Cloris

Buchvorstellung von Daniela Brack

»Ich habe mir abgewöhnt, allzu vorschnell über andere zu urteilen. Die Leute sind halt, wie sie sind, ich glaube, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«

Ob diese Erkenntnis der Ich-Erzählerin Cloris Waldrip schon vor oder erst durch die Geschehnisse, um die sich das gleichnamige Buch dreht, schon klar war, lässt sich schlecht sagen – doch dieser erste Satz gibt schon Hinweis auf den weisen, lakonisch-humorvollen Ton des Buches.

Dabei wäre der mit Blick auf den Inhalt so nicht zu erwarten. Als Cloris, immerhin schon 72 Jahre alt, einen Flugzeugabsturz in den Bergen Montanas überlebt, stehen die Chancen zu Überleben alles andere als gut. Der Pilot der kleinen Cessna ist tot und der dritte Passagier, ihr Ehemann (immer nur als »Der Gatte« tituliert), hängt übel zugerichtet in einer Fichte.

Alles was sie hat, ist ihre Handtaschen und ein paar Karamell-Bonbons. Und die Lebensklugheit einer Hausfrau… gepaart mit einer Art lakonischem Praktizismus. Also nimmt sie alles Hilfreiche aus dem Flugzeugwrack: Darunter auch die guten Stiefel des Gatten, die aus Alligatoren-Leder sind, was – so weiß sie – wiederum wasserfest ist und sich deshalb wohl als Trinkgefäß eigenen wird.

Da dies alles rückblickend erzählt wird, lässt es sich erahnen, dass Cloris den Absturz überlebt. Doch das Abenteuer ihres Kampfes in der Wildnis dauert nicht wie angenommen Tage oder Wochen, sondern Monate. Und sowohl ihre guten Manieren, als auch ihr ehemaliger Job als Bibliothekarin helfen Cloris dabei in der Wildnis nur bedingt…

Jetzt könnte man die Schilderungen eines beinharten Überlebenskampfes in der Wildnis erwarten, doch Cloris ist vielmehr ein spannender, unterhaltsamer Krimi, denn schnell wird klar, dass irgendjemand während der langen Zeit in den Bergen seine schützende Hand über Cloris hält… .


Ist es die einsame Rangerin Deborah, die den ganzen Tag aus ihrer Thermoskanne Merlot trinkt, um ihr verpfuschtes Leben zu vergessen oder die ominöse Gestalt mit Kapuze, die ihr manchmal ein Feuer macht und etwas Essen liegen lässt? Oder ist Deborah das Gesicht unter der Kapuze? Und will Cloris überhaupt gefunden werden?

Denn die Tage und Wochen in der Wildnis der Berge entwickeln sich für Cloris zu einer Zeit, in der sie ihr Leben Revue passieren lässt und erkennt, dass man ihr eigentlich immer zu wenig zugetraut und sie unterschätzt hat. Der tägliche Kampf gegen Hunger und Kälte lässt sie zwar ihre eigenen Grenzen erkennen – zeigt ihr aber auch, dass sie trotzdem zurechtkommt und überlebt. Und eigentlich gar nicht so dringend in die Zivilisation zurück möchte…

Nun ist da Thema „Mensch findet in der Wildnis zu sich selbst“ in der Literatur bereits gut und ausgiebig bedient worden. Doch in Cloris geht es eben einmal nicht um Männer, die den Bergen trotzen, sondern um eine alte Dame, die in der Wildnis mit ganz eigenen Mitteln und ihrer Art überlebt.

Das alles ist spannend erzählt – selbst wenn der Leser weiß, dass es ja gut endet. Der Debüt-Roman des jungen Texaners Autors Rye Curtis ist leicht geschrieben und lässt sich trotz seines Umfangs von mehr als 300 Seiten einfach und flott lesen. Und man muss bei der Lektüre unwillkürlich oft lächeln – einfach, weil Curtis` schräge, aber sympathische Figuren mit so viel mit Lebensklugheit, lakonischem Humor und Mut der Wildnis und dem Leben trotzen.  

Mein Fazit: ein perfekter Abenteuerroman für eines, der kommenden kalten Herbst-Wochenenden!

*

KRAUTJUNKER-Rezensentin Daniela Brack

Daniela Brack ist Volkswirtin mit einer gewissen Betonung des zweiten Wortteiles, ohne jemals die Theke von der arbeitsreichen Seite bespielt zu haben. Als Fliegenfischerin ist sie den Umgang mit Verwerfungen gewohnt; als Freundin der Jagd versteht sie es, eine Treiberwehr auch in herausforderndem Terrain zur Turbodrückerkolonne anzuspornen, oft und gerne mit tatkräftiger Unterstützung des #Leihhund-DDs. Als Journalistin hat sie bei der SZ für das Wirtschaftsressort geschrieben; mit „Irish Whiskey: Phönix von der grünen Insel“ hat sie das deutschsprachige Standardwerk vorgelegt. 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Cloris

Autor: Rye Curtis

Verlag: C.H. Beck, München

Verlagslink zum Buch: www.chbeck.de/cloris/product/30927498

ISBN: 978 3 406 75535 4

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