telefon, auf dem Meer unterwegs ist. Jeden Morgen geht sie oben im Dorf zum Aussichtspunkt und behält ihren Antonio fest im Blick, wenn dieser sein Boot aus dem Hafen manövriert. Bei seiner Rückkehr wartet sie dann schon auf ihn, um die Fische direkt am Anleger an ihre Stammkunden zu verkaufen. Die sind allesamt große Fischexperten und beäugen die Ausbeute zunächst kritisch – nur um den Fang des Tages wie immer restlos aufzukaufen. Zum Abschluss säubern Antonio und Angela noch gemeinsam das Netz, danach geht es endlich nach Hause, zum wohlverdienten Mittagessen mit den frischen Sepien.

 

KRAUTJUNKER-Kommentar: Zwei sizilianische Rezepte Antonio Russos und noch mehr Fotos gibt es im Buch.

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Verlagsinformation über den Autor: Paul Pflüger ist in Mainz, fernab der See geboren. Von klein auf war er jedoch fasziniert vom Meer und seinen vielfältigen Bewohnern über und unter Wasser. Nach dem Ende seiner Schulzeit zog es ihn an die Küste, und nach Stationen in Bremen, Hamburg und Biarritz pendelt er nun zwischen Lissabon und Paris, wo er als Kameramann arbeitet.

Portrait Paul Pflüger

Neben seinem Beruf sind Fotografie, Essen und Reisen schon immer große Leidenschaften gewesen. Unterwegs in fremden Gefilden lässt er sich gerne treiben und schaut mit neugierigem Blick, was es entlang der Route zu entdecken gibt – die Küchen und kulinarischen Spezialitäten eines jeden Landes sind für ihn dabei immer ein Anlaufpunkt. Sei es im Restaurant, auf Märkten oder bei Einheimischen zu Hause: Beim Essen begegnet man sich, erfährt mit allen Sinnen etwas über die Kultur der Köche und lernt die Menschen am Tisch kennen. Da die Sehnsucht nach dem Meer auch seine Reiserouten beeinflusste, gab es bei diesen Begegnungen natürlich sehr häufig Fisch. Wieder einmal unterwegs formte sich, nach einer weiteren kulinarischen Entdeckung in netter Gesellschaft, die Idee für dieses Buch – und eine ganz neue Reise begann.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Ramelli Paris Cover 3.indd

Titel: Captain’s Dinner – Eine maritime Entdeckungsreise mit original Seemannsrezepten

Autor und Fotograf: Paul Pflüger

Verlag: teNeues

Verlagslink: https://teneues-buecher.de/captain-s-dinner-deutsche-ausgabe

ISBN: 978-3-96171-149-9

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Copyrights

Für das Buch:
© Captain’s Dinner – Eine maritime Entdeckungsreise mit original Seemannsrezepten – Paul Pflüger, erschienen bei teNeues, € 35, www.teneues.com, @thecaptainsdinner

Für das Bild & Portrait:
Photo © 2018 Paul Pflüger. All rights reserved. @thecaptainsdinner

Für den Text:
Text © Paul Pflüger

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