Stilkritik: Lodenfleecejacke „Urs“

In meinen Salattagen, als ich junges Gemüse nicht nur hinter den Ohren grün war, galt Loden als die Bekleidung von Menschen, die den Anschluß an den Zeitgeist verloren hatten. Grauköpfe, deren letzte verbliebene fleischliche Genüsse im Abfeilen ihrer Hühneraugen bestand, trugen dieses Textil wie eine Standarte ihrer Rückständigkeit. Innovative Jägervereinigungen forderten „Raus aus dem verstaubten Lodenimage“. Für Nostalgiker, die insgeheim romantischen Vorstellungen der Monarchie und vorindustriellen Epoche als „gute alte Zeit“ nachtrauerten, kursierte die spöttische Bezeichnung „Lodengermanen“.

Herrlich veräppelte dies der Cartoonist Marunde vor Jahren aus der Sicht eines aufs Land gezogenen Großstadtgrünen:

http://www.wolf-ruediger-marunde.de/zeichnungen/zeichnung-suchen/?tx_ttnews%5Bswords%5D=j%C3%A4ger&search=GO

Auf der einen Seite in grünem Loden: dicke alte Jäger. Auf der anderen Seite, farbenprächtig in ihrer bonbonfarbenen Funktionskleidung: die Trendsetter.

Bedenkt man, dass in der Natur hauptsächlich giftige Tiere vor ihrem Verzehr mit leuchtenden Farben warnen, erstaunt es nicht, dass moderne Funktionskleidung in vielen Fällen zuerst einmal umweltschädlich ist.

Das fängt bei der ressourcenfressenden und umweltschädlichen Produktion von Synthetiktextilen, geht weiter mit vielfältigen PFC-Problematiken und endet bei der Entsorgung der unverrotbaren Materialien. Dazwischen verwandeln sich die Polyester-Klamotten bei jedem Waschgang in Mikroplastik-Schleudern (siehe: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-21053-2017-01-17.html). Die Plastikschwemme hat ein solches Ausmaß angenommen, dass die Kunststoff-Teilchen mittlerweile sogar in der Antarktis nachgewiesen wurden (siehe: https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/umweltgifte-und-plastik-in-der-antarktis/). Im Grunde kann man diese Materialien nach ihrem Verschleiß nur Verbrennen.

So erinnern mich Wanderer in bonbonfarbenen Kunstfasern vor allem an giftige Schlangen oder Amphibien, die Raubtiere vor ihrer Ungenießbarkeit warnen. Wenn Du weder kämpfen,  noch weglaufen oder dich verstecken kannst, sei wenigstens abschreckend toxisch. Wer sich nicht an der Spitze der Nahrungskette behaupten mag, wählt sich seine eigene abschreckende ökologische Nische.

 

warnfarben gifttiere

Links: Gifttiere in typischen Warnfarben. Rechts: Synthetische Fleecetextilien in typischen Modefarben.

 

Bei den meisten Lodenbekleidungen im Trachtenstil hingegen handelt es sich oft um romantische Rekonstruktion einer Vergangenheit, die es so nicht gegeben hat und die eigens neu erfunden wurde. Zwar gibt es klassische Schnitte, aber für die Jagd und das Wandern muss man sich heute nicht als historischer Großgrundbesitzer auf seinen Latifundien verkleiden.

Nostalgie berührt uns in diesen turbulenten Zeiten, aber Eskapismus sollte man sich nur temporär gönnen. Er gleicht dem Sommerbesuch bei einer famosen alten Tante, die zum Teegebäck Whisky serviert. Ab und dann mag es ein berauschender Lichtblick sein, aber zu oft genossen entgleitet einem die Realität.

Auf der anderen Seite ist es ein Irrsinn zu glauben, man sei geistreicher als andere, nur weil man das Zeug glaubt und nachäfft, welches gerade in Mode ist und von den Massenmedien oder sozialen Netzwerken wiedergekäut wird.

Es erfordert Stärke, eine Immunität gegenüber sentimentaler Vergangenheitsverklärung zu entwickeln. Es erfordert Courage die herrschenden Trends zu ignorieren.

Designer, die sich von diesen Vorurteilen lösten, entdeckten vor einigen Jahren das bewährte Material Loden wieder. Neben ihrem charakteristischen Charme und Tragegefühl sind Lodenstoffe zuerst einmal lautlos, was dem Wunsch nach Tarnung entgegen kommt. Das Material wärmt und ist dabei atmungsaktiv. Wind, Regen und Schnee gegenüber bietet es natürlichen Schutz. Ein faszinierender Unterschied zu synthetischen Textilien ist, dass Loden bis zu einem Drittel seines Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen kann, ohne nass zu wirken und selbst richtig durchnässt noch wärmt. Sobald es aufhört zu regnen, kann man seine Jacke ausziehen und auswringen. Der Trocknungsprozess setzt bald durch Körperwärme und Sonneneinstrahlung ein. Gerüche durch Schweiß oder Lagerfeuer verschwinden bei ein paar Stunden lüften.

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Diese widerstandsfähigen Wollstoffe werden nicht unter niedrigen Umweltstandards von Dritte-Welt-Lohnsklaven hergestellt und dann um die halbe Welt transportiert, sondern in Deutschland und Österreich fair produziert. Das hat natürlich seinen Preis, aber den fühlt und sieht man auch. Und sollte man tatsächlich beim Pilzesuchen im Magen eines Wolfes landen oder sonstwie in der Natur zu verunglücken, bürdet man Mutter Natur keine Probleme dabei auf, einen in den großen ökologischen Wertstoffkreislauf zu integrieren.

Klingt das gruselig? Doch sollten Deine Überreste lieber in buntem Polyester-Fleece konservieren? Sollten Dich dereinst Archäologen finden, würde man Dich womöglich wie Ötzi im gläsernen Schneewittchen-Sarg eines Museums ausstellen. Schulkinder und Touristen würden Dich bestaunen und über die groteske Kleidung ihrer Vorfahren lachen. Willst Du das riskieren?
Kleide Dich nicht wie Lurchi, der Gummisalamander, sondern wie ein Jäger und Sammler!

lodenfleece-jacke_herren-gruen-teepause

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WALDKAUZ: https://shop.waldkauz.net

Die Loden-Fleecejacke ist bei Waldkauz in den Farben moosgrün und dunkelbraun erhältlich.
Urs in Moosgrün: https://shop.waldkauz.net/loden-fleecejacke-gruen.html
Urs in Dunkelbraun: https://shop.waldkauz.net/loden-fleecejacke.html

Weitere Farben wie Steingrau gibt es bei STEINKAUZ: https://shop.steinkauz.com/

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

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Fotos: © Waldkauz GmbH & Co. KG

Dieser Blog-Beitrag ist weder Werbung noch bierernst zu nehmen, sondern spiegelt die Gedanken wieder, die in meinem Kopf aufploppten. Waldkauz honorierte die Ankündigung eines Beitrages über die Fleecejacke Urs mit einer Warenprobe. Ich erhielt keine Bezahlung, es erfolgte keine Absprache und ich empfing keine Anweisungen über Form oder Inhalt dieses Beitrages.

Wie sich die Wertschätzung von Produkten im Laufe von Jahren oder Jahrhunderten ändert ist etwas, dass mich grundsätzlich fasziniert. Paradebeispiel bei Nahrungsmitteln ist, dass sich Tagelöhner auf ostelbischen Landgütern des Königreichs Preußen das Recht erkämpften, während der Erntesaison nicht jeden Tag mit Flusskrebsen abgefüttert zu werden. Heute sind diese Schalentiere eine begehrte und hochpreisige Delikatesse. Beim Bau fällt mir Lehmputz ein. Damals etwas für Arme, heute ein Material für Bauherren, welche sich mehr Gedanken machen und bereit sind, etwas tiefer in die Tasche zu greifen.

Mir gefällt die Geschichte des Unternehmens WALDKAUZ, das Sortiment sowie nicht zuletzt die Unternehmer Gudela und Markus Holthausen. Und wenn mich dereinst Archäologen finden sollten, dann inmitten meiner Bücher. Von daher immer P. J. O’Rourkes* Ratschlag beherzigen: „Lies immer das, was Dich gut aussehen lässt, wenn Du mittendrin stirbst.“

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Noch mehr Vorstellungen von Lieblingsprodukten:

https://krautjunker.com/2018/03/14/stilkritik-laksen-herren-steppjacke-hampton/

https://krautjunker.com/2016/09/02/skeppshult-wok-aus-gusseisen/

https://krautjunker.com/2016/07/21/skeppshult-swing-kraeuter-und-pfeffermuehle-aus-gusseisen/

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P.J. O’Rourkes Zitate: https://www.brainyquote.com/authors/p_j_orourke

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