Und allem Anfang wohnt ein Zauber inne

am

Stufen
von Hermann Hesse

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Abb.: Fly Fishing In The Woods, Colorado ; Bildquelle: Photo by Taylor Grote on Unsplash

von Werner Berens

Die letzten beiden Verse der ersten Strophe des Stufengedichtes haben mich immer besonders fasziniert. Oft werden sie isoliert vom Gesamtwerk zitiert, und ich wusste nie so genau, was Hesse meinte. Ich glaube, dass ich es jetzt- nicht umfassend-aber ein wenig besser weiß und gleichzeitig möchte ich dafür plädieren, die Anfänge, die das Leben bietet, wahrzunehmen, sie zu nutzen, mit ihnen zu wuchern. Einer meiner leuchtendsten Anfänge war mein fliegenfischereilicher, der als nur bedingt nachahmenswertes Beispiel dazu dienen mag, Hesses Zeilen zu illustrieren.

Ich erinnere mich gern, aber ein wenig wehmütig an die goldenen Herbsttage am Heimatfluss, genauer, an einen bestimmten. Kormorane waren noch unbekannte Wesen und an der Wasseroberfläche zerliefen etliche Ringe steigender Äschen. Werfen hatte ich mit der geschenkten Rute auf der Wiese zur offenbaren Belustigung der vorbeifahrenden Radfahrer und am Wasser geübt. Aber meine diesbezüglichen Fähigkeiten schienen für eine feine, unverdächtige Präsentation der Sedge aus dem Fliegenset noch zu grob ausgebildet. Vielleicht entsprachen auch die Fliegen nicht den Erwartungen der möglichen Beute, denn keine der steigenden Äschen reagierte. Zwei Tage lang ging das so, obwohl ich ausdauernd den Erfolg erzwingen wollte und nicht nachließ. Doch allmählich versank meine Aufmerksamkeit im Verfolgen der treibenden Fliege in der Wurfroutine, und in die anfänglich gespannte Erwartung schlich sich leise Resignation. Es war schon später Nachmittag, als die eher beiläufig beobachtete Fliege plötzlich in einem zarten Schwall verschwand. In diesem Augenblick veränderte sich mit einem Schlag mein gesamtes bisheriges Fischerleben. Ich versteinerte, reagierte nicht, begriff nicht. Als die in langen Fischerjahren eingeübten Reflexe mich die Rute anheben ließen, zappelte es am Ende der Leine, und vor Aufregung zitternd zog ich ein 25 cm langes Äschlein zu mir heran, verhaspelte mich in der Leine, als ich es mit fahrigen Bewegungen vom Haken zu lösen versuchte. Langsam begriff ich: Es war tatsächlich möglich, Fische an ein Gebilde aus Haaren und Federn zu bekommen, wenn man alles richtig machte und zusätzlich die Umstände respektive die Angelgötter das Vorhaben begünstigten.
Nichts war mehr wie vorher: Die Sonne schien anders. Die Blätter der Pappeln und Erlen wurden eine Spur goldener und die Äschen schienen selbstverständlicher zu steigen. Ich weiß nicht, was ich anders machte als vorher. Ich weiß nicht, ob der Fang der ersten Äsche unmerklich und unbewusst eine Nuance in der Präsentation der Fliege verändert hat, ob ein vom Bewusstsein nicht wahrgenommener Lernprozess stattfand. In der Folge fing ich am Abend noch fünf Äschen auf die gleiche Weise. Und mit jedem gefangenen Fisch schien es mir selbstverständlicher, dass ich sie fing. Werden so Fliegenfischer geboren? Auch das weiß ich nicht, und bei jedem meiner Kollegen mag das anders sein. Ich aber war von dieser ersten Äsche an Fliegenfischer- nur Fliegenfischer, und alles andere Angeln interessierte mich nicht mehr.

Ich habe im Verlaufe meines weiteren Lebens noch etliches an spannendem Neuen erfahren, sei es als Fliegenbinder, Jäger, Schreiber. Und alles hatte diesen Zauber, der süchtig machen kann nach Anfängen, die auf einen Schlag aus der bisher bekannten Welt eine ganz andere machen.
Inzwischen bin ich ein wenig zur Ruhe gekommen, weil ich einsehe, dass ich keine fünfhundert Jahre alt werden kann, um all das zu beginnen, was ich dann zweifellos beginnen würde. Und die Perfektionierung des bereits annähernd aber nie vollkommen Gekonnten hat auch seine Reize. Doch manchmal wünsche ich mich, während ich sinnierend am Ufer sitze, die in der Luft tanzenden Fliegen und die nach ihnen springenden Fische beobachte zurück in den Sommer meines Lebens, in dem ich als vierzigjähriger Mann das Fliegenfischen erlernte und dabei vorübergehend zum Jüngling wurde, der staunend die neue um ihn herum entstehende Welt begrüßte.

*

KRAUTJUNKER-Autor

Abb.: Werner Berens beim Fliegenfischen; Bildquelle: Werner Berens

Werner Berens ist Fliegenfischer, Jäger, Autor (siehe: https://www.kosmos.de/search?sSearch=werner+berens) und Genussmensch, der den erwähnten Tätigkeiten soweit als möglich die lustvollen Momente abzugewinnen versucht, ohne aufgrund kulinarisch attraktiver Beute übermäßig in die falsche Richtung zu wachsen. Als Leser und Schreiber ist er ein Freund fein ziselierter Wortarbeit mit Identifikationssmöglichkeit und Feind von Ingenieurstexten, die sich lesen wie Beipackzettel für Kopfschmerztabletten. Altermäßig reitet er dem Sonnenuntergang am Horizont entgegen und schreibt nur noch gelegentlich Beiträge für das Magazin Fliegenfischen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Von Fischern und Fischen

Autor: Werner Berens

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

ISBN: 978-3440098578

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