Innere Sicherheit

von Florian Asche

„Hy, guys, what are you looking for?“ Der Verkäufer begrüßt uns wie alte Klassenkameraden und rückt auch gleich mit den Kostbarkeiten heraus, die sein Gun-Shop zu bieten hat. Da ist zum Beispiel die neueste Revolverkollektion für die stilbewusste Dame, 38 special, natürlich in pink. Unser neuer Freund vergisst dabei nicht, auf die neue „Ladies Night“ hinzuweisen, ein Programm für betreutes Schießen, nur für Damen, unter sachkundiger Anweisung. Ehemänner und Boyfriends verboten. Keine Machosprüche aus dem Off sollen die Konzentration auf Amerikas liebstes Spielzeug stören, die Schusswaffe. Für das liebe Kindlein bietet man uns ein Gewehrfutteral an, rosa mit schwarzer Aufschrift: „My first Rifle“. Daneben steht ein Sturmgewehr im „Stars and Stripes-Outfit“. Ja, wirklich, wir sind in Amerika. Staunend gehen wir im Laden umher und können es kaum fassen, was uns im Land der unbegrenzten Möglichkeiten geboten wird.
Kaum ein Staat der zivilisierten Welt hat eine so selbstverständliche Beziehung zum Schießeisen wie die USA. Hierzulande ist der Waffenbesitz als solcher verpönt. Waffen signalisieren, dass ihr Besitzer bereit sein könnte, damit auch zu schießen und das ist per se verwerflich. Bei Soldaten, Polizisten und Jägern wird die Waffe gerade noch hingenommen. Es geht nun mal nicht ohne. Doch Sportschützen und Sammler stehen zunehmend unter Druck. Am liebsten würden unsere Innenpolitiker hier wieder das alte DDR-Prinzip der totalen Kontrolle einführen. Die Freiheit des Bürgers ist für den Sicherheitspolitiker ohnehin überbewertet.
In den USA genießt der Schusswaffenerwerb hingegen den Schutz des zweiten Verfassungszusatzes. An der Supermarktkasse von Walmart kann man deshalb durchaus hören: „Also, das sind 6 Diätcola, zwei Packungen Oreo und eine Remington Gamemaster 30/06. Möchten Sie Munition dazu?“ So radikal wie wir Deutsche in der Ablehnung, so extrem sind die Amerikaner im Zuspruch zur Schusswaffe.
Die Quittung flimmert jeden Morgen über die Fernsehschirme: In El Paso/Texas erschießt ein Rechtsradikaler 20 Menschen in einem Einkaufszentrum, in Dayton/Ohio ist es ein Linksaußen, der 9 Passanten niedermetzelt, darunter seine eigene Schwester. In Chicago, einer Stadt mit 2,7 Millionen Einwohnern, kommt es jährlich zu über 3000 Schießereien. Allein 2017 waren 762 Mordopfer zu beklagen. Da kommt der Moloch Berlin mit 94 Toten bei über 3,5 Millionen Einwohner vergleichsweise glimpflich davon. Deutsche Innenpolitiker pflegen bei solchen Zahlen milde zu lächeln und ihren rigiden Waffengesetzen das Verdienst an der allgemeinen Sicherheit zuzuschreiben. Doch dazu besteht wahrlich kein Anlass.

Abb.: Gewehrpyramide; Bildquelle: Bildquelle: Janine Brunner
@vomWaldindenMund aus der KRAUTJUNKER-Facebookgruppe


Nicht die Waffenzahl und die Härte der Gesetze entscheiden nämlich über den Umfang der Kriminalität, sondern die soziale Beziehung der Menschen zur Gewalt.

Blicken wir beispielsweise Richtung Schweiz, dann stellen wir fest, dass dort eines der liberalsten Waffengesetze Europas herrscht. Schließlich steht bei jedem Eidgenossen ein Sturmgewehr im Kleiderschrank, als Ausdruck einer jahrhundertalten Tradition der wehrhaften Demokratie. Dennoch liegt die Mordquote im Alpenländchen bei nur 0,5 auf 100.000 Einwohner. Weniger geht kaum, denn auch in der kultiviertesten Umgebung schlägt am Weihnachtsabend mitunter eine genervte Frau ihrem Gatten eine Bratpfanne auf den Kopf, weil er dreißig Jahre lang geschmatzt hat. Solche Dinge geschehen.
In Mexiko gibt es offiziell nur einen einzigen Waffenhändler in der Hauptstadt. Für einen Einkauf muss man ein lupenreines Vorstrafenregister haben. Dennoch liegt die Mordrate knapp vierzigmal so hoch wie in der Schweiz. In Brasilien kommen jedes Jahr offiziell über 60.000 Menschen gewaltsam ums Leben, obwohl bis zum vergangenen Jahr dort eines der strengsten Waffengesetze des Kontinents galt. Die Altersgrenze lag für den Erwerb bei 25 Jahren. Für jeden Transport war eine Genehmigung erforderlich. Menschen mit bestimmten Vorstrafen waren vom Erwerb ausgeschlossen. Es ist der Hardliner Bolsonaro, der die Gesetze nun lockert, gerade weil die Kriminaliät mit illegalen Schusswaffen ein unerträgliches Maß erreicht hat. Gerade Frauen, die häufig Mordopfer werden, sollen sich bewaffnen.
Auch im sicheren Deutschland sind nicht die 6 Millionen legale Schusswaffen das Problem, sondern die 10-20 Millionen illegaler Schusswaffen. Unser absurd hartes Waffenrecht ist also kein Mittel für mehr innerer Sicherheit, sondern Ausdruck eines Staates, der sich gegenüber dem Bürger stark zeigt wo er gegenüber der Kriminalität schwach bleibt. Das Waffenrecht ist kein Platz für simple Rezepte.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Dieser zeitlose Text ist vom 14. Oktober 2019.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

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