Angelabenteuer Mongolei: Flusswölfe und einzigartige Hechte

von Olivier Portrat

„Flusswölfe“, so nennen die Mongolen die Huchen, die schon seit Urzeiten in ihren Flüssen hausen. Wer diese Tiere kennengelernt hat, hat schnell Verständnis für diesen Spitznamen. Für ihr wildes, räuberisches und ungestümes Verhalten genießen die Taimen bzw. Huchen bei diesem Reitervolk ordentlich Respekt. Aber damit nicht genug, es gibt in der Mongolei auch noch einen ganz besonderen Räuber: den Amur-Hecht.

DIE WÖLFE DER MONGOLEN

Zügig driften Martin und ich in unseren Belly-Booten dahin, die strammen Forellen als Köderfische 10 oder 15 Meter vor uns. Heute ist derlei nicht mehr möglich, mittlerweile ist das Huchenangeln in der Mongolei nur mehr mit Kunstköder und widerhakenlosem Einzelhaken erlaubt. Unser Angelrevier ist der Selenge, der wasserreichste und längste Fluss der Mongolei. Ein Fluss, der die meisten angereisten Angler durch seine schiere Größe abschreckt, der aber durch eben diese Größe in meinen Augen das beste Großhuchen-Habitat der Mongolei ist. In den Oberläufen und Quellbereichen der mongolischen Flüsse leben zwar auch Huchen, doch scheinen diese Reviere eher die Kinderstube zu sein: Wirklich große Huchen sind dort noch viel seltener als sonst.
Die dicken, kiloschweren Köderforellen sollen die Huchen aus der Reserve locken. Und das tun sie auch. Kaum sind wir mit unseren Belly-Booten in einen neuen, besonders ausgeprägten und vielversprechenden Gumpen geglitten, da erfolgt schon eine Attacke auf meinen Köderfisch: Die Gleitpose, die ohne Blei lediglich dazu dient, den Köderfisch von den Hindernissen am Flussgrund abzuhalten, taucht jäh ab. Der klassische Schwall, der üblicherweise eine Huchenattacke unmittelbar vor dem Biss anzeigt, hat diesmal gefehlt. Der Angreifer zieht leicht stromauf, in unseren Belly-Booten driften wir ihm unaufhaltsam entgegen: Anhalten können wir nicht. In Strömung funktioniert das Abstoppen mit dem Belly-Boot nur, wenn man mit den Beinen Bodenkontakt hat. Das ist hier nicht der Fall. Und schon driften wir über unsere Pose hinweg, die uns, von der Strömung schräg nach hinten geneigt, mit ihrem orangen Kopf aus etwa einem halben Meter Tiefe anlacht. Regungslos verharren wir dabei in unseren Gummibötchen, ja, wir trauen uns kaum zu atmen. Instinktiv setzen wir alles daran, um dem abziehenden Fisch keinen Schreck einzujagen. Unsere Blicke bohren sich unter der abgetauchten Pose in die Tiefe, das Wasser ist leicht milchig, gerade so, dass wir den Fisch nicht zu sehen bekommen.

HEIKLER ANHIEB

Der Huchen hat sich von uns nicht beeindrucken lassen, noch ist die Pose auf Tauchstation. Kaum 10 Meter stromab der Pose angelangt gehe ich in Anhiebposition – was von einem Belly-Boot in dieser recht zügigen Strömung mit schwerer Rute gar nicht so einfach ist. Und prompt schwimmt der Huchen nun auch noch stromauf, während ich mit sicherlich sechs Stundenkilometern stromab drifte. Noch während der Bewegung merke ich, dass ich den Anhieb nicht so setzen kann, wie es in Anbetracht des harten Huchenmaules erforderlich wäre. Ich würde mich aus dem Belly-Boot hebeln. Eine unangenehme Vorstellung bei einem 200 Meter breiten Fluss und einer Wassertemperatur von vier Grad Celsius.

KAMPF IM EISKALTEN WASSER

Und so fehlt meinem Anhieb Kraft, aber die Hoffnung, den Fisch zu haken, ist dennoch lebendig. Wild rast unser Forellendieb stromauf, nicht der kleinste Kopfschüttler ist zu spüren, lediglich ein gewaltiger Zug. Ein Zug, den meine eigene Abdrift noch eindrucksvoller macht. Nach den ersten Metern gegen die Strömung rast mein Fisch nun seitwärts, quer zur Strömung, eine gewaltige Bugwelle mit sich schiebend. Und schon lässt die Spannung auf meiner Schnur nach. Der Fisch ist ab. Der große 10/0er Einzelhaken hatte im knochigen Huchenmaul nicht richtig gegriffen. Doch der Widerstand zeigt mir, dass die Köderforelle immer noch am Haken ist, instinktiv rucke ich ein- oder zweimal an ihr, was sie verführerisch emporwirbeln lässt, und schon hat der Huchen erneut zugepackt! Durch unsere rasante Abdrift darf ich ihm auch diesmal nicht viel Zeit zum Nachfassen und Schlucken geben. Wieder kralle ich mich am Belly-Boot fest. Wieder ist mein Anhieb nicht das, was er sein sollte – ja, hier sind die Grenzen des Belly-Bootes erreicht.

Der Fisch hängt, rast quer zur Strömung, befindet sich nun aber sicherlich 80 Meter stromauf von mir, wo er sich der ganzen Länge nach aus dem Wasser schraubt. Was für ein Riese! Trotz der Entfernung der größte Huchen, den ich je zu Gesicht bekommen habe. Doch schon unmittelbar, nachdem sein schwerer Leib auf das Wasser aufgeklatscht ist, verliere ich wieder Spannung in der Schnur. Diesmal ist sie richtig locker, es hängt auch keine zerkaute Köderforelle mehr daran. Martin ist genauso betroffen wie ich.

DER TRAUMFISCH IST ENTWISCHT!

Da geben wir uns wochenlang Mühe, driften im Eiswasser herum, riskieren zu ertrinken oder zu erfrieren, übernachten bei minus 12 bis minus 17 Grad im Freien, schlagen uns mit korrupten, einheimischen Beamten herum und wagen uns mit unseren Belly-Booten auf Gewässer, die vor uns noch niemand von einem treibenden Gefährt aus befischt hat. Und kaum hängt der Fisch unserer Träume, da ist er auch schon wieder ab.
Zwar hatten wir zuvor schon einige schöne Fische erwischt, doch dieses Tier war der mit Abstand größte Huchen, den ich je gesehen habe. Dabei hatten wir im Jahr zuvor noch eine ganze Reihe von Exemplaren bis 148 Zentimeter erwischt. Was für eine herbe Enttäuschung! Ja, das war er, der Fisch unserer Träume, der Fisch, der uns alle Strapazen, die mit einer mongolischen Buschreise einhergehen, vergessen lässt. So sehr sich sein Sprung unauslöschlich in unsere Erinnerung eingebrannt hat, der Fisch ist weg und die Trauer ist groß.

NEUER VERSUCH

[Textkürzung. Ein Geheimnis sei aber verraten, dieses wilde Rendezvous findet ein Happy End und Olivier Portrat wird das erst so abweisende Objekt seiner Begierde zärtlich umschlingen. Wer genauer wissen will, wie er seine wilde Braut rumkriegt, möge zum Buch greifen.]

 

Taimen Mongolei

Abb.: Zweiter Versuch und da ist der Riese: 155 Zentimeter ist dieser gewaltige Taimen lang.

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Angeln Mongolei 2

 

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Mongolei AngelnAbb.: In der Mongolei erwarten den Angler wilde Flüsse – und wilde Fische

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DER SELTENSTE HECHT DER WELT

Das Einzugssystem des mächtigen Flusses Amur hat sich erdgeschichtlich recht früh von den umliegenden Gewässersystemen getrennt. Während sich die übrigen mongolischen Flusssysteme nach Norden in das Eismeer entwässern, nähren die Fluten des Amur den Pazifik. Die Folge ist, dass sich bestimmte Fischarten entwickelt haben, die es nur dort gibt. Zu diesen Fischen zählt der Amurhecht (Esox reichertii), ein Hecht, der irgendwann denselben Vorfahr hatte wie unser Hecht und den man im tiefsten Asien suchen muss. Eine Angelreise zu diesem Hecht lässt sich über keine Reiseagentur buchen. Weltweit gibt es sieben Hechtarten. In Nordamerika leben stellenweise drei oder vier Hechtarten (Hecht, Musky, Kettenhecht, Grashecht, Rotflossenhecht) in demselben Gewässer.

HECHT IST NICHT GLEICH HECHT

Obwohl von derselben Urform ausgehend haben sie sich innerhalb derselben Biotope in unterschiedliche Richtungen entwickelt, doch den gemeinsamen Vorfahren können sie nicht leugnen: Beim Maul, der Flossenverteilung und dem Jagdverhalten sind sie sich sehr ähnlich.
Das Einzugssystem des Amur hat dagegen aus der Urform nur eine einzige Hechtart hervorgebracht – prächtige Tiere in silbriger Livree mit schwarzen Tupfen. Ja, sie erinnern an Seeforellen. Doch seriöse Informationen zu dieser Fischart sind rar. Als ich mich 2005 zum ersten Mal auf die Suche nach dieser Fischart machte, bin ich mit der Information gestartet, diese Fische würden lediglich 4 bis 5 Kilo schwer – mehr gab das Internet nicht her. Bei dieser ersten Reise waren mein Begleiter Vivian und ich in kürzester Zeit erfolgreich und unsere Fänge schienen in puncto Größe dem zu entsprechen, was ich recherchiert hatte – alle Exemplare brachten nicht mehr als 4 Kilo auf die Waage. Bis zu dem Tag, an dem mir an einem Amurzufluss beim Driften mit dem Belly-Boot ein wahrer Hechtriese bis in die Flossen gefolgt ist, meinen Stickbait fest im Blick. 120 Zentimeter war dieses Tier lang, noch immer sehe ich es mit seinen rollenden Flossenbewegungen im klaren Wasser vor mir stehen, unmittelbar unter der Oberfläche: Dieser Fisch war nicht nur lang, er war auch in bester körperlicher Verfassung, feist und rund. Doch ist er abgedreht und hat sich kein zweites Mal blicken lassen, weder an diesem Tag, noch an den beiden nächsten Tagen.

ES GIBT DOCH GROSSE

Ein Jahr später bin ich zurück im Amur-Einzugsgebiet. An der Balz entdecken wir bei unserer ersten Drift der Reise einen riesigen Altarm. Wo das stillstehende Wasser in die Strömung übergeht, leckt die Flussströmung ein wenig in den Altarm hinein. Meinen kleinen Wobbler lasse ich an diesem Rand entlanglaufen, von der Größe her ist er eigentlich eher auf Amurforellen als auf Amurhechte ausgelegt. Doch das stört hier scheinbar nicht, schließlich wimmelt es nur so vor Elritzen. Und schon beim ersten Wurf wird mein Wobbler von einem großen Kiefer inhaliert! Bereits der erste Anblick des Fisches verrät mir, dass er definitiv größer war als jene Exemplare, die wir im Jahr zuvor landen konnten. Im Drill werfe ich mir noch vor, diese Stelle mit so einem kleinen Köder angeworfen zu haben, besonders gibt mir zu denken, dass mein Stahlvorfach mit knappen 15 Zentimeter Länge unverschämt kurz ist. Sollte bei dem Hecht der Miniwobbler weit hinten im Schlund sitzen, kann der Drill jäh zu Ende sein. Doch der Hecht erwischt die dünne Hauptschnur nicht. Allmählich lassen seine Kräfte nach. Nach zwei Sprüngen liegt er nun vor mir, griffbereit. 115 Zentimeter ist der Fisch lang, dabei jedoch recht schmal und schlank – kein Vergleich zum feisten Nachläufer des Vorjahres. Aber immerhin ein deutlich größerer Fisch, als die Informationen im Internet es vermuten ließen.
In den folgenden Jahren haben wir eine ganze Menge weiterer Hechte im Amur und seinen Zuflüssen erwischt, darunter einige Exemplare von über einem Meter, jedoch keines mehr von über 115 Zentimetern.

AMURRIESE AM HAKEN!

Noch vor ein paar Jahren ist mir ein Riese abhandengekommen, unmittelbar vor der Landung hat er sich verabschiedet: Nach etlichen Exemplaren von unter einem Meter war endlich wieder ein Großer am Haken, doch das mit der Landung sollte nicht klappen. Aber es tat gut, wieder einmal einen Amurriesen vor Augen gehabt zu haben. Es gibt sie also doch, die großen Amurhechte.
Einer der Hauptgründe, warum wir uns mit den wirklich großen Amurhechten schwertun, ist dadurch bedingt, dass wir auf den mongolischen Strecken des Amur unser Glück probieren. In der Mongolei liegen etwa 300 Kilometer vom Oberlauf des Amur, letztlich entspringt hier dieser Strom. So kommt es, dass der mongolische Teil des Amur vom Gewässertyp eher der Forellenregion zuzuordnen ist als der Barben- oder Brassenregion, die mit dem wärmeren und ruhigeren Wasser eher ein Hechtbiotop darstellt, als die Forellenregion, in welcher die Amurhechte lediglich in einigen vor der Strömung bewahrten Altarmen leben. Mehrere hundert Kilometer stromab müsste das Habitat besser zum Hecht passen, doch leidet der Amur dort unter Überfischung und Verschmutzung. Hinzu kommt, dass er allmählich zum Grenzfluss zwischen China und Russland wird, weshalb dort an ein entspanntes Angeln nicht mehr zu denken ist.

Die Mongolen schwärmen mir immer wieder von einem riesigen See ganz im Osten des Landes vor, unmittelbar an der chinesischen Grenze (Buir Nuur). Es wird nicht leicht sein, die notwendigen Genehmigungen zu ergattern, da es ein Grenzgewässer ist. Dazu müssen wir uns mit den chinesischen und den mongolischen Behörden verständigen – ein schwieriges Unterfangen. Es soll dort gewaltige Amurhechte geben, sogar Brocken von über 30 Kilo.

Amurhecht

Abb.: Amurhecht vorne (Esox reichertii), Olivier Portrat hinten

 

[TEXTKÜRZUNG: Diese Leseprobe endet hier. Zum Kapitel gehören noch Steckbriefe über den Taimen sowie den Amurhecht, diverse Fotos von dem Angelabenteuer und schlussendlich Reiseinformation für abenteuerlustige Petri-Brüder mit konkreten Empfehlungen. Nicht in diesem, jedoch in anderen Kapiteln des Buches, kann man mit seinem Tablet oder Smartphone QR-Codes einscannen und Filme im Internet betrachten.]

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HINWEIS: Das Töten wild lebender Tiere ist vom Gesetzgeber streng reglementiert. Der tierschutzgerechte Umgang mit Fischen wird Dir bei den Vorbereitungskursen zur staatlichen Fischerprüfung vermittelt. Sei Dir immer Deiner Verantwortung bewusst, die Dir mit dem hier beschriebenen Wissen anvertraut wird.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Angelabenteuer Echte Kerle DMAX

Titel: DMAX Angel-Abenteuer weltweit für echte Kerle

Autoren: Gregor Bradler und Olivier Portrat

Verlag: Müller Rüschlikon

Verlagslink: https://www.motorbuch-versand.de/product_info.php/info/11114

ISBN: 978-3-275-02141-3

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