Flinte

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Buchvorstellung von Beate A. Fischer

Um es vorwegzustellen, Flintenschiessen ist meine Leidenschaft, meine Passion, im wahrsten Sinne des Wortes. Flintenschiessen ist eine Sucht, die tiefe Befriedigung und noch tiefere Verzweiflung birgt. Da die Niederwildjagd in Deutschland vielen als „Jagd des kleinen Mannes“ oder „Bauernjagd“ gilt, steht das Flintenschiessen weder in der jagdlichen Ausbildung noch im späteren Üben bei uns im generellen jagdlichen Fokus. Oder um es deutlicher zu sagen, in der Ausbildung von Flintenschützen ist Deutschland ein Entwicklungsland.   

Abb.: Beates „Lady Beretta“; Bildquelle: Beate A. Fischer

Ich durfte letztes Jahr für eine Woche in Großbritannien auf verschiedenen hervorragend geführten Jagdparcourständen schießen. Der gesellschaftliche Status des Flintenschiessens dort, ist mit dem in Deutschland nicht ansatzweise vergleichbar. Flintenschiessen ist eine Beschäftigung, die sich hohen gesellschaftlichen Ansehens erfreut, man lädt Geschäftsfreunde zum Flintenschiessen ein und die Clubhäuser der Stände bieten hervorragende Küche und erlesene Weine. Flintenschiessen ist eine angesehene Beschäftigung der oberen Mittelklasse.

In Deutschland entwickelt sich ganz langsam ein Interesse am Flintenschiessen und es etablieren sich auch Schießlehrer, die den Namen verdienen. Julia Schmid im Bergischen Land (siehe: https://www.flinten-training.de/), Christian Schulte im Rheinland (siehe: http://www.flintenschule.de/) oder Gregor Schmidt-Colberg in Erlangen (siehe: https://www.flintenschuetze.de/) sind Namen, die in dieser einer sich langsam etablierenden Szene Flintenbegeisterter im Lande.

Abb.: Flintenschießen auf dem Dornsberg; Bildquelle: Beate A. Fischer

Das Mekka des Jagdparcourschiessens befindet sich wohl derzeit kurz vorm Bodensee – auf dem Dornsberg – kein anderer deutscher Schiesstand bietet eine derartige Vielzahl an Ständen in schöner Natur. Die Tatsache, dass der Dornsberg ein Berg ist, ermöglicht Tauben im grünen Tale und an spektakulären Steilhängen zu „bejagen“. Das ist Flintenschiessen auf allerhöchstem Niveau, ein Ort an dem Welt- und Europameister trainieren. Die Lage im Vierländereck macht den Standort auch für Flintenschützen aus Frankreich, Österreich, der Schweiz und Norditalien attraktiv. Wir freuen uns auf den jährlichen Besuch dieser wunderschönen Sportanlage im sonnigen Süden der Republik. 

Abb.: Flintenschießen auf dem Dornsberg; Bildquelle: Beate A. Fischer

Nicky Szàpàry legt mit Flinte ein feines, kleines Büchlein zum Thema „Flintenschiessen“ vor. Die Aufmachung ist – wie bei allen Büchern des Verlages die ich bisher sehen durfte – ein kleiner Handschmeicheler mit einem schönen Leineneinband und wunderbaren 100 Fotos – hochwertig. Szàpàry ist mit dem Flintenschiessen aufgewachsen, sein Vater Làszló war Staatsmeister, Europameister und Olympiateilnehmer. Auch der Sohn, Jahrgang 1959 erreichte die Olympiateilnahme im Skeet und arbeitet seit 30 Jahren als Schiesstrainer in Österreich und den USA. Ein Mann also, der weiß wovon er redet. Auf ca. 150 Seiten gelingt ihm ein Rundumschlag zum Thema „Flintenschiessen“. Dieser Rundumschlag ist dann aber auch Stärke und Schwäche des Buches zugleich.

Bildquelle: Beate A. Fischer

Auf 150 Seiten werden die Auswahl der Flinte, der Umgang mit der geerbten Flinte, die Praxis des Flintenschiessens, das jagdliche Flintenschiessen von der Sicherheit bis zur Hundearbeit sowie die Pflege der Flinte abgehandelt. Uff, das ist eine Menge Stoff für 150 Seiten. Dabei hat der Autor gerade zur Praxis des Flintenschiessens eine Menge Interessantes beizutragen: Der Teil Die Flintenpraxis ist dann auch der für den erfahrenen Flintenschützen spannendste Abschnitt des Buches. Für den, der sich das erste Mal mit dem Thema beschäftigt, mag dieser Teil zu komplex sein und für den erfahrenen Flintenschützen sind die anderen 100 Seiten des Buches zu allgemein.

Abb.: Blick ins Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Ich habe das Buch dem Lebensabschnittsgefährten auf dem Weg aus Nordfriesland zum Dornsberg vorgelesen. Bei der umsichtigen Fahrweise des Lebensabschnittsgefährten, böse Zungen nennen es „langsam“, waren es 10 Stunden auf der Autobahn. Das ist viel Zeit die 150 Seiten zu lesen und zu diskutieren. Der Lebensabschnittsgefährte schießt schon solange Flinte, wie ich auf der Welt bin und fand die vom Autor geschilderten Modelle interessant. Insbesondere das „Einrasten“ des Vorderschafts am Jochbein ist ein uns nachhaltig im Kopf gebliebenes Bild. Eindrücklich erläutert Szàpàry das „Drehkran-Modell“, die Vorstellung, dass sich der Körper des Schützen und die Flinte aus der Basis der Füße und Knie heraus, wie ein Drehkran bewegen sollten. Der ganze Körper wird auf die Tontaube und ihren Flug ausgerichtet und nicht nur die Arme des Schützen. Wie wichtig die Beine und Füße für den Schwung sind, zeigt sich bei der Krähenjagd aus der Hocke. Auch der Vergleich der Bewegung des Flintenschützen ist für den erfahrenen Schützen hilfreich.    

Szàpàry ist und das wird im Buch deutlich, ein passionierter Flintenschütze und ein passionierter Jäger, beides gerät im Buch dann auch manchmal ein wenig durcheinander. Das Schießen auf dem Stand und auf der Jagd findet jedoch unter unterschiedlichen Voraussetzungen statt: Während das Schießen auf dem Stand weitgehend voraussehbar ist, hält sich das Tier in Natur nicht (immer) an den erwarteten Kurs. Die Ausbildung des Flintenschützen ist eine nicht zu unterschätzende Grundlage für den Spaß am Tontaubenschiessen als Sport und dem waidgerechten Schuss bei der Jagd. Der Autor gibt neben den Grundlagen des Flintenschiessens auf dem Stand, viele hilfreiche Tipps für den jagdlichen Schuss wie z.B. »Dem weglaufenden Hasen schießt man auf die Löffel und dem herankommenden Hasen vor die Läufe.« Unterlegt von zahlreichen Fotos beschreibt der Autor die Bewegungsabläufe beim Flintenschiessen, insbesondere auch bei besonders hohen oder niedrigen Tauben.

Das Fazit zum vorliegenden Buch ist daher ein Gemischtes. Der Autor schöpft aus einem reichen Schatz seiner Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen. Gelungen ist ein Kompendium der Vielfältigkeit der Flintenjagd und des Flintenschiessens. Eine stärkere Fokussierung auf die Zielgruppe der Leserschaft hätte dem schönen, gut lesbaren Buch gut getan; wie gesagt für den Fortgeschrittenen ist es zu allgemein und für den Anfänger im Mittelteil wohl zu komplex. Dem Lebensabschnittsgefährten fehlte eine intensivere Auseinandersetzung zum Thema „Chokes“ und auch hier lässt der Autor „Tauben liegen“, die einfach hätten geholt werden können.

Mein erstes Buch zum Thema „Flintenschiessen“ war das Buch Das Flintenschiessen des Altmeisters Robert Churchill (Erstausgabe 1963). Churchill steht fest in der englischen Tradition des Flintenschiessens sowohl auf dem Stand als auch auf der Jagd. Auch Szàpàry zitiert Churchill des Öfteren. Churchill erläutert eingehend die Theorie und Praxis des Schusses auf den getriebenen Fasan, einschließlich des Zusammenspiels zwischen Schützen und Flintenspanner. Neben ein paar hilfreichen Tipps und vielen Informationen ist es allerdings eher ein Werk für Traditionalisten als den modernen Flintenschützen im deutschsprachigen Raum.

Mein zweites Buch zum Thema „Flintenschiessen“ ist das im Selbstverlag erschienene Buch von Detlef Riechert. Ein Schießlehrer in NRW, für den einerseits Flintenschießen eine moderne Schule des Lebens und andererseits ein Leistungssport ist, dessen Technik erlernt und trainiert werden muss. So vergleicht Riechert die Entenjagd mit der Führung eines modernen Unternehmens, man muss immer einen Schritt voraus sein, mit dem Ziel in Bewegung bleiben und bereit sein, im richtigen Moment abzudrücken.

Die Passung der Flinte zum Schützen, die Augendominanz und der Anschlag sind die wesentlichen Voraussetzungen zum erfolgreichen Flintenschießen. Der nächste Schritt ist der Aufbau von körperlicher Fitness und das Training der Technik. Im modernen Training des Flintenschießens kommt man am Schritt vom Vorhalten und Zielen zum sensomotorischen Schießen nicht vorbei, wenn man das Flintenschießen als Sport erfolgreich betreiben möchte.

Ich kenne viele Jäger in Niederwildrevieren, die – mehr oder weniger – nur auf der Jagd  schießen und für die bei der Jagd das gemeinschaftliche Erleben im Vordergrund steht. Das ist soweit Sicherheit gewährleistet ist, auch in Ordnung.

Für alle die, die den Erfolg im dynamischen Sport des Flintenschießens suchen, ist die Fokussierung auf die Technik und regelmäßiges Training essentiell. Die Wege dahin sind vielfältig. Computergestützte moderne Trainingssysteme sind das „Marksman“, ein lasergestütztes Trainingssystem zum Trockentraining im Winter, oder die „Shotcam“, eine Minikamera, die beim scharfen Schuss an der Waffe befestigt wird. Beide Systeme zeichnen die Bewegung der Flinte vor, während und nach dem Schuss auf und bieten hilfreiche Anhaltspunkte zur Verbesserung des eignen Ergebnisses.

Moderne Flintentrainer wie Riechert oder Schmidt-Colberg unterhalten Webseiten mit hilfreichen Tipps und Anregungen zum erfolgreichen Flintenschuss. Die gelehrte Technik des Flintenschiessens kommt wiederum aus England, dem Mutterland des Flintenschiessens. Daran kommt weder Szàpàry noch einer der erwähnten deutschen Trainer vorbei. Ohne Technik bleibt der reproduzierbare Erfolg aus. Schmidt-Colberg hebt die Bedeutung mentaler Stärke und Ruhe, Bereitschaft sich auf die Herausforderung einzulassen und die Konzentration unter Ausschaltung störender Einflüsse hervor.

Detlef Riechert beispielsweise hat einen interessanten Trainingsgrundsatz zu sagen, dass auch fortgeschrittenen Schützen bei ihm mit dem Grundlagenkurs beginnen müssen, um nicht alte Fehler zu manifestieren sondern die Technik von Grund auf zu lernen. Nicht der Treffer, sondern der reproduzierbare Erfolg, ist das Ziel. Auch youtube bietet Hilfestellungen an, hier sei insbesondere das Video von Christian Schulte zum Flintentraining empfohlen. 

In manchen Fällen, und der Punkt scheint für mich persönlich gekommen zu sein, ist auch im fortgeschrittenen Stadium, der Weg zu einem professionellen Trainer und damit verbunden die Bereitschaft (neu) lernen zu wollen und zu müssen, unausweichlich, um einen Schritt über den eigenen Radius hinaus tun zu können.  

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KRAUTJUNKER-Rezensentin:

Beate A. Fischer, geboren 1973, Jägerin seit 6 Jahren, Hundeführerin – verliebt in einem Vizsla sowie Co- und Stiefmutter eines Fox, schießt leidenschaftlich gern Jagdparcour und Flugwild, außerdem hat sich die afrikanische Sonne in ihr Herz gebrannt. Sie lebt im kühlen Nordfriesland auf einem Resthof, arbeitet als Rechtsanwältin und schreibt manchmal auch mal andere schöne Texte. 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille…

Titel: Flinte

Autor: Nicky Szàpàry

Verlag: Österreichischer Jagd- und Fischereiverlag

Verlagslink: https://www.jagd.at/?seite=buch&id=743

ISBN-13: 978-3852080482

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Zum Weiterlesen:

Titel: Das Flintenschießen – Eine praktische Schießschule für den Flugwild-Schützen

Autor: Robert Churchill

Verlag: Paul Parey Verlag

ISBN-13: 978-3490025128

Kommentar: gebundene Ausgabe – 1. Januar 1972; nur noch gebraucht erhältlich

Titel: Flintenschießen mit Detlef Riechert – Band 2: Die Stufen zum Erfolg

Verlag: epubli; Auflage: 1 (7. August 2018) Sprache: Deutsch

ISBN: 978-3746748894

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