Wanderfieber – 3392 Kilometer zu Fuß von Flumenthal nach Moskau

Buchvorstellung von Thomas Thelen

U4-Klappentext: »Nachdem Christian Zimmermann im Jahr 2016 mit einem Einkaufswagen den gesamten australischen Kontinent durchwanderte, konnte er sich am Ende der abenteuerlichen Reise nicht von seinem treuen Transportmittel trennen. (…) Drei Jahre später verspürt der Fotograf wiederum das Wanderfieber. Er belädt sein Vehikel und macht sich Richtung Osten auf.«

Die ungewöhnlichsten Gefährten und die ungewöhnlichsten Gefährte begleiten Weltenbummler seit Urzeiten durch Länder, Kontinente und rund um den Globus – Elefanten, Pferde, Esel oder Lamas, Hunde, Kühlschränke, Kanus, Einhandsegler, Ein-, Zwei- und Dreimaster, Schlitten, Kutschen, Bollerwagen, Einräder, Zweiräder, Dreiräder, Onroad- und Offroad-Fahrzeuge, Zwei-, Drei- und Mehrfachachser, 4×4, 6×6 oder Ketten-angetriebene Schneemobile bis hin zu abenteuerlichen Amphibienfahrzeugen und dem Fliewatüüt.

Bisher unbekannt als typisches Weltenbummlerbegleitfahrzeug ist der eher im Super- oder Baumarkt beheimatete Einkaufswagen, zumeist hergestellt von einem typisch deutschen hidden champion, dem Einkaufswagen-Weltmarktführer Wanzl aus Leipheim. Zimmermann hat das Teil in Australien erworben, es scheint aus der Wanzl-Serie DRC zu stammen, dem Klassiker für den »Markt mit gut sortierter Getränkeabteilung«, wie die Produktinformation betont: Korb und erhöhtes Untergestell aus Draht, serienmäßig mit Bodenrost, engmaschige Wagenkörbe, Volumen von 75 bis 185 Liter, Original Wanzl-Rollen mit 100 bzw. 125 mm Durchmesser.

Hatte Zimmermann für die Australientour noch eine kontinentgerechte Spurverbreiterung an seinem Gefährt vorgenommen, so steht für den Osteuropatrip nun wieder eine Spuranpassung auf kleinteilig angemessene 600 mm sowie eine Neubereifung mit frischen Rollen an – oder heißt das dann Rollentausch?

Am 5. Mai 2019 geht es los, Startpunkt ist das Heimatdorf des Abenteurers, Flumenthal vor den Toren Solothurns zwischen Basel und Bern in der schönen Schweiz gelegen. Hier beginnt der Fotograf und Autor, der gerne en Detail dokumentiert, seine Reise: in 4.240.000 Schritten legt er 3.392 Kilometer und 30.000 Höhenmeter zurück, er durchmisst in 111 Marschtagen acht Länder mit vier Zeitzonen und verbraucht drei Paar Socken. Ziel: Moskau, Roter Platz – Wladimir, ich komm zu Dir!

Seine Packliste dokumentiert den erfahrenen Minimalisten, trotzdem kann die Reise mit einem schweren, manchmal störrischen Gefährt herausfordernd werden – wir alle kennen das ansatzweise aus dem Supermarkt mit einem vollen Einkaufswagen auf widerspenstigen Rollen… Doch die Beziehung zwischen Zimmermann und seinem australischen Begleiter ist eine ganz besondere, spätestens, seit ihm Schulkinder down under bei der Namensfindung zielführend behilflich waren: »Mrs. Molly – the shopping trolley!«

Nun also nennt Zimmermann den Vierroller liebevoll Mrs. Molly und die beiden führen ab und an ein trautes Zwiegespräch; in kurzen Abschnitten kommt Mrs. Molly im Buch sogar zu Wort.

Überwältigende Gastfreundschaft

Je skurriler das Gefährt (trifft sicher auch auf Gefährten zu, aber Zimmermann ist Soloreisender…), je skurriler also das Gefährt, um so skurriler die Begegnungen mit „Eingeborenen“: Wer in einem hochmodernen, hermetisch abgeschirmten Expeditionswohnmobil mit autarker Versorgungstechnologie, krisenfester Langzeitbevorratung und Rundumverdunkelung unterwegs ist, wird andere Begegnungen haben und Erfahrungen machen als ein Backpacker per pedes oder eben Christian Zimmermann mit seinem Einkaufswagen.

Die Begegnungen mit den Menschen entlang der Strecke zeigen durch die Bank freundliche, teils liebevolle Zuwendung und Unterstützung jenseits aller sprachlichen oder sozialen Unterschiede – eine Erfahrung, die fast die gesamte Weltenbummlerliteratur durchzieht wie ein roter Faden. Liegt es daran, dass in der Rückschau alles rosarot erscheint? Liegt es daran, dass in den „großen“ Nachrichten stets die negativen Dinge überwiegen – only bad news are good news – und damit kein Platz ist für das Erfreuliche? Oft wird Zimmermann zunächst ein wenig skeptisch beäugt, sein außergewöhnliches Begleitfahrzeug lässt, so lese ich zwischen den Zeilen, viele Beobachter zuerst an einen obdachlosen „Tippelbruder“ denken, der – leider – grundsätzlich argwöhnischer betrachtet wird als ein Kontinentalwanderer. Bei fast jeder Begegnung – je ärmer das Gegenüberüber, umso eher – erhält er Hilfe, Unterstützung, Wasser, Lebensmittel, Einladungen zur Vesper, zum Verschnaufen, zum Verweilen und gute Tipps und Hinweise zur Weiterfahrt. Als „Eisbrecher“, unabhängig von allen Sprachbarrieren, erweist sich neben Mrs. Molly ein von Zimmermann vorbereitetes, kopiertes Blatt mit den wichtigsten Informationen zu seiner geplanten Reise, das er gerne und freigiebig seinen Gesprächspartnern in die Hände drückt.

Literarisch sind das Tagebuch-Format und der Hang des Autors zur Dokumentation Fluch und Segen zugleich: Man verfolgt die Reise Tag für Tag, Kilometer für Kilometer, jedes geografische, jedes mentale Auf und Ab findet Niederschlag im Buch. Fast jede Mahlzeit findet Erwähnung, dass der Held am Einkaufswagen gerne nachmittags ein Bierchen trinkt, wissen wir verlässlich nach wenigen Tagen und es überrascht nur bedingt, dass sich das während der Reise kaum ändert. Und auch der strukturierte Tagesablauf bleibt eher überraschungsfrei – Aufwachen, Frühstück, Packen, Tour, Mittagessen, Tour, Bierchen, Schlafplatz suchen, Biwak aufbauen, Abendbrot und gute Nacht!

Dafür, dass Zimmermann eine recht umfangreiche Fotoausrüstung mitführt und selbst als Fotograf arbeitet, bewegen sich die Bilder im Buch eher auf dem Niveau guter Handy-Schnappschüsse. Unverständlich, dass bei all der Dokumentationsbegeisterung des Autors konsequent Bildunterschriften fehlen – schade!

Ein trockener, zurückhaltender Humor durchwebt den Text – immerhin!

Und eines ist sicher – für Christian Zimmermann, den Weltenbummler aus dem Berner Land, gilt sicher nicht der böse regionale Witz: „Ein Berner ist zum Schneckenfangen im Garten eingesetzt, doch er kommt ohne eine einzige Schnecke zurück. Wieso? – „Husch, husch, weg waren‘s!“

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Thomas Thelen

Thomas Thelen ist Deutsch-Drahthaar-Bändiger, Leihhund-Bespaßer, Fliegenfischer, Holzwerker und Genießer – und eher nebenher Unternehmensberater und Autor.
Zuhause in den südbadischen Weinbergen, hält er nicht nur nach Schwarz- und Rehwild Ausschau, sondern auch nach empfehlenswerter Lektüre und leckeren Rezepten. Wenn sie seinen Geschmackstest bestehen, werden sie hier umgehend weiterempfohlen – oder kritisch betrachtet.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe und Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Wanderfieber – 3392 Kilometer zu Fuß von Flumenthal nach Moskau

Autor und Fotograf: Christian Zimmermann

Verlag: tredition

Verlagslink: https://shop.tredition.com/booktitle/Wanderfieber/W-1_127424

ISBN: 978-3347009356

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