Mit der Fliege

von Sven F. Goergens

Das Feuer, das unsere Leidenschaften nährt, brennt nicht gleichmäßig wie eine Gasflamme. Ich hatte meine Passion noch nicht lange durch die Fischereiprüfung legalisiert, da begann sie an Hitzigkeit einzubüßen und mein Jagdtrieb wandte sich neuen Revieren zu. Meine Watstiefel blieben im Schuppen stehen und Spinnen spannten ihre Netze darin.

Meine ganze Sehnsucht galt nun den Mädchen. Als Schürzenjäger war ich allerdings blutiger Anfänger. Und hätte ich über meine tollpatschigen Avancen Buch führen müssen, wie der Fischer Fanglisten, waren höchstens verpatzte Chancen zu vermerken gewesen.

Im Nachhinein bin ich sicher, dass mich meine frühen Erfahrungen am Flussufer mit dem nötigen Maß an Beharrlichkeit und Charakterfestigkeit ausgestattet hatten, um die mageren Zeiten zu überstehen, ohne dass meine pubertierende Seele größeren Schaden nahm. Schließlich war ich gewohnt, leer auszugehen, und hatte gelernt, dass die Beute nicht an die Angel zu zwingen war. Man konnte sie mit Leckerbissen locken, mit Attrappen reinlegen, an ihre Instinkte appellieren oder ihre Raublust wecken, aber letztlich muss sich das Objekt der Begierde aus freien Stücken verführen lassen.

So vergingen viele Jahre fernab vom Fluss, ausgefüllt mit nächtlichen Partys, großer Liebe, großen Enttäuschungen, beruflichen Fehlstarts, zögerlicher journalistischer Karriere und schließlich mit einer Familiengründung. Aber auch während der langen Abstinenz konnte ich niemals eine Brücke passieren, ohne mit forschenden Blicken nach Fischen zu fahnden, und ich klebte wehmütig am Schaufenster jedes Angelgeschäfts.

Als meine leidlich gefestigte Lebenssituation schließlich eine Rückkehr an den Fluss gestattete, half eine ungeahnte Herausforderung meine alte Leidenschaft zu erneuern: Ich musste das Handwerk des Fliegenfischens erlernen, wenn ich zurück zum Wasser wollte.

In meiner hübschen, teuren Heimatstadt, gerühmt für ihren voralpinen Erholungswert, vergab ein Fischereiverein Jahreskarten für einen Forellenbach. Freilich mit der strikten Auflage, dass sein gehegter Fischbestand nur mit Fliege und Fliegenrute behelligt werden dürfe. Ich versorgte mich mit der nötigen Gerätschaft, absolvierte eilig einen Wurfkurs, studierte ein Lehrbuch über die Anfangsgründe des Fliegenfischens und erlitt als schlimmer Dilettant eine Niederlage nach der anderen.

Versuchen Sie einmal als Neuling, mittels Vor- und Rückschwüngen die sausende Leine samt winziger, federleichter Fliegenattrappe am dichten Ufergehölz vorbei auf die Wasseroberflache zu befördern! Sie werden, sind Sie nicht als einmaliges Naturtalent geboren, nach wenigen Versuchen schwitzend und verschnürt wie ein Postpaket in den Fluss stolpern und tropfnass zusehen müssen, wie die Herrschaften Forellen unter stummem Hohngelachter das Weite suchen.

Der Weltmann und Hotelerbe Charles Ritz, verehrter und bewunderter Guru des Fliegenfischens, beschreibt in seinen Anekdoten seine erste Erfahrung mit der Fliegenrute als lächerliche, frustrierende Schinderei: „Ich war schon wie gerädert! Alle Muskeln des rechten Armes schmerzten und in der Handfläche brannten rote, sich mit Wasser füllende Blasen. Und wütend war ich! Fest überzeugt, dass man mich zum Besten gehalten hatte und dass es in diesem Wasser so wenig Forellen wie Lauben gab.“

Später avancierte der Hemingway-Freund Ritz allerdings zum an Eleganz und Zielgenauigkeit unübertroffenen Meisterwerfer. Der zierliche Gentleman mit dem schmalen Schnauzer schwang seine Rute bald an allen lachs- und forellenhaltigen Gewässern des Globus, den er dank seiner erfreulichen Vermögensverhältnisse unablässig bereisen konnte. In die Kulturgeschichte des Fliegenfischens ging Ritz aber nicht nur wegen seines ausgefeilten Wurfstils ein. Er verfasste eine humorige Charakterstudie der Angelfische, in der er etwa die „leicht verstimmbare“ Forelle „wegen ihres impulsiven Temperaments“ dem lateinischen Typus zuordnete und der „ausgeglicheneren Äsche“ „germanische“ Beständigkeit bescheinigte.

Und unvergessen bleibt der Mitte der Siebziger Jahre verstorbene Weinkenner und Feinschmecker als Bewahrer anglerischer Etikette: Wenn Ritz mit seinen großbürgerlichen Freunden fischte, machte man sich auf die schönsten Forellen aufmerksam und bot mit gegenseitig übertreffender Höflichkeit immer dem anderen den ersten Wurf an. Oft so lange, bis der gelangweilte Fisch genug hatte vom artigen Disput und sich langsam die Strömung hinabtreiben lies. Zu viel des Guten.

Auch wenn inzwischen die Fliegenfischerei ihren Ruf als Elite-Sport für Gentlemen in Knickerbockern weitgehend eingebüßt hat, bemühen sich Flugangler auch heute noch um zivilisierte Umgangsformen. Aufschneiderei ist am Forellenbach verpönt. Treffen sich auf einer sonnigen Kiesbank Kollegen beim nachmittäglichen Thermoskannen-Tee, schweigen sie geflissentlich über etwaiges Fangglück und tauschen stattdessen ein paar vielversprechende Muster aus der Fliegendose.

Meistens allerdings hat der Fliegenfischer für Bekanntschaften am Wasser wenig übrig, und macht sich unbemerkt davon, sobald er irgendwo eine zweite Leine über den Fluss schießen sieht. Schließlich geht das kleine Techtelmechtel unter der Wasseroberflache nur ihn und die Forelle etwas an, eine bilaterale Privatangelegenheit, bei der Voyeure im Ufergebüsch unwillkommen sind.

Der archaische Zweikampf zwischen Mensch und Kreatur, das Kräftemessen von Verstand und Instinkt, wie es Hemingway weltliterarisch in „Der Mann und das Meer“ erzählt hat, möchte in wilder Einsamkeit ausgefochten sein, sonst ist es nicht abenteuerlicher als eine Erdmännchen-Fütterung im Zoo.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: Diese Leseprobe ist der Anfang einer Kurzgeschichte aus dem Buch Gone Fishing (siehe unten).

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

 

Gone Fishing
Titel: Gone Fishing – Bekenntnisse eines Besessenen

Autor: Sven F. Goergens 

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

ISBN: 978-3440124475

Verlagslink: https://www.kosmos.de/4639/gone-fishing

Foto: Das Foto ist nicht aus dem Buch. Ich erhielt es direkt vom Autor höchstselbst.

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