Anleitung zum Seemannstod im Nordmeer

Eine Leseprobe aus „Das Buch vom Meer oder wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen“. Der Titel ist hier gleichzeitig die Inhaltsangabe. In dem Werk geht es mehr um den Weg, als um das Ziel. Sprache und Stil sind grandios, aber überzeugt Euch selbst, bevor meine Rezension erscheint.

In dieser Textpassage werden die zwei Freunde, nach dem Angeln auf Kabeljau, im winterlichen Lofotenbecken, einem berüchtigten Schiffsfriedhof, von einem Wetterumschwung überrascht. Ohne Kompass oder GPS im Schlauchboot, genießt man bei null Sicht auf See, gute Aussichten auf eine Nominierung für den Darwin Award. Da jedoch der eine der Freunde Schriftsteller ist und der andere Maler, und beide ihre Erlebnisse künstlerisch verarbeiteten, ist es Kunst.

Foto von Morten_A Stroksnes

von Morten A. Strøksnes

Die Wellen sind höher als zu Beginn unserer Bootstour, daran besteht kein Zweifel. Der klirrend klare Tag wechselt gerade die Kluft. Hugo schaut auf das offene Meer und lässt den Eindruck kurz auf sich wirken. Es sieht aus, als wäre ein Vorhang zur Seite gezogen worden und als waberte nun dichter Zigarrenrauch in unsere Richtung. Hugo wirft den Außenbordmotor an und nimmt Kurs auf Skrova.

»Es wird gleich schneien«, sagt er und gibt etwas mehr Gas. Das Boot ist so schwer (Anmerkung: voll mit geangeltem Winterkabeljau), dass wir kaum voranzukommen scheinen.

Wenige Minuten später werde ich von den ersten nassen Schneeflocken getroffen. Wir sind noch weit draußen auf dem Fjord, mitten in dichtem Schneetreiben.

Unsere gewohnten Orientierungspunkte, Skrova und die Inseln drum herum, lösen sich sofort auf. Auch der Leuchtturm hilft jetzt nicht viel. Die Welt ist auf einen Schlag monochrom geworden. Das Schneegestöber verdunkelt den Himmel, und um das Boot herum scheint sich ein Sack zusammenzuschnüren.

»Das hier ist nicht weiter wild«, bemerkt Hugo und fährt mehr oder weniger blind weiter. Er weiß, dass es noch ein ganzes Stück ist, bis wir in gefährliches Fahrwasser mit Riffen und Untiefen geraten könnten, selbst wenn wir vom Kurs abkommen sollten. Hinter Skrova, auf das wir zuhalten, ist das Wasser an einigen Stellen zwischen den Schären gefährlich niedrig.

Mal ist die Sicht gleich null, mal können wir eine der Inseln schwach erkennen. Nur welche ist es? Sie scheinen sich zu bewegen und von einer Sekunde zur nächsten Form und Position zu verändern. Wo ich eben noch einen Blick auf Lille Molla erhascht zu haben glaubte, oder war es der höchste Gipfel von Skrova, sehe ich jetzt in derselben Richtung etwas, das an einen kleinen Holm erinnert, den ich überhaupt nicht einordnen kann. Die Welt verschwimmt, die Proportionen verschieben sich, als würde man durch eine alte Glasscheibe schauen. Wenn man Schönbergs Musik in Bilder verwandeln würde, dann ähnelten sie vielleicht dieser kontrapunktischen Aussicht.

Das Boot ist überladen wie ein vereister Zweig, kurzbevor er bricht. Wir werden alle verschwinden. Und diejenigen, die im Meer verschwinden, verschwinden vollständig, plötzlich, für immer. Beim Gedanken daran gruselt es die meisten. Ein früherer Bekannter von mir blieb mit dem Fuß in den Seilen hängen, als das Schleppnetz auf dem Weg in die Tiefe war. Er wurde nie gefunden. Das ist jetzt dreißig Jahre her, aber ich denke immer noch an ihn. Mein Ururgroßvater ist zwar im Meer ertrunken, aber wir legen keinen gesteigerten Wert darauf, daraus eine Familientradition zu machen.

Das tiefe, salzige, schwarze Meer brandet uns entgegen, kalt und gleichgültig, ohne jede Empathie. Es ist sich selbst genug, es braucht uns nicht, es schert sich nicht um unsere Hoffnungen, unsere Ängste – und schon gar nicht um unsere Beschreibungen. Die dunkle Masse des Meeres ist von überlegener Kraft. Viele Menschen sind bereits in so eine Situation gekommen, seit ein paar übermütige Vorfahren von uns einen ausgehöhlten Baumstamm aufs Wasser gesetzt haben, auf schlummernden Wellen losgepaddelt sind und zu weit aufs Meer getrieben wurden, wo die Strömungen stärker waren als Arme und Paddel oder sie vielleicht von schlechtem Wetter überrascht wurden. Alle müssen denselben Kälteschauer gespürt haben, als ihnen aufging, dass das Meer wahrhaftig keine Sentimentalität kennt und kein Gedächtnis hat. Was es verschluckt, verschwindet, wird zu Nahrung für Fische, Krebse und Borstenwürmer, für Schleimaale, Plattwürmer, Ringelwürmer und all die Schmarotzer in der Tiefe. Versunken und umfangen vom ewigen Ganzen.

Als Gott Jona bestrafen wollte, schickte er einen großen Fisch, damit dieser ihn verschlucken möge. Jona rief Gott um Gnade an, als ihn das Meer von allen Seiten umschloss. Im Bauch des Walfischs reichte ihm das Wasser bis zum Hals, Tang schlang sich um seinen Kopf. Aber der Herr wollte Jona nur eine Lehre erteilen und befahl dem Wal, ihn aus dem Totenreich wieder nach oben zu bringen und an Land auszuspucken. Der Schreck ließ Jona zu einem treuen Gefolgsmann Gottes werden. Auch der Islam begegnet dem Wal mit Respekt, denn im Koran steht, der Wal, der Jona verschluckt habe, gehöre zu den zehn Tieren, denen Einlass ins Paradies gewährt werde.

Verdammt, was für ein Schneegestöber! Früher gerieten Fischer vermutlich ständig in Situationen wie diese, in Booten, die vielleicht nicht größer oder seetüchtiger waren als unseres, doch obwohl sie nur Segelboote hatten, meisterten sie die Situation, diese hartgesottenen und erfahrenen Kerle. Moment mal. Das stimmt ja gar nicht. Sie ertranken zu Hunderten in fast jeder Saison, zu genau derselben Jahreszeit und genau in diesem Gebiet. Wie heißt es noch im berühmten Skrova-Lied, das davon handelt, dass das Meer seine Schatzkammern so freigebig öffnet? »Doch im Nu schlägt es um in brodelnden Hass, / fordert mit Zins, was es hat gegeben. / Vom Boot bleiben Splitter nur und Streben. / Das Meer kann geben, doch es nimmt sich auch was, / hält die Mannschaft im Tanggrab fest so nass.«//

Ich schaue verstohlen zu Hugo hinüber. Er wirkt nicht besorgt. Andererseits: Habe ich je erlebt, dass er auf dem Meer besorgt aussieht? Zumindest hat er keinen Kopfhörer auf. Was passiert, wenn die Strömungen zwei Wellen zusammenschieben, sodass sie doppelt so groß werden und zu einem Brecher anwachsen?

Der Boden unseres Bootes ist komplett mit Fischen bedeckt, aus deren Kiemen Flüssigkeit läuft. Sie nutzen die gleichen Muskeln und Nerven, die unsere Vorfahren aus dem Meer mitgebracht haben und die uns viele Hundert Millionen Jahre später das Sprechen ermöglichen. Fische erzeugen Töne, die wir nicht hören können. Sie kommunizieren miteinander.

In der Dunkelheit unter uns strömt das Wasser ungehindert über Sandboden und glatte Steine. Selbst die Seesterne auf dem Grund halten sich fest. Der Fingertang wiegt sich hin und her wie hohes Gras bei starkem Wind. Der Heilbutt lässt sich ruhig in größere Tiefen sinken. Auf dem Grund scharrt er einen Schlafrock aus Sand über sich und legt sich zur Ruhe. Die Larven von Kabeljau, Seelachs, Pollack, Schellfisch, Hering und Makrele bleiben im unruhigen Tang. Der Eishai liegt halb blind im Dunkeln, so tief, dass er kaum merkt, was an der Oberfläche vor sich geht.

Hugo nimmt etwas Tempo raus und bittet mich, Ausschau zu halten. Solange wir nichts sehen und das Boot von der starken Strömung mitgezogen wird, haben wir ein Problem. Im Fahrwasser um Skrova, besonders auf der Meerseite, gibt es so viele Untiefen und Schären, dass man genau wissen muss, wo man sich gerade befindet. Hugo ist sich dessen natürlich bewusst, aber für ihn ist das Meer etwas anderes als für mich. Er liest aus den kleinen Augenblicken mit Sicht viel mehr heraus als ich. Und auch wenn er kein Land sieht, ist das Meer für ihn kein einförmiges, undifferenziertes Element.

Jede Position auf dem Meer lässt sich als Ort mit einzigartigen Strömungen, Bodenverhältnissen, Untiefen und wichtigen Eigenheiten begreifen, wenn man das erforderliche Wissen hat. Die alten Fischer sind alle Experten, auch Hugo hat ausgeprägte Fähigkeiten auf diesem Gebiet, so oft wie er sich auf dem Meer aufgehalten hat.

Wir wechseln fast kein Wort mehr, er fragt mich zwischendurch nur, was ich denke. War das Lille Molla, was wir da drüben gesehen haben? Land und See scheinen andauernd ihre Plätze zu tauschen. Hugo fragt mehr der Form halber, denn in dieser Situation verlässt er sich am ehesten auf sich selbst. Auch ich verlasse mich am ehesten auf ihn, denn ich bin ziemlich desorientiert, ich kann lediglich Ausschau halten und Bescheid geben, wenn ich direkt vor mir etwas sehe. In Momenten, wenn der Schnee besonders dicht fällt, machen es einem die Flocken schwer, die Augen offen zu halten, und wenn es mir trotzdem gelingt, sehe ich kaum mehr als ein paar Bootslängen voraus. Der Schnee ist wie eine bedrohliche schwarze Wand, die alle Konturen auslöscht. Meine größte Sorge ist nicht, dass wir an Land krachen, sondern dass wir es nicht tun. Denn der Wind hat zugenommen und damit auch der Wellengang. Es überrascht mich immer wieder, wie schnell der Wind das Meer aufpeitscht.

Der 34-Footer wirkt kleiner denn je und das Meer immer größer. Das Boot, Hugo und ich sind stocknüchtern. Das Meer wirkt berauscht und betrunken. Wie viele Male habe ich mich nicht schon über einen Bootsrand gebeugt und in den Abgrund gestarrt? Jetzt starrt er zurück. Im Skrova-Lied werden diesem Gefühl ein paar Verse gewidmet: »Schwerer Sturm und schwere See sind Mächte, die erdrückend groß, / das Menschenkind ist im Vergleich ein winzig Samenkörnchen bloß.« …

 

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

***

das-buch-vom-meer

Titel: Das Buch vom Meer oder wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Autor: Morten A. Strøksnes

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 2 (29. August 2016)

ISBN: 978-3421047397

Fotocredit: ©Alva Gehrmann

 

Verlagslink: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-Buch-vom-Meer-oder-Wie-zwei-Freunde-im-Schlauchboot-ausziehen,-um-im-Nordmeer-einen-Eishai-zu-fangen,-und-dafuer-ein-ganzes-Jahr-brauchen/Morten-A.-Stroksnes/DVA-Belletristik/e501905.rhd

Leseprobe: http://rhspecials.randomhouse.de/microsites/lp/dva-meer/assets/download/meer-buch-leseprobe.pdf

Ein Beitrag über den Eishai, in dem ebenfalls Textpassagen aus dem Buch auftauchen: https://krautjunker.com/2016/09/23/islaendischer-verrotteter-hai-kaestur-hakarl/

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