Der Geschmack von Laub und Erde: Wie ich versuchte, als Tier zu leben

Charles Foster ist verrückt. Verrückt nicht in dem Sinne von geistig minderbemittelt und lebensunfähig, sondern sein Geist ist so verschroben, dass er sich nicht damit abfinden wollte, ausschließlich ein Mensch zu sein. Er musste unbedingt wissen, wie es ist, als Tier zu leben. Ist das vollkommen gaga oder bahnbrechend innovativ? Die Meinungen gehen diesbezüglich auseinander, auch bei mir.

Dabei handelt es sich bei Charles Foster nicht um eine gescheiterte Existenz am Rande der Gesellschaft. Als in Cambridge ausgebildeter Jurist und Tierarzt, der an der University of Oxford Ethik und Rechtsmedizin unterrichtet, verfügt er über alle Voraussetzungen für ein gelungenes Leben innerhalb der Grenzen der westlichen Zivilisation. Er verfasste Bücher über diverse wissenschaftliche Themen, stieß auf Skiern zum Nordpol vor, absolvierte den gefürchteten Marathon de Sable und ist sogar Fellow der ruhmreichen Royal Geographical Society. Nicht nur beruflich und sportlich ist er ein Ass, er hat auch noch eine Familie mit sechs Kindern. Ich betone dies so ausdrücklich, weil ich Provinzeumel doch spontan bei jemanden, der ernsthaft ein Tier sein möchte, zuerst an eine gescheiterte Existenz am Rande der Gesellschaft denke, die in einer Ruine wohnt und Musik mit einem Didgeridoo macht, seitdem ihr Denkorgan durch den Genuss psilocybinhaltiger Pilze zerbröselte.

Mit dem Gedanken ein Tier zu sein, hat jeder bestimmt einmal gespielt. Im Gegensatz zum Autor aber auch nur mit Anfang zwanzig betrunken auf einer Party. Anstatt ernsthaft ein entsprechendes Experiment in Angriff zu nehmen, oder sich mehr zoologisches Wissen als ein durchschnittlicher Zuschauer von Grizmeks Tierleben anzueignen, schwadronierte man nur klugscheißerisch darüber. Spätestens darauffolgenden verkaterten Morgen ließ man das Vorhaben ebenso fallen, wie den Plan, der Groupies wegen Gitarre spielen zu lernen und ein Rockstar zu werden.

Charles Foster hingegen philosophierte nicht nur. Er eignete sich zuerst umfassendes Wissen über fünf verschiedenen Tierarten an und führte – im Rahmen seiner Möglichkeiten – über Monate das Leben eines Dachses, Otters, Fuchses, Rothirsches und Mauerseglers.

»Wenn wir einen Wald betreten, teilen wir die sensorischen Reize, die er bietet (Licht, Farbe, Geruch, Klang etc.), mit allen anderen Geschöpfen, die sich dort aufhalten. Aber würde auch nur eines von ihnen diesen Wald anhand unserer Beschreibungen wiedererkennen? Jedes Lebewesen erschafft in seinem Gehirn eine andere Welt. Es lebt in dieser Welt. Wir sind von Millionen unterschiedlicher Welten zu umgeben. Sie zu erforschen ist eine aufregende neurowissenschaftliche und literarische Herausforderung.«

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Allerdings bedient er sich nicht nur der modernen Wissenschaft und Kunst, er lässt sich auch von alchemistischen und schamanistischen Grundannahmen inspirieren, um die dünne Membran zu durchstoßen, »die diese Welt von anderen Welten und die eigene Spezies von anderen Spezies trennt.« Klingt verrückt, ist aber seit dem Jungpaläolithikum Gegenstand der frühesten Kunst des Menschen und jeder, der Kinder hat, weiß, dass sie das Grundbedürfnis der Steinzeitmenschen teilen. »Sie verkleiden sich als Hunde. Sie malen sich die Gesichter an, damit sie wie Tiger aussehen. Sie nehmen Teddybären ins Bett und möchten in ihrem Zimmer Hamster halten. Bevor sie einschlafen, lassen sie sich von ihren Eltern Geschichten über Tiere vorlesen, die wie Menschen sprechen und angezogen sind.«

Der Autor las sich vor seinem Experiment nicht nur in die Materie ein, er trainierte beispielsweise auch seine Nase. So erwarb er die Fähigkeit, sich mithilfe seines Geruchssinnes zu orientieren, indem er verschiedene Käsesorten in seinem Haus auslegt, bis er die einzelnen Zimmer am Geruch erkennen konnte. Mit Hilfe eines befreundeten Bauern grub er eine Höhle, in der er sich mit einem seiner Söhne für mehrere Monate einnistete.

»Als Erstes lernte ich, die Erdhöhle zu mögen. Gewohnheit ist etwas unglaublich Mächtiges. Damit bewältigt man fast alles. Allein dass ich regelmäßig unseren Bau aufsuchte und am hinteren Ende ein Plätzchen mit einer nach meinen Körpermaßen geformten Kuhle vorfand, genügte mir, um Geschmack am Leben im Untergrund zu finden. Ich lernte, die Umrisse des Fensters in die sonnenbeschienene Welt zu schätzen, die der Eingang unseres Baus darstellte; ich mochte das üppige Spektrum an Gerüchen, das mir in die Nase stieg, wenn ich keuchend vor Anstrengung von meinem staubigen Farnblätterbett durch eine Lage Heu und eine Zervix aus Erde und kompostiertem Laub nach oben kroch.
(…)
Um mich herum vibrierten die Wände unseres Baus geradezu, lebendig wie ein Uterus, aber nicht so behaglich. In der Erde wuselte, tastete, krabbelte, kroch und keimte es. Einmal fiel mir ein Wurm in den Mund. Ein Dachs hätte sich dabei wie ein Pascha auf dem Diwan gefühlt, dem ein Sklave eine Traube in den Mund steckt, auch wenn der Wurm vermutlich aus der toten Großmutter des Dachses besteht, die in die Erdwand des Baus eingegangen ist. Ich würgte leise und schlief weiter, das Gesicht im Farnbett vergraben.«

Nachts krabbelten sie auf allen vieren durch den Wald, immer die Nase am Boden, bis sie sogar Mäusenester anhand des Geruchs erschnüffeln und schließlich eine Geruchslandkarte ihres Waldes erstellen konnten. Sie markierten ihr Revier mit ihren Fäkalien und lernten die verschiedenen lokalen Geschmacksrichtungen der Hauptnahrungsmittel der Dachse schätzen.

»Regenwürmer schmecken nach Schleim und der Erde, aus der sie kommen. Sie sind der Inbegriff eines regionalen Nahrungsmittels und haben, wie Weinkenner sagen würden, ein sehr ausgeprägtes Terroir. Der Wurm aus Chablis hat einen langen, mineralischen Abgang. Sein Artgenosse aus der Picardie schmeckt muffig, nach Fäulnis und gesplittertem Holz. Würmer aus dem High Weald von Kent schmecken frisch und schnörkellos. Hingegen zeichnet den Wurm aus der Küstenebene von Somerset sein dumpfes, unzeitgemäßes Stout-Bier- und Lederaroma aus.«

Ganz reicht es natürlich nicht mit den Würmen oder überfahrenen Eichhörnchen, so dass der befreundete Bauer immer wieder vorbeikommt und Essen vorbei bringt. Nicht weniger wertvoll ist die bodenständige emotionale Unterstützung des befreundeten Landmannes.

»Es war Burt mit Fischfrikadellen.
„Ist geschummelt, ich weiß schon, aber ich verrate es auch niemanden.“
Es war aber gar keine Schummelei. Denn Dachse sind absolut opportunistische Allesfresser. Kein Dachs würde Fischfrikadellen links liegen lassen.
„Aber wisst ihr was“, fuhr er fort, „zum Ausgleich komme ich später noch mal vorbei und hetze die Hunde auf euch. Und dann gehen wir zur Straße rauf, und ich versuche, euch zu überfahren.“«

Was sich im Inneren des Kopfes eines Dachses, Fischotters, Rothirsches oder Mauerseglers abspielt, möchte ich mir nach der Lektüre des Buches immer noch nicht zu wissen anmaßen. Die gefühlsbetonte und komplett offene Art des Autors hat mich aber schwer beeindruckt. Seine Haltung, zur Erfüllung der selbstgesteckten Aufgaben alles zu geben, aber sich dabei selbst nie ernst zu nehmen, finde ich großartig und bewundernswert. Vor allem aber ist das Buch randvoll mit Beobachtungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die mir bis dato größtenteils vollkommen fremd waren und die teilweise wissenschaftlich noch unerklärlich sind.

»1. Manche Hunde wissen, wann ihr Herrchen oder Frauchen nach Hause kommt, selbst wenn der oder die Betreffende Hunderte von Kilometern entfernt ist und entgegen der ursprünglichen Planung zu einer ganz unverhofften Zeit zurückkehrt.
2. Zuweilen besitzen auch Menschen diese Fähigkeit. Die Buschleute der Kalahari-Wüste wissen, wann ihre Jäger erfolgreich waren, was genau sie erlegt haben und wann genau sie zurück sein werden – und das auf eine Distanz von achtzig Kilometern. Ursprünglich dachten sie, die Telegrafie des weißen Mannes basiere auf Telepathie.

9. Frisch geschlüpfte Küken gehen oft eine Bindung mit dem ersten Wesen ein, das sie sehen. Falls es sich dabei um einen Roboter handelt, betrachten sie ihn als ihre Mutter. In einer berühmten Experimentierreihe wurden die Bewegungen des Roboters von einem Zufallsgenerator bestimmt. Die Küken, die den Roboter für ihre Mutter hielten, wollten ihn in ihrer Nähe haben. Als man sie durch eine Barriere von ihm trennte, konnten sie ihn trotzdem näher heranholen. Die Zufallsprogrammierung wurde psychokinetisch beeinflusst. Eine Kontrollgruppe von Küken ohne Muter-Kind-Bindung zum Roboter brachte das nicht zustande.
10. Wird eine neue chemische Verbindung geschaffen (was häufig geschieht), ist es oft sehr schwierig, sie zum Kristallisieren zu bringen. Mitunter dauert der Prozess Jahre. Ist dies jedoch einem Wissenschaftlerteam in – sagen wir – Cambrigde gelungen, schafft es ein Team in Melbourne oftmals in der Woche darauf. Dieser Effekt ist gut dokumentiert. Skeptiker erklären das damit, dass Moleküle des neuen Kristalls vielleicht irgendwie in das andere Labor transportiert worden seien (zum Beispiel in den Barthaaren der Chemiker) und dort den Kristallisationsvorgang angestoßen haben können. Für gewöhnlich lässt sich ein solcher Zusammenhang aber nicht nachweisen.
11. Vergleichbare Effekte zeigen sich im Verhalten von Tieren. Wenn die Forschergruppe X in Oxford nach jahrelanger Arbeit ihren Versuchsratten einen bestimmten Trick beigebracht hat, erzielt die Gruppe Y in Sydney plötzlich ebenfalls diesen Durchbruch, obwohl es keinerlei Kontakt zur Oxford-Gruppe gegeben hat.«

Woran liegt das? Laut Charles Foster ist die Welt ein feingesponnenes Netz aus Ursachen, die alle miteinander verbunden sind. Wenn wir sie nicht sehen und erkennen, sind unsere natürlichen Sinne, unsere technischen Instrumente oder unser Verstand einfach nicht fein genug eingestellt. »Wunder funktionieren durch den Grad der Auflösung: Beim Vogelgesang, in der Optik, in der Philosophie und in der Theologie. Nur wer blind für die samtig fließende Bewegung von Raupenbeinen und taub gegen das Ächzen des Krokusses ist, wenn er die Erde durchbricht, kennt keine Gottesverehrung; und oftmals kannman den Betroffenen keinen Vorwurf daraus machen.«

»Das Universum hat eine harte Oberfläche, in die sich neue Muster nur mühsam eingravieren lassen. Hat man es aber einmal geschafft, fällt es einem beim nächsten mal wesentlich leichter. Denken Sie nur an die Moleküle in den Barthaaren der Chemiker und die Ratten in Oxford und Sydney. Hat man es tausendmal gemacht, wird es sogar noch viel einfacher. Kein Wunder, dass die Evolutionsgeschichte oft in Schüben abzulaufen scheint: Viele Millionen Jahre lang tut sich gar nichts, und plötzlich geht es mit Riesenschritten voran.«

Lauter kluge und unerhörte Gedanken eines Verrückten, die viel Zündstoff zum Nachdenken bergen und Lust darauf machen, in die Natur zu gehen, zu schauen, zu riechen und zu hören, um selbst Grenzen zu überschreiten. So möchte ich zum Schluss den großen Ir(r)en George Bernard Shaw (* 1856; † 1950) zitieren: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute, seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“

***

KRAUTJUNKER-Kommentar: Charles Foster wurde für dieses Buch der Ig-Nobelpreis an der Harvard-Universität verliehen. Eine satirische Auszeichnung, mit der wissenschaftliche Leistungen geehrt werden,  die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“ („to honor achievements that first make people laugh, and then make them think“).

 

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KRAUTJUNKER

 Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

der geschmack von laub und erde charles foster

Titel: Der Geschmack von Laub und Erde: Wie ich versuchte, als Tier zu leben

Autor: Charles Foster

Übersetzer: Gerlinde Schermer-Rauwolf und Robert A. Weiß, Kollektiv Druck-Reif 

Verlag: Malik / Piper Verlag GmbH

ISBN: 978-3890292625

Verlagslink mit Leseprobe: https://www.piper.de/buecher/der-geschmack-von-laub-und-erde-isbn-978-3-89029-262-5

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Wem dieser Beitrag gefiel, dem schlage ich auch dies vor:
https://krautjunker.com/2017/03/25/wie-ist-es-ein-falke-zu-sein/

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