Sauen auf der Stoppel bejagen

von Dr. Hans-Dieter Willkomm

Kurz ist die Zeit der Getreidestoppel, der Mahd folgt die Strohräumung und ihr folgt die Scheibenegge, die die abgeernteten Felder schwarz macht. Die Stoppel und der Umbruch üben auf das Schwarzwild eine magische Anziehungskraft aus. Diese kurze Zeit gilt es, intensiv zu nutzen für die Sauenbejagung. Auf der Stoppel und dem Umbruch sind die Sauen für den Jäger wieder gut sichtbar. Doch Stoppel ist nicht gleich Stoppel!

An erster Stelle steht die Weizenstoppel, gefolgt vom Hafer. Fehlen Weizen und Hafer, verschmähen die Sauen aber auch die Stoppel der groß- und dickährigen Triticale nicht. Roggen nehmen die Sauen mit Vorliebe als Einstand, und die Stoppel hauptsächlich der Mäusenester wegen oder eben nur, wenn Weizen und Hafer fehlen. Mit ihrem hellen Untergrund bietet die Stoppel in der Abend- und Morgendämmerung gutes Licht zum Ansprechen und für sichere Schüsse. Selbst in Nächten ohne Mondlicht – nur bei Sternenlicht – ist die helle Stoppel deutlich von anderen Feldflächen zu unterscheiden, und die Wildkörper der Sauen heben sich deutlich vom Untergrund ab. Diffuses Mondlicht verbessert die Bejagung auf der Stoppel.

Wie nun vorgehen bei der Jagd?

Auf die Weizenstoppel rücken die Sauen noch im Dämmerlicht an, wenn sie im noch stehenden Roggen, in Feldholzinseln, verschilften Tümpeln oder feldnahen Dickungen stecken. Da muss man bereits ansitzen, wenn die Mähdrescher die letzten Bahnen mähen. Fahren die Fahrzeuge davon, tauchen schon die ersten Sauen auf – zumeist eine Bache mit ihren Frischlingen – und machen sich in den gelegten Strohbahnen zu schaffen. Zwischen den liegenden Schwaden fühlt sich die Rotte sicher, durch die das Feld verlassenden Fahrzeuge lassen sich die Tiere nicht stören.

In der späten Dämmerung – oft auch erst zu nächtlicher Stunde – erscheinen die nächsten Sauen: eine weitere Bache mit ihren Frischlingen oder eine gemischte Rotte und Einzelstücke, Überläuferkeiler oder junge Keiler. Nichtführende Überläuferbachen zeichnen sich nicht nur durch einen schlanken Wildkörper aus, sondern sie sind auch recht lebhaft. Stärkere Stücke eindeutig anzusprechen, ist nicht so einfach. Denn bei Bachen, die schon kräftige Frischlinge führen, ist die Gesäugeleiste stark zurückgebildet und nicht mehr auszumachen. In der gemischten Rotte halten sich die Frischlinge nicht in unmittelbarer Tuchfühlung zur Bache auf. Da aber das Augenmerk zuerst den Frischlingen gilt, ist der Schuss auf ein stärkeres Stück – ob starker Überläuferkeiler oder Bache – tabu. Stets heißt die Devise: Frischlinge aus der Rotte erlegen und nicht »herausfinden« zu wollen, ob sich ein abschusswürdiges, stärkeres Stück in der Rotte befindet.

Trockene Stoppel ist laut – Taufall abwarten!

Beschäftigen sich die Sauen zu weit weg für einen sicheren Schuss vom Sitz aus, oder sind sie rasch mitten auf den Schlag gezogen, heißt es, die Rotte angehen. Auf trockener Stoppel ist das allerdings leichter gesagt als getan. Trockene Stoppel ist laut! Um nah genug an die Sauen heranzukommen, muss man deshalb versuchen, die Halmreste mit den Schuhen ganz vorsichtig niederzudrücken oder besser noch die Fahrspuren der Fahrzeuge zu nutzen. Beginnt dann der Tau zu fallen, lassen sich die Halmreste fast geräuschlos niederdrücken. Am besten pirscht sich’s mit Gummistiefeln, damit gelingt es, die Halmreste gleitend niederzudrücken.

Auf die Deckung des Hintergrundes ist stets zu achten, so dass die Konturen des Jägers mit dem Hinter- und Untergrund verschwimmen. Sobald die Sauen aufmerksam werden, muss man sofort im Schritt innehalten und in Hockstellung gehen. Gute Kugelschussweite ist erreicht, wenn man die einzelnen Stücke mit dem Auge als klar sich abhebende Klumpen ausmachen kann. Vorteilhaft zum Ansprechen ist ein Glas mit Durchgriff, danach bleibt das Glas unter der Jacke. Zum genaueren Ansprechen bzw. um sich zu vergewissern, genügt ein Blick durchs Zielfernrohr. Frischlinge in ihrer hellen Sommerschwarte heben sich allerdings im Dämmerlicht nicht sehr plastisch von der Stoppel ab.

Geschossen wird kniend am Zielstock angestrichen. Beim Angehen ohne Zielstock ist nah genug an die Sauen heranzupirschen, um stehend freihändig einen sicheren Schuss abzugeben. Nach dem Schuss bleibt man hocken oder ruhig stehen; saß der Schuss gut, liegt das Stück im Feuer, dann »spritzt« die Rotte auseinander, beruhigt sich aber wieder, und man kommt so u. U. noch zu einem zweiten Schuss.

Stationäre Ansitzeinrichtungen, transportable Leitern, mit Kanzeln bestückte Anhänger reichen für die kurze Zeit der Stoppel aus. Die Standorte sind leicht herauszufinden, da die Sauen den Weizen bzw. Hafer in der Milchreife schon heimgesucht und dabei ihre Hin- und Rückwechsel zu den Tageseinständen deutlich markiert haben. Wenn die Sauen bereits im Mais stecken, verlassen sie ihn nachts, um der Stoppel zuzuwechseln. Dann ist der beste Platz insbesondere auf der Haferstoppel. Doch die Stoppelsauen sind nicht Tag für Tag so pünktlich wie der Frühjahrsbock. Bei Sternenlicht können sie schon mal bis Mitternacht auf sich warten lassen. Deshalb erfordert die Bejagung der Sauen auf der Stoppel vom Jäger sehr viel Geduld und Ausdauer.

 

Verlagsinformation zum Autor:

Hans-Dieter Willkomm

Dr. Hans-Dieter Willkomm ist Naturwissenschaftler, Jagdjournalist und Jagdbuch-Autor. 15 Jahre lang war er Chefredakteur der Zeitschrift unsere Jagd (siehe: https://www.jagderleben.de/unsere-jagd).

Deutsches Jagd Lexikon zum Autor: http://deutsches-jagd-lexikon.de/index.php?title=Willkomm,_Hans-Dieter

KRAUTJUNKER

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

1579_Schalenwild_25021616.indd

Titel: Schalenwild artgerecht bejagen – Zum Schutz von Wald & Flur

Autor: Hans-Dieter Willkomm

Verlag: BLV Buchverlag

ISBN: 978-3-8354-1579-9

Verlagslink: https://www.blvverlag.de/hans-dieter-willkomm/schalenwild-artgerecht-bejagen.html

Bildnachweise: © Volkmar/BLV Buchverlag

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Erste Leseproben aus dem Buch:

https://krautjunker.com/2017/06/27/gamsjagern-im-sommer/

https://krautjunker.com/2017/05/27/rehwild-gleich-in-die-vollen-gehen-mit-den-jaehrlingen-und-schmalrehen/

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