Jagdgedanken im Juli: Ist es schon so weit?

von Bertram Graf v. Quadt

Ich kann es ja selbst kaum noch aushalten! Die Rehböcke benehmen sich höchst unziemlich. Schamlos beinah. Sie frönen dem, dem wir ganzjährig gerne frönen würden, es aber nicht ganzjährig dürfen (aus egal welchen Gründen), zwar noch nicht direkt. Aber sie machen alle Anstalten dazu. Da geht was. Und wenn da was geht, dann müsste ja auch schon was gehen, mit dem Blatt oder dem Blatter, oder so. 

„Springen sie bei Dir schon?“ Diese Frage kommt ungefähr genauso iterativ und häufig wie die beliebten Wildkamerabildchen ab Mitte März, die einen Bastbock zeigen („Wie alt wird er wohl sein?“). Beide Fragen sind ungefähr gleich sinnlos, nämlich sehr. Ich möchte keine jagdliche Erziehung voraussetzen, denn die ist Glückssache. Aber eine jagdliche Ausbildung schon, sonst würden wir ja alle wildern. Gut, diese Ausbildung ist heutzutage auch Glücksache, aber lassen wir das mal dahingestellt. Dies gesagt sollten wir alle den Sermon ja kennen, weil wir ihn mal gelernt haben: Rehgaiss bestimmt den Brunftbeginn. Tut solches per Hormon/Pheromonabsonderung 60 bis 64 Tage nach dem Setztermin. Bock riecht das und wird brunftig. Rehbrunft. Reh-BRUNFT!
Und sehen Sie, da beginnt die Misere schon. Ich meine hier nicht die Planungsmisere, die jeden verheirateten, verbandelten, familienbewussten oder sonstwie attachierten Rehbockjäger jetzt unweigerlich befällt. Ich meine die Misere der bemitleidenswerten Unwissenheit, die heute recht offenbar grassiert. 
Rehbrunft ist ungleich Blattzeit. Eigentlich sollte sich das logisch erschließen. Ich bitte die etwas zarter besaitete Damenwelt, dass sie dies Büchlein nun aus der Hand legen möge, denn jetzt geht es an das, was wir Mannsbilder gern als das „Eingemachte“ bezeichnen, und damit sind nicht Gurken gemeint, wobei die rein von der Form her  – Pfui, Aus! 
Noch solche Damen da? Nein? Gut. Also: fangen wir nochmal an. Rehbrunft ungleich Blattzeit, weil logisch. Ein ganz einfaches Beispiel hierzu: Blattjagd bedeutet – brutalstmöglich heruntergebrochen – dass ein Jäger hinausgeht und mittels eines künstlich erstellten Instrumentes einen Bock zur Annäherung zwecks Vollzugs des Geschlechtsaktes zu bewegen sucht. Kurzer Moment der Selbstreflexion: wann würden wir jagende Menschen auf ein künstliches Instrument zum Vollzug des Besagten rückgreifen? Natürlich nur in Momenten allerhöchster Not. Damit erschließt sich eigentlich alles über die Blattzeit, insbesondere die galoppierende Imbezilität der Eingangsfrage : „Isses schon so weit?“  Blattzeit, also die Zeit in der die Böcke relativ zuverlässig auf den mehr oder minder naturgetreu dargebrachten Ton zustehen, beginnt dann, wenn ersthafter Damenmangel eingetreten ist. 
Fällt Ihnen was auf? Die Sache ist ja an und für sich von bestechender und (was bedeutend schwerer wiegt!)  nachvollziehbarer Logik. Dennoch wird die dumme Frage jedes Jahr aufs Neue gestellt, und die Zahl derer die  sie stellt ist Legion. Da stellt sich mir die Frage ob man verpennt hat, ob man nicht zugehört hat, ob man nicht begriffen hat – oder ob dieser Inhalt nie gelehrt wurde. Leider sind die ersten drei Möglichkeiten ebenso naheliegend wie dei noch viel schlimmere vierte. 
Letztlich sind die Gründe wurscht (oder für meine österreichischen Leser: „blunzn“): wenn wir Jäger über die elementarsten lebensbestimmenden Bedürfnisse unseres Wildes nicht mehr Bescheid wissen, dann ist das Feuer nicht mehr auf dem Dach. Es hat sich bereist tief in die tragenden Balken hineingefressen und das ganze Gebäude ist dem Untergang geweiht, Wir können danach zwar brav um die Brandstatt stehen und davon faseln, das Tradition nicht die Verehrung der Asche, sonders das Weiterreichen der Glut sei. Aber wenn das Haus erst niedergebrannt ist, dann helfen fromme Sprüche nicht wirklich weiter. 

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Geständnis des Autors:

Man kann sich gegen schwere erbliche Belastungen nicht wirklich zur Wehr setzen. Damit war die Jagd unausweichlich. Beim Blick in die Generationen gibt es auf weite Sicht keinen männlichen Vorfahr – und nur wenige weibliche – die nicht gejagt hätten. Vater, Mutter, beide Großväter und so weiter und so fort – alles Jäger, und zum Teil hochprofilierte Jäger: der Vater meiner Mutter, Herzog Albrecht v. Bayern, hat die bedeutendste Monographie des 20. Jahrhunderts über Rehwild verfasst („Über Rehe in einem steirischen Gebirsgrevier“) und darin mit viel Unsinn über diese Wildart aufgeräumt. Meine Mutter war an den Forschungen dazu intensiv beteiligt, gemeinsam mit meinem Vater hat sie die Erkenntnisse im gemeinsamen Revier im Allgäu umgesetzt. Nun will und muss aber jeder junge Mensch rebellieren. Ich habe mir dafür aber nicht das jagdliche Erbe ausgesucht, sondern die Schullaufbahn, das nie begonnene Studium, das Ergreifen anrüchiger Berufe (Jurnalist, pfui!) und anderes mehr. Und ich kann im Rückblick sagen: das war die richtige Entscheidung.

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Titel : Jagdgedanken – Ein Hochstand-Brevier

Autor: Bertram Graf v. Quadt

Zeichnungen: Rudi Kohl

Verlag: Neumann-Neudamm

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher/jagdbelletristik/erzaehlungen/11348/quadt-jagdgedanken-ein-hochstand-brevier

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Buchvorstellung: https://krautjunker.com/2019/02/02/jagdgedanken-ein-hochstand-brevier/

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Bereits veröffentlichte Leseproben: 
https://krautjunker.com/2019/02/21/jagdgedanken-im-februar-schluss-ist-gut-ist/

https://krautjunker.com/2019/04/12/jagdgedanken-im-april-von-wegen-mannerdomane/

https://krautjunker.com/2019/05/01/jagdgedanken-im-mai-wenn-der-fruhling-lenzt

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Fotos dieses Blogbeitrages: Bertram Graf v. Quadt

Foto des Autors: © Stephanie Schweigert

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