Kleine Philosophie der Passionen: Pilze sammeln

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Buchvorstellung

»Pilze sind erst einmal nicht anwesend, sie verstecken, verbergen, verschließen und tarnen sich, aber es gibt eine Wahrscheinlichkeit und eine Hoffnung, sie zu finden. Die Suche bedeutet Aufbruch, Verheißung, Abenteuer, und je vergeblicher und erfolgloser der letzte Pilzgang war, desto mehr Spannung, Erfüllung, Belohnung, verspricht der nächste.«
Diese verheißungsvollen Worte stehen auf der Rückseite des kleinen und längst vergriffenen Büchleins und – welch Freude – der Inhalt ist genauso schön geschrieben.

Als Hans Helmut Hillrichs vor zwanzig Jahren über seine Passion schrieb, leitete er die Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft im ZDF. Zu recht hielt er sich aufgrund seines weltabgewandten Hobbys für einen Glückspilz. Zwar war der erste Pilz seines Lebens ein überraschend menschenähnlicher Fliegenpilz auf dem Herbstfest seines Kindergartens, der sich als Susanne aus der Nachbarschaft entpuppte, aber schon mit acht, neun Jahren begleitete er seinen Onkel auf der Suche nach Steinpilzen.
»„Die sind das Beste, was der Wald hergibt“, sagte der. Irgendwann später wusste ich, er hatte gelogen, denn ich erfuhr, dass er auch Wildschweine und Rehböcke aus dem Wald schleppte.“«
Wie es so kommt im Leben, verdrängten nach der Schulzeit andere Dinge Pilze aus dem Zentrum seiner Leidenschaften. Als Hillrichs jedoch sechs Jahre vor dem Verfassen des Buches, nach dem Tod seines Hundes Leopold, aus dem leeren Haus in den Wald floh (»wenn ein Hund stirbt, ist das Haus, so viele Menschen auch darin sein mögen, trotzdem leer«), platzte der Wald vor lauter Steinpilzen. Es erschien dem trauerndem fast Fünfzigjährigen, als ob der Wald diese verschwenderische Fülle nur hervorgebracht hätte, um speziell ihn zu trösten.

So kamen die Pilze in sein Leben. Und jede neue Jagd auf sie verstärkt, vertieft und verfeinert die Glücksgefühle, die mit dem Suchen, Finden und Genießen der versteckten Köstlichkeiten zusammenhängt.

»Als Pilzsucher hast du das Gesetz des Handelns an den Wald abgegeben, bevor die Suche beginnt. Du agierst nicht, du reagierst, und genau das macht dich erfolgreich! Pilze suchen ist ein reaktionäres Geschäft im besten Sinne. Die Kunst der Reaktion entscheidet über die Gunst der Stunde. Der Wald setzt alles ein, was er hat, um dich zu unterrichten und im ganz konkreten Sinne auf dem Laufenden, das heißt in Bewegung zu halten: sein natürliches Potenzial und eine Fülle von Effekten, Licht und Schatten, Geräusche und Gerüche, Stimmungen, Illusionen, Verheißungen und schlichte Tatsachen, von denen es nur zwei Kategorien gibt Fehlanzeigen und Funde.
Ein Moospolster, wie geschaffen um den Kopf darauf zu betten, lässt dich den Weg verlassen und eine Böschung emporsteigen. Zwei katanienbraune Maronenröhrlinge, nur daumengroß, aber einladend knackig, sind der Lohn. Ein vertrockneter Ast mit Eichenblättern schickt dir das Farbsignal eines Steinpilzes, das sich als raffinierte Kopie erweist. Ein Ensemble von Fliegenpilzen, noch nass vom Tau, zieht dich ins tiefe Gras und bringt eine Rotkappe in den Blick, die von drei kleinen Birken geschützt wird. Sie ist lange unentdeckt geblieben und wirkt ein bisschen altersschwach. Du entschließt dich, ihr das Gnadenbrot zu gewähren, und kehrst auf den Weg zurück.
Pilze suchen ist eine Schule für die Sinne und die Instinkte. Der Wald ruft dir „heiß“ und „kalt“ zu. Er richtet tausend Augen auf dich, sendet dir Merkzeichen, Empfehlungen, Handlungsanweisungen. Er befiehlt und berät, er lockt und motiviert, er täuscht und hält hin, er souffliert und suggeriert, verführt und verspricht. Er spielt mit dir, aber er nimmt dich sehr ernst; die eindimensionalen kategorischen Imperative aus der Klippschule des Pilzesammelns ( „Unter Buchen sollst du suchen!“) sind eine Beleidigung des Waldes mit seinen vielfältigen, differenzierten Botschaften.

Du beobachtest den Wald, und du beobachtest dich selbst, blickst in dich hinein wie in ein Reagenzglas. Du merkst, wie der Verlauf der Suche deine Stimmung verändert, von beginnender Frustration in vorsichtige Hoffnungsbereitschaft, von triumphierender Freunde in schiere Glückseligkeit, von vibrierender Erwartung in kleinlaute Enttäuschung. Du registrierst alles, was Fingerzeig, Indiz, Spur, Hinweis, Schlüssel zum Erfolg sein könnte. Du entwickelst ein Gefühl gesteigerter Wahrnehmung und beginnst den zustand zu genießen, dass du sowohl Subjekt als auch Objekt dieser Wahrnehmungen bist. Du achtest auf alles und gewinnst ganz natürlich ein Stück Selbstachtung hinzu.
In solchen Momenten und insbesondere dann, wenn eine reichhaltige Fundstelle das Gemüt aufhellt und weitere Gastgeschenke annonciert hat, erlaube ich mir die Vision, dass alles nur eine Frage der Wahrnehmung ist. Die Dinge existieren, aber wir sehen sie nicht! Wenn das Vexierbild des Waldes sich allmählich entschlüsselt, wenn der Autobahn-, der Einkaufs-, der Stadtblick mich nicht mehr einschnürt, wenn ich in der anfangs dumpfen Unordnung aus Licht und Schatten plötzlich Muster, Strukturen, Feinheiten und schließlich noch Prachtexemplare von Pilzen erkenne, dann kommt jener finale Moment, der mir die Option beschert, ich müsse nur noch ein klein bisschen genauer hinsehen, um auf der Lichtung vor mir auch noch das letzte Einhorn, den Eingang zum Gral oder die blaue Blume zu entdecken.
Das Abenteuer des Suchens und das Glück des Findens zeigen Wirkung. Räume und Zeiten werden weit. Ein Pilz ist nicht mehr nur ein Pilz. Das Aufspüren einer Steinpilzfamilie in ihrem Geheimversteck mag der Suche nach etwas ganz anderes sein als die Entdeckung der Ruinenstadt Machu Picchu oder der Vorstoß in die Grabkammern des Pharao. Aber das stimmt nur, wenn man von den Objekten der Suche ausgeht. Gemessen an der Herzfrequenz und den anderen Parametern der Glückseligkeit, die auf der Subjektseite festzustellen sind dürften die Welten und Entfernungen schrumpfen, die zwischen diesen Ereignissen liegen.«

„Lesen ist Denken mit fremden Gehirn,“ schrieb Jorge Luis Borges. Selbst wenn man keine Zeit oder Gelegenheit hat, der Dritten Jagd zu frönen, ist es eine Lust, Hans Helmut Hillrichs beim Pilze sammeln lesend zu begleiten.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Titel: Kleine Philosophie der Passionen: Pilze sammeln

Autor: Hans Helmut Hillrichs

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag

ISBN: 978-3423203654

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Antiquarische Schätze findet man am besten und billigsten mit der ISBN über:
https://buchhai.de/

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