Wilder Heinrich auf der Pirsch

Anfang September lernte ich im LWL Freilichtmuseum in Detmold auf der Veranstaltung FREILICHTgenuss die „Manufaktur für gesunden Genuss Wilder Heinrich“ kennen.  Da mir nicht nur das Sortiment an Lebensmitteln, sondern auch die Start-up-Unternehmer Sebastian Lenger und Falk Trompeter gefielen, beschloss ich, mir den Weg ihrer Produkte vom Wald auf den Teller anzuschauen. Hier ist der erste Teil meiner Reportage.

Mittwochabend um sechs Uhr in Barntrup im Kreis Lippe. Für die meisten Menschen beginnt der Feierabend, für das meiste Wild die Spätschicht. Für uns der optimale Zeitpunkt für ein Rendezvouz mit dem verzehrbaren Teil der lokalen Fauna. Der Wirtschaftsingenieur Falk Trompeter hat vom Büromodus in den Jagdmodus gewechselt. Er trägt jetzt keinen Anzug mehr, sondern Hut, Barbourjacke, Feldhose und gefütterte Gummistiefel. Um seinen Sehsinn zu verbessern hängt um seinen Hals ein Fernglas und um Beute zu erlegen auf dem Rücken eine Doppelbüchse mit Kipplauf.

Langsam schleichen wir durch sein, aus Feld und Wald bestehendes, Revier. Während wir pirschen, verwandeln erst wir uns, und sich anschließend die Umgebung. Achtsamkeit ist das Modewort hierfür. Aufmerksam sein, sagt man traditionell auf dem Land und das schließt zusätzlich die Achtung vor dem Anderen ein.

Wir schauen prüfend auf den Boden, bevor wir unsere Füße hinsetzen, um das Wild nicht zu warnen und wir flüstern nur kurz miteinander. Vor allem aber prüfen unsere Sinne die Umgebung auf eine ganz andere Art, als wenn wir Verkehrsteilnehmer wären oder in Feld und Flur arbeiten würden. Wie wir die Welt wahrnehmen oder falschnehmen, hängt davon ab, welche Reize wir herausfiltern um uns ein kontrastreiches Bild von ihr zu machen, das wird mir jetzt sehr bewusst.

Verkehrsgeräusche blenden wir im Jagdmodus aus. Dafür lauschen wir Vogelgesang und unseren Schritten. Unsere Augen betrachten entweder den Weg, direkt vor unseren Füßen oder suchen Felder und Waldränder nach Bewegungen und Silhouetten ab, die in unser Beuteraster passen. Geknickte Gräser und kleine Abdrücke im Boden, die für Autofahrer, Radler oder Spaziergänger unsichtbar sind, erkennen wir als Wildwechsel. Dies sind die immer gleichen Pfade, auf denen Wildtiere in der Morgen- und Abenddämmerung zwischen ihren Ruhebereichen und Äsungsflächen wandern. Immer beachten wir, den Wind vor vorne zu haben und uns möglichst fließend, lautlos und unauffällig zu bewegen.

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Allgemein vertreten Nichtjäger oft die Annahme, dass das Schwierigste bei der Jagd das Schießen sei und Wildtiere modernen Feuerwaffen gegenüber hoffnungslos im Nachteil sind. In Wirklichkeit ist es so, dass die eigentliche Herausforderung das Aufspüren ist. Bei den archaischen Kulturen von Jägern und Sammlern erhält nicht derjenige den besten Teil der Jagdbeute, der sie erlegte, sondern derjenige, der sie aufspürte. Die Rehe und Damhirsche, denen wir heute nachspüren, sind besser getarnt, bewegen sich leiser und schneller, haben einen besseren Rundumblick und können besser hören und riechen als wir.

Trotzdem können wir welche finden. Je nach Perspektive der beteiligten Jäger und Beutetiere ist es ein unglücklicher oder glücklicher Umstand, dass sich die Tiere in Distanzen von mindestens hundertfünfzig Metern Entfernung bewegen. Zu weit weg für einen sicheren Schuss mit der Kipplaufbüchse. Es gibt natürlich moderne Waffen, mit denen auch auf weit größere Entfernung sicher geschossen werden kann, aber auf das Machbare zu verzichten, ist der ausbalancierende Bestandteil des Reizes der Jagd, den man Waidgerechtigkeit nennt.

Beim Fixieren der Rehe spüre ich meine Eckzähne wachsen. Ein Teil von mir lässt sie nicht aus den Augen, der andere blättert durch meine Rezeptsammlung. Rehkeule au Chocolat oder Wirsingwickel mit Rehhaxe? Eine Frage, die ich nicht auf die leichte Schulter nehme wie die Diättipps meiner Frau. Der seltsame Effekt ist, dass ich wenig in meiner nahen Umgebung wahrnehme und mir gleichzeitig das Wasser im Mund zusammen läuft. Das Raubtier in mir ist erwacht und ich fühle mich kalt geduscht, hellwach und ziemlich hungrig.

Während wir auf dem Feldweg weiterschleichen und den Kopf zum Waldrand gedreht lassen, bemerken wir aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Hinter einer Anhöhe steht in zwanzig Metern Entfernung ein Sprung (drei, vier) Rehe auf dem Feldweg. Hätten wir doch einfach nach vorne geschaut, statt in die Ferne zu schweifen. Ein spöttischer Blick aus sprichwörtlichen Rehaugen und bevor Falk sie ansprechen kann (d.h. identifizieren und anvisieren), springen sie blitzartig in die Büsche.

Unwillkürlich denke ich an einen lang vergangenen Abend mit meinem Studienfreund, nennen wir ihn Harry. Auf unserem Bierbummel durch die Leipziger Kneipenmeile sprach er eine rehäugige Schönheit an. Die entschuldigte sich prompt mit der Ausrede, sie müsse dringend auf die Toilette, versprach jedoch, wieder zu kommen und war genauso schnell, wie unser Wild verschwunden. Was Harry verblüffte: Sie kam dann tatsächlich wieder. Was mich verblüffte: Harry empfand es als alltäglich, dass von ihm angesprochene Frauen durch Toilettenfenster flüchteten.

In diesem Fall besitzt das Rehwild mehr Menschenkenntnis als die Studentin und bleibt verschwunden. Wir setzten unseren Weg fort. Vom Feldweg über den Acker und am Waldrand entlang, erlebe ich viele intensive Augenblicke, während es langsam dunkler wird und der Wind auffrischt. Wann habe ich das letzte Mal meine Umgebung so intensiv und aufmerksam betrachtet und untersucht? Obwohl wir langsam gehen, ist es einerseits anstrengend und andererseits beglückend. Rehe sehen wir noch einige Male, kommen jedoch nicht nah genug heran. Schließlich ist es zu dunkel und alle Parteien wissen, dass das Spiel für heute gelaufen ist. Lebbe geht weida, denn dabei sein ist alles, weiß der Sportsmann.

Der Wilde Heinrich hat an diesem Abend nicht geschossen und doch gejagt, denn wenn die Anstrengungen des Jägers immer zum Ziel führen würden, wäre es keine Jagd gewesen, sondern eine Wild-Ernte. Wie beim Angeln liegt der Reiz darin, sich in seiner Wahl der Mittel zu beschränken, um die eigenen Erfolgsaussichten zu verringern. Wenn wir es wollten, könnten wir jede Tierart komplett abernten. Doch je mehr unser Verständnis von der Welt und die Wirksamkeit unserer Technologien wachsen, umso mehr besteht die Kunst darin, den Artenreichtum zu fördern und sich in der Wahl der Waffen und Jagd- oder Angelzeiten zu beschränken. Wer wenig Zeit und Geld investieren möchte, geht besser zum Lebensmittel-Fachmarkt, auch wenn kaum etwas im Sortiment die Qualität frischen Wildbrets aufweist und man besser nicht an die Zustände in der Massentierhaltung denkt.

Wir verlassen Falks Revier mit leeren Händen, aber was wir als Beute nach Hause bringen, sind viele kostbare Augenblicke. Sofern  es stimmt, dass der Mensch die Summe seiner Augenblicke ist, sind wir nach diesen zwei Stunden in der Natur etwas menschlicher geworden.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Wilder Heinrich – Manufaktur für gesunden Genuss : https://wilderheinrich.de/

FREILICHTgenuss: https://www.lwl.org/LWL/Kultur/LWL-Freilichtmuseum-Detmold/programm/freilichtgenuss

„Die Deutschen mögen Fleisch – besonders wenn es billig ist. Für Metzger ist das ein Problem. Manche haben auch eine Lösung“: https://www.brandeins.de/archiv/2016/lust/metzgerei-sterben-fleischkonsum-deutschland-konkurrenz-discounterfleisch/

Lesetipp zur Philosophie der Jagd: https://krautjunker.com/2016/06/14/meditationen-ueber-die-jagd/

Appetit auf Reh?

https://krautjunker.com/2016/09/30/rehcarpaccio-mit-walnuss-und-champignons/

https://krautjunker.com/2016/09/11/rehkeule-au-chocolat/

https://krautjunker.com/2016/07/15/rehschulter-ausloesen/

Weitere Rezepte, Reportagen und Rezensionen sind in Vorbereitung. Kritik und Anregungen nehme ich gerne entgegen.

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