Erongo Verzeichnis für afrikanisches Jagdwild

Buchvorstellung von Beate A. Fischer

Ich hatte das Erongo Verzeichnis für afrikanisches Jagdwild auf der Jagdmesse in Dortmund Ende Januar 2020 kurz in der Hand und seitdem ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Dieser Zustand wurde auch nach einer Lesung des Herausgebers Ende Februar in Hamburg nicht besser. Anfang März lag es dann tatsächlich auf meinem Wohnzimmertisch; ca. 5 cm dick und über 600 Seiten schwer.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert, die die Grundprinzipien der Jagd nach den Kriterien des Erongo Verzeichnisses aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Um die vier Prinzipien: die Jagd in freier Wildbahn, auf Wild in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet, das Vorkommen von Großraubwild in der Region und die altersgerechte Trophäenbewertung kreist das gesamte Buch, obwohl sich manche Zusammenhänge dem Leser erst auf den zweiten Blick erschließen. Die Gruppe von Jägern um Kai-Uwe Denker, seine Co-Autoren und Berufskollegen tragen Beiträge aus ihrem Erleben und Wahrnehmen dazu bei. 

I.

Der erste Teil versucht eine Einordnung des (jagenden) Menschen in seiner Entwicklungsgeschichte bis heute – in der Natur und mit der Natur. Der Mensch hat die Natur durch alle Phasen seiner geschichtlichen Entwicklung genutzt und verändert. Der Umgang mit der Natur ist jedoch nie so intensiv in Frage gestellt worden, als dies heute in der Tierrechts- und Ökologiebewegung – vor allem in der westlichen Welt – geschieht. Dem gegenüber steht das Streben der Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern nach persönlichen Wohlstand und dem Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung, Telekommunikation, Verkehr sowie anderen Bereichen gesellschaftlicher Teilhabe. Ein Streben, dass den Lebensraum wildlebender Tiere immer weiter einschränkt. Manche Spezies ist durch die Einschränkung ihrer Lebensräume wie auch durch Kriegswirren, Hunger und Vertreibung in den letzten 30-40 Jahren an die Grenze ihrer Ausrottung gekommen. Das Buch sucht heraus aus dem eigenen Erleben und Erfahren der Autoren einen Ausweg aus diesem Dilemma.   

II.

Der zweite Teil, Hauptteil des Buches mit über 300 Seiten, beinhaltet auf den ersten Blick eine Reihe spannender, lesenswerter Jagdgeschichten. Bei genauerem Hinsehen lässt sich in jeder Geschichte die praktische Anwendung der jagdlichen Prinzipien der Gruppe um Denker erkennen. Die Geschichten führen uns in die natürlichen Verbreitungsgebiete des afrikanischen Wildes und in denen es frei ziehend leben kann. Jagd ist das Aufspüren, Verfolgen und Erlegen des Wildes und darum geht es hier, das Wild dort zu jagen, wo es natürlicherweise lebt und nicht dort, wohin es verbracht wurde. 

Die Jagdgeschichten bergen die Spannung jagdlicher Erzählungen, weil das Wild eben gerade in seinem natürlichen, angestammten Lebensraum, die echte Chance hat sich zu entziehen. Die Beschreibungen vermitteln Wissen über die Verbreitung bekannten und weniger bekannten afrikanischen Wildes, seine Lebensform und natürlichen Habitate.

Es ist  die nordafrikanische Kuhantilope, wie auch die südafrikanische Kuhantilope, das Eland und die Rappenantilope, der afrikanische Rehbock, der Savannenbüffel, der Löwe, der abessinische Steinbock, der Bongo und der Wasserbock, wilde Schweine und viele mehr, die in und mit ihren humiden oder ariden Lebensräumen vorgestellt werden.  

III.

Der dritte Teil ist der sprödeste und kontroverseste Teil des Buches. Die Beschreibung der Jagd einerseits als angewandten Naturschutzes, die Auswirkungen des Jagdtourismus auf die natürlichen Habitate und andererseits aktuelle Entwicklungen in der Jagd werden von verschiedenen Autoren beleuchtet. Es finden sich Ansatzpunkte zum (eigenen) Nachdenken und zum Diskurs – innerhalb und außerhalb der Jägerschaft.

Der Herausgeber beschreibt die Entwicklungen der kommerziellen Jagd in den letzten Jahrzehnten für mich am Treffendsten und Nachvollziehbarsten in dem Text „Der finanzielle und ästhetische Wert des Wildes und seine Auswirkungen auf die Natur“. Er stellt die Bewahrung der Schöpfung, um ihrer selbst willen in den Fokus der Betrachtung, außerhalb ökonomischer Erwägungen. 

Die ökonomische Triebfeder des Menschen für sich und seine Angehörigen ein gutes und wenn möglich besseres Leben zu erreichen, bleibt jedoch ein unumstößlicher Fakt modernen, auf Akkumulation orientierten Lebens. Der ständig zurückgehende Lebensraum wild lebender Tiere, durch Nutztierhaltung und Ackerbau führt – insbesondere bei extensiver Landwirtschaft und extremen klimatischen Bedingungen – zu Konflikten zwischen Menschen und Nutzvieh auf der einen und Wildtieren auf der anderen Seite. Wo Rinder und Ziegen gegräst werden, sind Wildtiere Nahrungskonkurrenten bzw. Fressfeinde.

Der andere Punkt ist die kommerzielle Jagd, die ebenfalls getrieben von dem Streben nach individueller Wohlstandsmehrung Einzelner ihre Blüten treibt. Das Einzäunen der Farmen geht mit dem Aussetzen zugekauften Wildes  – in unterschiedlicher Ausprägung von einer (künstlichen) Anreicherung der Vielfalt möglicher Wildarten auf einer Wildfarm bis hin zum gezielten Aussetzen in menschlicher Obhut aufgezogener „Wild-“Tiere je nach Jagdbuchung einher.  Außerhalb des privaten Farmlandes sind es lokale Stakeholder, die für sich und die ihren den größtmöglichen Nutzen aus der Ausbeutung der Wildbestände zu ziehen suchen.  

Denker verfolgt radikale Ansätze, wie die Verringerung von künstlichen Wasserstellen, dem Zulassen von Großraubwild und letztendlich die Errichtung von Wildreservaten unter minimalem menschlichen Einfluss. Ansätze, die sich aus den Kriterien der Arbeitsgruppe „Erongo-Verzeichnis“ herleiten und damit auch begründen lassen. Wildtiere, die angepasst sind an den jeweiligen Lebensraum, egal ob Wüste oder Urwald finden ihre Bestandsregulierung  in den natürlichen Wasserressourcen und den heimischen Raubwildarten. In den namibischen Dürrejahren 2018 und 2019 waren es die heimischen Wildtiere, die fast ausnahmslos überlebten. Die zugekauften Exoten schafften es meist nicht, sich mit extremen Umständen zu arrangieren.   

Spannend ist die Abhandlung über den Aufstieg und Niedergang des weltberühmten Selous-Wildreservates in Tansania, welches in den 125 Jahren seines Bestehens immer wieder Spielball politischer Interessen war und nunmehr ein Schatten seiner selbst geworden ist.

Verstört hinterlässt einen der Beitrag von Ryan Shallom, der den Niedergang des Kilomberotals in Tansania beschreibt. Einen Niedergang, den er selbst (mit-)herbeigeführt, nicht mehr verhindern konnte. Ein Tal, das durch seine (touristische) Erschließung und Entwicklung zu einer dicht besiedelten und intensiv landwirtschaftlich genutzten Region aufstieg und gleichsam niederging. Der Lebensräume und –umstände der lokalen Bevölkerung verbesserten sich in gleichem Maß, wie die Lebensräume wilder Tiere nahezu vollständig verschwanden. Ein Beispiel mit dem sich Denkers radikale These von der Unvereinbarkeit des Zusammenlebens von Wild und Menschen im gleichen Gebiet belegen lässt.

IV.

Der vierte Teil beginnt mit meinem persönlichen Lieblingsteil, der Beschreibung der afrikanischen (Jagd)-Wildarten und deren natürlichen, historischen Verbreitungsgebieten. Liebevolle Zeichnungen der wichtigsten bejagbaren Arten machen Lust zum Blättern und Schmökern und setzen den Aspekt der Bejagung einer Wildart (ausschließlich) in seinen natürlichen Habitaten in einen neuen Kontext.

Abb.: Blick ins Buch; Bildquelle: Beate A. Fischer

Es folgt eine intensive Auseinandersetzung mit der Altersbestimmung des Savannenbüffels – die neben der reinen Wissensvermittlung – eben auch begründet, warum es ein Prinzip der Gruppe ist, reife und alte Trophäen zu bejagen. Die Bejagung und Erlegung (zu) junger, gut ausgeprägter Trophäenträger verhindert die Weitergabe guter Veranlagung und hat zur Folge, dass vor allem schwächere Tiere in die Reproduktion eingreifen, die unter sonst mangels Horn gewordener Dominanz nicht zum Zuge gekommen wären.

Nach einigen allgemeinen Erörterungen zur Altersansprache am lebenden Stück, die den meisten Jägern vertraut sein sollten, wird die von der Arbeitsgruppe festgelegte Vermessungsmethode nach System des Erongo Verzeichnisses vorgestellt. Wesentlich ist das Bemühen, eine Vermessungsmethode zu entwickeln, die nicht nur Größe und Länge der Trophäe honoriert, sondern eben auch das Alter als wesentlichen Faktor mit einbezieht. Die Bemühungen hin zu einem solchen Bewußtseinswandel sind sinnvoll und versuchen den Fokus der Jagd (wieder) verstärkt auf die Bejagung wirklich alter – nicht notwendig größter – Trophäen zu legen, eben gerade auch, um eine hohe Trophäenqualität langfristig zu erhalten.

Wesentlich ist hier wohl die Entwicklung von Kenntnissen und Erkenntnissen auf der Seite derjenigen, die auf Trophäen jagen. Eine zeitlich begrenzte Jagd stellt den Jäger immer unter dem Druck des Erfolges eine – möglichst imposante – Trophäe mit nach Hause zu nehmen und den Berufsjäger unter den Druck des materielle Interesses am Lohn seiner Arbeit.

Fazit: 

Ein in Teilen sprödes, schroffes Buch, dem ein bisschen mehr professionelles Lektorat und wohlwollende Leserführung gut getan hätte, dass aber dem Leser, der sich einlässt, 600 Seiten geballte Informationen, Denkstoff und Lesespaß bringt. Die Autoren lassen den Leser teilhaben an ihren langjährigen Erfahrungen und sorgen so für Erkenntnisgewinn und Selbstreflektion. Man muss nicht alles teilen, was hier verbreitet wird, kann das Buch als Fortsetzung der Weltherrschaft alter weißer Männer in postkolonialen Zeiten geißeln und der eine oder andere Text mag unter literarischen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten angreifbar sein. Jedoch ist weder dem Herausgeber noch den Co-Autoren die Liebe und der tiefe Respekt vor dem afrikanischen Wild in seinen natürlichen Lebensräumen abzusprechen. Und das ist was am Ende zählt.

*

KRAUTJUNKER-REZENSENTIN:

Beate A. Fischer, geboren 1973, Jägerin seit 6 Jahren, Hundeführerin – verliebt in einem Vizsla sowie Co- und Stiefmutter eines Fox, schießt leidenschaftlich gern Jagdparcour und Flugwild, außerdem hat sich die afrikanische Sonne in ihr Herz gebrannt. Sie lebt im kühlen Nordfriesland auf einem Resthof, arbeitet als Rechtsanwältin und schreibt manchmal auch mal andere schöne Texte. 

***

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Titel: Erongo Verzeichnis für afrikanisches Jagdwild

Herausgeber: Kai-Uwe Denker

Website des Herausgebers: http://erongo-verzeichnis.com/

ISBN: ISBN 978-99916-956-5-5

Jagdbuchhandel in Deutschland: https://www.jana-jagd.de/buecher/auslandsjagd/afrika/11798/denker-erongo-verzeichnis

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