Pilzsammelsurium: Sorgsamer Ratgeber für Pilzverehrer und Pilzverzehrer

Buchvorstellung

Pilze sind Zauberei
heimlich und vielerlei
tief, tief im Wald.
Satanspilz, Schopftintling, Stinkmorchel-Ei,
Stiel und Hut, Trichter, Korrallengeweih –
Moder wird Fleisch und Gestalt.

Pan dreht den Zauberring,
schon steht ein Wunderding
farbig im Moos:
Grüntäuberl, Goldröhring, Kaiserling,
Reizker und Lackpilz und Pfifferling –
ach, ist das Märchenbuch groß.

Märchen der Wald gebiert,
Meister Lukull serviert,
such sie dir aus:
Bries’chen mit Champignons, Brätling paniert,
Steinpilz im Rahmsoße, Rehbrust verziert –
Pilzmärchen auch noch zu Haus.

Abb.: Mushrooming; Bildquelle: Photo by Kalineri on Unsplash

Am 24. Januar 2020 machte ich in der KRAUTJUNKER-Facebook-Gruppe erneut auf das Büchlein Kleine Philosophie der Passionen: Pilze sammeln (siehe: https://krautjunker.com/2019/05/31/kleine-philosophie-der-passionen-pilze-sammeln/) mit diesem stimmungsvollem Textauszug aufmerksam:
»Als Pilzsucher hast du das Gesetz des Handelns an den Wald abgegeben, bevor die Suche beginnt. Du agierst nicht, du reagierst, und genau das macht dich erfolgreich! Pilze suchen ist ein reaktionäres Geschäft im besten Sinne. Die Kunst der Reaktion entscheidet über die Gunst der Stunde. Der Wald setzt alles ein, was er hat, um dich zu unterrichten und im ganz konkreten Sinne auf dem Laufenden, das heißt in Bewegung zu halten: sein natürliches Potenzial und eine Fülle von Effekten, Licht und Schatten, Geräusche und Gerüche, Stimmungen, Illusionen, Verheißungen und schlichte Tatsachen, von denen es nur zwei Kategorien gibt Fehlanzeigen und Funde.«

Bildquelle: Photo by Sindy Süßengut on Unsplash

Frank v. Maydell kommentierte wie folgt:
„Ein „baltischer“ Blick auf die Jagd nach Pilzen, der a) ähnlich vergnüglich zu lesen, und b) antiquarisch leicht erhältlich ist: Das Cubesche Pilzsammelsurium:
https://www.pilzforum.eu/board/thread/7807-buchempfehlung-pilzsammelsurium-von-hellmut-von-cube/

Bildquelle: Photo by Annie Spratt on Unsplash

Wie die Rezensentin erläutert, ist das Pilzsammelsurium weder ein Bestimmungsbuch noch eine Kurzgeschichtensammlung, sondern eine charmante Essay-Sammlung über Pilze und das Pilzesammeln. So gibt es eine Einführung in die Ordnungen, Empfehlungen zum Säubern und Verarbeiten und als Finale einige Rezepte.

Bildquelle: Photo by Krzysztof Niewolny on Unsplash

Aus dem Kapitel Vergnügtes Pilzeputzen hier eine kleine Leseprobe:
»Ich bin sicher, daß Sie entschlossen sind, sich vollkommen an die Pilzregeln zu halten, aber ich bin ebenso sicher, daß es ihnen nur unvollkommen gelingt. Sie werden die Absicht haben, jeden unnötig herausgenommenen Pilz wieder richtig zurückzulegen, und sie werden in Ihrer Enttäuschung Dutzende solcher Pilze zur Seite feuern. Sie werden die Wohnung mit dem Vorsatz verlassen, jeden Pilz an Ort und Stelle vorzuputzen, und werden, wenn Ihnen draußen die Eile zusetzt, die Bequemlichkeit zugeflüstert hat, mit Schmierlingen heimkehren, an denen so viele Tannennadeln sitzen wie Stecknadeln an einem Schneidermagneten, oder mit Pfifferlingen, in denen der Schmutz sitzt wie die Kletten im Hundefell. Sie werden um drei Uhr angesichts Ihrer schon vollen Körbe schwören, nun keinen Pilz mehr mitzunehmen, und werden sich, von wer weiß welchen Herrlichkeiten verführt, um fünf Uhr mit dem Tagesbedarf einer Konservenfabrik nach Hause schleppen. Sie werden willens sein, schon beim Sammeln Sicheres und Unsicheres, Genießbares und Ungenießbares zu trennen, und werden in der Hitze des Gefechts oder in der Raumnot so viel Verdächtiges unter die Speisepilze mischen, daß Sie nachher qualvoll die halbe Ernte in den Abfalleimer leeren. Wenn man die Ausbeute eines leidenschaftlichen Pilzsammlers sieht, möchte man darüber schreiben: „Die Natur in ihrer Fülle und der Mensch in seiner Schwäche.“
(…)
Wo es sich allerdings nicht um Putzsucht, sondern um Appetitlichkeit handelt, sollte man vielleicht doch auf die Frauen hören. Männer werden beispielsweise von Maden nicht erschreckt. Sie taxieren die Fraßlöcher, als ob es Punkte auf der Karte eines bevölkerungsstatistischen Werkes wären, und erklären das Fleisch eines Pilzes unter einer gewissen Bevölkerungsdichte für brauchbar.
(…)
Pilzeputzen gilt als unerfreulich. Welcher Irrtum! Versammeln Sie die Ihren zum gemeinsamen Werk um den Tisch, und Sie werden sehen, daß es zu den gemütlichsten und vergnüglichsten Beschäftigungen gehört. Die Messerklinge gleitet durch das angenehm weiße, gelbe, rötliche Fleisch oder zieht sanft ledrige Haut so glatt und ganz von der Hutwölbung, daß es eine Lust ist; die Querschnitte üben den Zauber zugleich der Unberührtheit und der Stereometrie; die Arten teilen ihre Art mit durch die immer gleichen und immer ein wenig verschiedenen Exemplare; die Erinnerung baut die ganze Landschaft mitsamt den Entdeckungen, Siegen und Niederlagen wieder auf; es wird berichtet, phantasiert und geplant, und es ist, als spitze irgendwo hinter den Vorhängen ein Eichhörnchen hervor und wolle auch seinen Teil haben. Wahrhaftig, das ist ein kleines Familienfest!
Nachdem die Hausmusik auszusterben droht, das Abendgespräch verstummt, das Vorlesen beinahe historisch ist, sollte man das Pilzeputzen fördern: Rettet das Abendland, putzt miteinander Pilze!«

Bildquelle: Photo by Andrew Ridley on Unsplash

Das Büchlein bildet sowohl für Naturfreunde wie Küchenmykologen bestes Infotainment. Doch wichtiger als jeder Gewinn, den Mediziner oder Gourmets aus Pilzen ziehen ist folgende Erkenntnis, die wir uns immer vergegenwärtigen sollten:
»Über allem Geheimnis und allem Ruhm der Pilze aber sollte man nicht vergessen, daß ihre vielleicht segensreichste Wirkung nicht in ihnen selbst liegt, sondern in der Suche nach ihnen. Pilzesammeln verschafft Bewegung ohne Anstrengung, Gesundheit ohne Zwang. Es befriedigt auf die billigste und humanste Art den Jagdinstinkt der Menschen. Es erzieht zu sorgfältiger Beobachtung der Natur. Es verwandelt unmerklich Spaziergangspflicht in Waldläuferglück. Glückliche Leute und gesunde Leute sind die meisten Pilzsammler, mögen sie auch manchmal kauzig sein.
Verzauberer im Wald, Curiosa in der Botanik, Lebensretter unter den Medikamenten, Delikatessen auf der Tafel, Glück für die Freunde der Natur – das alles sind die Pilze, und damit ließe sich die Pilzleidenschaft hinreichend begründen, wenn sie überhaupt zu begründen wäre.«

Das Besondere an dem Buch ist die Sprache v. Cubes, die schon Hermann Hesse rühmte. Das Pilzsammelsurium wurde merkbar von einem besonders gebildeten, sprachbegabten und liebenswürdigem Herrn verfasst, der ein exquisites Deutsch beherrschte, wie wir es kaum noch von Zeitgenossen kennen. Das Titelbild des Ende 2008 eingestellten Frankfurter Heinrich & Hahn Verlages mit einem Kapuzenpulli-Typen passt so gar nicht zum Inhalt des Buches, aber es gibt auch noch eine ältere Ausgabe vom 1980 eingestelltem Ernst-Heimeran-Verlag.

In einer Buchbesprechung der Bayerischen Botanischen Gesellschaft von 1961 schreibt der Rezensent J. Poelt:
„Ein seltenes Ereignis: Gediegene Kenntnis und langjährige Erfahrung paaren sich mit liebenswürdig-humorvoller Betrachtung der „Schwammerlkunde“ zu einem Edelgericht, das dem Kenner und dem Anfänger, und allen Freunden guter Sprache kredenzt werden sollte — in- und außerhalb der Pilzzeit. Ref. hat’s mit höchstem Vergnügen studiert.“

Das Ostpreußenblatt vom 26. September 1964 stellte das Pilzsammelsurium wie folgt vor:
„Einen sorgsamen Ratgeber für Pilzverehrer und Pilzverzehrer nennt Hellmut von Cube sein Büchlein, das sich eingehend und liebevoll mit den heimischen Waldgeistern befaßt, die sich in vielen Gegenden erst sehr langsam ihre Freunde unter den Feinschmerkern erobern konnten. Es ist interessant zu lesen, daß auch hier von dem „pilzliebenden Osten und dem „pilzfeindlichen Westen“ die Rede ist. Man sollte solche Worte nicht verallgemeinern, aber wir wissen selbst nur zu gut, wie heimisch der Segen aus den Wäldern unserer Heimat und von den Wieso seinen festen Platz in unserer Küche war. Eine Reihe von Rezepten, vor allem solchen, die in allgemeinen Kochbüchern kaum zu finden sind, geben auch der Hausfrau viele Anregungen. Der besondere Wert dieses hübschen Bändchens liegt allerdings in den Erfahrungen und Betrachtungen eines Pilzkenner» und Pilzliebhabers, der überaus interessant und anregend zu plaudern weiß. So können wir ihm nur zustimmen, wenn er sagt:
Wer die Pilze, die er selbst gesammelt hat vermehrt, hat sich außer dem sprichwörtlich besten Koch, dem Hunger nämlich, auch ein einzigartiges Gewürz besorgt: Er schmeckt nicht nur die Pilze, sondern auch den Pilzausflug, die ganze geliebte Natur durch die er gewandert ist, er schmeckt nicht nur die Zitrone, sondern auch das Aroma des Waldes den Tau der Unberührtheit, er schmeckt nicht nur die Petersilie, sondern auch seinen süßen Stolz. Das Gewürz heißt, ich gebe es zu, Einbildung, aber diese Einbildung ist würziger als jedes Gewürz, wirklicher als jede Wirklichkeit.“

*

Hellmut von Cube

Hellmut von Cube stammte aus dem deutsch-baltischen Adelsgeschlecht von Cube märkischer Herkunft. Sein Vater war der bekannte Naturforscher, Arzt und Bergsteiger Felix Alexander von Cube (1876–1964). Sein älterer Bruder der Journalist und Rundfunkkommentator Walter von Cube (1906–1984). Hellmut von Cube verbrachte seine Kindheit und Schulzeit am Tegernsee, in Stuttgart und in München. Nach dem Besuch eines Realgymnasiums und dem Abitur studierte er in Berlin und München sieben Semester Germanistik. 1932 wurde er freier Schriftsteller und machte sich als Lyriker, Essayist und Feuilletonist einen Namen. Er lebte längere Zeit in Holland, Italien, Frankreich, der Schweiz und Estland.
Von seinem Vater, so v. Cube, erbte er die Sehnsucht nach fernen Ländern; dieses Sehnen wurde durch die Fähigkeit, die Natur detailgenau und oft liebevoll zu betrachten ergänzt.  Sein Tierskizzenbüchlein, mit dem er 1935 debütierte, zeugt von seiner feinen Beobachtungsweise. Auch im Pilzsammelsurium – einem Ratgeber für Pilzverehrer und Pilzverzehrer – kommt von Cubes Begeisterung für Belebtes zum Tragen.
Seit 1948 lebte Hellmut von Cube in München und arbeitete für verschiedene Zeitungen und den Rundfunk als Feuilletonist und Kritiker. Es folgten u.a. Erzählungen, Gedichtbände, Kleinprosa, Kinderbücher und zahlreiche Hörspiele. 1963 erhielt er den Münchener Literaturpreis, 1978 den Ernst-Hoferichter-Preis und die Ehrengabe zur Förderung des Schrifttums.
Verheiratet war von Cube mit der Anglistin und Übersetzerin Nanette von Cube, der Tochter des Historikers Karl Brandi.

***

Anmerkungen


Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Pilzsammelsurium: Sorgsamer Ratgeber für Pilzverehrer und Pilzverzehrer

Autor: Hellmut von Cube

Verlag: Heinrich und Hahn

ISBN: 978-3865970480

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