Großvaters Platzln

von Michael Rudolf

Ich kann heute nicht mehr genau sagen wie oft ich als Kind mit dem Großvater im Wald, genauer: im Forst, gewesen bin. Aber ich könnte schwören, dass es zur fraglichen Zeit jeden Tag gewesen sein muss. Selbstverständlich ist das Quatsch. Soviel Zeit hatte der Großvater gar nicht. Obwohl er viel Zeit hatte, zum Pilzesuchen jedenfalls mehr als genug.

Vom Großvater und seinen Pilzstellen wurde viel Sagenhaftes geraunt in der engeren und weiteren Bekanntschaft. Ja, der Herr Doktor, der wisse Bescheid, und zwar gründlich, praktisch jeden Baumstumpf kenne er in den Waldungen, die unsere kleine Stadt umwuchteln.

Bei ihm hießen sie nicht Stellen, sie hießen Platzln. Und wahrlich: Er hatte seine Patzln. Wenn es ihn überkam, warf er seine Walduniform über: eine schwarze Baskenmütze, die ich wegen des kleinen Antennenstummels Radiomütze nennen durfte. Manchmal, bei besonderer Hitze, behalf er sich auch mit einem geknoteten Taschentuch. Am Leib eine erdbraune Sakko-Hosenkombination, das üblich feste Schuhwerk und sein Taschenmesser mit dem Perlmutt-Imitatgriff. Für alle Fälle sein akkurat zerknüllter, schwarzblauer Dederonregenmantel. Nicht zu vergessen eines oder zwei von diesen komischen Einkaufsnetzen aus Stoff.

Mit irgendeinem Bus oder mit dem Zug ging es zunächst zu einem außerhalb gelegenen Flecken und dann stracks zwischen die Bäume. Seine Spezialität waren die Fichtenschonungen, nicht höher als ein ordinärer Bungalow. Dort, und nur dort, seien sie famosen Steinpilze zu holen. Und mit etwas Glück auch die großen Rotkappen, wenn die Birken noch stünden. Mir oblagen dabei zwei verantwortungsvolle Verrichtungen: Anfangs, am Rand der Schonung, die Stellung zu halten und die Sammelergebnisse zu horten und zu hüten. Später, wenn Großvaters Glieder schwerer wurden, schickte er mich hinein in die Stachelwelt und beantwortete meine Jubelschreie mit verabredeten Pfeifzeichen.

Umgedreht, wenn der Großvater jubelte, suchte ich ihn im Dickicht. Da saß er dann. So wie ein Großvater zu sein hat. Auf einem Baumstumpf, feierliche Dampfzüge aus dem Zigarettchen saugend, einen kapitalen Herrenpilz neben sich. In solchen Fällen hatte man die Klappe zu halten.

Als großer Feind entpuppte sich da und dort der Samtfußkrempling, der ohne jede Mühe den samtigen Hut frischer Maronen nachahmen konnte.

Abb.: Samtfuß-Holzkrempling oder kurz Samtfußkrempling (Tapinella atrotomentosa); Bildquelle: Wikipedia

Beim näheren Hinsehen entfaltete der unscheinbare Blätterpilz standsichere Seitlingseigenschaften und schien auf seinem Samtfüßchen von Stumpf zu Stumpf zu hüpfen. Praktisch trat er überall dort auf, wo die Leute schwächere Augen bekamen. Ich erinnere mich an durchaus abfällige Bemerkungen, die vom Großvater über Mitbürger gemacht wurden, welche auch den Samtfußkrempling nicht verschmähten. Dieser Pilz sei strenggenommen keiner, dekretierte er, ein Täuscher und Blender, ein Nichtsnutz, den man vor dem Braten kochen und dessen blauschwarzen Sud man wegkippen müsse, purer Krempel sozusagen, daher ja auch sein Name, und wer ihn sammle, sei ein Krempelsammler. Punkt. Unermüdlich hingegen dozierte er über die Vorzüge der Röhrlinge, den Herrenpilz, die Marone, die Rotkappe, seinetwegen auch den Birkenpilz, begutachtete nebenbei die eine oder andere „herrliche“ Aussicht oder ließ den inneren Blick über Landschaften schweifen, die ich wohl niemals sehen würde.

Hatte sich der Großvater in den Kopf gesetzt, die Pilzsuche mit seinem schier unerschöpflichen Bewegungsdrang zu kombinieren, artete dieser Tag in eine arge Plackerei aus. Spätestens wenn Großmutter und mir die Zungen auf dem Waldboden schleiften, die Beine tonnenschwer wurden, die geschundenen Füße bedrohlich zu qualmen begannen und der Großvater tröstend verkündete, es sei nun „überhaupt gar nicht mehr weit“, dann wussten wir, dass er sich wieder einmal hoffnungslos verlaufen hatte.

So oft ich, dahintrottend, diese Stunden verfluchte, ich wäre nie auf die Idee gekommen, den Leuten in der engeren und weiteren Bekanntschaft zu stecken, dass es mit Großvaters Platzln sooo weit her nun auch nicht sein konnte. Sicher hält sich diese Mär noch immer hartnäckig und wird von ihnen längst an die nächsten sieben Generationen weiter gegeben, was der Herr Doktor und so weiter. Heute bin ich der Ansicht, dass er sich nur einigermaßen gut merken konnte, welche Waldgesellen und Baumgenerationen die geeignetsten seien, denn die Bewirtschaftung veränderte das Gesicht des Waldes ständig. Was also soll das Gewese um Großvaters Platzlgeheimwissen?

Sein inniges Verhältnis zum Wald hatte einen einfachen Grund. Nach der Umsiedlung, 1946, hatte der Großvater bis zur Anerkennung seiner Anwaltsprobation zwei Jahre lang vom Dorf die acht Kilometer durch den riesigen Forst in die Stadt laufen müssen, um sich in der Papierfabrik fürs Brot zu schinden. Obwohl er seine ganzen Bücher in Liberec hatte lassen müssen, ist er darüber nicht bitter geworden. Und als eines Augusttages, 1968, die Sowjetarmee uns nicht mehr aus dem Wald lassen wollte, war er es, der mich wütenden Winzling mit warmen Worten davon abhielt, den nächstbesten Soldaten mit meine soeben geschnitzten Bogen niederzupfeilen. Die Besatzer und sogar ihr Kommandant blieben freundlich, sogar die Pilze ließen sie uns, als wir nach Stunden endlich heim durften.

Aber selbst die Großmutter schien an Großvaters magische Platzln zu glauben. Wie oft habe ich sie empört ausrufen hören, hier, und besonders genau hier, habe man doch immer so viele „Steiner“ gehabt. Ob er das verstehen könne. Der Großvater brummelte nur etwas Unverständliches, missachtete unentwegt das Rauchverbot oder düdelte eine volkstümliche Weise. Er verwies zum Trost auf die Hochwälder und seine Vorkommen an Maronen, die dann zentnerweise in die Netze geschaufelt wurden. Wenn uns nicht wieder die raffinierten Samtfußkremplinge einen Streich nach dem anderen spielten. Ich glaube mich sogar erinnern zu können, dass meine Großmutter – eine Dame ausgesuchter Manieren – vor lauter Wut und von aus ihrem Mund befremdlich derben Unsachlichkeiten assistiert ein Exemplar durch den Walddämmer kickte. So geschickt waren die Hüte dem Maronenröhrling nachgeformt und an Fichtenstümpfe appliziert. Zur Belohnung gab es jedoch für uns brave Sammler am Ende immer in irgendeiner dieser alle einen Pilzwurf weit auseinander stehenden Ausflugsgaststätten eine prickelnde rote Limo und eine Bockwurst. Während sich der Großvater mit gewaltigen Zügen aus noch gewlatigeren Bierkelchen rehabilitierte, mit einem laut vernehmlichen „Ahhh“ sein Wohlbefinden bekräftigte und leise it den Augen rollend die Lungenbrötchen verdampfte. In solchen Momenten, glaube ich, vergaß er sogar, dass er nie wieder all diese Bücher würde nachkaufen können, die ihm in Liberec verlorengegangen waren.

Am Abend musste die Großmutter – mit der fleißigen Tante vielleicht – den Pilzberg aufbereiten. Die Größeren und Weicheren für eine Suppe auf die Schnelle, süßsauer mit Kümmel und Kartoffelwürfeln drin. Die Mittleren zum Braten simultan in die schwarze Gusseisenpfanne. Und die besten kleinen Festen zum Trocknen oder zum Sauereinlegen. Bis tief in die Nacht hantierten sie geduldig mit klebrig-schwarzen Fingern. Nur gelegentlich kam der Großvater in die Küche geschlichen: „Mal schmecken“.

Später, als ihn immer mehr Gebrechen heimsuchten, wurden die Waldtouren geringer an Kilometern und ausladender in der Zeit. Die Augen wollten sich kaum noch ans Halbdunkel gewöhnen, und ich musste sekundieren, während ich eigentlich mehr Verlangen zeigte, mit seinem Taschenmesser okkulte Muster in einen bronzenen Birkenstecken zu ritzen. Was denn das dort sei, sicher eine stolze Marone. Und dort, Michl, schau, da! Wieder waren es zumeist Samtfußkremplinge, in den Lichtungen waren es Steine oder welke Blätter, die ihn seiner Meinung nach arglistig täuschten.

Und die Ausbeuten wurden geringer. Und es lag gewiss nicht an den räuberischen Sammelkonkurrenten. Und da waren Tränen beim Großvater, die man nicht sehen konnte. Aber ich bin mir sicher, dass da welche waren.

Im letzten Dreivierteljahr konnte der Großvater nicht mehr aufstehen. Matt pfiff er auf dem Sofa und tat so, als läse er Zeitung. Seine Lunge gaben die Ärzte verloren, dass er in seiner schwersten Zeit sogar auf die von ihm so geliebten Zigaretten verzichten musste. Hoffentlich ließ ihm der Schmerz genügend Kraft, wenigstens hin und wieder an seine Herrenpilze und Maronen zu denken. Nachts irrte er durch die Wohnung und ich hielt mir die Decke feige über die Ohren, damit ich nicht hören musste, wenn er vielleicht im Dunkeln stolperte oder stürzte. Als er, nur noch die Hälfte seiner selbst, gestorben war, hätte ich beinahe geschworen, nie wieder in den Wald zu gehen.

***

Michael Rudolf

Zu DDR-Zeiten begann Rudolf zunächst ein Jurastudium in Halle und absolvierte dann ein Fernstudium als Ingenieur für Brauereitechnik; danach arbeitete er acht Jahre als Schichtleiter in der Greizer Vereinsbrauerei. Das Fachinteresse an Bier schlug sich später als wiederkehrendes Sujet in seinem literarischen Werk nieder. Rudolf veröffentlichte diverse Bierführer und erwarb sich durch seinen Sarkasmus den Titel „Deutschlands gefürchtetster Biertrinker“. Außerdem publizierte er über Rockmusik, Mykologie u. a. In den 1990er-Jahren arbeitete Rudolf neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit beim Frankfurter Satiremagazin Titanic mit und betrieb in seinem Heimatort Greiz den 1990 von ihm selbst gegründeten Verlag Weißer Stein. Als Autor schrieb Rudolf regelmäßig in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, so z. B. für die taz und als Kolumnist in der jungen Welt.

Michael Rudolf wurde im Februar 2007 als vermisst gemeldet. Seine Leiche wurde am 9. Juli 2007 in einem Waldstück bei Greiz entdeckt; offenbar hatte er sich am Tag seines Verschwindens, dem 2. Februar 2007, erhängt. Er hinterließ eine Ehefrau und eine Tochter.
Quelle: Wikipedia

KRAUTJUNKER-Kommentar: Es sind von Michael Rudolf bereits zahlreiche andere lesenswerte Texte über Pilze veröffentlicht worden.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Häuptling Eigener Herd, Heft 20

Herausgeber: Wiglaf Droste und Vincent Klink

Verlag: © 2004 Edition Vincent Klink

ISBN: 978-3927350182

*

Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Vincent Klink, Küchengott im Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart. Ich empfehle den Besuch seines Gourmet-Tempels.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s