Kulinarische Kalendergeschichten: 2. August – Tödliches Waidmannsheil

am

von Miriam Strieder

Jagen ist wieder in Mode, und auch immer mehr Frauen machen einen Jagdschein – seit der Steinzeit, in der angeblich besonders die Männer das Mammut erlegten, hat sich doch viel geändert. Der Mensch jagt tatsächlich auf unterschiedliche Weise schon seit vielen tausend Jahren, obwohl das erbeutete Wild seit der Domestizierung von Tieren wie Kühen und Schweinen eher ein nettes Zubrot statt Hauptmahlzeit ist.

Im Mittelalter gilt die Jagd als prestigeträchtiges Freizeitvergnügen, denn längst nicht jeder darf jagen: Nur der Adel zieht mit Hunden, Pferden und einer Entourage los, um Wild in seinen eigenen Wäldern, dem sogenannten Forst, nachzustellen. Wenn der gemeine Mann hungert, wildert er, was unter schweren Strafen steht.

Jagen kann man auf verschiedene Arten, die meisten davon sind für die adlige Dame tabu – nur bei der Beizjagd, also der Jagd mit speziell abgerichteten Greifvögeln, ist sie mit von der Partie. Ansonsten ist Jagen Männersache, denn hier kann sich der Ritter beweisen: Sein Geschick im Umgang mit Pferd und Hunden, aber auch mit den Jagdwaffen wie Speer und Messer ist gefragt, und er kann seinen Mut unter Beweis stellen, denn ein Jagdausflug kann lebensgefährlich sein. Die mittelalterliche Literatur ist voll von blutrünstigen Ebern wie in der keltischen Erzählung Culhwch ac Olwen oder sogar Löwen und riesigen Hirschen wie im Nibelungenlied. Manch einer ist von einer Jagd auch nicht ehr lebend zurückgekommen – Siegfried wird von seinen Jagdgenossen hinterrücks erstochen und so zur ultimativen Jagdtrophäe, während der Onkel des Protagonisten in der Melusine des Thüring von Ringoltingen bei einem tragischen Unfall bei der Eberjagd stirbt.

Aber auch jenseits der Literatur bleibt die Jagd eine gefährliche Freizeitbeschäftigung: Leidvoll muss dies William II. von England erfahren. Aufgrund seiner auffallend roten Haare (und Wangen) und damit man ihn von seinem Vater William dem Eroberer unterscheiden kann, wird er Rufus genannt. Er jagt gerne, denn er hat ein hitziges Gemüt und kann während der Hatz seinen Emotionen freien lauf lassen.

Abb.: William II. von England auf der Jagd; Bildquelle: KI

Seit 13 Jahren herrscht er über sein angelsächsisches Reich, das sein Vater 1066 erobert hat – die Normannen und die Angelsachsen sind sich noch längst nicht grün, und Rufus ist verhasst. Man sagt ihm allerhand nach, u. a. homosexuelle Neigungen, denn es hilft seinem Ruf nicht, dass er weder verheiratet ist, noch uneheliche Kinder hat. So kommt der Verdacht auf, dass Rufus’ Tod auf der Jagd am 2. August 1100 in New Forest im Süden Englands vielleicht kein tragischer Jagdunfall war, sondern ein gezielter Anschlag. Wir können wenig über die Umstände rekonstruieren, denn die an der Jagd beteiligten Adligen fliehen nach der Entdeckung der Leiche, und niemand meldet sich als Zeuge. Rufus‘ Reich geht an seinen jüngeren Bruder Heinrich über, der sich eilig krönen lässt.

Rufus allerdings ist nicht vergessen: Fährt man heute über die Schnellstraße, die das Naturschutzgebiet des New Forest in zwei Teile teilt, kommt man am Rufus Stone vorbei, einem Gedenkstein, der den Platz der Eiche markieren soll, unter dem der König von England durch einen Pfeilschuss durch die Lunge starb.

Abb.: Der Rufus-Stein, nahe der A31 bei Minstead ist heute ein Metalldenkmal; Bildquelle: Wikipedia

*

Miriam Strieder

Miriam Strieder absolvierte ihr Studium der deutschen und englischen Philologie sowie der Erziehungswissenschaften an der Universität Mainz und der York University in Toronto. Ihre anschließende Promotion über die Literatur des europäischen Mittelalters führte sie zunächst nach Innsbruck und im Anschluss an die Universität Greifswald, wo sie als Dozentin tätig war. Heute forscht und lehrt sie an der Universität Bern. Ihr publizistisches Spektrum reicht von akademischen Schriften – beispielsweise zur Raumdarstellung in mittelalterlichen Texten – bis hin zu Belletristik für Jung und Alt sowie diversen Romanübersetzungen. Privat lebt sie zeitweise mit ihrem Partner in Nordspanien. Dort nutzt sie die Freizeit am liebsten für Aktivitäten auf dem Wasser, Wanderungen durch die Natur oder die Entdeckung historischer Höhlenmalereien.

***

Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER gibt es eine Facebook-Gruppe.

Titel: Kulinarische Kalendergeschichten

Verlag: Der Leiermann

Verlagslink: https://www.verlag.der-leiermann.com/kulinarische-kalendergeschichten/

ISBN: ‎ 978-3903388697

*
Bereits veröffentlichte Leseproben aus diesem empfehlenswerten Buch:


Entdecke mehr von KRAUTJUNKER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar