Alaska: Bretter gegen Bären

von Guy Grieve

Nach einer Woche war mein Knöchel so weit abgeschwollen, dass ich mich daranmachen konnte, meine Hütte bärensicher zu verrammeln. Als Erstes trug ich die Sperrholzplatten und die Rollen mit der Isolationsmatte zusammen und stapelte alles drinnen im Haus, denn ich wusste, dass Charlie später einmal ein richtiges Dach nachrüsten wollte. Es war Anfang April, und die Bären streiften bereits munter durch den Wald. Einen Tag bevor ich die Hunde zurück nach Galena gebracht hatte, war ich noch einem großen Grizzly begegnet. Er stand am Flussufer, nicht weit von der Stelle entfernt, wo mein Weg zur Hütte begann, und richtete sich auf den Hinterbeinen auf, um mich besser sehen zu können. Er war wirklich ein riesiger Kerl, und das Licht der niedrig stehenden Sonne ließ sein dunkles Winterfell glänzen. Ich hielt den Schlitten an und staunte. Der Gedanke, der mir sofort durch den Kopf ging, war natürlich: Was würde ich machen, wenn er auf mich losging und es auf mein Leben abgesehen hatte?

Die Hunde verharrten vollkommen regungslos in ihrem Geschirr, kein Ton war von ihnen zu hören, kein freches Kläffen, kein empörtes Jaulen. Wenn man einem solchen mächtigen Raubtier begegnete – das hatten wir alle in den Genen, Menschen wie Hunde –, war es besser, still zu sein und unterwürfig zu erscheinen. Ich hatte natürlich die gruseligen Geschichten gehört: von Grizzlys, die Schlittengespanne attackierten, die Hunde aus dem Geschirr rissen, ihnen das Rückgrat brachen und die Köpfe zerquetschten. Und sich den Musher bis zum Schluss aufhoben. Glenn hatte mir von dem grausigen Erlebnis eines Mushers erzählt, das in meinem Gedächtnis besonders hartnäckig haften geblieben war: Der Mann hatte das Pech gehabt, zu Beginn des Winters auf einen Grizzly zu stoßen. Der Bär griff sofort an und erledigte einen Hund nach dem anderen, während der Musher hilflos auf den Knien hinter seinem Schlitten kauerte, in den Händen seine einzige Waffe, den Schneeanker. Ausgerechnet an diesem Tag hatte er seine Flinte nicht mitgenommen. Als alle Hunde im Todeskampf röchelten, nahm sich der Grizzly sein letztes Opfer vor. Der Mann hatte mit seinem Leben abgeschlossen, und der Bär drückte ihm schon die vor Hundeblut triefende Schnauze auf die Brust, da bäumte sich einer der Hunde noch einmal auf und fiel den Bären von hinten an. Der machte natürlich auch mit diesem tapferen Husky kurzen Prozess – doch dann schien er den Mann ganz vergessen zu haben und verschwand im Wald, ohne sich noch einmal umzudrehen. Der Musher war dem Tod von der Schippe gesprungen. Aber auch nur so gerade eben.

All das raste mir jetzt im Schnelldurchgang durch den Kopf, und ich blieb erst mal ganz still stehen. Was sollte ich tun? Einfach den Fuß von der Bremse und los? Keine gute Idee, denn der Bär war mindestens so schnell wie wir, und seinen Jagdinstinkt wollte ich nun wirklich nicht wecken. Immer­hin lag zwischen uns und dem Grizzly eine tiefe Schneewehe und außer­dem dichtes Weidengestrüpp. Wenn er tatsächlich angreifen sollte, blieb mir eigent­lich genug Zeit, die 45/70er zu schnappen und eine Patrone in den Lauf zu schieben. Nur müsste ich dafür von den Kufen steigen und die Fußbremse loslassen, was leider zur Folge haben würde, dass die Hunde sofort losrannten. Also erst den Anker in den Schnee? Auch keine gute Lösung, denn dafür brauchte ich beide Hände – eine, um den Schlitten zu halten, und die andere, um den Anker in den Schnee zu drücken. Doch damit würde ich wertvolle Zeit verlieren und mit meinen Bewegungen möglicherweise auch noch den Bären nervös machen.

Es war ein Patt wie beim Schach, es gab keinen Zug, den ich machen konnte, ohne in Gefahr zu geraten, und mir blieb nichts weiter, als zu beten, dass der Bär uns nicht angriff. Sieben Hunde, ein Mann und ein Grizzly starrten einander an, und die Minuten vergingen. Ich hörte die heiseren Rufe der Raben über uns und sah, dass sie sich in den Ästen der Pappeln niederließen, wie Gäste in einem Restaurant, die sich an den gedeckten Tisch setzen. Plötzlich wandte sich der Bär ab, er ließ sich auf alle vier Pfoten fallen, und mit katzenartiger Geschmeidigkeit war er im Wald verschwunden. Trotz meiner Erleichterung spürte ich, wie meine Knie zitterten, und ich blieb noch einen Moment stehen, um mich zu sammeln. Dann erst nahm ich den Fuß von der Bremse, und wir fuhren weiter.

Alaska Bär

Die Begegnung mit dem Grizzly hatte mich nervös gemacht. Von meinem langsam auftauenden Lager stiegen viele Gerüche auf, die auf hungrige Bären wie ein Magnet wirken mussten. So schnell wie möglich brauchte ich jetzt einen effektiven Schutz für meine Hütte, sonst würden die Räuber bald bei mir auf der Türschwelle stehen. Überhaupt blieb mir nur wenig Zeit, bis das Eis auf dem Fluss unpassierbar sein würde, und das für mehrere Wochen. Wenn ich nach Galena wollte, musste ich rechtzeitig los.

Die Lösung der Einheimischen: »bear boards«, Bretter, durch die Dutzende von Nägeln getrieben sind. Mit den Nägeln nach außen werden sie vor Fenstern und Türen montiert, damit Bären gar nicht erst auf die Idee kommen, in das Haus einzubrechen. Einen schlimmeren Gast kann man sich nämlich nicht vorstellen: Wenn der Bär erst mal drinnen ist, macht er sich zuerst über alles her, was irgendwie fressbar erscheint, vom Zucker im Vorratsschrank bis zur Seife neben dem Waschbecken, bevor er alles mit seinen Exkrementen bekleckert. Und zum Schluss schlägt er alles kurz und klein, wobei das größte Problem aber der Gestank ist, den die ungebetenen Gäste hinterlassen: Den widerwärtigen Geruch eines Bären wird man so schnell nicht wieder los, und manchmal hat man keine andere Wahl, als die Hütte komplett aufzugeben und neu anzufangen.

Ich nagelte die Bretter fest und trat ein paar Schritte zurück, um mein Werk zu begutachten. So viel stand fest: Eine deutlichere Art, sich von seinem Zuhause zu verabschieden, gab es wohl kaum. Meine letzte Nacht in der Wildnis wollte ich nicht mehr in den vier Wänden meiner Hütte verbringen, sondern unter freiem Himmel, und ich wusste auch schon wo. Ich schnallte die Schneeschuhe an und stapfte über den See und weiter den Berg hoch, bis ich im dichten Fichtenwald an eine Lichtung kam. Ich suchte mir zwei dünne Bäume, die dicht genug beieinanderstanden, und sägte einen Stamm in einer Höhe von etwas mehr als einem Meter so weit durch, dass ich ihn um 90 Grad knicken und an dem anderen Bäumchen festbinden konnte – das war mein Dachfirst. Als Nächstes trampelte ich den Schnee fest und legte den Boden mit Fichtenzweigen aus. Jetzt brauchte ich kräftige Äste als Sparren und dünnere Zweige als Dachbelag. Noch eine Lage Schnee drüber, und fertig war meine gemütliche Notbehausung, in der es wunderbar nach Fichten­harz duftete.

Ich machte ein Feuer, um Schnee zu schmelzen und mir einen Kaffee zu kochen. Als Kanne diente eine ausgediente Konservendose, die ich an einem Ast über dem Feuer aufhängte. Obwohl die Temperatur in dieser Nacht wieder auf fast minus 30 Grad fiel, fühlte ich mich sehr behaglich in meiner Fichtenhöhle – ich verzichtete sogar auf meinen dicken Schlafsack und hüllte mich nur in meinen Biwaksack. Ein gelber Mond hing tief am Himmel, und als ich meine Kerze ausblies, hörte ich den Wind durch die Bäume säuseln und die Uhus heulen. In diesem Augenblick war ich so glücklich und zufrieden wie selten in den vergangenen Monaten und schlief mit dem Gedanken ein, wie privilegiert ich doch war, dies alles zu erleben.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Ende der Leseprobe, aber nicht des Kapitels.

 

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

eine-buroklammer-in-alaska

Titel: Eine Büroklammer in Alaska: Wie ich meinen Schreibtisch gegen die Wildnis eintauschte

Autor: Guy Grieve

Übersetzung: Olaf Kanter, Hamburg

Fotografien: Guy Grieve

Illustration: Hans Baltzer, Berlin

Gestaltung: Daniela Greven, Berlin

Verlag: Ankerherz Verlag GmbH

ISBN: 978-3-95898-011-2

Verlagslink: https://www.ankerherz.de/products/eine-buroklammer-in-alaska?variant=43652053907

Website Illustrator: http://www.hansbaltzer.de/Der-Konig-von-Berlin

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2017/03/05/alaska-eine-unheimliche-begegnung-im-unterholz/

Rezension: https://krautjunker.com/2017/04/15/eine-bueroklammer-in-alaska-wie-ich-meinen-schreibtisch-gegen-die-wildnis-eintauschte/

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Guy Grieves neuer Beruf, besser seine neue Berufung: http://ethicalshellfishcompany.co.uk/

 

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