Weidgerechtigkeit und Sportsmanship

von Christian Carl Willinger

Was dem Jäger aus dem deutsch-österreichischen Kulturkreis die Weidgerechtigkeit, das ist dem angelsächsischen Jäger good sport. Weidgerechtigkeit und sportsmanship sind jedoch nicht nur aus historischer Sicht sondern auch inhaltlich zwei völlig unterschiedliche Konzepte.
Der deutsche oder mitteleuropäische Begriff der Weidgerechtigkeit definiert sich heute abgesehen vom Umgang der Jäger miteinander in erster Linie als Ökosystemgerechtigkeit und Tierschutzgerechtigkeit.
Sportsmanship hat darin keine Bedeutung, obwohl man über Jahrzehnte hinweg geringe Beimengungen britischen Sportsgeistes duldete, die sich Ende des 19. Jahrhunderts eingeschlichen hatten, wie etwa keine Infanteristen zu schießen oder auch nicht den Hasen in der Sasse. Heute gilt das vielen als obsolet.
Die Vorstellung von Weidgerechtigkeit, das heißt, „dem Weidwerk gerecht zu werden“, ist zwar alt, die moderne Konzeption jedoch hat sich in Mitteleuropa im Rahmen der Entwicklung einer bürgerlichen Jagdkultur, welche ihre Wurzeln im nachhaltigkeitsbetonten Forstwesen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts hatte, in bewußter Abgrenzung und Opposition zur prunküberladenen aristokratischen Jagdkultur des Spätabsolutismus herausgebildet. Die aristokratische Jagdkultur ihrerseits paßte sich in Deutschland und Österreich im Laufe des 19. Jahrhunderts langsam an die neue bürgerliche Jagdkultur an (Dieter Stahmann 2008, Paul Müller 2009, Monika Reiterer 2001).

Abb.: Sternstunden; Bildquelle: Christian Carl Willinger

Ganz anders verlief die Entwicklung in England. Die dortige ritterliche Jagdkultur des Mittelalters machte einerseits den kontinentalen Weg im Rahmen des Absolutismus nur in begrenztem Ausmaß mit. Eingestelltes Jagen und Prunkjagden konnten sich nicht durchsetzen gegenüber der sportlichen Jagd mit der Meute. Andererseits war das englische Gesellschaftssystem trotz der heute viel geschmähten Klassengesellschaft immer schon begrenzt durchlässig. Die Engländer waren als Handelsvolk schon früh mit einer gut situierten Mittelschicht gesegnet, deren Aspirationen nicht auf Revolution, sondern auf Partizipation an der Macht, den Privilegien und vor allem am Lebensstil der Aristokratie ausgerichtet waren. Man wollte den anderen nichts wegnehmen, sondern dasselbe auch für sich selbst erreichen. Gerade die Fuchsjagd im 18. und 19. Jahrhundert war prädestiniert für solche Ambitionen, war sie doch für alle bis hinunter zum Bauern offen und zählte dabei doch einzig, ob man sich zu Pferde im Feld behaupten konnte. Wichtig war, daß man auch die wildesten Hindernisse sprang und am Schluß noch dabei war. Natürlich, an die strenge Etikette hatte man sich zu halten, aber gerade darin bestand ja der Anreiz für gesellschaftliche Aufsteiger. Man wollte eben hinauf, hinan, und nicht die anderen zu sich herab ziehen (Roger Scruton 1998, Jane Ridley 1990, Raymond Carr 1976).
Deshalb konnte das Konzept der ritterlichen Jagdkultur mit seiner Betonung von Mut, Sportlichkeit, Fairness und Edelsinn bis in heutige Zeit überleben, während es in Kontinentaleuropa mit dem Absolutismus und den darauf folgenden Revolutionen ausstarb (Kaiser Maximilian I. kannte es noch in seiner ganzen Breite). Mitteleuropa erlebte dabei im Rahmen der Entstehung der bürgerlichen Jagdkultur einen wahren Paradigmenwechsel, der erst in jüngster Zeit abgeschlossen wurde, als man sich der Reste sportlicher Konzepte entledigte.
Um sich von der Idee des sportsmanship eine Vorstellung machen zu können, muß zunächst einmal erläutert werden, was man eigentlich unter sport versteht. Dazu ist es hilfreich, die Herkunft dieses Worts zu beleuchten.
Voranzustellen ist, daß sport hier nicht einfach mit „Sport“ übersetzt werden kann und darf. Keinesfalls ist hier das gemeint, was man heute gemeinhin unter Sport versteht. Das Wort sport leitet sich von to disport, sich zerstreuen, ab und gelangte aus dem Lateinischen (deportare, wegtragen, vulgärlateinisch „amüsieren“ im Sinne von „vom Ernsten wegbringen“) über das Altfranzösische se de(s)porter ins frühe Englisch. Dabei muß man berücksichtigen, daß in früheren Jahrhunderten nur die Begüterten Zeit, Geld und Muße hatten, „sich zu zerstreuen“, und man zerstreute sich mit Dingen, die als eines gentleman (Edelmanns) würdig erachtet wurden, nämlich mit dem Quintett hunting (Meutejagd), stalking (Pirschjagd), angling/fishing (Angeln), hawking (Beizjagd) und nach Erfindung der Feuerwaffe auch shooting (Flintenjagd). Noch in der Zwischenkriegszeit unterschieden Englands leisured classes eindeutig zwischen genuine sport (ursprünglichem, wahrhaftem Sport) im Sinne oben genannter fünf und pastimes, worunter man alles andere, von Tennis über Golf bis zum Schilauf und Bergsteigen, zusammenfaßte. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde der Begriff sport auch auf Fußball und andere körperliche Vergnügungen übertragen. Um diesen Unterschied zu verdeutlichen, pflegte man auch gerne im Zusammenhang mit der Jagd von field sports zu sprechen, während Jagdgegner dazu den Begriff blood sports erfanden.
Good sport and fair chase stammt aus dem Denken und Fühlen einer ritterlichen Ordnung, welche in England bis in die Nachkriegszeit das vorherrschende Ideal gewesen ist. Die Phrase hat also sehr viel mit chivalry und gentleman-behaviour zu tun, also mit Ritterlichkeit: die Jagd sollte einerseits eine körperliche Herausforderung sein, welche auch das Element der Gefahr einschließt, und andererseits sollte dem Wild eine faire Chance eingeräumt werden, aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervorzugehen, also unversehrt zu entkommen. Dieser Gedanke ist im übrigen sehr alt und läßt sich schon bei Arrian (Cynegeticus 16,4–6) belegen: „Die wahren Jäger“, schreibt er, „schätzen es, wenn der Hase entkommen kann.“ Darüber hinaus schließt sportsmanship (ähnlich wie Weidgerechtigkeit) auch den fairen, respektvollen Umgang mit anderen und deren Eigentum ein.
Das Wort Sport fand mit der ersten Erwähnung 1828 erst spät Eingang ins Deutsche und wurde schon bald völlig von der Jagd abgekoppelt. Nachdem im Gegensatz zu England die aristokratische Leitkultur in Mitteleuropa mit der Revolution von 1918 aufgelöst wurde, verloren auch entsprechende Vorstellungen von Ritterlichkeit an Bedeutung, und der Begriff Sport wandelte sich zu dem, was wir heute darunter verstehen. Einzelne Punkte, wie das Verbot des Schusses auf den Hasen in der Sasse oder auf „Infanteristen“, fanden allerdings Eingang in unseren Begriff der Weidgerechtigkeit und werden heute, wie erwähnt, eher kritisch gesehen. Ergänzend sei bemerkt, daß zwischen den beiden Kulturkreisen auch hinsichtlich der Verwendung des Begriffs „Jagd“ große Unterschiede bestehen. Das Wort „jagen“ läßt sich bis ins Althochdeutsche rückverfolgen, das Englische verwendet das auf protogermanische Wurzeln zurückreichende Wort to hunt und seit dem frühen Spätmittelalter auch das lateinstämmige to chase (capere – captiare – ital. cacciare – fr. chasser – engl. chase; gleicher Herkunft auch catch und capture). Während der deutsche Begriff „jagen“ sich auf alle Formen der Jagd bezieht, also mit Schußwaffe, Beizvogel und Meute, bezeichnet der Begriff hunt sowohl als Verbum als auch als Substantivum ausschließlich (!) die Jagd zu den Hunden, welche im gesamten Mittelalter in England und in Frankreich die bei weitem wichtigste Jagdart war. Andere Formen der Jagd wurden mit gesonderten Begriffen belegt wie hawking, stalking und shooting. Erst das Amerikanische erweiterte das Bedeutungsfeld von hunt in Richtung des deutschen Verbs „jagen“. In England dagegen gilt bis heute die ursprüngliche Differenzierung, und der dem Wort „Jagd“ halbwegs entsprechende Überbegriff lautet field sports oder einfach sport.
Obwohl in modernerer Zeit das Wort chase sich nicht mehr ausschließlich auf die Meutejagd bezieht, klingt bei diesem Vokabel ebenfalls der Meutebezug deutlich durch. Ähnlich darf heute venery durchaus mit „Weidwerk“ gleichgesetzt werden, obwohl auch dieses lateinstämmige Wort ursprünglich aus der Begriffswelt der Meutejagd stammt und im mediävalen England die Hohe Jagd hinter Hunden auf Hirsch, Hase, Eber und Wolf bezeichnete. Auch im Französischen bezeichnet vénerie ausschließlich die Meutejagd, grande vénerie jene auf Rotwild, während chasse sich auf die Jagd im Allgemeinen bezieht.
In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, daß das Lateinische für die Jagd nur das Wort venatio kennt, während das Altgriechische zwischen kynegesía (Hundeführung, also Meutejagd) und therá bzw. théreusis, der Jagd im Allgemeinen unterscheidet; ther ist das wilde Tier, das Wild. Alle drei erhaltenen antiken Werke über die Jagd tragen den Titel Cynegeticus (der Jäger) bzw. Cynegetica (das Jagdwesen), was die besondere Rolle der Meutejagd verdeutlicht. Seit den alten Griechen hat die Meutejagd eine Vorrangstellung im europäischen Jagdwesen eingenommen, insbesondere in den ursprünglich keltisch besiedelten Teilen Europas.

Zusammenfassend stellen wir fest:
* Ihrer Herkunft und ihrem Wesen nach ist die angelsächsische Jagdkultur eine ritterliche Jagdkultur.
* Der Begriff sport in seinem ursprünglichen Sinne bedeutet eine Zerstreuung, bei der man flüchtigen wilden Tieren, ob Fisch, Federwild oder Haarwild, kunstfertig nachstellt.
* Viele Vokabel in zahlreichen europäischen Sprachen, die im Deutschen gemeinhin mit „Jagd, jagen“ wiedergegeben werden, beziehen sich weitgehend oder ausschließlich auf die Meutejagd, so auch im Englischen. Als übergeordneter Begriff, der auch das Angeln einschließt, gilt field sports.

Abschließend bleibt noch festzuhalten, daß das Königreich während der vergangenen fünfzig Jahre großen Veränderungen unterworfen gewesen ist. In den 1970er Jahren begann mit der Verbreitung der Rock- und Popkultur und von Ideen der 68er-Bewegung die aristokratische Leitkultur zu bröckeln. Seit den 80er-Jahren kam die Tierrechtsideologie hinzu, welche im tierverliebten England auf besonders fruchtbaren Boden fiel, und spätestens in den 90er-Jahren erfaßte der aus Amerika stammende Trend der Politischen Korrektness nicht nur Europa, sondern auch das Inselreich. Langsam verschwand die Kultur des Alten England im ideologischen Mainstream des modernen Westens, unter den Wogen des neomoralistischen Einheitsbreis. Seit New Labour seinen inzwischen längst zum Rohrkrepierer gewordenen Slogan „Cool Britannia“ ausgegeben hatte, galt jedenfalls das Alte England als tot und geächtet. Trotzdem leben dessen Werte auf dem Lande immer noch fort und erfreuen sich dort angesichts des breiten Versagens der modernen Welt wieder großen Zuspruchs.

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KRAUTJUNKER-Kommentar am 12.05.2019
Nach der Veröffentlichung auf Facebook kritisierte der bekannte Jagdbuchautor Bertram Graf v. Quadt den obigen kontroversen Text. Der Autor antwortete hierauf. Den interessanten Dialog kopiere ich heute an das Ende dieses Blog-Beitrages.


KRAUTJUNKER-Kommentar am 19.05.2019
Da ihm die Thematik so am Herzen liegt, verfasste der Autor einen weiteren, weit ausführlicheren Text und sandte ihn mir am 17.05.2019 zu. Ich habe ihn eben unter seine erste Replik eingefügt
. Der Beitrag vom 12.05.2019 ist somit ersetzt, ich lasse ihn nur aus Gründen der Vollständigkeit hier sichtbar.

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Verlagsinformation über den Autor:
Dr. Christian Carl Willinger, Jahrgang 1962, studierte an der Universität Innsbruck Humanmedizin und bereiste von Jugend an zahlreiche Länder Europas, Afrikas und Asiens, seit 1990 vor allem mit der Büchse oder im Sattel.
Schon früh begann er seine Eindrücke aufzuzeichnen und durch vielfältige Lektüre zu vertiefen. Seine Interessen sind geprägt von Dualismen: Natur und Kultur, Askese und Genuß, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften.

Abb.: Chrstian Carl Willinger; Abb.: Christian Carl Willinger

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe

Titel: Good Sport & Fair Chase: Weidwerk im Geiste ritterlicher Jagdkultur

Autor: Christian Carl Willinger

Verlag: CCW-Verlag

ISBN: 978-3200033016

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Bertram Graf v. Quadt am 11.05.2019:

„…einer bürgerlichen Jagdkultur, welche ihre Wurzeln im nachhaltigkeitsbetonten Forstwesen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts hatte, in bewußter Abgrenzung und Opposition zur prunküberladenen aristokratischen Jagdkultur des Spätabsolutismus …“

Puhh. Der Satz ist a) nur schwer zu halten, weil b) Bashing, und zwar in dem Fall Aristokratenbashing. Ja, es gab eine Prunkjagdkultur im Barock, aber die war bereits Ende Rokoko obsolet geworden. Zweitens hat sich die bürgerliche Jagdkultur nicht im späten 18., sondern erst ab Mitte des 19. JH, genauer ab 1848 herausgebildet – und die war in den Anfängen alles andere als „nachhaltigkeitsbetont“, eher das genaue Gegenteil! Das forstliche Nachhaltigkeitsdenken und seine Auswirkungen auf die Jagd (siehe z.B. Göchhausen, Döbel, Hartig et al.) entstand übrigens nicht auf bürgerlichen Forstbesitzen, sondern eher auf denen des Adels. 

Das englische Klassensystem als „begrenzt durchlässig“ zu bezeichnen, zeugt von einer ziemlichen Unkenntnis des besagten Systems, es war und ist in einigen Bereichen immer noch ziemlich hermetisch, und zwar von oben wie von unten. 

Die Fuchsjagd zu Pferde war im 18. und und weiten teilen des 19. Jh definitiv nicht „bis zum Bauern hinunter offen“, es sei denn, der bauer nahm als „terrierman“ zu Fuß daran teil. 

Dass „stalking“ bis ins 20. Jahrhundert, sogar bis ins 21. Jahrhundert hinein in England als „not a gentleman’s sport“ bezeichnet wird, scheint dem Autor ebenfalls unbekannt.

Er hat zwar richtig erkannt, dass der englische Begriff „sport“ aus dem verbum „to disport oneself“, analog zu lat. disportare (nicht wie vom Autor erwähnt „deportare“, was soviel wie Wegbringen bedeutet) stammt, verwendet aber weiterhin auch inhaltlich im Subtext den deutschen Begriff „Sport“ im Sinne von Leibesertüchtigung, Wettkampf, Leistung, welches üble adlige Relikt im deutschen Sprachraum erst die alleinseligmachende Verbürgerlichung der Jagd hinweggefegt hätte. 

Kurz gefasst: Ich habe auf krautjunker.com schon erheblich bessere und sinnreichere Beiträge gelesen.

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Christian Carl Willinger am 11.05.2019:

Zunächst darf ich festhalten, daß ich es als Ehre betrachte, wenn jemand wie Bertram Graf von Quadt sich die Mühe nimmt, meine Darlegungen kritisch zu kommentieren. Die teils doch recht heftigen Attacken bedürfen jedoch einiger Erläuterungen.

In dem erwähnten Satz aus dem Anfang meines Artikels, den Graf von Quadt kritisiert, ist auf allerknappste Weise zusammengefaßt, was Dieter Stahmann in seinem Buch Weidgerecht und Nachhaltig. Die Entstehung der Bürgerlichen Jagdkultur (2008) ausführlich dargelegt hat. Es ist schon richtig, daß das Bürgertum erst ab 1848 ein politischer Faktor wurde, es hat jedoch schon vorher existiert und seine Ideen allmählich aus den philosophischen Strömungen des 18. Jahrhunderts heraus entwickelt.

In den beiden Jahrzehnten nach 1848 kam es dann tatsächlich zu völlig desaströsen Zuständen im Bereich des Weidwerks, die aber in einer gemeinschaftlichen Anstrengung von Aristokraten und Bürgern schließlich überwunden wurden. Die Gründung diverser Jagdschutzvereine sei hier genannt, so etwa 1875 der Tiroler Jagdschutzverein, dessen Führungspositionen über die Jahre sowohl von Aristokraten (z.B. Constatin Graf von Thun-Hohenstein) als auch von Bürgern (eines der Gründungsmitglieder war der seinerzeitige Innsbrucker Bürgermeister) besetzt wurden.

Daß die Ideen der nachhaltigen Waldwirtschaft von Forstmeistern des 18. Jahrhunderts auf aristokratischen Gütern entwickelt wurden, bestreite ich gar nicht. Mir war wichtig festzustellen, daß diese Ideen die Entwicklung der bürgerlichen Jagdkultur wesentlich beeinflußt haben.

Ausführlicher wollte ich dieses Thema auch gar nicht darstellen, weil darüber genügend Literatur existiert und es mir nicht um den Begriff der Weidgerechtigkeit, sondern um jenen des sportsmanship ging. Ich habe also nur ganz kurz angerissen, wie es zu der heute verbreiteten Auffassung von Weidgerechtigkeit kam, ohne diese zu bewerten.

Daß Graf von Quadt gerade mir Aristokraten-Bashing vorwirft, wundert mich nun doch sehr, denn nichts liegt meiner geistigen Haltung ferner. Hier werden offensichtlich meine Darlegungen historischer Prozesse mit deren Wertung verwechselt. Wie gesagt habe ich in extremer Kürze festgehalten, wie sich die heutige Jagdkultur entwickelt hat und wie sie sich selbst sieht, ohne daran etwas positiv oder negativ zu beurteilen. Auch das Beiwort „prunküberladen“ ist von mir keineswegs in feindlicher Absicht verwendet worden, doch muß man etwa das Eingestellte Jagen bei allem Verständnis für andere historische Epochen nicht unbedingt bejubeln. Und wenn ich davon spreche, daß sich die bürgerliche Jagdkultur der Reste sportlicher Konzepte entledigte, wird nur eine Tatsache angeführt, ohne diese gutzuheißen. Vielleicht ist meinem Kritiker gar nicht aufgefallen, daß ich mich im Laufe meines Artikels schließlich mit dem Konzept des sportsmanship solidarisiere und nicht mit der bürgerlichen Jagdkultur. Möglicherweise würde ihm das auch erst im Folgekapitel klar.

Zu den sozialen Verhältnissen bei der Meutejagd möchte ich nur kurz auf die im 19. Jahrhundert beliebten Bücher von Surtees verweisen, welche die soziale Welt der Meutejagd humorvoll beschreiben. Es gab nämlich nicht nur die bedeutenden herrschaftlichen Meuten, bei denen man sich freilich in geschlossener Gesellschaft befand, sondern eine große Vielzahl von kleinen Meuten, wo neben dem örtlichen Squire und seiner Familie alle, welche die finanziellen Mittel und eine gewisse Freizeit aufbringen konnten, teilhaben konnten. Im Kapitel Open to All führt Jane Ridley in ihrem Standardwerk Fox Hunting das näher aus. Ein anderes Buch zu diesem Thema ist Peculiar Privilege von David Itzkowitz. Die Teilnehmer an den diversen jagdlichen Aktivitäten haben sich in der Regel an den jagdlichen Grundwerten der aristokratischen Leitkultur orientiert, wollten sie nicht scheel angesehen werden.

Wenn ich von einer begrenzten Durchlässigkeit des Klassensystems schreibe, dann beziehe ich mich nicht auf den Adel. Unterhalb dessen gab es jedoch auch im 19. Jahrhundert durchaus Aufstiege um eine oder zwei Klassenstufen. Ein Lehrersohn (lower middle class) konnte mit der nötigen Begabung Arzt oder Professor werden (UMC), ein Kleinkrämer Großhändler, sehr vereinzelte militärische Karrieren führten sogar vom „private“ bis zum General (so etwa William Robertson). Und unter besonderen Umständen wurde man in den Ritterstand erhoben. Der wirtschaftliche Erfolg der Mittelklasse hat diese beschränkte soziale Mobilität begünstigt. Ob man dann in der neuen Klasse auch anerkannt wurde, ist eine andere Geschichte.

Recht hat Graf von Quadt, daß das Stalking tatsächlich noch im 18. Jahrhundert als minderwertig galt, das änderte sich aber im 19. Jahrhundert dramatisch, nachdem Queen Victoria ihre Liebe zu den Highlands entdeckt hatte. Landseer hat für Victoria etliche Bilder Prince Alberts beim Stalking gemalt. Um aus der Literatur aus aristokratischer Feder nur ein Beispiel zu zitieren, wo das ganze Spektrum an Field Sports inklusive Stalking anekdotisch abgehandelt wird: Claude Luttrell, Sporting Recollections of a Younger Son (1925). Man hat, so wie auch bei den vielen Schilderungen aus anderer Feder, nicht das Gefühl, er schriebe von einer minderwertigen Betätigung.

Es mag schon sein, daß es in England heute noch Kreise gibt, die über das Stalking jene alte Ansicht vertreten, möglicherweise erst recht, weil nun in Schottland so viele Jagdtouristen weidwerken. In diesem Zusammenhang ist es amüsant, daß das Schießen von Füchsen von den Vertretern der Meutejagd im 19. Jahrhundert verächtlich und doch zugleich humorvoll als vulpicide, als Fuchsmord bezeichnet wurde, ein Begriff, den man seit langem selbst unter eingefleischten Meutejägern nur mehr spaßhaft verwendet, der aber ein anderes Beispiel dafür ist, wie sich Wertungen historisch wandeln.

Definitiv falsch liegt Graf von Quadt beim Wort disportare. Dieses Wort hat im Lateinischen nie existiert, wie man in Georges ausführlichem Handwörterbuch der Lateinischen Sprache nachprüfen kann. Deportare hat dann in spätlateinischer Zeit in der Wendung se deportare die Bedeutung „sich zerstreuen“ (wörtlich sich wegtragen) erhalten, was man ebenfalls im Georges nachlesen kann. Im Spanischen hat sich übrigens das lateinische deportare bis heute als Wortwurzel erhalten. Dort heißt Sport nämlich deportes, sportliche Jagd heißt caza deportiva.  Das „s“ in sport ist erst über das Altfranzösische in das Wort gelangt. Dieses deporter und dann desporter gelangte als disport ins Englische (wobei mir bislang nicht bekannt ist, wann dieses Wort das erste Mal schriftlich erwähnt wird).

Letztlich hat Graf von Quadt, wenn er glaubt, ich würde die „alleinseligmachende Verbürgerlichung“ verherrlichen, die Intention meiner Schriften völlig verkannt, laufen sie doch allesamt auf das Gegenteil hinaus, nämlich diese bürgerliche Wertewelt dahingehend zu relativieren, daß es daneben auch noch andere, historisch gewachsene Systeme gibt, die es wert sind, betrachtet zu werden und nach denen man sich richten kann.

Nicht meine Wenigkeit begrüßt das „Hinwegfegen der üblen adeligen Relikte“ durch die Verbürgerlichung, sondern das ist die heute weitverbreitete Sicht vieler ihrer tonangebenden Vertreter! Ich lege bloß dar, wie es steht, nicht, was ich davon halte.

Wenn dieser Artikel nämlich mit der bürgerlichen Jagdkultur beginnt, so endet er mit einem leisen Plädoyer für eine ritterliche (und damit letztlich aristokratische) Auffassung von Jagd und leitet damit über zu einer näheren Beschäftigung mit dieser, was dann im Folgekapitel auch geschieht.

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Christian Carl Willinger am 17.05.2019:
Hunting, hawking, angling, shooting, stalking

Nochmals das Thema Hunting, hawking, angling, shooting, stalking, nachdem ich gebeten wurde, die historischen Fakten genauer darzulegen. Das Thema ist natürlich weit komplexer als diese Übersicht vermuten läßt, doch wer sich dafür näher interessiert, sei auf untenstehende Literatur verwiesen. 1000 Jahre in wenigen Worten zu umreißen ist zwangsläufig mit gröberen Vereinfachungen verbunden.

In England beschränkten sich die Jagdmethoden während des gesamten Mittelalters bis in die frühe Neuzeit auf die Jagd mit der Meute (hunting) und auf die Beizjagd (hawking). Unter hunting verstand man damals jedoch nicht nur die eigentliche Meutejagd, sondern auch die als Hundedrück- oder -treibjagd abgehaltene Bogenjagd, wie sie Edward 2nd Duke of York im letzten Kapitel seines bekannten Werks beschreibt (1410). Dabei kamen Armbrüste und/oder Langbögen zum Einsatz. Diese Treiben erfolgten auf komplexe Weise mit vielen Hunden unterschiedlicher Rassen, und eine gute Hundearbeit war Voraussetzung für guten Jagderfolg. Die Hunde wurden am Ende der Jagd auch genossen gemacht. Treibjagden dieser Art waren also in etlicher Hinsicht einer Meutejagd ähnlich und deshalb auch begrifflich nicht von dieser getrennt. Gepirscht wurde nicht. Das Angeln (angling) galt spätestens seit dem 15. Jahrhundert als noble Freizeitbeschäftigung (Boke of Saint Albans, 1496), wahrscheinlich jedoch schon seit der normannischen Eroberung.

Die Meutejagd lief übrigens im Mittelalter etwas anders ab als in neuerer Zeit, weil man damals mit schweren und langsamen Hunden sowie mit mehreren spezialisierten Rassen jagte, die im Jagdverlauf jeweils unterschiedlichen Zwecken dienten. Erst die Züchtungen ab dem 17. Jahrhundert ermöglichten die schnellen Jagden der Neuzeit.

Wer im Mittelalter außer dem König wann, wo, wie und auf welches Wild jagen durfte, ist ein äußerst komplexes Thema, auf das hier nicht weiter eingegangen werden soll. Es sei lediglich erwähnt, daß alles Jagdrecht beim König lag und dieser bestimmte individuelle Rechte an Adel und Klerus vergab.

Erste jagdlich brauchbare Feuerwaffen tauchten zwar schon Ende des 15. Jahrhunderts auf (Luntenschloß), früh im 16. Jahrhundert kam dann das Radschloß hinzu, doch diese meist aufwendig verzierten, sehr edlen Waffen blieben schwer und unhandlich. Das gilt auch für die Steinschloßgewehre aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Man konnte all diese Waffen besser von Ständen aus einsetzen, und so entwickelten sich auf dem Kontinent die eingestellten Jagden. In England kannte man zwar das eingestellte Jagen nicht, doch die Meutejagd erlitt im 16. Jahrhundert einen rapiden Niedergang. Als Heinrich VIII älter wurde und an Körperfülle zunahm, beschränkte er sich auf das Abschießen von Wild in Parks mit der Armbrust, und Elisabeth I schoß mit dieser Waffe gerne aus einem Schirm auf davor zwischen Netzen hin-und hergetriebenes Rotwild oder auch auf Wild in einer Koppel. Das kam dem eingestellten Jagen dann doch sehr nahe.

Aber schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stieg das Interesse an sportlicheren Jagdarten wieder an. Aus dieser Zeit stammen die ältesten heute noch aktiven Meuten (z. B. Bisdale 1668, Quorn 1696), die nunmehr kleinere, schnelle Hunde einsetzten. Gleichzeitig tauchten erstmals leichte und brauchbare Flinten und Büchsen auf, die den raschen Schuß auf bewegte Ziele ermöglichten. Damit kam das moderne shooting, also die Flintenjagd, in Mode. Es dauerte jedoch zunächst noch eine ganze Weile, bis Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der Perkussionszündung die Flinten wettertauglicher wurden. Um diese Zeit begann man auch mit dem Züchten und Auswildern von Fasanen. Doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit der Erfindung des Kipplaufs, trat die Flintenjagd einen wahren Siegeszug an und avancierte im 20. Jahrhundert zur weitaus beliebtesten Jagdart der britischen Inseln. Vor der Ära der Flintenjagd wurde übrigens Flugwild entweder mit Beizvögeln erlegt oder mit Hilfe von Hunden in Netzen gefangen, wobei man gerne Drachen steigen oder Beizvögel kreisen ließ, um das Flugwild am Boden zu halten, bis die Netze darüber gezogen waren.

Im 16. Jahrhundert belebte der 4. Herzog von Norfolk eine weitere, schon aus antiker Zeit bekannte Jagdart wieder und versah sie mit neuen Regeln, nämlich die Hasenjagd mit Windhunden (also mit Augenhunden), hare coursing genannt. Dieses blieb allerdings eher eine Randsportart.

Wie oben erwähnt, wurde von der Nobilität Schalenwild mit Fernwaffen traditionell nur im Trieb erlegt. In Schottland spielten Treibjagden eine besondere Rolle, denn das gebirgige Terrain der Highlands war für die Meutejagd ungeeignet. Das Wild wurde meist auf die in Ständen wartenden Schützen zugetrieben oder -gedrückt. Es gab jedoch auch solche Treiben, bei denen manöverartig hunderte von Männern (und oft auch viele Hunde) große Mengen Wild in eine Enge oder auch einen Sumpf trieben, wo es dann von den Edelleuten mit Speeren, Bögen, Armbrüsten und später Feuerwaffen gestreckt wurde (tainchell = drive). Eine weitere standesgemäße Methode bestand darin, ein Stück Rotwild mit einem Paar Schottischer Hirschhunde auf Sicht zu hetzen (deer-coursing). Diese Hunde verwendete man auch bei den Treibjagden, und zwar sowohl zum Treiben als auch um verwundetes Wild abzuwürgen.

Im Jahre 1745 erlegte der Chief des Clans Macpherson als erster aus der Nobilität einen Hirsch auf der Pirsch im offenen Hochland. Er gilt damit gewissermaßen als Initiator des stalking, das bis dorthin nur die angestellten Förster betrieben, um die Herrschaft mit Wildfleisch zu versorgen. Es dauerte noch eine Weile, bis diese Aktivität ihren Anruch des Gewöhnlichen verlor. Als um 1815 der junge Lord Lovat (der 12.) auf die Pirsch gehen wollte, ermahnte ihn sein Vormund, seine Lordschaft möge doch hoffentlich „not so far derogate from his position as to go into the forest to shoot deer for himself as such a practice was neither dignified in a nobleman nor customary“. Es wird nicht verwundern, daß er sich nicht daran hielt.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderte sich die Landschaft der Highlands durch die Entforstung außerordentlich stark, und im 19. Jahrhundert verbesserte sich auch die Waffentechnik rasant: um 1820 die Perkussionszündung – ein wahrer Segen bei schottischem Wetter -, dann um 1860 der Hinterlader und die Metallpatrone. Dazu kam, daß Queen Victorias Begeisterung für Schottland dessen Attraktivität stark steigerte. Außerdem vereinfachte die Eisenbahn das Reisen nach und in Schottland sehr. Diese vier Faktoren waren ausschlaggebend für die zunehmende Beliebtheit der Pirschjagd. Sah man also im 18. und frühen 19. Jahrhundert das Stalking noch als „no ploy for a gentleman“, so hatte sich diese Sichtweise um 1850 völlig gewandelt. Auch die zunehmenden Jagdmöglichkeiten in den Kolonien trugen dazu bei, denn viele der neuen Wildarten, vor allem jene im Hochgebirge und etliche Großwildarten, ließen sich nur auf der Pirsch erlegen. Berühmte aristokratische Pirschjäger waren unter unzähligen anderen der 13. Lord Lovat, der 5. Herzog von Sutherland oder die Marchioness of Breadalbane, welche 1907 folgende Feststellung tätigte: „There is no counrty like Scotland and no sport like deer-stalking“

Im 19. Jahrhundert kam es zu etlichen weiteren Diversifizierungen der Jagdmethoden, aber auch der Begriffe. So wurde der Begriff shooting, der im engeren Sinne nur die Flintenjagd bezeichnet, auch auf die Büchsenjagd außerhalb der Britischen Inseln erweitert (z.B. big game shooting, elephant shooting, tiger shooting etc.) und umfaßte dabei Methoden wie stalking, tracking, sitting&waiting, drives etc. Einzelne britische Autoren begannen auch den Begriff hunting wie die Amerikaner zu verwenden (big game hunting, elephant hunting etc.), dennoch blieb dieses Wort auf den Britischen Inseln bis heute für die Meutejagd reserviert.

Zur selben Zeit übernahm man in Indien das pig-sticking (im Mittelalter kam Schwarzwild auch noch in England vor und wurde mit der Meute bejagt). Die Beizjagd dagegen, die mit einigen Höhen und Tiefen bis ins 18. Jahrhundert beliebt war, verlor im 19. Jahrhundert sehr an Bedeutung, sie wurde wie auch die Netzjagden von der Flintenjagd verdrängt. Dennoch gibt es heute in Großbritannien wieder relativ viele Falkner.

Nicht berücksichtigt ist hier die Geschichte der sogenannten minor field sports, wie ferreting, rating u.a.m., womit sich die einfache Landbevölkerung die Zeit vertrieb.

Ab dem 18. Jahrhunderts blieb die Jagd nicht mehr ausschließlich der Aristokratie vorbehalten. Erste Landgüter reicher Kaufleute gab es schon um 1600. Um 1700 karrikiert D’Urfey bestimmte Stadthändler, die in Londons Umgebung Schalenwild jagten und ihre Sporen verkehrt herum trugen: „A creature bounceth from the bush which made them all to laugh / My Lord, he cried, ‚A hare! a hare!‘, but it proved an Essex calf.“ Und im Jahre 1808 schrieb John Hawkes in Meynellian Science, 23-4: „The Field is a most agreeable Coffee-house, and there is more real society to be met with there than in any other situation in life. It links all classes together, from Peer to the Peasant. It is the English man’s peculiar privilege.“ Trotzdem dürfte im 18. Jahrhundert das Volk auf der Jagd noch eher eine Randerscheinung gewesen sein. Um 1830, als es schon viele Subskriptionsmeuten gab, sah das aber bereits ganz anders aus. Dort konnte jeder, der es sich leisten konnte, teilnehmen. Die Bücher von Surtees sind voll mit Cockney-Charakteren und anderem wenig noblem Volk.

Auch beim shooting kam es zeitgleich zu Veränderungen. Mit der Game Reform Bill 1831 war die Flintenjagd prinzipiell offen für alle Käufer eines Wild-Zertifikats. Selbst den Farmpächtern wurden bald darauf Jagdmöglichkeiten eingeräumt. So war 1846 der Earl of Yarborough der erste, welcher seine Pächter Wild schießen ließ. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es schon Sporting Agents, die mit Jagdrechten handelten und über die man bei den Landbesitzern shoots pachten konnte. Zu dieser Zeit wechselten auch etliche Estates den Besitz und gelangten in die Hände von Großindustriellen, Großhändlern oder Plantagenbesitzern. Vereinzelt geschah das schon früher, als Familien, die in den Kolonien reich geworden waren, sich in England Land kauften und herrschaftliche Anwesen errichten ließen. Einer der ersten war John Cockerell, der 1795 jenes Estate in den Cotswolds kaufte, auf dem zwei seiner Brüder kurz darauf Sezincote House bauten. Einer von ihnen wurde später in den Adelsstand erhoben.

Trotz der neuen Möglichkeiten für das Volk blieb man jedoch beim shooting und auch bei den anderen Sportarten fast immer unter sich. Dasselbe galt für hochrangige Meuten im Besitz der Hocharistokratie. Diese öffneten sich erst in der Nachkriegszeit, als die finanziellen Rahmenbedingungen kritisch wurden. Die Subskriptionsmeuten jedoch standen wie oben dargelegt jedem offen und boten eine bunte Mischung aus mehreren Gesellschaftsschichten. Wie Rodger Scruton schreibt, war es auch der dash and drive der Aristokratie, der durch die gemeinsame Teilnahme an den mutfordernden Meutejagden auf die anderen abfärbte. Tatsache ist, daß der Sport der Nobilität auf die niedrigeren Klassen eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte und es seit dem 18. Jahrhundert deren Ziel war, zumindest auf einfacherer Ebene einen ähnlichen Lebensstil führen zu können. Und Tatsache ist auch, daß dabei die aristokratische Jagdkultur und ihre Ethik von allen Jägern übernommen wurde und ungebrochen bis in die Gegenwart fortlebt, während es auf dem Kontinent mit seinen diversen tragischen Revolutionen zu irreparablen historischen Brüchen kam, welche auch vor der Jagd und ihrer Kultur nicht Halt machten.

Abschließend wollen wir korrekterweise festhalten, daß ursprünglich nur hunting, hawking, angling und die Treibjagd in ihren verschiedenen Formen als a gentleman’s sport galten, während sich shooting, also der Schrotschuß auf Federwild, erst im 18. Jahrhundert richtig entwickeln konnte und stalking schließlich im 19. Jahrhundert dazukam.

Die Rückbesinnung im Zeitalter der Romantik auf die Ideale des Rittertums, wie sie etwa bei Sir Walter Scott in seinen Romanen oder in der Architektur der Neugotik oder in der Malerei der Präraphaeliten sichtbar wird, fiel bei den Briten, die sich gerne das ritterliche Ideal der Fairneß als nationalen Charakterzug zuschreiben, auf äußerst fruchtbaren Boden. Diese Rückbesinnung hatte natürlich auch starke Auswirkungen auf die Idee des sportsmanship, welche deshalb gerade im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung erlebte und eine tiefe Bedeutung für das jagdliche Selbstverständnis der Briten erlangte. Mit dem Empire wurde diese Idee damals auch in weite Teile der Welt exportiert, wo sie bis zum heutigen Tage wirkmächtig bleibt. Vielleicht am prägnantesten ausformuliert finden sich diese Grundsätze in den Weisungen des Shikar Club und im Löwenbuch von Sir Alfred E. Pease. Auf Jagd im Sinne dieser Grundsätze bezieht sich auch Ortega y Gasset in seinem bekannten Traktat, wenn er von caza deportiva schreibt.

Field-Sports-Teilnehmer in Großbritannien heute:
Angling 3.000.000
Shooting 700.000
Hunting: 200.000
Stalking 14.500-85.000 (je nach Quelle)
Hawking 12.500-25.000 (je nach Quelle)
Gesamtbevölkerung: 66 Millionen
Fläche: 250.000 qkm

Literatur (in Auswahl):
Apsley, Lady (1936): Bridleways through History
Brander, Michael (1972): Die Jagd von der Urzeit bis heute.
Carr, Raymond (1976): English Fox Hunting – A History
Edwards, Lionell; Wallace, Harold Frank (1927): Hunting and Stalking the Deer
Macpherson, Hugh Alexander (1896): Red Deer
Martin, Brian P. (1987): The Great Shoots
Ridley, Jane (1990): Fox Hunting
Sabretache (Albert Stewart Barrow) (1948): Monarchy and the Chase
Scruton, Roger (1998): On Hunting.
Surtees, Robert Smith (1854): Handley Cross or Mr. Jorrocks’s Hunt
Whitehead, G. Kenneth (1980): Hunting and Stalking Deer in Britain through the Ages
York, Edward 2nd Duke of (1410): The Master of Game

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