Pulverdampf im Garten Eden

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Buchvorstellung von Beate A. Fischer

Ich habe ein Buch auf den Tisch bekommen, welches mich zunächst verstört hat. Ich habe es gelesen, habe mich geärgert über die Arroganz eines Berufsjägers. Ich habe es weggelegt und wieder in die Hand genommen, habe ich amüsiert über die ironische Art, des Autors, die kleinen und großen Schwächen der Jagdausübung mancher Waidmänner und –frauen aufs Korn zunehmen. Dann hatte ich anders zu tun, nahm das Buch später wieder in die Hand und weinte mit den Kälbern deren Mutter weggeschossen wurde und folgte dem Autor in seiner Kritik an der Strategie staatlicher Forstbetriebe, auch den zugänglichsten Winkel des Reviers für die Jagd freizugeben.

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Pulverdampf im Garten Eden ist ein Jagdbuch ohne Erlegerheldengeschichten, es sind persönliche Beobachtungen, Gedanken und Erlebnisse eines Schweißhundeführers und Berufsjägers. Das ist ein Buch, dass im Jahr des Erscheinens der ersten Ausgabe 2009 zum „Jagdbuch des Jahres“ gewählt worden ist und nun in der 3. Auflage (2017) vorliegt.

Frank Rakow, bis 2013 Chefredakteur der Deutsche Jagdzeitung und Jagen weltweit schrieb im Vorwort zur zweiten Auflage:
»Es scheint noch genug Jäger zu geben, die für die sensible Seite der Jagd offen sind. Der Titel „Pulverdampf im Garten Eden“ zeigt genau den Konflikt auf, in dem sich all Anhänger der grünen Zunft befinden. Sie wollen den Naturgenuss, freuen sich, draußen im Revier zu sein, beenden diesen Zauber häufig mit einem lauten Knall. Das ist ein Widerspruch, den jeder für sich selbst lösen muss.«

Im Geleitwort zur ersten Auflage schreibt der Autor selbst
»Schweißarbeit ist kein normales Waidwerk. Mein Hund und ich folgen einer Fährte, die immer mit Schmerz, Leid und Tod eines Tieres verbunden ist. Das Motiv, dieser roten Spur zu folgen, schwankt zwischen eigner Jagdpassion, dem Mitleid mit dem Opfer und manchmal Wut. Wut über die Leichtfertigkeit, Stumpfsinn und Rohheit an einer schwächeren Kreatur. Mehr als tausend Nachsuchen führten mich zu hohen Glückgefühlen, aber auch immer wieder in die dunklen Ecken des Waidwerks. Wen und was der Schweißhundeführer dort antrifft, sagt er nicht. Aber es bewegt ihn. Da ist zunächst Erstaunen, dann Bitternis, dann Zorn und zuletzt das Grübeln.«

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Schmerz und Bitternis sind oft in den Geschichten des Schweißhundeführers insbesondere dann zu lesen, wenn es um Nachsuchen nach Drückjagden geht. Das beschossene Wild ist unsicher angesprochen, schlecht beschossen und hinterher wird alles so hingedreht, dass sich der Schütze selbst legitimiert. Arjes nennt sie „Cash & Kill“ Touristen – all die, die für Geld einen Drückjagdplatz ergattert haben und dann schon fürs Streckenlegen keine Zeit mehr haben. In seiner Darstellung ist Arjes sehr hart und das ist der Punkt, in dem er mich verstört.

Abb.: Seeben Arjes; Bildquelle: Seeben Arjes

Diese Härte und Verbitterung ist aus Sicht eines Schweißhundeführers, der sich nur den Schüssen zu beschäftigen hat, die schlecht getroffen haben, wohl nachvollziehbar. Für all die Jäger, die in wenigen Sekunden abzuwägen, versuchen, wie beste, sicherste Entscheidung in einer jagdlichen Situation ist, ist das Urteil hart und unversöhnlich. Und arrogant. Kein Jäger ist als Drückjagdschütze auf die Welt gekommen. Der Nachweis der Fertigkeiten im jagdlichen Schießen, gefordert auf den meisten Drückjagden, wird gar nicht oder nur halbherzig überprüft – warum, weil Strecke gemacht oder der honorige Jagdgast nicht verprellt werden soll. Jagd ist Macht; der der die Möglichkeit hat eine Jagdeinladung auszusprechen, übt Macht aus, über die die gern jagen möchten.

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Drückjagden sind für revierlose Jäger meist die einzige Möglichkeit zur Jagd zu kommen und eingeladen werden die, von denen sich der Jagdherr einen „Return on Investment“ verspricht; eine persönliche oder geschäftliche Gefälligkeit, eine behördliche Gewogenheit, eine Gegeneinladung oder eben finanzielle Vorteile. Das ist der Lauf der Welt und Beziehungen nutzen nur denen, die sie nicht haben.

»Frau Abgeordnete, keineswegs unkundig, blickt lange schwer grübelnd auf das greise Tier und bleibt dann entschlossen bei ihrer bisherigen Einschätzung: Es ist ein Kalb. Ihr Begleiter, auch nicht unerfahren: Das glaube ich nicht. Beider Blicke wandern zum Schweißhundeführer. Der sagt nichts. Der Begleiter geht langsam mit prüfendem Blick um das Stück herum. Seine Miene wird immer selbstbewusster. Frau Abgeordnete spürt, dass ihre Position nicht zu halten ist und will den Schaden auf ein Mittelmaß begrenzen: Ich hatte im Schuss schon das Gefühl es könne auch ein ganz schwaches Schmaltier sein. Ihr Begleiter wiegt seine Kopf und meint bedächtig: „Bist du sicher?“«

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Arjes setzt sich – stets nur am Rande – aber doch sehr intensiv mit den Bejagungsstrategien der Forstbetriebe auseinander. Er ist ein Forstler und Biologe der alten Schule, einer der Wald und Wild mit- und nebeneinander leben lassen möchte und am Verwertungsdruck der staatlichen Forstbetriebe (und mancher Privatreviere) verzweifelt. Die erste Geschichte im Buch heißt dann auch „Die bewirtschafteten Augen“. Verheerender als der eine oder andere Fehlabschuss mag der sich unerbittlich verschärfende Jagddruck auf Rot- und Rehwild sein, den mancher Revierleiter zum Verfolgungswahn exerziert und dann eben auch entsprechende Jagdgäste anzieht.

Was ist ein Schweißhundeführer ohne Hund und so spielen auch Hunde in diesem Buch eine wichtige Rolle. Die enge Verbundenheit des Gespanns wird in den kleinen Geschichten – immer wieder auf unterschiedliche Weise – aber immer sehr deutlich. Hunde, die in die falschen Hände kommen, Hunde und denen das erspart blieb. Insbesondere geht es um die verschwiegene Schicksalgemeinschaft zwischen Schweißhund und Schweißhundeführer, darum, dass der Hund weiß wo es lang geht und darüber, dass beide darüber schweigen, was tatsächlich auf der Strecke lag. Und um den Schmerz einen Hund zu verlieren.

Sternstunden hat das Buch immer dort, wenn Arjes mit seinem harten, ehrlichen, fein ironischen Schreibstil einzelne Nachsuchenerlebnisse schildert. Das ist eine Sprache, die man abkönnen muss, die den Leser doch in ihren Bann zieht. Großartig ist die Geschichte über die Erlegung des Lebenshirsches vor der Reviergrenze wie auch vor der Monatsgrenze.
»„Aber bevor der ihn kriegt, gehe ich ins Gefängnis. Fürs ganze Leben, wenn es sein muss. Und das Geweih nehme ich mit.“ „Wer ist der?“ „Na der aus der Feldjagd. Der neue Pächter. Dort im Tal ist die Grenze. Es ist mein Hirsch, musst du wissen. Seit vielen Jahren.“«

Das ist Jagd und das ist der Jagdtrieb, das Haben und Besitzen wollen, ohne Fleisch oder Fell zum Überleben zu benötigen, der heute noch Menschen zur Jagd gehen läßt.  Und wer das verurteilt, kennt diese Leidenschaft nicht.

Oder an der Feldkante;
»Schütze und Kaliber waren schwach, so konnte sie noch ihre heimliche Einstandsdickung und den Kessel an der Fichte erreichen. Nur Aasfliegen und Kolkraben erfuhren davon. Zwei Tage und zwei Nächte brauchten die Frischlinge, um zu begreifen, dass kalte Mütter kein Wärme und kein Milche mehr spenden.«

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Meine Lieblingsgeschichte ist Das Jagdgericht. Sie endet wie folgt:
»Das Gericht beriet sich und befand: Das Verfahren wird eingestellt. Das Essen ist fertig. Wie gesagt: Das war im vergangenen Jahr. Diesmal ging es wesentlich harmonischer zu. Man hatte die Alten, die die törichte Idee mit dem Jagdgericht hatten, nicht wieder eingeladen.«

Am Ende des Buches stellt sich der Autor des Buches selbst die Frage, warum er jagt, warum andere jagen. Er gibt viele Antworten, eigene und fremde, es kommt eine bunte Palette von Aussagen zusammen und alle sind richtig und vor allem ehrlich. 

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

So sensibel wie seine Texte sind auch die zahlreichen hochwertigen Fotografien von der Liebe zu Wild und Wald geprägt. Alles in allem ein lohnendes, hochwertig präsentiertes Buch, ein Buch das zur Auseinandersetzung mit der Jagd und der Jagdpraxis taugt. Eine Rezensentin bei Amazon, möchte es jedem Jungjäger empfehlen, aber ich denke, es ist kein Buch für Jungjäger.

Es ist ein Buch, für Jäger, die sich schon die ersten Hörner jagdlicher Übermut abgestoßen haben, die schon Fehler gemacht haben, über die sie nicht sprechen wollen, die ihnen doch noch auf der Seele brennen.

Abb.: Fotografiertes Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Es ist ein Buch für Jäger, die in der Jagdpraxis stehen, für die Jagd nicht nur ein gesellschaftliches Ereignis zum Kontakte pflegen ist und die mehr wollen als nach ein paar Drückjagden im Jahr, Geschichten vom Hirsch zu erzählen.

*

KRAUTJUNKER-Rezensentin:

Beate A. Fischer, geboren 1973, Jägerin seit 6 Jahren, Hundeführerin – verliebt in einem Vizsla sowie Co- und Stiefmutter eines Fox, schießt leidenschaftlich gern Jagdparcour und Flugwild, außerdem hat sich die afrikanische Sonne in ihr Herz gebrannt. Sie lebt im kühlen Nordfriesland auf einem Resthof, arbeitet als Rechtsanwältin und schreibt manchmal auch mal andere schöne Texte. 

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es nicht nur eine Facebook-Gruppe, sondern jetzt auch Outdoor-Becher aus Emaille…

Titel: Pulverdampf im Garten Eden

Autor: Seeben Arjes

Verlag: Neumann-Neudamm Melsungen

Verlagslink: https://www.jana-jagd.de/buecher-dvd-s/jagdbelletristik/allgemein/8793/arjes-pulverdampf-im-garten-eden

ISBN: 978-3788812720

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