Blattjagd: Das Wetter

von Bertram Graf v. Quadt

Zu kaum einer anderen Jahreszeit beobachte ich den Wetterbericht so häufig und eingehend wie im Vorfeld und besonders während der Rehbrunft. Dabei ist mir weniger wichtig, ob es regnet oder die Sonne scheint – das hat lediglich auf die Ausrüstung Einfluss. Mich interessiert eher die Temperatur, und da auch weniger die Höhe, sondern der Verlauf. Denn massive Temperaturumschwünge, vor allem Temperaturstürze um 10 oder mehr Grad, haben deutlich bremsenden, wenn nicht gar unterbrechenden Einfluss auf das Brunftgeschehen. Für deutliche Temperaturanstiege gilt Ähnliches, wenn auch nicht in gleichem Maß.
Der alte Spruch hat durchaus gewisse Gültigkeit: „Nun lieber Jäger, merke gut, und Weidmann, gib wohl acht: Den Bock verwirrt der Sonne Glut, den Hirsch die kalte Nacht.“ Das Rehwild mag es für die Brunft lieber warm als kalt. Wird es aber zu heiß, fällt kein Tau mehr, dann wird die Brunft flau. Man sollte nicht vergessen: Rehwild schöpft wenig, die meiste Feuchtigkeit wird mit der Äsung aufgenommen. Ist die ausgedörrt und liegt kein Tau mehr auf ihr, dann spart sich das Wild Anstrengungen, denn die Energie, die es für das Brunftgeschehen einsetzen muss, kann es kaum ersetzen: Die Flüssigkeit fehlt, mit der die Äsung aufgeschlossen werden kann. Auch wenn das Rehwild in der Hochbrunft – und an die schließt sich die Blattzeit bekanntlich an – deutlich weniger Äsung aufnimmt als sonst, bleibt diese Energiebalance so etwas wie eine Lebensmaxime des Wildes. Es wird sich in seinem Verhalten unweigerlich danach richten, denn das ist überlebenswichtig und genetisch tief verankert. Scheint noch zur Blattzeit der Mond nachts hell, dann verlagert sich das Brunftgeschehen gern in die Nacht. Wir Jäger stehen dann morgens oder abends da und wundern uns, wo die ganzen Kitze des nächsten Frühjahrs hergekommen sind. Um Mittag herum hat man dann die besten Chancen.
Sollte es regnen, muss das nicht das Ende der Jagd sein, auch wenn es dauerhaft regnet. Anfangs geht das Wild in den Bestand, weil es da trockener ist. Rehe mögen es lieber trocken als nass. Hat es aber einmal durch das Kronendach durchgeregnet, dann ist das Wild wieder überall unterwegs. Dann gilt lediglich die Frage, was der Jäger aushalten kann.

 

00_Rehwild_Bock_Ricke_Blattzeit_004_K-H Volkmar_AugAbb.: „… den Bock verwirrt der Sonne Glut …“

 

Ein weiterer Grund, warum ich die Wetterberichte in den Tagen vor der Blattzeit sehr intensiv verfolge, ist die Sache mit dem Wind. Der ist ja bekanntlich das Um und Auf des Jagderfolges. Nun kann man die menschliche Witterung – oder aus Sicht des Wildes besser: den menschlichen Gestank – inzwischen dank diverser Textilfabrikate und Kosmetika weitgehend ausschalten. Wer das tun möchte, der mache das, es ist sicherlich eine sehr praktische Sache. Ich für meinen Teil finde dadurch aber das Handwerk geschmälert und offenbare mich darin gern als hoffnungslos altmodischen und vielleicht von der Zeit überholten Jäger: Ich könnte es sicher einfacher haben, aber ich habe es lieber, wenn ich persönliches Können einbringen muss. Die richtige Einschätzung des Windes gehört dazu. Weiter vorne habe ich es bereits angedeutet, dass ich für mein Revier eine Windkarte erstellt habe: Je nach Gelände, Witterungslage und Tageszeit kann der Wind aus der Hauptwindrichtung oder aus einer ganz anderen Ecke kommen. Je nach Luftdrucksituation kann es auf der Wiese anders sein als im Bestand, kann es im Hochwald anders sein als im Stangenholz. Es lohnt sich, im Jahresverlauf genaue Aufzeichnungen über jeden Pürschgang und Ansitz zu führen und dabei auch besonders Wetter und Windrichtung festzuhalten. Aus diesem Wissen wird man später schöpfen können, wenn man sich eine Revierecke zum Blatten aussuchen soll.
Für viele Jäger ist es aber sicherlich so, dass sie in der Blattzeit nicht oder nicht nur im eigenen, bekannten Revier jagen, sondern von Freunden eingeladen sind oder eine Jagdreise unternehmen. Dann muss man sich zuerst auf die Sach- und Situationskenntnis des Jagdherrn und/oder seiner Jagdführer verlassen. Nur: Manchmal legen diese eben weniger Wert auf die Beobachtung von Wetter und Wind. Über das Wetter und die Großwetterlage kann ich im Internet einiges herausfinden, besonders landwirtschaftliche Dienste bieten da sehr gute Informationen an. Was aber den Wind angeht, bietet eins der schönsten Kinderspielzeuge, die es je gab und wohl noch lang geben wird, ganz hervorragende Möglichkeiten: die Seifenblase. Im Jagdhandel, in dem heutzutage so viel Sinnvolles (und ebenso viel Sinnloses) angeboten wird, findet man als Windweiser die abenteuerlichsten Dinge: Talkumpuder in Sprühfläschchen, Federn auf Stecknadeln, elektronische Windstärken- und -richtungsmesser, aber die versagen alle in genau der Situation, in der wir Jäger hochsommers so gern verzweifeln: die Momente, in denen die Luft zu stehen scheint, aber sich halt doch ganz langsam bewegt.

 

00_Rehwild_Ricke_Kitze_001_K-H Volkmar_Juli 2012Abb.: Steht die Luft scheinbar zäh still, bewegt sich auch das Wild weniger.

 

An diesen im Wortsinn „zähen“ Tagen bewegt sich auch das Wild etwas langsamer. Aber wenn es halt direkt in meinen Abwind läuft, dann wird es sich gewohnt schnell und unter Unmutsäußerung von dannen begeben. Mein für teures Geld erstandenes Windweisungsgerät hat keinen Luftzug festgestellt, aber da war er halt doch. Mein Pustefix-Fläschchen hingegen, für kleinen Euro im Spielwarenhandel gekauft und immer wieder am Spülbecken nachgefüllt, hätte mir durchaus gesagt, das da was weht und wohin. Und es hätte mir das nicht nur auf meinem exakten Standort verraten, sondern für einige und etwelche Meter darüber hinaus. Zudem hätte es mich für einen kurzen Moment wieder einen kleinen Buben sein lassen, der sich nicht um Steuererklärungen, Pachtverträge und Abschusslisten, sondern nur um einen Sommertag und seine Freude daran zu scheren hat. Für mich ist das Seifenblasenfläschchen ebenso wichtiger Bestandteil der Blattjagdtasche wie die Blatter selbst. Aber auch wenn die Windrichtung erkannt und festgestellt ist, darf man für die Rufjagd auf den roten Bock eines nie vergessen: Wenn er springt, dann springt er auch im Wind weiter, als er dort sonst je wechseln würde. Es gibt also auf dem Blattstand keine Blickrichtung, die man vernachlässigen darf.

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Betram QuadtAbb.: Denise Rebstock

 

KRAUTJUNKER-Autorenvorstellung: Bertram Graf v. Quadt ist einer der bekanntesten Jagdbuch-Autoren der deutschsprachigen Länder. Es ist hinreichend belegt, dass die Jagdleidenschaft in seiner Familie seit dem Mittelalter erblich ist. In jüngerer Zeit galt sein Großvater, Herzog Albrecht von Bayern als einer der besten Rehwildkenner. Laut Konrad Esterl, Wildmeister i. R., werden die Berufsjäger in Bayern und im gesamten Alpenraum nach dessen bewährten herzoglichen Methoden ausgebildet.
„Blattjagd – Handbuch für Praktiker ist für Menschen, die das Rehwild kennen oder kennenlernen wollen, die es als Bestandteil unserer Natur schätzen und die darauf mit Anstand vor dem Wild und Achtung vor Geschöpf und Schöpfung jagen möchten.“

http://deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Quadt,_Bertram_Graf_von

https://www.neumann-neudamm.com/quadt/

 

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KRAUTJUNKER

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

Titelbild-3D-Vorlage_148x210_neu.indd

Titel: Blattjagd – Handbuch für Praktiker

Autor: Bertram Graf Quadt

Bildunterschriften: © Karl-Heinz Volkmar

Verlag: Neumann Neudamm

ISBN: 978-3-7888-1799-2

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher-filme/jagdbuecher/jagdpraxis/lock-und-fangjagd/6743/bertram-graf-von-quadt-blattjagd

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Erste Leseprobe: https://krautjunker.com/2017/12/23/bertram-graf-v-quadt-ueber-die-geschichte-der-blattjagd/

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Anmeldung unter: blattjagd@email.de

Referent: Bertram Graf von Quadt

 

09:30 Uhr: Treffpunkt „Zur Bastei“

10:00 – 12:30 Uhr: Theorie (Zeitpunkt, Ortswahl und Technik des Blattes, Ausrüstung, Waffe, Bekleidung etc.)

Mittagspause, Essen auf Selbstkostenbasis im Restaurant

14:30 Uhr: Treffpunkt „Zur Bastei“

15:00 – 17:00 Uhr: Praxis: Revierbegehung (Ort- und Standortauswahl, Reviergegebenheiten, Verhalten am Blattstand etc.)

19:00 Uhr: Abfahrt zur abendlichen Blattjagd

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