Kanadisches Scherzo

Buchvorstellung

Seitdem 1929 die Erstausgabe veröffentlicht wurde, entwickelte sich Kanadisches Scherzo zu einem Klassiker der Jagdliteratur. Sehr wenige Bücher, die vor 90 Jahren veröffentlicht wurden, liest man heute noch mit Begeisterung, da sie zeitlos bilden und unterhalten.

Dabei sträuben sich bei den biografische Eckdaten des Autors (* 1880; † 1933), heutigen Feuilleton-Redakteuren eigentlich die Nackenhaare. Curst Mehrhardt-Ilow war Alter Herr einer schlagenden Studentverbindung, Reserveoffizier und Großwildjäger. Das klingt schon etwas überzeichnet nach den Hassfiguren aus den Büchern von Kurt Tucholsky oder Heinrich Mann. Auf die Einladung zu einer Talkshow könnte der Schriftsteller heute lange warten.

Tatsächlich begegnet uns in dem Selbstzeugnis seiner Jagd- und Abenteuerreisen ein toleranter und lebenslustiger Herr von Welt.

1923 erhielt Curt Mehrhardt-Ilow die Einladung eines Freundes und Studiengenossen Fred, mit dem er »einst gemeinsam Humpen und Schläger geschwungen hatte«. Er löste seinen Haushalt in Berlin auf, verabschiedete sich von seinen Eltern in der heimatlichen Oberförsterei und begann eine mehrjährige Reise auf seine Ranch im Norden Amerikas, am Rande der großen Urwälder.

Für heutige Leser faszinierend ist die Beschreibung des damaligen Alltagslebens und vor allem der geruhsamen Zeitabläufe. Während man heute schon einen Koller bekommt, wenn ein Flug ausfällt und alle halbe Stunde auf dem Smartphone weltweite Neuigkeiten abruft, war man seinerzeit erheblich gelassener unterwegs und ganz selbstverständlich monatelang von Nachrichten abgeschnitten.

Nach einer langen und umständlichen Reise verbrachte er seinen ersten Winter bei seinem Bundesbruder Fred auf dessen Farm. Aus heutiger Perspektive führte dieser mit seiner Familie in der Einöd-Hütte ein Leben wie in der Dritten Welt.

»Das Haus, aus doppelten Brettern, bestand aus einem großen unteren Raum und zwei Zimmern im ersten Stock. Nur in dem großen Raum unten war ein Heizofen, außerdem stand dort der große Küchenherd.
An der einen Seite war ein Anbau, der als eine Art Vorratsraum diente, wo sich auch die typische kanadische Waschgelegenheit befand, bestehend aus einer alten Kiste, einer blechernen Waschschüssel, einem Handtuch, einem Stück Seife in einer an die Wand genagelten Konservendose, einem Bleikamm, der an einer Kette hing, und einem Spiegel.«

Gastro-Historiker werden dieses Haus als eine der ersten Begegnungsstätten von Deutschen mit Ketchup verzeichnen

»Heute gab es ein Festmahl, dicke Bohnensuppe aus Konserven mit in Würfeln geschnittenem Hirschbraten drin, dazu die so beliebte „Castup“, eine Tomatentunke, von der Albert als Überraschung heimlich einige Flaschen mitgebracht hatte.«

Mehrhardt-Ilow erlebte einige skurrile Situationen, aber auch lebensbedrohliche Buschbrände und Schneestürme. Das alles nahm man recht gelassen in Kauf. Ich vermute mal, dass heutige Reisende nach solchen Erlebnissen sofort abgereist wären und wohl auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen hätten.

Die Nachbarn waren ganz selbstverständlich extreme Charaktere.

»Dieser Gentleman war eine Klasse für sich! Er wohnte in den Ausläufern des Waldes und lebte von Jagd, Fischen und Alkohol! Seine Ernte fuhr er zur Station, um sie dort gegen Whisky umzutauschen, an Lebensmitteln nahm er nur das unbedingt Nötigste, wie Salz und Pfeffer.
Wir erreichten seine Hütte gegen Abend, und schon von weitem winkte er uns mit einer Flasche zu, lachend über das ganze, puterrote Gesicht. Neben dem Hause, einer Bretterbude, lag ein wahrer Berg von leeren Schnapsflaschen, Hunderte! Es roch wie in einer Brennerei. Vor der Tür stand eine Bank, auf der ein großer Hecht lag, den Bill zum Abendessen zurechtmachte. Rechts davon stand eine Pulle Whisky, links eine Flasche Gin.«

Das war Bill Archer. Old Handworth, einen alten Schotten, der an einem See Enten züchtete und Gartenbau betrieb, beschrieb er so:

»Dieser alte Sohn Schottlands mit wildem, sechzig Zentimeter langem Bart, voller Speisereste, Erde, Stroh und Gott weiß was alles, war ein ernster, fleißiger, wortkarger Mann. Seine Enten waren berühmt, sein Garten ebenso, die Beete in musterhafter Verfassung, aber das Innere seines Hauses spottete jeder Beschreibung!
Das Bett, ein Holzgestell voll Heu, war bedeckt mit zusammengeknäulten Decken und abgelegten Kleidern, die Fenster fast undurchsichtig vor Schmutz! Auf den Fensterbrettern lagen ganze Haufen von toten Fliegen, nicht Hunderte, nein Tausende! Links vom Kochherd war ein Stapel gehacktes Holz und ein Berg Kohlen, rechts davon ein mindestens dreiviertel Meter hoher Haufen Asche! In einer Ecke stand die Brutmaschine, in der er im Frühjahr die Enteneier ausbrütete. Jetzt diente sie als Speisekammer und war vollgepropft mit Lebensmitteln, Brotresten, schmutzigen Geschirr und einer sehenswerten „Mundtasse“, schwarz vor Dreck, mit einem weißen Halbmond da, wo beim Trinken der Mund sitzt.«

Zwischen diesen Höfen gab es kaum noch Hochwild, so dass unser Reisender immer größere Jagdausflüge unternimmt und irgendwann einen den Einheimischen unbekannten See entdeckt, um dort für mehrere Monate alleine zu jagen.

Sein Abenteuerdrang trieb ihn immer weiter und seine offene Art ließ ihn schnell soziale Kontakte zu Ranchern, Jägern und Indianern schließen. Als Sohn eines Oberförsters aus der vorigen Jahrhundertwende war er klassisch unterwegs mit seiner Jagdjoppe aus olivfarbigem Strichloden und einem Drilling als viel bestaunte Waffe.

Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, auch nur die wildesten und wichtigsten Erlebnisse anzureißen, die auf mehr als fünfhundert Seiten geschildert werden. Bemerkenswert ist die detaillierte Schilderung von Trapperwissen, also mit welch einfachen Mitteln die Wildnisbewohner beispielsweise Nothütten oder Fallen bauten.

Ein Höhepunkt ist das letzte Kapitel, in dem er schildert, wie er in einer kleinen Trappergemeinschaft am Rande des Polarkreises lebte. Die Trapper fingen in dem Winter mit bis zu 50 Minusgraden Pelztiere, während Mehrhardt-Ilow für die Fleischversorgung zuständig war. Bären und Wölfe kamen ihm auch vor die Büchse. Die Lebensumstände der Männer waren aus heutiger Sicht erbärmlich, aber die Stimmung zumeist gut.

Wenn mehrere bewaffnete Männer unter beengten Verhältnissen über Monate in einem kargen Raum hocken, während draußen Kälte und Dunkelheit herrschen, entstehen leicht Konflikte, die in Gewalt kippen können. Die beste Prävention dagegen sind kindischer Blödsinn und fröhliche Gelage, daran wird sich wohl auch in tausend Jahren nichts ändern.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.


Titel: Kanadisches Scherzo

Autor: Curt Mehrhardt-Ilow

Illustrationen: Karl Wagner

Verlag: Franckh Kosmos Verlag

Verlagslink: https://www.kosmos.de/buecher/ratgeber/jagd/bildbaende-belletristik/9478/kanadisches-scherzo

ISBN: 978-3440144923

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