Ode an die Forelle

von Francis Mallmann

Die Kindheitserinnerungen bilden eine Basis für das Leben und schlummern in unseren Kopfkissen. Jeder Erwachsene wird im Laufe seiner Geschichte immer wieder in ihnen wühlen; und wenn diese Erinnerungen seine Seele geprägt haben, wird er für immer Kind bleiben.

Da ich meine Kindheit in Bariloche verbracht habe, konnte ich die Leidenschaft der Menschen für das Angeln und die Zubereitung des Fangs erleben. Inmitten von Lagerfeuern und Blechen, die als Grill stellen dienten, begriff ich, wie unendlich fragil Fisch ist. Nicht selten war ich als Koch auf Schiffen unterwegs, die in Seen und Flüssen die perfekte Forelle suchten, wobei die beste nicht immer die größte war.

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Bei Landexkursionen auf der Suche nach Flussmündungen oder -quellen beobachtete ich, wie die Angler ihre Wattstiefel anzogen, um sich dem Fliegenfischen zu widmen, ihre Fliegen festbanden und heftig darüber diskutierten, welche die besten seien. Von dieser Handvoll Angler, die sich im Morgengrauen eilig anzogen, während sie schon von der zwölf Kilo schweren Forelle träumten, die schnellen Schrittes die beste Sandbank, den Schatten einer Weide in einer Stromschnelle oder den unmöglichen Wurf auf einer vom Hochwasser überspülten Wiese suchten – von denen fing derjenige am meisten, der entspannt einen Kaffee trank, der das Licht, den Wind und die Insekten beobachtete. Der, der lächelte, gemächlich ging und die Fehler der ersteren korrigierte.

Mit dem Fischen ist es wie mit der Liebe: Man muss warten können, es braucht Geduld und es geht um die endlose Hinauszögerung der Leidenschaft. Beim Fliegenfischen kommt es auf die Wurftechnik an: Der Angler muss darüber hinaus das Ausschlüpfen der Insekten beobachten, da die Fische sich von ihnen ernähren, sei es in den Schnellen, auf Wasserhöhe oder im Sprung. Dann wird die künstliche Fliege den Fisch austricksen, sodass er an der Angel oder sogar in der Pfanne endet, mit Butterschmalz und Kapern oder in einer Pastete mit heller Sauce.

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Während meiner Kindheit in den Anden kamen viele Nordamerikaner zum Angeln nach Bariloche. Ich staunte über ihre vielen Angelruten, ihre Westen mit den unzähligen Taschen, in denen alle möglichen Schätze steckten: Aluminiumdosen voller Fliegen, Flachmänner, Taschenmesser mit Dutzenden von Werkzeugen, die sich vor meinen ungläubigen Kinderaugen wie Blüten öffneten. Ich erinnere mich auch an die Zigarren, die sie rauchten, wenn sie sich im Lager ausruhten, und die ich viele Jahre später auch rauchen würde.

Bei den Unterhaltungen während der Gebirgsausflüge begann ich, die Kunst des Bedienens zu verstehen, jenes Gefühl dafür, sich bis ins kleinste Detail um einen Menschen zu kümmern, von dem Moment an, wenn er aufsteht, bis er abends ins Bett geht. Ich konnte an den Gesten und Stimmungen erkennen, dass man jemanden unendlich glücklich machen kann, wenn man für ihn da ist. Ich war eine Art „Angelpage“: Ein Junge, der sich ums Lagerfeuer kümmerte, Kaffee kochte, Angeln reichte und den Dickeren die Stiefel auszog, da sie – erschöpft vom Angeln – nur noch bedient werden und sich unterhalten wollten, wobei sie Anekdoten zum Besten gaben, die zumeist ihrer Phantasie entsprangen. Wie es unter Anglern eben üblich ist.

In den Nächten am Lagerfeuer hörte ich Geschichten über Flüsse in Kanada oder Alaska, Seen in Sibirien oder kleine Bäche in England.

Diese Geschichten regten meine Phantasie an und wurden meine Inspiration. Damals bereitete ich über dem Feuer kniend die Sauce Hollandaise zu, während ich den Erzählungen lauschte. Dabei versuchte ich, hinter das Geheimnis der gelungenen Emulsion von Butter und Eigelb zu kommen. Noch heute ist die Sauce Hollandaise für mich eines der schönsten und köstlichsten Gewänder für einen Fisch.

Ich selbst war immer nur ein mittelmäßiger Angler. Die Beobachtungen in jenen Lagern brachten mir damals vor allem das menschliche Vergnügen am Feuer und an landschaftlicher Schönheit nahe, viel näher als das Angeln.

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Auch wenn ich zugeben muss, dass es mich glücklich macht, mit Watstiefeln in einer Flussmündung zu stehen und in der Abenddämmerung Fliegen zu werfen.

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Land der Feuer Francis Mallmann
Titel: Land der Feuer: Argentinisch grillen und kochen

Verlag: HEEL Verlag GmbH

Autor: Francis Mallmann

ISBN: 978-3868529074

Verlagslink: http://www.heel-verlag.de/Land+der+Feuer.htm

 

Francis Mallmann gehört zu den besten Köchen Lateinamerikas und scheint ein sympathischer Exzentriker zu sein.

Link: http://www.theworlds50best.com/latinamerica/en/the-list/31-40/francis-mallmann-1884.html

Bereits auf KRAUTJUNKER veröffentlicht:

https://krautjunker.com/2016/09/17/entenbrust-mit-birnen-in-salzkruste-mit-kartoffeln-a-la-arzak/

https://krautjunker.com/2016/09/03/kartoffeln-a-la-arzak/

https://krautjunker.com/2016/08/19/lamm-zicklein-und-spanferkel-am-spiess-mit-dreierlei-bohnen/

Der nächste und letzte Beitrag aus diesem Buch wird „Forellenpastete“ sein. Anschließend folgt die Rezension.

 

 

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