Die letzten Nomaden der Arktis

Buchvorstellung von Beate A. Fischer

Das Buch ist optisch und haptisch ein Kleinod. Es fühlt sich gut an, sieht gut aus und macht Lust auf mehr. Und das ist das Einzige, was ich an dem Buch nicht mag, das es nicht noch zu wenig ist. 230 Seiten sind zu wenig Fotos, zu wenig Text, zu wenig Information. Es liegt hier vor mir auf dem Tisch und ich wünschte mir, es sei doppelt oder dreifach so dick.

Abb.: Buch auf dem Tisch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Neben dem schönen Cover und dem handschmeichelnden Titeltiefdruck fasziniert mich sofort in den ersten Seiten die handgezeichnete Karte der Siedlungsgebiete der Völker des Nordpolargebiets.

Abb.: Siedlungsgebiete arktischer Nomaden; Bildquelle: Aus Buch fotografiert von Beate A. Fischer

Den Nordpol ins Zentrum der Betrachtung zu nehmen, verändert unsere Vorstellung von einer Welt in der der Nordpol irgendwie immer oben ist. In der Welt dieses Buches ist der Nordpol in der Mitte der Betrachtungen und eröffnet damit eine völlig neue Perspektive auf Lebens- und Siedlungsräume, mutmaßliche Wanderungen und gesellschaftliche Entwicklungen in der Geschichte der dort lebenden Völker.

Abb.: Piotr, der alte Weise der Schar (Dolgane); Bildquelle: Buch

Hier setzt für mich das erste MEHR an; der Wunsch nach mehr Hintergrundinformationen. Am Ende des Buches finden sich wissenschaftliche Abhandlungen über die Nenzen, Samen, Inuit und Dolganen, die ich mir näher bei den Fotos aus dem Leben des jeweiligen Volkes gewünscht hätte. Die Karte im Eingang drängt den Eindruck auf, das es sich rund innerhalb des nördlichen Polarkreises um einen einheitlichen Lebens- und Siedlungsraum handelt bzw. gehandelt haben muss, zumindest bevor die Welt in Ost und West, Russen und Amerikaner geteilt wurde.

Abb.: Die Nenzen im Norden Russlands. Der kleine Nenzenjunge Anton betrachtet und streichelt das Mammutkalb Ljuba, das seit 39 000 Jahren im Permafrostboden tiefgefroren und konserviert wurde. Es wurde von Juri Chudris Familie nahe des Flusses Juribei auf der Jamal-Halbinsel entdeckt; Bildquelle: Buch

Der Nordpol an sich, zumindest solange wie wir denken können, ein geografischer Punkt im Meer, ist umgeben von Inselgruppen und Landmassen entlang des Polarkreises, der mit einiger Phantasie wagemutige junge Menschen in Booten neue Küsten erforschend vorstellen lässt. Welchen Austausch hatten Samen und Inuit, Samen und Nenzen, Dolganen und Inuit miteinander? Wussten diese Menschen von einander, waren sie verwandt oder sind die Wanderungen zwischen ihren Sommer- und Winterweiden, der einzig nomadische Zug? Tiere wie Eisbären und Rentiere, Vögel und Fische haben ihren Lebensraum in der gesamten Region, wurden die Menschen durch sie zu Wanderungen veranlasst? Völker, die harten Lebensbedingungen ausgesetzt sind, hatten von jeher eine Tendenz zu Entdeckerfreude und Wanderlust. Die optischen Ähnlichkeiten der Menschen dieser Völker legen einen Austausch nah. Dieser Gedanke treibt mich um, seitdem ich dieses Buch gelesen habe, es hat mir einen neuen Blickwinkel eröffnet.   

Abb.: Die Nenzen im Norden Russlands. Im konischen, mit Rentierfellen bedeckten
Zelt, dem Tschum, bereitet man sich auf die Wanderschaft mit den Herden vor. Alle sechs bis acht Tage ziehen alle mit dem gesamten Viehbestand weiter
; Bildquelle: Buch

Das zweite MEHR betrifft die persönlichen Erlebnisse des Autors vor Ort und seine Motivation zu diesem Buch. Beides wird nur angerissen. Der Autor beschreibt wie seine Mutter mit einem „Eskimokuss“ beim kleinen Erik eine Begeisterung weckt, die ihn als Erwachsenen immer wieder in die Region führt. Persönliche Beweggründe sind spannend zu lesen, weil ein Mensch etwas von sich Preis gibt, das uns teilnehmen lässt an seiner Gedankenwelt und Motiven, sowie den Leser mit sich selbst in Kontakt bringt. Die vignettenhaften Beschreibungen der Begegnungen des Autors mit den Menschen auf seinen Reisen, sind wie kleine Ausrisse aus einem Tagebuch. Sie lassen einen kurzen, bunten Einblick in den Alltag vor Ort erhaschen. Es ist subjektiv und zufällig und ich suche nach den achtzig Eingangszeilen jeden Kapitels deren Fortsetzung.

Abb.: Die Inuit von Grönland. In Oqqaatsut, einem 30-Seelen-Nest an der Westküste Grönlands, hängt der Kabeljau im eiskalten Nordwind zum Trocknen an Gerüsten; Bildquelle: Buch

Das dritte MEHR sind die Fotos; ganzseitige Landschaftsbilder, Detailaufnahmen von Eisformationen, Lagerstellen, Dörfern, heiligen Plätzen begeistern im Coffeetablebook-Stil und werden um meist kleinere Porträtaufnahmen der Menschen in ihrem Lebensumfeld ergänzt. Diese Porträts sind oft sehr persönlich und taugen weniger als Stilelement im gepflegten Wohnzimmer. Die Landschaftsbilder hingegen schöpfen aus dem Vollem, laden ein zum Träumen und den einen oder anderen vielleicht auch zum selbst hinreisen……       

Abb.: Die Nenzen im Norden Russlands. Mitten in der großen, weißen Wüste Sibiriens, auf der Jamal-Halbinsel, haben der Rentierzüchter Juri Chudi und seine Familie in der endlosen Weite der Tundra ihr Lager aufgeschlagen. Bis zu den nächstgelegenen Nachbarn sind es mehrere Dutzend Kilometer; Bildquelle: Buch

 

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KRAUTJUNKER-REZENSENTIN:

Beate A. Fischer, geboren 1973, Jägerin seit 6 Jahren, Hundeführerin – verliebt in einem Vizsla sowie Co- und Stiefmutter eines Fox, schießt leidenschaftlich gern Jagdparcour und Flugwild, außerdem hat sich die afrikanische Sonne in ihr Herz gebrannt. Sie lebt im kühlen Nordfriesland auf einem Resthof, arbeitet als Rechtsanwältin und schreibt manchmal auch mal andere schöne Texte.     

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Titel: Die letzten Nomaden der Arktis

Autor: Erik Orsenna

Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller

Fotograf: Francis Latreille

Verlag: Knesebeck GmbH & Co. Verlag KG

Verlagslink: https://www.knesebeck-verlag.de/die_letzten_nomaden_der_arktis/t-1/831

ISBN: 978-3957283511

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