Rufe der Wildnis: Warum ich zur Jägerin wurde

Buchvorstellung

Dieses etwas untypische Jagdbuch einer linken Journalistin heißt in der us-amerikanischen Originalausgabe schöner und treffender Call of the Mild: Learning to Hunt My Own Dinner.

Um es meinen Lesern schnell einzusortieren: Wie Steven Rinella (siehe: https://krautjunker.com/?s=Steven+Rinella) ist sie US-Amerikanerin. Die Geschichte, wie sie Jägerin wurde und was für eine Jägerin sie ist, sind jedoch vollkommen gegensätzlich.

Rinella wuchs im Mittleren Westen als Sohn eines konservativen Kriegsveteranen auf. Er schoss seinen ersten Weißwedelhirsch mit dreizehn Jahren und tötete das Tier anschließend mit seinem Messer. McCalou wuchs in Washington als Tochter linker Alt-Hippies auf, seinerzeit die Metropole mit der weltweit höchsten Mordrate. Alle Geschichten und Nachrichten über Waffen waren grausam und tragisch. Nach ihrem Studium lebte sie zuerst in New York.
So wie für ihn Waffenbesitz und Jagd völlig selbstverständlich sind und er Großwild wie Bären in der Wildnis nachstellt, betrat sie mit sechsundzwanzig Jahren hin- und hergerissen eine vollkommen neue Welt. Eines ist sicher: Lily ist keine geborene Jägerin.

Nachdem Lily Raff McCalou in Oregon eine neue Anstellung aufgenommen hatte, fing die Großstädterin und Theoretikerin immer mehr an, sich nicht nur für die Natur und ihre Beziehungen zu Tieren zu interessieren, sondern setzte sich auch damit auseinander, woher die Proteine auf ihrem Teller stammten.

Ihr Buch beschreibt die ersten drei Jahre ihrer Jagderlebnisse, welche ihr früheres selbst vollkommen veränderten.

Ihre Einstiegsdroge war das Fliegenfischen ihres Freundes und späteren Mannes Scott. Dabei erstaunte sie nicht nur, wie die Angelei Urinstinkte in ihr weckte, sondern auch wie schnell sie die Natur durch andere Filter betrachtete. Was ihr zuvor als öde Gegend erschien, nahm sie nun als Angelrevier mit anderen Orientierungspunkten, Herausforderungen und Chancen wahr. Die bemoosten Felsen, hinter denen Forellen standen, die Wirbel im Wasser, den Erlenbaum am Ufer, in dem ihre Fliegen hängenblieben, die Veränderungen im Tages- und Jahreslauf…
Das Flusstal sprach eine Sprache, die sie plötzlich verstand.

Durch ihre Arbeit als Journalistin auf dem Land fing sie an, ihre gewohnheitsmäßigen Standpunkte zum Umweltschutz, der Land- und Forstwirtschaft sowie die Jagd und den Waffenbesitz immer stärker in Frage zu stellen. Wie die meisten US-Amerikaner bestanden ihre ersten Beziehungen zu Tieren zu verwöhnten Haustieren, die zu Geburtstagen und Weihnachten Geschenke erhielten. Der erste Spielfilm, den sie im Kino sah, war Disneys Bambi. Obwohl sie in ihrer Ernährung nicht auf Fleisch verzichten mochte, widerten sie Jäger an und fürchtete sie sich vor Waffen.

Doch die Jäger, auf die sie in Oregon traf, waren zumeist ganz anders, als in ihren Vorurteilen. Sie sprachen passioniert über die Natur, zeigten leidenschaftliche Gestik und Mimik bei ihren Jagdgeschichten und erinnerten sie an die enthusiastischen freiwilligen Dozenten in Tierparks. Und tatsächlich waren es Jäger wie der republikanische US-Präsident Theodore Roosevelt (* 1858; † 1919) und der Wissenschaftler Aldo Leopold (* 1887; † 1948) die nicht nur über die Natur lamentierten, sondern Reservate schufen und die Naturschutzbewegung gründeten.

Irgendwann war für sie die Frage unausweichlich, ob sie stark genug war, ihr Essen selbst zu jagen. Immer noch empfand sie die Vorstellung, ein Lebewesen zu töten, schrecklich. Doch sollte sie diese Verantwortung an Schlachter weiterdelegieren, sofern sie nicht auf Fleisch verzichten konnte? Dann kam die nächste Hürde, ihre Eltern.

»Da mir keine kluge Einleitung einfällt, platze ich mit der Nachricht unvermittelt heraus: „Mom und Dad“, sage ich mit angehaltenem Atem, ich lerne jagen.“
Diese Botschaft wirkt wie ein Schlag, macht sie sprachlos. Mit ausdruckslosen Mienen starren mich meine Eltern an. Ich muss an einen Freund denken und an das, was er wohl empfunden haben muss, als er sich seinen erzkonservativen Eltern gegenüber outete. Eigentlich ist mein Geständnis, zumindest flüchtig, eine bizarre Version des Sich-Outens. Meine Hippie-Eltern stammen aus einem liberalen Bundesstaat mit eindeutig ablehnender Haltung gegenüber Jagd und Jägern, die sie für herzlose Erzkonservative halten. Und ich verkünde, dass ich Jägerin werde! Ein Schock höchsten Grades!
Mein Vater bricht als Erster das Schweigen.
„Na, dann wirst du ja zum Liebling des rechten Flügels“, sagt er beißend ironisch; er kann seine Abscheu nicht verhehlen.
„Dad, es ist nicht, was du denkst.“«

Der Übersetzer aus dem Amerikanischen, Prof. John A. McCarthy, schreibt in seinem Nachwort:
»Wie kein anderer Beitrag zum Thema Jagd ist dieses Buch eine Fundgrube für Jagdfreunde und Jagdgegner zugleich. Lily Raff McCaulou hat kein Sachbuch verfasst, wenn sie auch Sachliches beschreibt. Sie hat kein Kochbuch zusammengestellt, obwohl sie die Zubereitung von Wildfleisch und Pilzarten behandelt. Sie hat keinen Abenteuerroman geschrieben, obwohl Abenteuer vorkommen. Sie hat keinen komischen Roman verfasst, obwohl sie den Lachmuskeln manches bietet. Sie hat keine selbstverherrlichende Jagdgeschichte verfasst, obwohl sie auch das triumphale Hochgefühl erfolgreichen Jagens beschreibt. Sie schildert ihre Jagderfahrungen nicht aus der Perspektive des alteingesessenen Jägers (heritage hunter), sondern aus der Sicht einer zaghaften und regelrecht schussscheuen Jungjägerin. Sie äußert sich häufig kritisch zur Jagd, zur Konsumkultur, zum Umgang mit dem Wild, zum Naturschutzmanagement, zur grauensamen Massenzucht, zum Waffenrecht, zur Antijagd-Debatte, zur Eigenverantwortung, zur Waidgerechtigkeit als Lebenssinn, zur Wiederbelebung der Jagd durch jagende Frauen. Am Ende ist die Autorin überzeugt: Umweltschutz muss ernst nehmen, wem die Bewahrung und die Zukunft nationaler Jagdtraditionen wirklich am Herzen liegt. Und Frauen können viel dazu beitragen.
Rufe der Wildnis bietet nicht nur Jägerinnen und Jägern etwas. Letzten Endes geht es in Raff McCalous Jagderzählung um Grundsatzwerte, die alle Menschen, und seien sie noch so desinteressiert und in ihrer eigenen Welt festgelegt, betreffen: echte Lebensqualität, verbindliche Werte, Leben und Tod als zwei Seiten derselben Medaille. …«

Mein Resümee? Anfangs las sich Rufe der Wildnis hölzern. Nach einigen kleineren Rechtschreib- und Übersetzungsfehlern auf den ersten Seiten (S. 18: »Fließweste«) verlor ich schon etwas die Lust. Vielleicht auch, weil der deutsche Titel wilde Abenteuergeschichten verspricht, während der Inhalt weit umfangreicher ist und die Autorin viel Für und Wider diskutiert. Obwohl ich jetzt nicht dem Urteil der Washington Times zustimmen mag, dass es sich um ein brillant erzähltes und herausragendes Buch handelt, fing der Titel doch immer mehr an, mich in seinen Bann zu ziehen, weil es immer besser wurde.
Schlussendlich eine Empfehlung für die Leser, welche nicht nur handlungsgeladene Jagdgeschichten schätzen, sondern sich auch für die Spannungsfelder interessieren, welche der Übersetzer so klug umschrieben hat.

***

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Rufe der Wildnis: Warum ich zur Jägerin wurde

Autorin: Lily Raff McCalou

Übersetzer: Prof. John A. McCarthy, Vanderbilt University

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink:https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/jagdpraxis-hege/9774/rufe-der-wildnis

ISBN-13: 978-3440163030

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Website der Autorin: http://www.lilyrm.com/

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