Optik für die Schwarzwildjagd

am

von Norbert Happ

Für die Einzeljagd auf Schwarzwild – Pirsch oder Ansitz – benötigt der Jäger ein lichtstarkes Doppelglas, da sie entweder nachts oder abends in Dämmerung und Nacht hinein oder morgens aus der Dunkelheit heraus stattfindet.

FERNGLÄSER
Dafür stehen ausreichend unterschiedliche Bauweisen und Fabrikate zur Verfügung. Ist das Doppelglas bei Pirsch und Ansitz unerlässlich, so ist es bei der Drückjagd eher eine Geschmacks- und Gewohnheitssache des Jägers. Dafür genügt jedenfalls ein kleines Kompaktglas.
Niemals gehe ich selbst ohne ein Doppelglas ins Gelände und rechne es fast zur Kleidung. Bei der Frühpirsch im Sommer mit nur kurzer Dunkelphase und zur Drückjagd benutze ich ein 6 X 30. Da ich bei Drückjagden häufig über die freie Visierung schieße, ist es mir zum Ansprechen des Wildes unerlässlich.
Und ich möchte wissen, was alles, vom Treiber bis zum Spaziergänger, sich um mich herum bewegt. Dazu darf man nun keinesfalls mit dem Zielfernrohr des geladenen Gewehres im Gelände herumstochern. Immer sollte man vor dem Kauf eines Glases zur Bedingung machen, es einige Zeit draußen erproben zu können.

NACHTSICHT- UND NACHTZIELGERÄTE
Nachtsichtgeräte können zum Ansprechen des Schwarzwildes sehr hilfreich sein (P. Müller 2010). Schwierig, mitunter unmöglich kann es aber sein, das Auge Schuss und Nachsuche — Waffen und Munition dann auf die lichtschwächere Zieloptik umzustellen.
Zur Verwendung von Nachtzielgeräten habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Wer in vielen Nächten das Rest- oder Reflektionslicht von Siedlungen zur Jagd nutzen kann, ist befangen und sollte sich da zurückhalten. Die Nutzung solcher Beleuchtung ist im Prinzip nichts anderes als die Verwendung von Nachtzielgeräten.

ZIELFERNROHRE UND ABSEHEN
Bei der Wahl der Zieloptik ist zu bedenken, dass viele Schüsse auf Sauen bei mäßigem Licht und auf kurze Entfernung abgegeben werden. Beim Blick durch das Zielfernrohr muss man gerade bei Nacht immer den Überblick über das Geschehen behalten. Sauen sind oft in Bewegung, nach dem Wechsel vom Doppelglas zur Waffe mit Zielfernrohr kann sich die Situation bereits verändert haben. Mit einem variablen Zielfernrohr ist man da auf der sicheren Seite und kann durch eine Änderung der Vergrößerung auf die unterschiedlichen Situationen reagieren. Lässt sich ein variables Glas bis auf 2,5- oder 3-fache Vergrößerung herunterdrehen, ist man bei einer flachen Montage auch für die Drückjagd gut gerüstet.
Bezüglich des Absehens kann man keine pauschal gültigen Empfehlungen geben, da jeder Jäger hier seine Vorliebe entwickelt hat und darauf schwört. Für die Einzeljagd auf Schwarzwild sind ausreichend dicke Balken im Absehen eine große Hilfe, damit dieses auch bei geringem Licht erkennbar ist. Viele saujagderfahrene Jäger bedauern, dass das Absehen 1, das sich besonders bei Schüssen unter schwierigen Lichtverhältnissen bewährt hat, kaum noch angeboten wird.
Sehr hilfreich für einen präzisen Schuss bei schlechtem Licht können Leuchtpunktabsehen sein, wenn sie das Ziel nicht überstrahlen. Sie können und sollen es aber nicht ermöglichen, den Schuss auf die Sau noch weiter in die Dunkelheit zu verlagern, denn sie verbessern nicht die Zielerkennung, sondern helfen nur, den Haltepunkt auf dem Wildkörper präziser zu bestimmen (R. Lüttich, 2017, schriftl.).

Abb.: Vom schweren, aber lichtstarken Ansitzglas bis zum ultraleichten Pirschglas hält der Markt alles bereit (von l. nach r.): Zeiss 8 x 54 HT (1.100 g), 8 x 30 Swarovski Habicht SLC (560 g) und Zeiss 6 x 20 (136 g)

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AUFGEPASST
Die rasche Bedienung variabler Zielfernrohre muss geübt werden! In einer nicht ganz hellen Winternacht lief ich plötzlich auf eine Rotte Sauen dicht auf und hatte schnell ein passendes Stück ausgesucht. Dann aber brachte ich den Schuss nicht zustande, weil das Zielglas auf 8-fach stand und ich mir nicht sicher war, ob die bildfüllende Sau die richtige war. Bis ich die Vergrößerung des Zielglases verändert hatte, waren die Sauen weg.

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OFFENE VISIERUNGEN
Wer bei Bewegungsjagden über die offene Visierung schießen kann, ist vor falschen Abschüssen eher gefeit. Ungeeignet sind die alten und meist viel zu feinen Kimme-Korn- Versionen, deutlich besser spezielle Fluchtvisierungen. Dabei kommt es weniger darauf an, beim Schuss Einzelheiten der Visierung zu erkennen, als vielmehr ein wirklich gut liegendes Gewehr zu führen. Dann ist der Schuss über die freie Visierung eigentlich unabhängig vom Alter des Schützen.
Bei Visieren für die Bewegungsjagd gab es interessante Entwicklungen und Neuerungen. Fluchtvisiere verschiedener Bauarten und Hersteller haben gemeinsam, dass sie im Gegensatz zu den alten Kimme-Korn-Visieren ein grobes Korn und eine seitlich offene Dreieckskimme, also eigentlich eine Kornauf-Korn-Lösung aufweisen, wobei Kimme und Korn meist unterschiedliche Leuchtfarben aufweisen.
Dass das alternde Auge mit abnehmender Akkommodationsfähigkeit die drei Punkte Ziel, Kimme und Korn nicht mehr ausreichend klar erkennen kann, habe ich noch nicht bemerkt. Auf Schrotschussentfernung muss das Zielfassen so schnell gehen, dass ich trotz deutlich abnehmender Sehfähigkeit mit einem mir optimal liegenden und vor mehr als 60 Jahren umgebauten Militärkarabiner nicht einmal weiß, was ich denn eigentlich beim Schuss über die offene Fluchtvisierung nicht scharf erkannt habe. Aber auch bei längerem Zielen vor dem Schuss auf verhoffendes Wild über die grobe, offene Visierung hatte ich dabei auf die für mich vertretbare Entfernung bis etwa 50 m nie Probleme.

Abb.: Variable Drückjagdzielfernrohre mit geringer Vergrößerung gewährleisten ein großes Sehfeld und damit eine rasche Erfassung flüchtigen Wildes. Bei nachlassendem Licht stoßen sie wegen des geringen Objektivdurchmessers rasch an ihre Grenzen. Fotograf: Ekkehard Ophoven

BREITES ANGEBOT
Bei Zieloptiken für den Schuss auf Wild in Bewegung hat der Jäger heute große Auswahlmöglichkeiten. Er kann sich aussuchen, ob er ein Glas mit den gebräuchlichen Absehen, mit oder ohne Vergrößerung, ein Leuchtpunktabsehen oder ein Rotpunktvisier wählt. Einige Gläser haben nur noch einen Leuchtpunkt, der Jäger kann beim Schuss beide Augen offen halten. Der Abstand vom Auge zum Glas und der Einblickwinkel spielen keine Rolle mehr.
Je höher die Vergrößerung des bei der Drückjagd benutzten Zielfernrohres ist, desto größer ist sowohl die Quote der Fehl- und Krankschüsse als auch der falschen Abschüsse. Variable Zielfernrohre sollten bei der Drückjagd für den Schuss auf sich bewegendes Wild keinesfalls über 4-fach eingestellt werden, oder als nicht variable Gläser nicht stärker als 4-fach vergrößern. Zieloptiken ohne jegliche Vergrößerung sind als Ansprechhilfen natürlich nicht verwendbar.

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AUFGEPASST
Führe ich bei einer Drückjagd meinen Stutzen mit variablem Zielfernrohr und Einhakmontage, kann ich bei entsprechendem Schussfeld auch weiter entferntes Wild ansprechen und schießen, wenn Freigabe und Gelände es zulassen. Kommt Wild näher, nehme ich das Glas so schnell wie möglich ab. Nicht immer gelingt das rechtzeitig: Dann muss der Schuss eben über das Glas mit geringer Vergrößerung gelingen. Kann ich auf meinem Stand nur auf kurze Entfernungen schießen, lege ich das Zielglas von Beginn an zur Seite. Viele Jäger haben noch nie ohne Zielfernrohr geschossen.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook

Happ_Hege und Bejagung_U1.indd

Titel: Hege und Bejagung des Schwarzwildes

Autor: Norbert Happ

Verlag: Franckh-Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/jagdpraxis-hege/9026/hege-und-bejagung-des-schwarzwildes

ISBN: 978-3440154113

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Aus dem Buch bereits veröffentlichte Beiträge:

https://krautjunker.com/2018/07/23/die-rotte/

https://krautjunker.com/2018/10/24/schwarzwildjagd-das-lueneburger-modell/

https://krautjunker.com/2018/11/30/hundeeinsatz-bei-drueckjagden-auf-schwarzwild/

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Website des Autors: https://norberthapp.de/

Deutsches Jagd Lexikon über den Autor: http://deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Happ,_Norbert

Zeitungsartikel über Autor: http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/vorgebirge-voreifel/wachtberg/Schwarzwildexperte-Norbert-Happ-kl%C3%A4rte-auf-article908279.html

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https://www.jaegermagazin.de/jagd-aktuell/news-fuer-jaeger/sauen-legende-norbert-happ-verstorben



2 Kommentare Gib deinen ab

  1. gut-esser.de sagt:

    Was nutzt du als Glas und welche ZF?

    Gefällt 1 Person

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      Offen gestanden betrachte ich mich neben Koryphäen wie Norbert Happ nicht als würdige Quelle, Auskunft über meine eigenen Provisorien zu erteilen. Es freut mich, wenn ich Beiträge der klügsten Jäger, Angler und Sammler hier zusammen tragen kann. Ich selbst zähle mich nicht zu diesem erlauchten Kreis, wofür ich um Verständnis bitte.

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