Andrin

Buchvorstellung von Thomas Thelen

Zwei Bücher, zwei Romane mit strukturell sehr ähnlichen Geschichten: (Jeweils) Eine Frau muss in der Natur mit den Herausforderungen der Wildnis umgehen und in ihr überleben. Dabei helfen den beiden Protagonistinnen (wiederum: jeweils) zwei durchaus als kauzig zu beschreibende Menschen. Beide Romane sind aus der Sicht der jeweils betroffenen und also überlebenden Frau geschrieben. Doch damit enden bereits die Ähnlichkeiten.

Während Cloris (siehe: https://krautjunker.com/2020/10/05/cloris/), eine zum Zeitpunkt des Unfalls 72-jährige Dame, im Norden Montanas in den Bitterroot Mountains mit einem Kleinflugzeug abstürzt und als einzige Überlebende ihren Ehemann und den Piloten als Leichen an der Absturzstelle in the middle of nowhere (ja, googelmappen Sie ruhig einmal Bitterroot Mountains) zurücklassen muss, verlässt Susanne in Andrin sehenden Auges den schienenersatzverkehrenden Bus, als dieser inmitten der Alpen zwischen der Schweiz und Italien aufgrund eines Steinschlags umkehren muss. Susanne hat sich in den Kopf gesetzt, per pedes doch noch ihr Etappenziel zu erreichen. Ein heftiges Unwetter überrascht die fröstelnde Wanderin, der geländewagenfahrende Titelheld Andrin nimmt die pitschnasse Frau mit in sein verwunschenes Bergdorf, in dem er – inmitten in einem Sperrgebiet – allein mit seiner Frau einen kleinen, properen Selbstversorger-Hof betreibt.

Dort erwarten Susanne, die Texterin mit Schreibblockade, eine heiße Dusche, ein heimeliges Gästezimmer und erstklassig zubereitete Hausmannskost. Die existentiellen Erfahrungen in einer für den Ungeübten wahrhaft lebensgefährlichen Natur, die Cloris in Nordmontana über Monate hinweg machen und bestehen muss, bleiben Susanne erspart. Allein die stets als abstrakte Bedrohung in der klaren Bergluft liegende Gefahr eines abgehenden Stein- und Geröllschlags schwebt als Damoklesschwert über dem alpinen Setting.

Denn dort beginnt nun für Susanne eine zeit- und handlungslose Phase – wohl Frühling und Sommer bis hin zu den Anfängen des Herbstes –, in der die freiberufliche Autorin all ihre Verpflichtungen gegenüber Verleger und Ghostwriting-Kunden fahren lässt, einfach bei dem alten Bergbauernpaar bleibt, beim Renovieren eines verfallenen Hauses und in der Küche mit anpackt – und sich immer weniger über die mystisch-esoterischen Vorkommnisse wundert, die eine gewisse erzählerische Spannung aufrecht erhalten, ohne diese jedoch jemals einzulösen.

Dass das Leben im an sich unwirtlichen Bergbauernweiler aufgrund einer nur übernatürlich zu erklärenden, andauernden Fruchtbarkeit des Bauerngartens mit vollreifen, köstlichen Tomaten, Gurken, Zucchini, Zwiebeln, Kartoffeln und vielfältigen Früchten garniert ist, die die beiden „Eingeborenen“ mit Leidenschaft und Können zu anspruchsvollen Gerichten kombinieren – geschenkt. Dass die Hühner des Anwesens stets doppeldottrige Eier zu legen in der Lage sind – logisch. Dass die mit unterschiedlichen Steinsplittern aromatisierten, esoterisch-energetisch aufgeladenen Bergquellwässer – es gibt nur dieses Wasser oder Milch der Handvoll Kühe im Tal zu trinken –, dass also die unterschiedlichen Wässer aus unterschiedlichen Krügen in unterschiedlichen Gläsern dargereicht unterschiedliche Wirkungen erzeugen vom Durstlöschen über eine euphorisierende Wirkung bis hin zu einem reproduzierbaren Wasserschwips – geschluckt. Dass aber die drei auf sich selbst zurück geworfenen Personen im Roman dem Leser letztlich recht fremd und fern bleiben – erstaunlich. So bleibt es auch rätselhaft, wovon (im arbeitsteilig-materiellen Sinne) die drei Protagonisten des Buches leben.

Denn die Autorin führt uns Leser immer wieder auf durchaus interessante Themenpfade (Wasserqualität der Bergquellen, Fruchtbarkeit des Bauerngartens, die Sinnhaftigkeit des einfachen Lebens, fast monastisch inspiriert von ora et labora, die Absenz von Internet und TV…), die dann aber im Nirvana des sich eifrig eröffnenden Möglichkeitenraumes, des bestenfalls Impliziten versanden. Alles bleibt in einer Schwebe, die den nach mehr als Quellwasser dürstenden und nach mehr als Gartenfrüchten hungernden Leser am langen Arm der Handlungsarmut verhungern lässt.

Die Debütautorin Martina Altschäfer ist eine Malerin und Grafikerin, sie hat auch das Titelbild des schön ausgestatteten Bandes aus dem Mirabilis-Verlag gestaltet – das durchaus als „Etikettenschwindel“ gelten kann. Denn die düster-dräuende Stimmung ihres Bildes findet keinesfalls einen Widerhall im Verlauf des Aufenthaltes von Susanne im verwunschenen Bergdorf. Sie bleibt einfach dort, bis beim Herbstbeginn aus wiederum nicht explizit werdenden Gründen oder Motiven ihre Zeit bei Andrin und seiner Frau abgelaufen ist und sie eine der wenigen Fahrten des Titelhelden nutzt, um zum nächsten Bahnhof zu gelangen.

Auch die Konnotation des Romans als „Natur-Erzählung“ wird kaum eingelöst – selten hat man einen alpinen Bergbauerntext gesehen, in dem so wenig Natur, Naturbeschreibung vorkommen wie in Andrin. Nicht, dass ich Stanzen (aka Binsen) von Gemsen oder Murmeltieren, von Enzian und Alpenveilchen goutiert oder gar erwartet hätte, ebenso wenig wie Herz-Schmerz-Heidi-Textbausteine, aber eine auf der Titelseite skizzierte und der U4 als unzähmbar beschriebene Natur ist im Buch kaum zu finden.

So bleibt als klare Lese-Empfehlung Cloris, die ihre wahrhaft lebensbedrohlichen Herausforderungen mit Mut und Grandezza zu bestehen und die Hilfe ihrer zwei skurrilen Helfer mit Dankbarkeit anzunehmen weiß. Dagegen bleiben die Protagonisten in Andrin blutleer und die Erzählstränge unvollendet.

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Verlagsvorstellung der Autorin Martina Altschäfer

Martina Altschäfer hat Bildende Kunst und Germanistik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Konrad Klapheck studiert. Ihre künstlerische Arbeit ist unter anderem mit dem Burgund-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz sowie dem Preis des Landes Rheinland-Pfalz für Graphik ausgezeichnet worden. Trotz ihrer großen Vorliebe für das Gebirge lebt und arbeitet Martina Altschäfer in Rüsselsheim am Main.
„Andrin“ ist Martina Altschäfers Romandebüt, nachdem 2017 bereits ihr Erzählband „Brandmeldungen“ mit zahlreichen farbigen Zeichnungen und Textcollagen im Mirabilis Verlag erschienen ist.
Website der Autorin: http://www.altschaefer.de/

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KRAUTJUNKER-Rezensent Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen


Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Andrin

Autorin: Martina Altschäfer

Verlag: Mirabilis Verlag

Verlagslink: https://mirabilis-verlag.de/produkt/martina-altschaefer-andrin-roman/

ISBN: 978-3-947857-05-0

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