Zwischen Brendel und Teufelskanzel: Goldgelber Lärchenröhrling (Suillus grevillei)

von Michael Rudolf

Der Wald ist ein hosentaschenwarmer Gnadenort von einzigartiger Ambivalenz. Anderen erscheint er als gewöhnlicher Wald. Nur für den Pilzkenner erhält er zusätzliche Konnotationen. Für ihn ist Wald nicht gleich Wald und kann es auch niemals sein. Für ihn teilt sich der Wald auf in Stellen und Nichtstellen, in ergiebige und nicht ergiebige Areale. Viele sehen den Wald vor lauter Pilzen nicht. Für Pilzunkundige ein schwer zu dechiffrierendes Gestrüpp aus botanischen Signalen, die den Fachmann auf einen Blick erkennen lassen, wo Steinpilz (Boletus edulis), Parasol (Macrolepiota procera), Perlpilz (Amanita rubescens) oder Butterpilz (Suillus luteus) zu haben sein werden. Oder Goldgelbe Lärchenröhrlinge.

Sein Lärchenröhrlingsquartier verfolgt den Autor seit frühester Kindheit. Das Ringelbachtal. Auf den moorigen Weiden des Ortsteiles G. sprudelnd, fusionieren die einzelnen Quellenrinnsale unterhalb des Weges zum Vogelherd in einem Weiher; von da rieselt der Ringelbach die zwei Kilometer hinab, um sich, von einer saftigen Pferdekoppel geschmückt, in den Fluß zu ergießen. Das dafür benötigte Tal hat er in mühsamer Kleinarbeit zwischen Brendel (379,1 Meter) und Teufelskanzel (352,5 Meter) in den Boden gefräst.

Ursprünglich mit einem Mischbestand von Lärchen, Buchen und Fichten umsäumt, hat sich in den letzten dreißig Jahren am Bach viel gewandelt. Als Kind erinnert der Autor einen himmelhohen, düsteren Hochwaldbestand. Wenn die Eltern in die lockenden Schonungen verschwanden, hielt er die Stellung am kleinen 1A badetauglichen Fischteich. Dem einzigen Flecken, wo die Sonne länger ihre Fluchtlichtspuren hinterlassen konnte. Einmal hat er dort einen viel zu groß geratenen Hirsch wie in Zeitlupe durchs Gehölz brechen gesehen. Von Jahr zu Jahr wird dieses Tier in seiner Vorstellung größer. So, wie er aussah, war er sicher auch unverwundbar. Bei solch einem Anblick müsste jeder Jäger mit einem Herz im Leib seine Flinte zu Kleinholz hacken.

Um 1968 bildete das Gelände ein romantisches Aufmarschgebiet für die Truppen der Sowjetarmee, die gerade damit ernst machte, dem kleinen Bruder in der Tschechoslowakei nachhaltige militärische Lektionen zu erteilen. Der Autor erinnert sich, mit seinem Großvater beim Pilzesuchen festgenommen und einen halben Tag gefangengehalten worden zu sein. Da war er sieben. Er erinnert sich außerdem, daß die Pilzgründe noch über Jahre recht spezifische Blessuren davontrugen. Etwa kindersarggroße Gruben hatten die Sowjetsoldaten gebuddelt und Millionen leere Fischkonservenbüchsen und Wodkaflaschen darin versenkt. Diese Gruben führten eine eigenartige Korrespondenz mit den Bombentrichtern der Amerikaner. Deren Luftwaffe hatte Februar 1945 auf ihrem Rückflug von Dresden, so erzählt man, die Stadt im schmalen Kerbtal zu spät entdeckt, und demzufolge landeten die Bomben bis auf zweidrei Ausnahmen im westlich umgeschnallten Waldgürtel. In diesen Trichtern sind bevorzugt Steinpilze zu finden.

Zu Hochwaldzeiten waren die Gründe auch für ihre Maronen (Xerocomus badius) berühmt, und in den eingestreuten Lärchenbeständen wimmelte es von Goldgelben Lärchenröhrlingen. Das änderte sich jedoch abrupt, als, es muß zur Studienzeit des Autors, um 1982, gewesen sein, die Forstbehörden befanden, das Holz sei schlagreif. Der Autor verfolgte jeweils von der Bahn aus mit tränenden Augen und geballten Fäusten, welches Planquadrat den erbarmungslosen Sägen ausgeliefert wurde. Von der Mündung aus fraßen sich die Baumtöter in Richtung Sprudelwiese. Der Teich verlandete in Stundenbruchteilen. Und das zögerliche Wachstum der üppig zwischen die verbliebenen Buchenskelette gepappten Fichtenstecklinge ließ den Autor ahnen, daß er die Reprise des Originalzustandes wohl nicht mehr erleben wird. Zunächst aber präsentierten sich die buckligen Hänge wie riesige Ameisenhaufen und trotzen stoisch Winden und Wassern.

Der Nachwuchs hat in den Jahren eine akzeptable Höhe erreicht, und man wird in Bälde auf Steinpilzbesatz prüfen müssen. Des verlandeten Teiches hat sich die Forstwirtschaft angenommen und ihn ausbaggern lassen. Feuerlöschteich heißt er jetzt. Der Autor hätte tausend schönere Namen für ihn. Baden geht nur im Frühsommer. Dann wächst er zu.

Unten, an der Weggabelung, neben dem Holzstapelplatz, hat bis heute ein leidgeprüfter Lärchenröhrling-Mycelstrang überdauert. Auch ohne Lärchen, obwohl er als Mykorrhizabildner angeblich streng an diese Baumart gebunden sein soll. In der Saison genügt ein kleiner Schauer, und die Ausbeute ist mehr als befriedigend. Nicht jeder Wanderer sieht zwischen den schützenden Halmen die bodenhaltungsspiegelei- bis aprikosenhälftenfarbenen Hüte funkeln. Standorttreu ist der Lärchenröhrling, gewiß, aber er zeigt sich nicht jedem. Auf den Zentimeter genau muß man die Stelle kennen, mehrfach ablaufen und von mehreren Himmelsrichtungen inspizieren, dann ist der Erfolg garantiert. Natürlich ist der Pilz vorsichtig geworden. Zuviel Schreckliches hat er erlebt und überlebt.

Goldgelber Lärchenröhrling 2s

Kaum hatte zum Beispiel der Autor nach dem Studium Ansprüche auf dieses Gebiet geltend gemacht, zerstörte eine Windhose den ehrgeizig aufstrebenden Fichtenbestand. Abermals sah alles aus wie von Riesen gerupft. Ratlos staksten Rehe über das Schauerfeld. Damit nicht genug: In der Firma machten die Neider mobil, verfolgten den Autor heimlich in seine Gründe, stahlen ihm sogar einmal das gut im Bombentrichter deponierte Rad. Generalstabsmäßig haben sie ihm die Maronenstellen geplündert und ruiniert, wie es nur Ignoranten und Unwissende, auf den schnellen und kurzfristigen Erfolg erpichte Menschen tun können. Keinen Perlpilz ließen sie unbehelligt, keinen Rotfußröhrling (Xerocomus  chrysenteron), den sie nicht abgeweidet, keinen Fliegenpilz (Amanita muscaria), den sie nicht in bösem Eifer zertrampelt hätten, selbst die harmlosen Samtfußkremplinge (Paxillus atrotomentosus) schonten sie nicht. Nur die Stelle mit den Goldgelben Lärchenröhrlingen, die haben sie nie gefunden.

 

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Kapitel des leider vergriffenen Buches „Hexenei und Krötenstuhl – Ein wunderbarer Pilzführer“ von Michael Rudolf, 2001 bei Reclam Verlag Leipzig erschienen. Der Klappentext macht keine leeren Versprechungen, sondern untertreibt: „Eine Entdeckungsreise ins Wunderland der Pilze mit wirklich sehr schönen Gastbeiträgen von Wiglaf Droste, Vincent Klink, Eva Rudolf und Horst Tomayer.“ Der leider verstorbene Autor war der einzige Texter, der parallel für das West-Satiremagazin TITANIC und das Ost-Satiremagazin EULENSPIEGEL geschrieben hat. Auf diesem Weblog sind bereits mehrere Beiträge des Autors zu finden, weitere werden folgen.

Ich bedanke mich bei dem Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf meinem Weblog und empfehle einen geneigten Blick in das aktuelle Verlagsprogramm.

hexenei und krötenstuhl 

Titel: Hexenei und Krötenstuhl – Ein wunderbarer Pilzführer

Verlag: Reclam Leipzig, 2001

Autor: Michael Rudolf

ISBN: 3-379-01736-1

Link zum aktuellen Verlagsprogramm: https://www.reclam.de/programm

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Für die Bereitstellung der wunderschönen Fotos bedanke ich mich bei Roland Letscher.
copyright ©Roland Letscher

 

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