Wie wir jagen wollen: Ethische Überlegungen im Umgang mit Wildtieren

Buchvorstellung von Beate A. Fischer

Als ich am 16.12.2020 den Facebook-Post meines berühmt-berüchtigten Berufskollegen Florian Asche zum Gendersternchen des Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Schreiben an Personen, die mit der Planung von Gesellschaftsjagden befasst sind, las (siehe: https://krautjunker.com/2020/12/17/jagerinnen-was-wird-wohl-aus-der-waidmannssprache/), fiel mir schlagartig die überfällige Rezension des vorliegenden Buches wieder ein. Hier war die neue Wortschöpfung Jäger*innen – vor Asche – das erste Mal aufgefallen.

Ich möchte den geneigten Lesern, noch ein wenig Florian Asche gönnen:

»Dahinter steckt keine Gedankenlosigkeit, sondern Methode. Jäger*innen sind keine Waidleute mehr, keine wettergegerbten Draußenmenschen, sondern politisch korrekte Verwaltungsadressaten, die genderneutral das zu tun haben, was die Verwaltung von ihnen sanftmütig und dennoch mit brachialer Härte erwartet.«

»Beim Rehwild könnte man z. B. für mehr Zuordnungsgerechtigkeit sorgen, in dem man allgemein von „Bock*Ricken“ spricht. Mit einem Gendersternchen in der Mitte für unentschlossene Perückenböcke.«

Im vorliegenden Band schreibt keine deutsche Verwaltungsbehörde über Jagd sondern Markus Moling, Jg. 1978, Priester und seit 2006 Professor für Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen in Südtirol mit Schwerpunkt Umwelt- und Jagdethik (siehe: http://www.hochschulebrixen.it/de/philosophisch-theologische-hochschule-brixen/lehrende/22-team-moling-prof-dr-markus.html). Moling ist begeisterter Tierbeobachter, Hobbyornithologe sowie ausgewiesener Experte für Rauhfusshühner. Eines ist Moling leider nicht – Jäger.

Das Buch hat seine Stärken in der Einführung in philosophische Ehtik. Moling erläutert – auch für den nichtakademischen Leser nachvollziehbar – die Grundlagen dessen was eine Gesellschaft zusammenhält; Normen, Vorstellungen und Institutionen prägen das Zusammenleben der Menschen und moralische Regeln und Gebote geben den Menschen Richtlinien vor, wie zu handeln ist.

Moling stellt bezogen auf die Naturethik verschiedene ethische Strömungen und die wichtigsten Vertreter vor:

Die Umweltethik reflektiert das menschliche Verhalten in ihrer Umwelt, den Lebensräumen mit seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern. Die Jagd wird in der Umweltethik teilwiese kritisch gesehen und soweit werden moralphilosophische Argumente gesucht, um die Tötung von Wildtieren zu rechtfertigen. Der Autor geht auch auf die Problematik ein, dass viele Stadtbewohner den Bezug zur Natur als Quelle von Lebensmitteln verloren haben.

Das Verhältnis von Mensch und Natur unterliegt vielfältigen Interpretationen. Interpretiert man die Natur als soweit wie möglich unberührten Lebensraum und den Menschen darin als Störenfried, wird die Jagd keinen Platz mehr finden. Wenn man davon spricht, dass der Mensch ein Teil der Natur ist, wird man möglicherweise zu einer anderen Bewertung der Jagd kommen.

Aus der Sicht des Anthropozentrismus steht der Mensch als einziges mit Bewusstsein ausgestattetes Lebewesen, im Mittelpunkt des Zugangs zur Natur. Seine Bedürfnisse und seine Wahrnehmung der Natur sind von zentraler Bedeutung.

Der Pathozentrismus gibt jedem Lebewesen einen eigenen intrinsischen Wert. Einer der wichtigsten Vertreter ist Peter Singer, der mit der Tierbefreiung der Tierethik einen entscheidenden Auftrieb gab. Die (radikale) Tierrechtsbewegung findet hier ihre Grundlagen.

Eine weitere ethische Philosophie, der Biozentrismus lehnt die Jagd als Verstoß gegen die Aufrichtigkeit ab.

Der Ökozentrismus weist der Natur selbst und allen Lebenwesen darin einen eigenen Wert zu und stellt den Schutz ihrer Integrität in den Mittelpunkt ihres Weltbildes. So besitze jedes Lebewesen einen vom Menschen unabhängigen Wert. Ein berühmter Vertreter dieser Strömung war Albert Schweitzer, der in seinem Buch „Das Leben ist heilig“ seine Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Leben darlegt.

Moling selbst sieht sich wohl als einen Vertreter eines moderaten modernen Anthropozentrismus. Er rechtfertigt die Jagd als Aufhebung des Gegensatzes von Mensch und Natur und versteht sie als nachhaltige Nutzung von natürlich nachwachsenden Ressourcen.  Wildfleisch stellt schließlich eine hochwertige Nahrungsquelle dar. Ein Eingriff des Menschen sei nie nur schlecht, erklärte der Autor und fragt »Weshalb sollten die Menschen ihren Lebensraum also nicht nutzen?«

Im zweiten Teil des – gemeinsam mit dem Bayerischen und Österreichischen Jagdverbänden herausgegebenen Buches – setzt sich der Autor mit den Prinzipien der Waidgerechtigkeit im Lichtes eines modernen Anthropozentrismus auseinander. Er leitet aus seinem Weltbild eine ethische Anleitung für eine verantwortungsvolle Jagd her: Respekt vor dem Wild, vor dem Wildbret, den Jagdkameraden und anderen Waldnutzern. Moling spricht sich aus seinem ethischen Verständnis heraus für eine respektvolle Regulierung von Wildbeständen aus.

Die Darstellungen des Philosophen und Ethikers sind gut lesbar. Auch wenn Moling wohl gelegentlich zu Veranstaltungen der Jägerschaft eingeladen wird, geht das Buch leider an den aktuellen Herausforderungen der Jägerschaft vorbei.

Unter dem Hinweis auf einen klimaneutralen Waldumbau werden Schalenwildarten wie Reh und Rotwild dem bedingungslosem Abschuss freigegeben. In Baden-Würtemberg soll über 90% der Landesfläche rotwildfrei werden. Der Ökologische Jagdverband sieht Hegegemeinschaften und Abschusspläne als bürokratische Zeitverschwendung an. Es wird die freie Jagd für jeden Waldbesitzer ab 1 Hektar Grundfläche gefordert.

Unter dem Auftrag die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinpest zu vermeiden bzw. zu begrenzen, wird der Muttertierschutz für führende Bachen aufgehoben. Die Jagd mit Fanggittern steht in der Diskussion. Die betroffenen Landstriche sollen wildschweinfrei gemacht werden, um die großen Schweinehaltungen der industriellen Tierproduktion nicht zu gefährden.   

Neue technische Errungenschaften wie Drohnen, Kameras, Nachtsicht- und Weitschussgewehre werfen Fragen hinsichtlich der ethischen Grenzen auf. Das Wild verliert die Nacht als letzten natürlichen Rückzugsraum.

Die Kluft zwischen Jägern und Nichtjägern öffnet sich immer weiter. Sogenannte Tierschützer schrecken vor Angriffen auf Ehre, Leib und Leben von Jägern nicht zurück. Bedrohung und Einschüchterung sind an der Tagesordnung.

Auch zwischen den Jägern ist das Verhältnis eher von Missgunst geprägt als von respektvollem Miteinander.

Immer mehr Städter erwerben einen Jagdschein. Jagdmöglichkeiten bieten sich ihnen oft nur auf bezahlten Drückjagden in fremden Revieren. Der Bezug zu den örtlichen Gegebenheiten, dem Lebensraum Natur, mit seinen tierischen und pflanzlichen Bewohnern besteht nicht und entwickelt sich bei diesen einmaligen Gelegenheiten auch kein Verantwortungsbewußtsein für die vorkommenden Waldbewohner. Die Jagd ist bezahlt, das soll sich möglichst in Abschüssen widerspiegeln und auch die Geschichten im Freundeskreis klingen besser, wenn reichlich Strecke gemacht wurde. Vorwerfen mag ich dies niemanden, eine respektvolle Jagd ist für mich etwas anderes.   

In den ländlichen Regionen wird die Jagd oft dominiert von Alteingesessenen. Jungjäger und Zugezogene haben oft einen schweren Stand.  

Das vorliegende Buch verbleibt meines Erachtens im akademischen Elfenbeinturm und geht an den drängenden Problemen vorbei.  Das Gendersternchen löst keines davon.

*

KRAUTJUNKER-Köchin Beate A. Fischer:

Beate A. Fischer, geboren 1973, Jägerin seit 6 Jahren, Hundeführerin – verliebt in einem Vizsla sowie Co- und Stiefmutter eines Fox, schießt leidenschaftlich gern Jagdparcour und Flugwild, außerdem hat sich die afrikanische Sonne in ihr Herz gebrannt. Sie lebt im kühlen Nordfriesland auf einem Resthof, arbeitet als Rechtsanwältin und schreibt manchmal auch mal andere schöne Texte. 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille. Kontaktmail für Anfragen siehe Impressum.

Titel: Wie wir jagen wollen: Ethische Überlegungen im Umgang mit Wildtieren

Autor: Markus Moling

Verlag: Athesia Tappeiner Verlag

Verlagslink: https://www.athesia-tappeiner.com/de/9788868395179

ISBN: 978-88-6839-517-9

Leseprobe: https://www.buchhandel.de/asset/download/df15a62a63da41b18dde56d1fe758bd9

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Benedikt Terzer sagt:

    Sehr geehrte Frau Fischer,

    als Fan und regelmäßiger Leser von Krautjunker bin ich vor einigen Tagen auf Ihre Buchrezension zur Neuerscheinung „Wie wir jagen wollen“ gestoßen.

    Nachdem ich die Entstehung und den Werdegang des Buches am Rande mit begleitet habe, möchte ich Ihnen ein Feedback übermitteln.

    Ich gehe mit Ihnen in der kritischen Ansicht der Genderthematik d’accord. Im Buch sollte, wie auf S. 2 per Genderklausel festgelegt, durchgehend lediglich von „Jäger“ die Rede sein. Da sind wohl im Zuge des Lektorats bzw. Korrektorats einige Stellen übersehen worden.

    Was die von Ihnen am Ende der Rezension angesprochenen aktuellen Herausforderungen der Jägerschaft anbelangt, muss ich etwas ausholen.

    In Europa gibt es verschiedene jagdliche Realitäten. Daraus ergibt sich, dass die Probleme, mit denen Jagd und Jägerschaft konfrontiert sind, je nach Gebiet ganz unterschiedlich sein können. Der schwedische Jäger wird mit den Problemen des spanischen Vogeljägers wenig gemein haben. Aber selbst in ein- und demselben Sprachraum können die Herausforderungen der Jägerschaft völlig unterschiedlich sein.

    Das Buch von Prof. Moling ist vor dem Hintergrund der Jagd im Alpenraum entstanden. Nun gehört Südtirol seit dem Friedensvertrag von St. Germain von 1919 zu Italien, weshalb unser Jagdwesen sich den italienischen Normen unterwerfen musste. Daraus ergibt sich, dass die Südtiroler Rechtsgrundlage im Bereich Jagd völlig anders aussieht als z.B. in Österreich oder Deutschland. In Italien ist, der Tradition des römischen Rechts folgend, das Jagdrecht nicht an Grund und Boden gebunden. Das Wild gehört zum unverfügbaren Vermögen des Staates.

    Wir in Südtirol haben z.B. mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen als unsere Jagdkollegen in Nordtirol. Bei uns gibt es zwar seitens der Forstbehörde und der Landwirtschaft auch Forderungen nach höheren Abschusszahlen beim Rotwild, aber radikale Ansätze wie z.B. rotwildfreie Gebiete auf einem Großteil der Landesfläche wie in BaWü wären hier nie denkbar.

    Die Jagdgegner sind in Italien eine überaus starke Gruppierung, weshalb hierzulande die Herausforderung nicht unbedingt die Forderungen der Land- und Forstwirtschaft sind, sondern die Verteidigung der Jagd vor Abschaffungsbestrebungen. In Italien gibt es immer wieder Versuche, die Jagd per Volksentscheid aufzuheben. Beim letzten Referendum stimmten 92% der Wähler für eine de facto Abschaffung der Jagd. Dass wir heute noch zur Jagd gehen können, liegt einzig daran, dass das Quorum von 50% um Haaresbreite nicht erreicht wurde.

    Sie werden mir also Recht geben, dass man nicht pauschal von „den aktuellen Herausforderungen“ der Jagd sprechen kann. Der deutsche Sprachraum ist riesig, woraus resultiert, dass die Herausforderungen der Jagd häufig sehr unterschiedlich sind. ASP und Forderungen nach rotwildfreien Gebieten sind in unserem Alpenraum gottlob kein Thema.

    Sehr wohl ein Thema ist aber die zunehmende Technisierung der Jagd. Drohnen, Wärmebildkameras und Nachtsichtgeräte sind überall auf dem Vormarsch, weshalb der Autor dieses Thema beleuchtet und mit Verweis auf Ortega y Gasset und sogar auf Platon Argumente gegen eine übertriebene technische Aufrüstung ausgeführt hat (vgl. etwas S. 129-130).

    Auch das von Ihnen angesprochene Problem des Neides und der Missgunst ist natürlich existent, wie etwa die Abhandlung auf S. 107 („Respekt unter Jagdkameraden“) zeigt.

    Was schließlich die Jagdmöglichkeiten anbelangt und die von Ihnen angesprochenen Schwierigkeiten, die Jungjäger und Zugezogene hätten, wenn es darum geht, Jagdmöglichkeiten zu finden, so gilt wiederum das, was ich weiter oben beschrieben habe: Dieses Problem ist je nach Gebiet vorhanden oder nicht. In Südtirol ist der Zugang zur Jagd keine Frage des Geldes. Bei uns hat jeder, der eine bestimmte Zeit in einer Gemeinde ansässig ist und die Jägerprüfung hier bestanden hat, Zugang zur Jagd. Hier jagt der einfache Angestellte auf Augenhöhe mit dem Großindustriellen, jeder hat die gleichen Rechte und Pflichten.
    In Österreich ist die Situation eine andere. In der Schweiz sieht die Sachlage wiederum je nach Kanton anders aus.

    Das Buch ist, wie gesagt, mit Bezug zur alpenländischen Jagd entstanden, weshalb bestimmte Probleme, welche zwar für die Jagd in manchen Teilen Europas relevant sein mögen aber geographisch weit entfernt sind, nicht thematisiert wurden.

    Die Drucklegung dieses Werks, welches nach meinem Kenntnisstand seit Jahrzehnten das erste Ethik-Buch mit positivem Bezug zur Jagd ist (die Jagd wird leider vom Mainstream im Bereich Tierethik kritisch gesehen), haben wir als Südtiroler Jagdverband sowie unsere Partner vom Bayerischen Jagdverband ermöglicht. Aus Österreich hat sich kein Verband beteiligt.

    Wünsche Ihnen weiterhin viel Freude an der Mitgestaltung der tollen Seite „Krautjunker“ und beruflich wie privat alles Gute sowie allzeit Weidmannsheil!

    Benedikt Terzer

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