Der Adler: Eine Verbindung fürs Leben

von Jan von Rossem

LUFT-HOHEIT

Erich Spiess hat einen Jagdgefährten der ganz besonderen Art: den 18-jährigen Steinadler Kayetan, den König der Lüfte. Mit dem geht er meist in der Nähe von Mindelheim auf Jagd. Er ist sein Partner, seine Waffe, seine Passion.

Der ständigen Aufmerksamkeit des majestätischen Steinadlers Kayetan entgeht nicht die kleinste Bewegung. Bis zu einer Distanz von locker 1000 Meter kann der Vogel auf seine Beute reagieren.

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Was für eine Ehe! Erich Spieß und seine Frau Birgit kennen sich seit 35 Jahren, seit mehr als 30 sind sie verheiratet. Zwei Söhne, kleines Haus mit Garten. So weit, so normal. Beim ihrem Anblick stutzt man das erste Mal. Er, schmale Statur, kurze graue Raspelhaare, die er meist unter einem Hut verbirgt, aber vor allem: einen gut 30 Zentimeter langen Bart, der energisch Richtung Bauchnabel wächst. Den kann er nicht verbergen. Er macht ihn äußerst charismatisch, und nicht eben jünger. Daneben wirkt seine Frau mit ihren langen blonden Haaren und ihrer insgesamt jugendlichen Erscheinung wie seine älteste Tochter. Höchstens. Dabei sind sie fast gleich alt. Mitte 50.

Aber nicht nur wegen dieser äußerlichen Diskrepanz hat die lange harmonische Partnerschaft der beiden etwas Überraschendes. Fast skurriles. Etwas spricht eigentlich erheblich gegen die traute Zweisamkeit, es bedroht sie buchstäblich. Genauer gesagt: bedroht die Frau. Es sitzt im Garten. Glücklicherweise angebunden. Glücklicherweise für die Frau. Denn Kayetan, das 18-jährige Steinadler-Männchen, ist hinsichtlich der rechtskräftigen Ehe von Erich und Birgit nicht sonderlich amused. Im Gegenteil: Er sieht sie als Konkurrentin. Der Adler vertritt die Ansicht, er lebe in einer Zweierbeziehung zu seinem Falkner, dem Erich. Sie ist seine Nebenbuhlerin. Jetzt mal abgesehen von der etwas unübersichtlichen Geschlechterfrage. Und die Nebenbuhlerin muss beseitigt werden. Jawohl! Beseitigt! So ist das Brauch bei Steinadlern.

»Tatsächlich muss ich aufpassen«, erzählt Birgit mit einem Lachen, das nicht ganz so gelöst ist, wie es erscheinen soll. »Wenn Erich den Adler wieder zum Rückflug auf seinen Arm lockt, sollte ich besser hinter ihm stehen. Bin ich zu weit neben ihm, könnte es sein, dass der Adler nicht auf das kleine Fleischstück in Erichs Hand geht, sondern es sich spontan anders überlegt und mich angreift.« Richtig ernsthaft in Gefahr war sie noch nicht, aber unterschätzen würde sie Kayetan nie. Sie kennt sich aus mit den Greifvögeln.

Zwangsläufig. Kayetan ist schon der dritte Adler von Erich Spieß. Sie hatten auch schon einen Uhu als »Haustier«, der schaut jetzt ernst vom Schrank neben dem Esstisch herunter. An seiner Seite sitzt ein Sperberpärchen. Alle ausgestopft. Der Ofen heizt mit voller Kraft gegen den nasskalten Herbstabend an, die Dame des Hauses serviert abendliche (!) Weißwürste. Die alte Regel, dass die Würste den Zwölf-Uhr-Schlag nicht erleben dürfen, lacht Erich weg. »Die muss man nicht so ernst nehmen.« In Zeiten funktionierender Kühlsysteme ist es eher eine folkloristische Sitte für Touristen. Erich nimmt einen kräftigen Schluck Bier, die naheliegende Marke »Adlerkönig« hat er heute leider nicht da. Deren Etikett zeigt einen Mann mit ähnlichem Bart. Der sitzt mit seinem Adler vor einer Hütte. »Von mir«, strahlt Erich, »gibt’s genauso ein Bild«. Klar, dass das seine Hausmarke ist.

Erich Spieß ist ausgebildeter Maschinenbauer, arbeitet bei der Firma Groß in Mindelheim, einem Autozulieferer. Aber nur Frühschicht, »dann bin ich früh zu Hause beim Adler.« Und der Frau – hat er jetzt nur vergessen zu ergänzen. Zu seinem Adler hat er wirklich eine mehr als intensive Beziehung. Schon der Name sagt einiges: Kayetan war der treue Berater und Sekretär von Andreas Hofer, dem Führer der Tiroler gegen die französischen und bayerischen Besatzer. So sieht der Falkner auch die Beziehung zu seinem Vogel. Und er ist besonders stolz, einen solchen Gefährten zu haben.

Die Lage im Hause Spieß ist wirklich etwas vertrackt: Kayetan, soviel scheint klar, führt aus seiner Sicht eine leidlich befriedigende Einehe mit Erich Spieß. »Ich bin seine Braut«, lacht Erich. Kayetan findet das überhaupt nicht lustig. Wie Adler generell wenig lustig zu finden scheinen. Ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen sehr ernst und sehr sehr ernst. »Im Frühjahr balzt er mich an, springt auf meinen Rücken, hüpft darauf herum, will kopulieren. Gut eine Minute geht das so, bis er merkt, dass er nicht zum Zuge kommt.« Erich lacht wieder, ein bisschen verlegen. Der Adler schaut sehr ernst. Immerhin ist er bei seinen Annäherungsversuchen zärtlich, zieht sogar die furchteinflößenden Krallen ein (wofür der Falkner dankbar ist). Natürlich ist Kayetan wahnsinnig eifersüchtig auf Birgit, vor allem weil er ahnt, oder sich sogar ziemlich sicher ist, dass Erich ein Doppelleben führt. Mit ihr.

… (Ende der Leseprobe, aber nicht des Buchtextes)

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

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jagdgefahrten

Titel: Jagdgefährten: Was uns auf der Pirsch begleitet – Menschen und ihre Passion

Herausgeber: Thomas Ernst und Jan Hüffmeier

Text: Jan von Rossem

Fotos: Holger Heuber

Verlag: Delius Klasing (12. September 2016)

ISBN: 978-3667106711

Verlagslink: http://www.delius-klasing.de/buecher/Jagdgef%C3%A4hrten.226204.html

Fotografenlink: http://www.holger-heuber.de/

 

Weitere Beiträge aus diesem Buch:

https://krautjunker.com/2017/02/05/der-faehrtenleser/ 

https://krautjunker.com/2017/01/28/die-flinte-wissen-warum-man-trifft/

https://krautjunker.com/2016/12/03/auf-den-hund-gekommen/

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