Krautsbraten

von Vincent „Iron-Stomach“ Klink

Meine Eltern litten unter der Zwangsneurose, den Krieg zwar überlebt zu haben, aber eventuell doch noch zu verhungern. Ich selbst wurde als Kind regelrecht zwangsernährt: „Iss, damit was wirsch!“ hieß die Parole, und dazu wurden noch Nährbier und Lebertran gereicht.

Die Wünsche der Eltern habe ich dann über die Jahre mehr als erfüllt und dabei gelernt, dass Essen die schönste Sache der Welt sein kann. Meine Mutter aber sah das anders: dauerkochen, von morgens bis abends eindünsten, Säfte herstellen, Schweine schlachten, Wurstdosen füllen, Schmalz auskochen, zu all dem noch sechs Kinder aufziehen – das ging an die Substanz. Als die jüngste Tochter endlich das achtzehnte Jahr erreicht hatte, hatte Mutter genug. Sie ertrotzte sich einen verdienten Müttergenesungsurlaub in Spanien – und kam nie mehr zurück. Die exzessive Kocherei hatte ihr den letzten Nerv geraubt; am Familienleben konnte sie nichts mehr schön finden.

Sie hatte ihre Pflicht erfüllt, bis alle Kindlein flügge waren, und den Göttergatten dann allein in der Küche zurückgelassen. Dieser entwickelte sich vom Gourmet zum Frustkoch und Dauermampfer. Was sollte er auch sonst im Ruhestand tun, wenn kein Weib mehr da, die Bettstatt freudlos, die Bude leer und die Kinder nahezu erwachsen waren? Appetit und Durst, die beiden Regungen empfand er als das Zuverlässigste in seiner Restwelt. Also kochen, das aber nach wie vor strategisch. Er brutzelte, sott und schmorte, schwang die Pfannen und schleppte riesige Töpfe, pflegte weiterhin „Grande Cuisine“ in großen Gebinden, als wäre der Clan noch vollzählig. Der Mann kaufte sich seinen ersten Tiefkühler, und so konnte guten Gewissens weitergeköchelt werden. Was nicht in den riesigen Bauch des Expatriachen reinging, wurde eingefroren, später aufgetaut als Novität gepriesen. Oft lud er meine Frau und mich ein, und es gab bei Tisch auch immer allerhand Kurzweil. Der Alte erzählte spannend und eloquent und unterlegte die sonntäglichen Mittagessen mit seiner ungebrochen fröhlichen Lebensart. Alle Anwesenden, häufig auch mein sehr magerer Bruder Werner (huhnartiger Körperbau, Württembergischer Meister im Zehntausendmeterlauf), schaufelten das Essen rein, dass die Schwarte krachte. So ging mancher Sonntagmittag ins Land, und was übrig blieb, brachte bald den Tiefkühler zum Platzen. Die Verfallsdaten von dessen Inhalt hätten gut für die Doktorarbeit eines Historikers herhalten können.

Die Zeichen standen jedoch auf Expansion. Ein weiterer Tiefkühler musste her, denn der Nachschub rollte ohne Unterlass. Halbe Schweine wurden gebunkert, der Alte erschoss auf seiner Jagd im Stadtwald Taubental immer wieder um ein Haar ein Liebespaar, verfehlte aber kaum ein Reh oder eine Wildsau. Solche Edelteile gelangten freilich selten auf den Tisch, sondern wurden für besondere Anlässe aufgespart; diese wiederum waren rar gesät.

„Ich kann nicht zu euch in die Wirtschaft kommen, ich muss daheim wegmachen. Ich hab einfach zu viel Ware!“, jammerte der Alte, der zusehends vereinsamte. Mit der Vielfalt der Rezepte verhielt es sich ähnlich, sein Kochen lief auf eine Art kulinarischen Monotheismus hinaus. Ein-, zweimal hatte meine Frau Elisabeth ein Auge zugedrückt und Anerkennung geheuchelt, wenn der berühmte Krautsbraten im Ofen schmurgelte. Irgendwann gab es nur noch Krautsbraten, denn dieses Küchenwunder erfüllte alle Recyclingvisionen des Vaters. Das Rezept ist schnell erzählt: Irgendwelches Gefrierbrandfleisch wird durch den Wolf gedreht, ähnlich einer Frikadellenmasse vermengt und kräftig gewürzt, was bei Papa totale Überwürzung bedeutete. Oft musste nämlich der antik-ranzige Geschmack des Gammelfleisches olfaktorisch übertönt werden. Mit Inbrunst werkelte Vater an seiner kulinarischen Resterampe. Der Krautsbraten war für ihn der Inbegriff gottgefälliger Verwertung: „Krautsbraten ist die Wiedergeburt des Fleisches!“, sagte er denn auch. In eine gebutterte Form wurden aufgetaute Sauerkrautreste und die Hackmasse eingeschichtet und dann in den Ofen geschoben. Aufs gute Durchgaren achtete er streng. „Eine Stunde bei zweihundert Grad ist das Mindeste!“ Als junger Koch hing ich an seinen Lippen, denn er war gelernter Bakteriologe und dehnte seine Erkenntnisse feurig auf die Kochkunst aus, deklamierte ständig und war einer der Ersten in meinem Berufsleben, der sich wissenschaftlich mit biochemischen Vorgängen des Kochens beschäftigte, also lange vor Vilgis, Hervé und sonstigen Kapazitäten. Der Mann kannte sich aus, was das Überleben aller Beteiligten garantierte. Er gab zu, dass er in seinem hohen Alter etwas von seinem feinen Geschmackssinn eingebüßt hatte. Andererseits war er üblen Gerüchen und Substanzen gegenüber lebenslang nie schreckhaft gewesen: Im Rahmen seiner Doktorarbeit aß er vor einem großen Auditorium intensiv kauend und einspeichelnd die herausoperierte Riesen-Eiterbeule des Gemeindeebers von Straßdorf, um nachzuweisen, wie gewaltig die Zerstörungskraft von Magensäften sei. Ja, das konnte man noch heroisches Promovieren nennen. Von copy’n paste wusste der Mann noch nichts.

Doch zurück zum Krautsbraten: Nach einer Stunde trug Papa sein Spitzenerzeugnis zu Tisch. Müffelte das Konstrukt noch etwas ältlich, streute der Küchenheld so viel groben Pfeffer drauf, dass bei den Essenden der Nasentod eintrat und ihnen fast die Zunge abfiel. Irgendwann hatte Frau Elisabeth aber die Schnauze voll. Sie hatte schließlich in eine großbürgerliche Gourmetfamilie eingeheiratet und nicht in ein Abfall-Entsorgungsunternehmen. Dass ihr der schöne Hals platzte, kam so. „Kommet doch am Sonntagmittag, es ist erster Advent, und ich koche euch Fasanen.“ Die Einladung wurde vom Vater nahezu im Diskant und wie ein Rezitativ vorgetragen. Wenn er eine Hinterhältigkeit als Humanität zu verkaufen trachtete, verfiel er immer in eine Art hinterfotzigen Predigerrezitativ.

Das Mittagessen begann jedoch formidabel mit einer Super-Flädlessuppe, und die Fasanen brutzelten schon im Ofen. Papa bat mich, ihm die Küche etwas aufzuräumen. Ich wischte den Tisch und beförderte welke Salatblättchen in den Abfallkübel. Darin lagen zwei Plastiktüten, die meine Neugier weckten. Auf ihren Papierschildern stand in Blockschrift: „Fasan, Ortenau, 1974“. Mittlerweile befanden wir uns allerdings im Jahr des Herrn 1988. Am Tisch würgte ich dann mit winzigen Bissen an etwas Holzartigem herum, und Elisabeth mit ihrer feinen Nase sagte klipp und klar: „Pfui Teufel! Die Fasanen hat noch der Hauptmann von Kafarnaum geschossen!“ Nie wieder setzte sie sich den Kochkünsten meines alten Herrn aus. Dass von dem Essen ziemlich übrig blieb, war für den Küchenvorsteher kein Problem: „Der Elektro-Feigl hat so viele Kühltruhen, dass er sie sogar billiger verkaufen muss!“

Als wir den Ort der Fasanenschändung verließen, wurde uns erstmals richtig bewusst, was den typischen Geruch der alten Villa ausmachte: Hier roch es wie in der Grabkammer einer Pharaonenpyramide. Das war wohl die hochbakterielle Abluft der Kühlaggregate, die mittlerweile zu einer Armada von vier Riesentruhen angewachsen waren.

Irgendwann wurde es aber auch den Tiefkühlern zu viel. Als hätten sie nach dem Motto „Kühlis aller Welt, vereinigt euch!“ die Revolution ausgerufen, traten die Geräte in den Streik. Still und tapfer knipsten sie sich aus. Kurzschluss. Papa befand sich damals gerade auf einer Südtirolreise. In diesem Land sprach man vornehmlich deutsch und servierte, für den Alten unwiderstehlich, noch K&K-Portionen und Klodeckelschnitzel „alla teutonica“. Als Papa nach vierzehn Tagen seine Kühlerleichen besichtigte, hatten die ausgetretenen Körpersäfte seiner Blechkameraden den Fußboden in ein Bakterienschlachtfeld verwandelt. Der flüssige Mageninhalt der Kühlboliden auf dem Kellerboden erinnerte an einen Teppich von Hühnerkot. Die Natur hatte zurückgeschlagen. Die Zugehfrau des Alten sanierte in stundenlangem Einsatz die Katastrophe, die bald vergessen war. Vater erreichte ein hohes Alter, startete noch einmal voll durch. Er engagierte eine Zugehfrau, welche die Kühltruhen bewachte, und kam zur Erkenntnis, dass die Nachkommen womöglich am Erbe größenwahnsinnig werden konnten. Er kaufte sich einen Mercedes fünfhundert, legte sich eine Freundin zu, machte Urlaub im Reid’s-Hotel auf Madeira und für standesgemäße Unterbringung seiner Leica musste Elisabeth ihm eine Prada-Tasche kaufen. Diese war ihm irgendwann zu weibisch und er vermachte das schöne Stück meiner Frau.
Die war sehr angetan, aber als sie ihre Nase ins Innere steckte, was meint ihr, was sie roch? „Krautsbraten“. Eine lange Periode der Entkeimung begann, aber die Tasche wurde kein Lieblingsstück meiner Frau. Vieles änderte sich. Letztlich ist der Schwabe längst nicht so geizig, wie immer kolportiert wird. Aber die Nahrungsgewohnheiten verfolgen offensichtlich den Menschen von der Wiege bis zur Bahre. Außer Haus lebte mein Schwabenpapa sehr großzügig, aber zu Hause folgte er dem Diktat, dass Essen zu wertvoll sei, um weggeworfen zu werden. Der gourmetmäßig Johannistrieb des Seniors erblühte noch um einige Jahre, bis die Freundin nach einem üppigen Mittagsmahl im Ohrensessel ihr letztes Verdauungsnickerchen machte. Als dann Manitou den Großkoch auch zu sich in die Kombüse holte, fanden wir Kinder nach der Beerdigung in seinem Hause wiederum vier gefüllte Truhen vor. Die Geschichte könnte jetzt wieder von vorne erzählt werden, aber das wäre wohl zu viel des Stoffwechsels.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Becher aus Porzellan und Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Häuptling Eigener Herd, Heft 46

Herausgeber: Wiglaf Droste und Vincent Klink

Verlag: © 2011 Edition Vincent Klink

Website: https://vincent-klink.de/

ISBN: 978-3-927350-44-1

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Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung von Vincent Klink, Küchengott im Restaurant Wielandshöhe in Stuttgart. Ich empfehle den Besuch seines Gourmet-Tempels.

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