Der gastrosexuelle Mann – Kochen als Leidenschaft

Buchvorstellung

Carsten Otte, studierter Philosoph, hat sich geoutet: Er ist gastrosexuell. In seinem Buch Der gastrosexuelle Mann – Kochen als Leidenschaft erklärt er mit viel Verve auf 246 Seiten seine besondere Perversion und ihre Geschichte.

Carsten Otte

Noch vor mehreren Jahrzehnten war die Gastrosexualität unbekannt. Ihren Ursprung hat sie in der Emanzipation der 60er Jahre. Immer mehr Frauen wurden berufstätig und verloren die Lust, neben der Arbeit und der Kindererziehung sich noch in der Küche aufzurauchen. Es begann die Epoche der Fertiggerichte aus Tiefkühlung und Dose. Männer, die gerne gut aßen, wurden zuerst Gäste in der gehobenen Gastronomie. Ihre Nachfrage und der steigende Wohlstand ermöglichten das Aufsteigen der gehobenen Restaurantküche in Deutschland auf zuvor unbekannte Höhen. Doch wie es unserer Ingenieurkultur entspricht, wollten sie nicht nur konsumieren, sondern selber machen. Das heißt sich vom Gast zum Gastgeber entwickeln und alle gastronomischen Prozesse selbst beherrschen. Dabei stand ihnen nicht so sehr der Sinn danach, die schnöde Alltagsküche der Hausfrauen zu bewältigen, als vielmehr Renommierdinners wie eine herausfordernde Sportart auszuüben. Zweifellos gibt es Männer, die sich High-End-Küchen und hochpreisige Lebensmittel als Distinktionsmittel zulegen, für viele ist das immer anspruchsvollere Zubereiten von Speisen in der Küche oder am Grill im Garten schlichtweg eine beglückende Leidenschaft mit außerordentlich vielen herausfordernden Facetten.

Erklärungsversuche zum Phänomen männliche Gastrosexualität gibt es diverse:
Kochende Männer können eine Option sein tradierte Rollenverteilungen zu hinterfragen. Anderen geht es vielleicht darum, eine sinnliche Ersatzbefriedigung für das eingeschlafene eheliche Sexualleben zu suchen. Für gestresste Manager mag die Essenszubereitung praktisches Meditieren ohne esoterischen Klimbim sein und manische Alphamännchen wollen auch beim Zubereiten und Präsentieren gegenüber ihren Frauen eine Vorreiterrolle übernehmen.

Jenseits von Langeweile und Profilierungssucht hat Carsten Ottes Recherche drei Hauptkräfte entdeckt, welche Männer in die Küche treiben:
1. Ein erweitertes erotisches Verlangen, welches sich auch auf Nahrung und nicht Geschlechtsverkehr erstreckt.
2. Die geistige und handwerkliche Herausforderung, hervorragendes Essen zuzubereiten.
3. Die Sehnsucht der Büromenschen nach beglückenden gemeinschaftlichen Erlebnissen mit Familienmitgliedern und Freunden.

Schlichte Fresssucht und Freude an der Völlerei nennt er nicht, was ich sehr erleichternd finde, werden diese Sünden doch mir öfters unterstellt.

In Der gastrosexuelle Mann folgt der Leser Carsten Otte durch viele Kapitel, in denen er die verschiedenen Aspekte seiner Leidenschaft beschreibt und untersucht. Es sind 27 plus ein Kapitel mit Literaturempfehlungen. Wen deutsche Männer etwas machen, dann machen sie es zwanghaft ganz genau und unter Volldampf. Glücklicherweise mittlerweile auch mit viel Humor. Über welche Bedeutung verfügt der Aperitif? Warum reicht kein schlichtes IKEA-Messer? Warum erinnern sich Gastrosexuelle lieber an ihr erstes vollkommenes Mahl und nicht an ihre erste sexuelle Nummer? (KRAUTJUNKER-Vermutung: Es dauerte deutlich länger…) Wie baut man systematisch den eigenen Küchen-Gerätepark auf, ohne dass die Frau ausflippt und einen zum Paartherapeuten schleppt?

Kochen ist eben das ideale Männerhobby. Mann kann viel familienfreundlicher seine Lust an der Technik ausleben, indem man seinen Gasgrill von 300 auf 400 Grad tunt, anstatt in einer hässlichen Garage zu hocken und das Motorrad auseinander und zusammen zu bauen oder im Keller Modellflugzeuge zu basteln. Teilweise wird es natürlich albern, wenn Mann für ein Damaszener-Küchenmesser so viel Geld wie für einen schönen Urlaub ausgibt und einem das Schmuckstück zu kostbar ist, um es in der Küchenpraxis zu benutzen. Wer mag andererseits abstreiten, dass so viel perfektionistische Idiotie auch sehr männlich ist?

Zugegebenermaßen kann ich dem Autor teilweise nicht folgen:
So wenn er mehrfach selbstbewusst betont, wie stolz er ist, grandios kochen zu können, aber nicht Autofahren kann. Ich fahre zwar selbst nie Auto als Selbstzweck, aber wer nicht gerade so viel Geld hat, dass er sich chauffieren lassen kann, ist sonst auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen. Und das heißt, dass er sich Fahrplänen unterwerfen muss, die Politiker und Staatsangestellte aushecken. Darauf mag man sich aktuell in einer Großstadt meist verlassen können, aber im Grunde ist es eine Selbstaufgabe von Autonomie.
Oder wenn er sich über die »dubiosen Männerclubs und strengen Geheimlogen« lustig macht. Dazu kann ich mir den Kommentar nicht verkneifen, dass Deutschland über großartige kulturelle Traditionen verfügt, Meinungsfreiheit aber nicht dazu gehört. In Männerclubs, die älter als hundert Jahre sind, lebt das kulturelle Gedächtnis fort, dass es klug ist, wenn man nicht alles nach außen trägt, was im Inneren frei besprochen wird. Jetzt könnte man sagen, dass sich dies geändert hat. Hierzu möge die Antwort genügen, dass Putin das von Heiko Maas geschaffene Netzwerkdurchsuchungsgesetz kopieren ließ, welches in Deutschland von einer ehemaligen Stasi-Mitarbeiterin durchgesetzt wird.
Dies nur als unvermeidliche Anmerkungen eines Hardcore-Liberalen.

Als wirklich letzter Kritikpunkt: Mein nicht ganz ein Jahr altes Exemplar, sieht schon ziemlich vermackelt aus…

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Ganz überwiegend hat Carsten Otte ein ebenso unterhaltsames wie kluges Buch darüber verfasst, wie manisch Männer Kochen als Hobby ausüben. Als Beleg dafür kann ich auch auf die vielzähligen überaus positiven Rezensionen hinweisen, die in verschiedenen großen Zeitungen veröffentlicht wurden (siehe: https://www.carsten-otte.com/buch/der-gastrosexuelle-mann). Wer sich tiefer mit der Thematik befassen möchte, findet in dem Buch jede Menge Anregungen zu Büchern, Websites und Zeitungen. Und natürlich stolpert man lachend über tiefe Weisheiten, wie jene des in Herford geborenen literarischen Phänomens Wiglaf Droste: »Diät ist Mord am ungegessenen Knödel.« Oder die Erkenntnis: »Es ist [beim Essen] wie beim Genuss eines Kunstwerks. Auf einer ersten, unmittelbar sinnlichen Ebene muss ein Roman oder ein Gemälde gefallen, empören, irgendein Interesse wecken. Aber nur wer in der Lage ist, ein Werk auch tiefer zu durchdringen, wer Anspielungen und Zitate versteht, wer seine Formensprache einzuordnen weiß, wird sich an seiner ästhetischen Fülle berauschen können. Und diese intellektuelle Einsicht in die innere Notwendigkeit des Kunstwerks ruft ähnliche Glücksgefühle hervor wie der Genuss einer etwas anspruchsvolleren Aromenarchitektur.«

Gastrosexualität ist also die Erweiterung des Sexualbegriffes von den geschlechtlichen Aktivitäten im Bett zu einem weit gefassten leiblichen Glück im Alltag. Einen guten Appetit und ein leckeres Lesevergnügen kann ich da nur wünschen. Zur Warnung muss ich hinzufügen: Das Buch macht hungrig.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Titel: Der gastrosexuelle Mann – Kochen als Leidenschaft

Autor: Carsten Otte

Fotograf: Hartmuth Schröder, Frankfurt http://schroeder-fotografie.de/home.html

Verlag: Campus Verlag GmbH

ISBN: 978-3593500430

Verlagslink: http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/politik/der_gastrosexuelle_mann-8517.html

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Leseprobe: https://krautjunker.com/2017/09/12/gastrosexualitaet-das-erste-mal/

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WELT: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131815276/Die-echten-Hoehepunkte-erlebt-man-nur-am-Herd.html

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