Kostprobe: Herz

von Steven Rinella

Für den ersten erlegten Hirsch gibt es alle möglichen Rituale, und gewöhnlich wird dabei gegessen oder getrunken. Der Film Red Dawn (Die rote Flut) von 1984 popularisierte das rituelle Trinken eines Bechers voll Blut, das aus dem Brustkorb des Hirschs geschöpft wurde. Anderswo wird geraten, man solle einen Happen aus dem rohen Herz beißen. Ein Bekannter aus Montana erzählte mir, dass er gezwungen wurde, ein mit Salbei garniertes Scheibchen rohe Leber zu essen. In Schottland gilt das Ritual, dem Jäger mit dem Blut seines ersten Hirschs die Wangen zu beschmieren. Als ich dort auf der Jagd war und einen Rothirsch erlegte, schmierte sich mein Jagdkumpan die Hand mit Blut ein und langte mir ins Gesicht. Ich erklärte ihm, dass ich schon viele Hirsche geschossen habe. „Keinen schottischen“, meinte er und beschmierte mir rechts und links das Gesicht. In unserer Familie gab es kein besonderes Ritual, da mein Vater nicht viel von symbolischen Protzgesten hielt. Aber er hielt viel davon, Hirschherz zu essen, je frischer, desto besser, und bei dem Herzen aus meinem ersten selbst geschossenen Hirsch wurde die Mahlzeit mit noch mehr Respekt begangen als sonst.
Ich erlegte ihn mit einer Winchester-Unterhebelrepetierbüchse, ein Jahr bevor ich dazu vor dem Gesetz alt genug war. (Damals musste man zwölf sein, um mit Pfeil und Bogen Hirsche jagen zu dürfen, und vierzehn, um sie mit dem Gewehr zu schießen). Es war am späten Vormittag und wir veranstalteten eine sogenannte Drückjagd. Dabei dringt eine Gruppe von Treibern in ein Gebiet ein, in dem bekanntermaßen tagsüber Hirsche ruhen, und ein Schütze positioniert sich dort, wo die Hirsche seiner Meinung nach beim Verlassen des Gebiets vorbeikommen. In diesem Fall war der Ruheplatz der Hirsche eine tiefe Schlucht mit einem dicht bewachsenen Bachbett am Grund. Meine beiden Brüder und ein gemeinsamer Freund waren die Treiber, sie stiegen dort hinab, um die Hirsche aufzuschrecken. Ich als Schütze versteckte mich auf einem mit Schierling bewachsenen Hügelkamm, der zur Schlucht hin abfiel und gute Aussicht auf alles bot, was sich dort unten ereignete.
Ich sah den Hirsch schon von Weitem herankommen. Ich dachte, er würde dem Bachlauf folgen und unterhalb von mir vorbeikommen, aber stattdessen verließ er den Talgrund und stieg geradewegs zu meinem Hügelkamm herauf. Er kam näher und näher. Er bemerkte mich erst, als er so nah war, dass wir uns im Flüsterton hätten unterhalten können. Dann verharrte er hinter einem krummen Baum. Nur seinen Kopf und ein bisschen Hals konnte ich noch sehen. Ich zielte auf den Hals, erwischte jedoch den Kiefer. Der Hirsch krachte zu Boden und stürzte kopfüber, kopfunter den Abhang hinab. Als er am Grund der Schlucht ankam, war ich schon dicht hinter ihm. Ich dachte, er müsste jeden Moment sterben, aber plötzlich kam er wieder auf die Beine und bewegte sich vorwärts. Ich trug ein Biberhäutemesser am Gürtel, wie es sich für einen Mann der Wildnis gehörte. Ich zog das Messer, warf dem Hirsch meinen Arm um den Hals und legte ihn auf die Seite wie ein Cowboy beim Lassowettbewerb. Dann stach ich das Messer in den Hals und durchschnitt die Halsschlagader. Erst später, als mein Bruder mich darauf hinwies, wurde mir klar, dass ich einfach noch mal auf das Tier hätte schießen können.

steven rinella deer
Abb.: Mein erster Hirsch

Mit demselben Messer nahm ich den Hirsch aus; er wog beunruhigend ähnlich viel wie ich. Als ich fertig war, durchwühlte ich die Eingeweide nach dem Herzbeutel – dem sogenannten Perikard. Ich konnte das warme, feste Herz im Innern spüren, etwa so groß wie eine Männerfaust. Als ich den Herzbeutel aufschnitt, glitt mir das Herz in die Hand, als wäre etwas geboren worden und nicht getötet. Erst später würde ich davon lesen, dass die Jäger mancher Naturvölker das Herz ihrer Beute ihren kleinen Kindern zu essen geben, damit diese die Kraft und die Eigenart der Tiere übernehmen, von denen sie sich ernähren. Aber damals schon spürte ich, dass ich den Kern eines Lebewesens in der Hand hielt, die Essenz seines Lebens, und dass sein Leben weitaus größer und bedeutungsvoller war als das jedes Eichhörnchens. Es war für mich unübersehbar, dass das Töten ein ernsthaftes Geschäft war.
Ich zog meine knallorange Weste aus, wickelte das Herz darin ein und steckte es in meinen Rucksack. Dann halfen mir meine Brüder dabei, den Hirsch aus der Schlucht zu zerren, über ein paar Felder und Heuwiesen bis dahin, wo wir am Morgen geparkt hatten. Zu Hause zeigte mein Vater mir, wie man mit einem Filetiermesser die großen Schlagadern am oberen Ende des Herzens herausschneidet. Danach sah das Herz irgendwie leer und ausgehöhlt aus. Als Nächstes schnitt ich das Herz, quer und am unteren, spitzen Ende beginnend, in zentimeterbreite Scheiben. Die ersten waren rund und massiv wie Scheiben, die man von einem Baumstamm absägt. Aber als ich tiefer ins Herz vordrang, öffneten sich nach und nach die Herzkammern. Zuerst waren sie so klein, dass gerade ein kleiner Finger hineinpasste, aber mittendrin waren die Scheiben so hohl wie eine quer aufgeschnittene Paprika. Mein Vater garte Wild gern im Sieb einer elektrischen Fritteuse, aber an diesem Tag stellten wir eine Pfanne auf den Herd und bedeckten den Boden mit einem halben Zentimeter Öl. Während das Öl heiß wurde, streuten wir Mehl auf einen Teller und wendeten die Herzscheiben darin. In der Pfanne fingen sie sofort an zu brutzeln, das Öl schäumte in den Herzkammern hoch, und die Ränder kringelten sich in der Hitze. Wir nahmen sie heraus, als sie außen rum knusprig waren, drinnen waren sie noch ein bisschen blutig geblieben.
Eigentlich durften wir zu Hirsch kein Ketchup essen. Mein Vater fand, es verderbe den Geschmack. Aber beim Herz machte er eine Ausnahme. Das Fleisch war ein bisschen gummiartig, knackte aber beim Reinbeißen wie ein guter Hotdog. Der Geschmack ähnelte dem von Leber, war aber nicht so stark. Er hatte auch etwas Metallisches an sich, aber angenehm. Insgesamt war es ein deutlicher und erkennbarer Geschmack, den ich bald zu lieben lernte und den ich immer wieder gern genossen habe. Aber Herz ist nie etwas geworden, was ich jeden Tag würde essen wollen, ja noch nicht einmal jede Woche. Warum nicht? Irgendwie schwer zu sagen. Es ist zu sehr … etwas. Vielleicht trifft ja zu, was mir Vietnamesen über unser gemeinsames, aus Hundefleisch bestehendes Mahl sagten. Sie nannten es ein »heißes« Essen. Nicht heiß im Sinne von Temperatur oder Würzung, sondern heiß im Sinne von „leicht entflammbar“, von etwas, das sich spürbar in die Seele einbrennt.

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

echte männer jagen selbst

Titel: Echte Männer jagen selbst

Autor: Steven Rinella

Verlag: Riva

Verlagslink: https://www.m-vg.de/riva/shop/article/15196-echte-maenner-jagen-selbst/

Titelbild des Blogbeitrages: Photo by Johannes Andersson on Unsplash

Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2019/01/24/stellung-beziehen-zur-jagd/

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieses Buch erschien zuvor unter dem Titel „Tiere töten und essen: Von der natürlichsten aller Lebensweisen“. Mehrere Leseproben erschienen bereits auf KRAUTJUNKER: https://krautjunker.com/?s=rinella

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