Aksakow über die Jagd: Erinnerungen und Betrachtungen eines leidenschaftlichen Jägers

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Buchvorstellung

Der russische Landadelige Sergei Timofejewitsch Aksakow (* 1791; † 1859) ist ein hierzulande nahezu unbekannter Autor, doch in seiner Heimat gilt er als Klassiker. Mit Eine Familienchronik verfasste er kulturhistorisch aufschlussreiche Schilderungen des Landlebens im Zarenreich. Absolut zeitlos sind seine lebendig geschriebenen Naturschilderungen über das Jagen, Pilzesuchen, Angeln und Sammeln von Schmetterlingen. Diese Verquickung biografischer Erlebnisse, wissenschaftlicher Erkenntnisse und Beschreibungen handwerklicher Tätigkeiten wird dem immer beliebteren literarischen Genre des Nature Writing (siehe: https://krautjunker.com/?s=Nature+Writing) zugeordnet.

Abb.: Sergei Timofejewitsch Aksakow; Bildquelle: © Museum Abramzewo

Über Aksakow las ich zuerst in Die dritte Jagd (siehe https://krautjunker.com/?s=Wladimir+Solouchin) von Wladimir Solouchin (* 1924; † 1997) dessen Titel eine Verneigung vor dem Werk des Landadeligen ist.
»Bekanntlich hat Aksakow unter anderem zwei ausgezeichnete Bücher geschrieben: Aufzeichnungen über das Angeln von Fischen und Aufzeichnungen eines Flintenjägers aus dem Gouvernement Orenburg. Sachlich, vielleicht sogar ein wenig trocken, berichtet er, wie eine Angel auszustatten oder ein Gewehr zu pflegen ist. So heißen die Kapitel denn auch: Der technische Teil der Jagd mit der Büchse, Die Munition, Das Pulver, Die Ladepropfen, Die Einteilung des Wildes in Gattungen, Über den Geschmack des Fleisches und die Zubereitung der Schnepfenarten.
Nun könnte man meinen, was gibt es hier schon für jemanden, der kein Jäger ist, zu lesen. Ich, der ich noch nie einen Schuß aus einem Jagdgewehr abgefeuert habe, bezeuge jedoch, alles, was Aksakow geschrieben hat, liest sich wie ein spannender Roman, und man möchte am liebsten immer wieder von vorn anfangen. Die Kunst hat eine vortreffliche Eigenschaft. Die Gemütsverfassung des Künstlers teilt sich später auch dem Leser mit, selbst wenn darüber nichts verlautet.«

Das Buch Aksakow über die Jagd ist eine vom Aksakow-Gedenkmuseum in Ufa (siehe: https://museumrb.ru/filialy/memorialnyj-dom-muzej-s-t-aksakova/) und dem Eichelmändli Verlag (siehe: https://www.eichelmaendli.ch/) erstellte Zusammenfassung bis dato nur verstreut publizierter Texte und – zumindest in deutscher Sprache – einzigartig.

Der Gutsherr Aksakow, Vater von vier Söhnen und fünf Töchtern, der mit Literaten wie Gogol (* 1809; † 1852) und Turgenjew (* 1818; † 1883 # siehe: https://krautjunker.com/2019/03/23/iwan-turgenjews-aufzeichnungen-eines-jagers/) verkehrte, war seit seiner Jugend der Natur in Liebe und Leidenschaft verfallen. Im Vorwort heißt es dazu erklärend:
»Die aristokratische Gesellschaft war zu dieser Zeit im Umbruch begriffen. Durch den Sieg beim Napoleonischen Russlandfeldzug 1812, dem Vaterländischen Krieg, wie er in Russland bezeichnet wird, begann beim Adel ein Umdenken. Der gebildete Adel versuchte, sich aus den Zwängen der französischen geistesgeschichtlichen und sprachlichen Vorherrschaft zu befreien: Er sprach russisch und nicht mehr – wie damals üblich – französisch, er wendete sich dem einfachen russischen Leben zu, zog sich auf seine Datscha auf dem Lande zurück, beschäftigte sich mit den dörflichen Sitten und Bräuchen (schön studiert und wiedergegeben in den Anmerkungen über den Aberglauben der Jäger). Und von allen ländlichen Ablenkungen und Vergnügungen kam der Jagd eine besondere Bedeutung zu, denn der Landadel ging nicht mehr wie früher am Zarenhofe auf große pompöse Gesellschaftsjagden, sondern gesellte sich zu seinen Leibeigenen und ging mit ihnen hinaus in die Natur zum Jagen; oft nur zu zweit.«

Abb.: Jagd mit Hunden; Bildquelle: Alfred von Wierusz-Kowalski (* 1849; † 1915)

Der junge Aksakow begleitete seinen Vater, einen passionierten Falkner der über 100 Greifvögel hielt, bei der Beizjagd. Während seiner Studienzeit bei deutschen Professoren in Kasan stellte er im Geiste Humboldts Schmetterlingen und wissenschaftlichen Erkenntnissen nach. Als Erwachsener widmete er sich inbrünstig der Jagd und entdeckte mit der Weisheit des Alters das Angeln für sich. Pilze zu sammeln bezeichnete er als Die dritte Jagd und in dem gleichnamigen Buch zitiert Solouchin diese Aussage Aksakows:
»Jagd, Jäger! … Was schwingt nicht alles in den Lauten dieser Worte mit? Was für ein Zauber verbirgt sich hinter ihrem Sinn, der im ganzen Volk, ja auf der ganzen Welt bekannt und geachtet ist, selbst bei Nichtjägern?

„Das ist seine Lust, er ist ja Jäger“ – sagt man, um zu rechtfertigen oder zu erklären, warum sich jemand bei bestimmten Begebenheiten unvernünftig oder sogar merkwürdig verhält …
Und dieses geflügelte Wort erklärt alles und stellt alle zufrieden.
Wie entsteht beim Menschen die Liebe zur Jagd, was ist ihr Quell, worauf fußt sie? Es ist nicht möglich, dies mit Sicherheit zu wissen. Letztlich kann man jedoch nicht in Abrede stellen, dass die Jagd durch Erziehung weitergegeben und von Vorbildern aus dem näheren Umfeld angeregt wird. Aber so manches Mal sehen wir auch Söhne, die im Hause eines jagenden Vaters aufgewachsen sind, bei denen keine Jagdleidenschaft aufkeimt, und umgekehrt werden Kinder von Gelehrten und Geschäftsleuten, die nie ein Gespräch über die Jagd hörten, von Kindesbeinen an zu leidenschaftlichen Jägern. Folglich ist die Jagdleidenschaft, die häufig durch äußere Umstände unterdrückt sein kann, nichts anderes als eine angeborene Neigung, eine unbewusste Passion. Dieser Gedanke wird aus meiner Sicht überzeugend durch Beobachtungen an Jungen aus dem Dorfe bestätigt. Wie oft bemerke ich , dass viele von ihnen nicht an einer Katze oder einem Hund vorbeigehen können, ohne sie mit dem Fuße zu treten oder mit einem Stein oder Stock nach ihnen zu werfen. Andere dagegen wollen das arme Tier vor den Schikanen der Kameraden schützen und sie empfinden eine unbewusste Freude, wenn sie es streicheln und mit ihnen das dürftige Mittag- oder Abendessen teilen dürfen. Diese Jungen werden zweifellos Liebhaber irgendeiner Jagdart. Während der eine gleichgültig bleibt, fährt der andere beim Klang des Horns und beim Bellen der Jagdhunde auf, sein Gesicht verändert sich, er ist ganz Ohr: Das ist der zukünftige Treiber. Ein anderer lässt alles stehen und liegen, seine Familie, seine Beschäftigung und seine Kameraden, wenn er in der Nähe einen Schuss hört, und er eilt wie ein Vorstehhund auf frischer Fährte dorthin: Dies ist der zukünftige Schütze. Manch einer legt gern eine Kirrung aus Spreu an, stellt Haarschlingen auf oder überwacht die Futterstelle und sitzt auf Spatzen an. Irgendwo um die Ecke liegt er versteckt, barfuß, nur mit einem Hemdchen bekleidet, vor Kälte und Regen zitternd: Das ist der zukünftige Vogelfänger und Fallensteller. Die anderen bringt man auch mit Zuckerbrot nicht dazu. Wie kann man solch unterschiedliches Verhalten anders erklären als mit einer angeborenen Jagdleidenschaft?«

Die vielen Kapitel, die er mit schwindendem Augenlicht als »Greis von sechzig Jahren« einer seiner Töchter diktierte, sind nach einführenden Texten wie folgt sortiert:
* Die Falknerei, die Fallenjagd und das Angeln
* Erzählungen und Erinnerungen
* Briefe, Auszüge aus den Tagebüchern und Rezensionen für „Das Jagdmagazin“
* Pilze
* Schmetterlinge
* Verwendete Literatur

»Mein ganzes Leben bewahrte ich mir freudige Erinnerungen an jene Zeit, an die vielen glücklichen, ja gesegneten Stunden. Denn dieses Vergnügen fand unter freiem Himmel statt, wurde stets von vielen verschiedenen Begebenheiten, den Schönheiten und Wundern der Natur begleitet. All die Berge, Wälder und Wiesen, durch die ich mit meinem Kescher streifte, die Abende, an denen ich den Dämmerfaltern auf der Lauer lag, die Nächte, in denen ich die Nachtfalter mit Licht anlockte, waren, als habe ich mich selbst nicht wahrgenommen. Meine ganze Aufmerksamkeit – so schien es mir – richtete sich nur auf die wertvolle Beute. Aber die Natur mit ihren ewigen Schönheiten spiegelte sich, für mich selbst ganz unbemerkt, in meiner Seele wieder. Und jene Eindrücke, die mir in späteren Jahren so lebhaft und harmonisch erschienen, sind von göttlicher Gnade erfüllt, und die Erinnerungen an sie wecken solch freudige Empfindungen, die nur aus der Tiefe einer menschlichen Seele hervorgerufen werden können.«

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe sowie Outdoor-Becher aus Emaille. Die Kontaktmail für Anfragen befindet sich im Weblog-Impressum.

Titel: Aksakow über die Jagd: Erinnerungen und Betrachtungen eines leidenschaftlichen Jägers

Autor: Sergei Timofejewitsch Aksakow

Übersetzung: Marina Pittsik und Annett Eichstaedt

Verlag: Eichelmändli Verlag

Verlagslink: https://www.eichelmaendli.ch/b%C3%BCcher/aksakow-%C3%BCber-die-jagd/

ISBN: 978-3-033-07976-2

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