Warum waren Neandertaler Kannibalen?

von Harald Schweim

Neue Analysen von Knochen aus der belgischen Goyet-Höhle zeichnen ein brutales Bild: Sie jagten nicht nur Rentiere, Hirsche und Auerochsen, sondern womöglich auch die Schwächsten ihrer eigenen Art. Die Studie legt nahe, dass Neandertaler gezielt Frauen und Kinder fremder Gruppen gefangen nahmen, töteten und verzehrten. Sind solche Deutungen seriös? Ob sie der Realität entsprechen, ist sehr umstritten. Die in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlichte Studie basiert auf rund 100 stark fragmentierten Neandertaler-Knochen aus einer Höhle in Belgien, der Troisième caverne von Goyet.

Abb.: Höhle von Goyet; Bildquelle: Wikipedia

Die analysierten Knochen sind etwa 41.000 bis 45.000 Jahre alt. Spuren von Schnitten und Schlägen an den Knochen zeigen ein Muster, das von der Zerlegung von Pferden und Rentieren bekannt ist – ein starkes Indiz für den sogenannten Ernährungskannibalismus.​

Es gibt Fragen im Leben, die völlig absurd klingen, aber trotzdem auch seriöse Wissenschaftler beschäftigen. Beispielsweise: Ist Kannibalismus eine gute Alternative zum Verzehr von Hirschen, Rindern und anderen Tieren? Sprich: Lohnt sich das aus einer rein nährwerttechnischen Sicht? Diesen Fragen ist der Archäologe James Cole von der britischen Universität Brighton in seiner Studie nachgegangen. Sein Ergebnis: Menschen sind keine besonders ergiebigen Fleischlieferanten. Das liegt daran, dass ein Mensch im Mittel nur 65,9 Kilogramm wiegt**;** davon sind gerade mal 24,9 Kilogramm Muskelfleisch. Der Nährwert des Fleisches ist mit 1.300 Kalorien pro Kilogramm zudem relativ gering. „Ein einziges Pferd liefert viel mehr Kalorien als fünf oder sechs Menschen zusammen“, erklärt James Cole der DW ganz ernsthaft. „Außerdem wehren sich Menschen üblicherweise und sind ziemlich gefährliche Beutetiere.“ Das spricht eindeutig gegen den Kannibalismus und könnte ein Grund dafür sein, dass sich der Verzehr menschlicher Artgenossen in der Evolution nicht durchgesetzt hat. Für geübte Jäger waren schon in früheren Zeiten Mammuts einfach lohnendere Ziele. Die verhältnismäßig meisten Kalorien würde übrigens das menschliche Fettgewebe liefern – was aber sicherlich nicht so gut schmeckt. Wer sich für einen Körperteil entscheiden muss, sollte die Hüften wählen**;** die machen Coles Berechnungen nach gut ein Zehntel des gesamten Nährwerts eines Menschen aus.

Abb.: Neandertaler beim Fleischmahl; Bildquelle: KI

Der Archäologe hat ein ganz seriöses Forschungsziel: Er untersucht den Lebensstil von Neandertalern und anderen ausgestorbenen Menschenarten. Und die aßen durchaus auch Artgenossen – das zeigen fossile Knochenfunde mit entsprechenden Bissspuren. Der Brite will mit seiner Studie zeigen, dass Neandertaler keine bloßen Fressmaschinen waren, die sich mir nichts, dir nichts auf Angehörige der eigenen Spezies stürzten. Nur ums Fleisch ist es ihnen wohl ohnehin nicht gegangen. Ihre Motivation, sich andere Menschen einzuverleiben, war vermutlich viel tiefgründiger. Spiritualität könnte eine Rolle gespielt haben. Vielleicht wollten sie ihre Artgenossen über den Umweg des rituellen Kannibalismus in sich selbst weiterleben lassen? „Die Neandertaler waren von ihrer Kultur her sehr vielschichtig, genauso wie der moderne Mensch“, sagt Cole im Interview. „Man hat die Textur von Menschenfleisch mit der von Schweinefleisch* verglichen“, so Cole. Aber wo verläuft die Grenze zwischen einer nüchternen Rekonstruktion von Knochenfragmenten und erzählerischen Rekonstruktionen von Verhalten und Motiven?

Abb.: Die untersuchten Knochen stammten von Frauen und Kindern, die vergleichbar wie Tiere zerlegt und verspeist wurden. Bild: cc-by-nature.com

DNA-Analysen, Isotopenmessungen und Formvergleiche der untersuchten Knochen ergeben ein auffälliges Bild: Identifiziert wurden mindestens sechs Individuen, darunter vier jugendliche oder erwachsene Frauen sowie zwei Kinder, alle eher klein und zierlich. Zudem unterscheiden sich ihre chemischen Signaturen von denen der Neandertaler benachbarter Fundstellen; sie waren also vermutlich keine „Familienangehörigen“.​ Mit Modellrechnungen prüften die Forschenden, wie wahrscheinlich es ist, zufällig genau diese Kombination zu finden. Sie kamen zu dem Schluss, dass ein solcher Alters- und Geschlechtsmix eine natürliche Todesursache extrem unwahrscheinlich macht.​ Diese Überrepräsentation von Frauen und Kindern deuteten sie stattdessen als Hinweis darauf, dass gezielt besonders verletzliche Mitglieder benachbarter Gruppen erbeutet wurden.​ In der Studie wird sogar die Hypothese formuliert, dass hinter der Auswahl der Opfer eine Art „Fortpflanzungspolitik“ stehen könnte: Wer Frauen und Kinder einer anderen Gruppe tötet, trifft deren künftiges Nachwuchspotenzial besonders empfindlich. Die Autorinnen und Autoren selbst betonen jedoch, dass solche Rückschlüsse auf Motive nur als vorsichtige Deutungen zu verstehen sind – wirklich belegbar ist diese Erklärung keineswegs.​ Bereits Funde aus der Höhle von Krapina in Kroatien, aus Moula-Guercy in Frankreich sowie aus El Sidrón und Zafarraya in Spanien zeigten entfleischte und aufgespaltene Knochen, die ähnlich wie Tierreste behandelt wurden.

Quelle: nature.com

Durch die Analyse der Knochen konnte inzwischen eindeutig nachgewiesen werden, dass Neandertaler das Fleisch von anderen Neandertalern aßen. In früheren Arbeiten wurden dafür vor allem zwei Erklärungen diskutiert: extreme Nahrungsknappheit in Krisenzeiten oder ritualisierte Handlungen im Umgang mit Toten.​ Laut den Forschenden sprechen im Falle der Höhle von Goyet die zahlreichen Tierknochen mit denselben Bearbeitungsspuren allerdings dagegen, dass die Verspeisung der Artgenossen aus Not geschah. Gleichzeitig weisen andere Neandertaler-Fundstellen im gleichen Raum eher auf Bestattungen und auf eine würdevollere Behandlung der eigenen Toten hin.

Für eine französische Höhle an der Rhône etwa wird diskutiert, dass eine Warmphase vor rund 120.000 Jahren die Landschaft von offener Steppe in Wald verwandelte und wichtige Großtiere vertrieb, was „Kannibalismus als Notstrategie“ begünstigt haben könnte. Auch Modellstudien zur Neandertaler-Population legen nahe, dass selbst leichte Verschlechterungen der Ernährungsbedingungen die Fruchtbarkeit und damit das Überleben** der kleinen Gruppen empfindlich treffen konnten.​ Die Goyet-Studie verknüpft diesen ökologischen Druck mit wachsender Konkurrenz: In der fraglichen Zeit taucht Homo sapiens bereits in Teilen Europas auf. Die Autorinnen und Autoren spekulieren, dass damit territoriale Konflikte zwischen Neandertalergruppen zunahmen. Selektiver Kannibalismus an fremden Frauen und Kindern könnte in diesem Szenario eine gewaltsame, symbolträchtige Form solcher Auseinandersetzungen gewesen sein.

In der Studie wird das Verhalten von Schimpansen als Referenz für gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Gruppen derselben Art herangezogen. Ob territoriale Konflikte, der Kampf um Ressourcen oder um die Konkurrenz zu schwächen: Schimpansen starten gezielt tödliche Angriffe auf Mitglieder benachbarter Gruppen (Gombe-Schimpansenkrieg). In einigen dokumentierten Fällen kommt es im Anschluss an die Angriffe auch zu einem aggressiven Umgang mit dem Körper des Opfers bis hin zum Verzehr von Körperteilen.​ Die Studie macht aber auch deutlich, wo die Grenze der aktuellen Forschung verläuft: Zwischen der nüchternen Rekonstruktion von Knochenstrukturen auf der einen und erzählerischen Rekonstruktionen von Verhalten, Motivation und Kriegsstrategien auf der anderen Seite klafft ein weiter Raum an Unsicherheit. Handelte es sich tatsächlich um schwächere Opfer, die gezielt ausgeschaltet wurden, um das Fortpflanzungspotenzial einer oder mehrerer konkurrierender Gruppen zu schwächen? Gegenüber der DW bezeichnete der französische Paläobiologe Hervé Bocherens diese Interpretation als die „wahrscheinlichste“. Bocherens ist Co-Autor der Studie und Leiter der Arbeitsgruppe Biogeologie an der Universität Tübingen.

Allerdings besteht bei Interpretationen immer die Gefahr, dass Rückschlüsse in die Fundstücke hineininterpretiert werden, die womöglich nicht der Realität in einer eiszeitlichen Höhle in Belgien entsprachen. Das bedeutet: Aus welchem Grund die Frauen und Kinder in der Goyet-Höhle starben, weiß niemand. Hungersnöte, Gelegenheitsbeute, Rache oder soziale Rituale können als Motivationen nicht ausgeschlossen werden. Unabhängig von der konkreten Studie warnt der Prähistoriker und Archäologe Ulrich Veit seit Jahren vor Überinterpretationen. Er ist Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Leipzig. Gewagte Interpretationen können der Archäologie und Paläontologie zwar eine große Aufmerksamkeit verschaffen, so Veit, aber dabei werde auch übertrieben. „Andere sind zurückhaltender, auch weil sie sehen, wie politisch verführbar das Fach Archäologie in der Vergangenheit war“, so Veit gegenüber der DW. Veit spielt damit auf die politische Instrumentalisierung der Archäologie – besonders im Nationalsozialismus – an. Damals wurden unter anderem archäologische Funde so gedeutet, dass sie die germanischen Ursprünge, eine angebliche Rassenüberlegenheit oder historische Ansprüche auf Territorien belegen sollten. Einen Diskurs über die Vielzahl anderer Interpretationsmöglichkeiten gab es nicht. „In jedem Fall sind die Theorien nur Modelle oder Vorschläge zur Deutung sehr komplexer Befunde**,** auch mittels moderner Analogien bzw. Anleihen bei anderen Wissenschaften“. Wie archäologische Funde wie diese wahrgenommen und gedeutet werden, hängt laut Veit nicht zuletzt auch vom Zeitgeist ab.

* Berichte von Menschen, die in historischen Extremsituationen (etwa bei Hungersnöten, Schiffsunglücken oder Flugzeugabstürzen) Menschenfleisch gegessen haben, sowie einzelne forensische und anthropologische Beschreibungen zeichnen ein ähnliches Bild. Da es sich um seltene und außergewöhnliche Situationen handelt, sind solche Aussagen jedoch subjektiv und nicht wissenschaftlich systematisch untersucht. Am häufigsten wird der Geschmack beschrieben als**:** ähnlich wie Schweinefleisch, etwas süßer, in der Konsistenz je nach Muskelpartie vergleichbar mit Kalb oder Rind. Kurz gesagt: Historische Berichte vergleichen den Geschmack meist mit Schweinefleisch, doch es gibt keine verlässlichen wissenschaftlichen Daten. Quelle: ChatGPT

** Nach heutigem Forschungsstand war die Gesamtzahl der gleichzeitig lebenden Neandertaler erstaunlich gering. Höchste Schätzungen: etwa 50.000 bis 70.000 Neandertaler gleichzeitig in ganz Europa und Teilen Westasiens. Wahrscheinlichste Schätzungen: eher 10.000 bis 30.000 Individuen gleichzeitig. Während ungünstiger Klimaphasen könnte die Zahl sogar auf nur wenige Tausend gesunken sein. Die Neandertaler lebten in kleinen, weit verstreuten Gruppen: Typische Gruppengröße: etwa 10 bis 20 Personen**,** oft mit vielen Kilometern Abstand zur nächsten Gruppe**;** größere saisonale Zusammenschlüsse: etwa 25 bis 50 Personen, beispielsweise für gemeinsame Jagden oder den Austausch von Partnern**.** Dauerhafte Gruppen mit über 50 Personen gelten als eher unwahrscheinlich. Genetische Untersuchungen deuten darauf hin, dass viele lokale Gruppen eng miteinander verwandt waren und nur selten Kontakt zu anderen Gruppen hatten. Manche Populationen waren so klein, dass sie Anzeichen von Inzucht zeigen. Zum Vergleich: Heute leben allein in Deutschland etwa 84 Millionen Menschen. Selbst die höchste Schätzung für alle gleichzeitig lebenden Neandertaler in Europa entspricht also weniger als 0,1 % der heutigen Bevölkerung Deutschlands.

Quellen: Rätsel der Steinzeit: Warum waren Neandertaler Kannibalen?;Kannibalismus lohnt sich nicht

Abb.: Die schockierende Darstellung einer Frau, die gierig in ein abgetrenntes Menschenbein beißt, gehört zu den erfolgreichsten Erfindungen des Bildhauers Leonhard Kern (1588–1662). Diese Skulpturen waren Bestseller. Gleichwohl ist es bis heute nicht gelungen, den Grund der Darstellung eindeutig zu bestimmen. Die Figur wird als Erdmutter Gaea gedeutet, als Geiz oder als eine Allegorie der Hungersnot. Für die Deutung der Figur als Menschenfresserin spricht, dass in zwei Stuttgarter Kunstkammer-Inventaren (1693 und um 1750) eine ikonographisch ganz eng verwandte Arbeit mit dieser Bezeichnung aufgeführt ist. Eine gleichfalls von Kern stammende Skulptur des Landesmuseums ist aus Holz gearbeitet. Bild: public domain

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Professor Harald Schweim

Seit früher Jugend rund um die Jagd vielseitig interessiert. Musiker, Seemann, Hundeführer, Jäger und Pharmazieprofessor.

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