Die Neandertaler: Jäger mit Glück und Verstand

von Dirk Husemann

Gebadet in Blut und Schweiß umrundet ein Dutzend halbnackter Muskelmänner ein riesiges Mammut. Die Jäger stecken in filzigen Fellen, schwingen Keulen und Speere und blicken grimmig auf die Beute, die sich wehren will. Dem zottigen Tier ragen schon einige Holzspitzen aus der Flanke, seine großen Augen blicken todesverachtend auf die Häscher herab. Jeden Augenblick wird der Kampf auf Leben und Tod entbrennen. Wenn nur die mörderischen Stoßzähne nicht wären!

Mammuts

Bilder wie diese schmückten einst Schulwände und Lehrbücher. Sie erzählten vom

Überlebenskampf der Eiszeitjäger, vom Sieg des Menschen über die Gefahren der Natur – seien es Kälte, Hunger oder monströse Tiere. Die gefährliche Jagd auf tobsüchtige Mammuts, brüllende Höhlenbären und geifernde Hyänen muss Tote und Verletzte gefordert haben. Gemessen an den gängigen Lebensbildern aus jenen Tagen scheint das Leben der Neandertaler ein ständiges Drama gewesen zu sein. Aber die pleistozäne Wirklichkeit sah anders aus.

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Das Bild vom brüllenden Teufelskerl, der sich todesmutig auf ein ausgewachsenes Mammut stürzt, ist eine Verzerrung. Richtig hingegen ist, dass die Neandertaler Fleisch als Nahrung bevorzugten. Ein ganzes Mammut musste jedoch nicht jeden Tag über der Feuerstelle braten. Dagegen sprachen mehrere Gründe.

Es gab keine Vorratshaltung. Die Neandertaler kannten weder Gefäße noch Gruben, in denen sie Lebensmittel hätten konservieren können. Da eine durchschnittliche Sippe mit etwa einem Dutzend Erwachsenen und den dazugehörigen Kindern recht klein war, wäre viel Fleisch verkommen.

Darüber hinaus war die Jagd auf große Tiere gefährlich. Ein ausgewachsenes Mammut ragte bis zu vier Meter über die Zwergsträucher der Eiszeittundra empor und konnte einen Jäger mit seinen bis zu fünf Meter langen Stoßzähne ernsthaft verletzen. Wurde ein Jäger schwer verwundet, stand eine Neandertalersippe am Rand der Katastrophe. Der Verletzte fehlte bei der Nahrungsbeschaffung, musste gepflegt und bei Abbruch des Lagers vielleicht sogar getragen werden. Heilten die Verletzungen, blieben manchmal lebenslange Behinderungen zurück. Aus schlecht zusammengewachsenen Brüchen entwickelten sich schwere Fälle von Arthrose. Die Knochen- und Gelenkkrankheit konnte Gliedmaßen so steif werden lassen, dass sie letztendlich nicht mehr benutzt werden konnten. Gegen die raue Welt der Weichseleiszeit aber mussten sich die Menschen mit Händen und Füßen wehren.

Auch ohne Mammutfleisch und Höhlenbärenbraten war der Tisch reichlich gedeckt. Gingen die Neandertaler auf die Pirsch, stellten sie Pflanzenfressern wie Rentieren oder Bisons nach. Zwar konnte auch ein Kampf gegen solche Tiere lebensbedrohlich sein. Im Gegensatz zu einem mit Krallen und Reißzähnen bewehrten Bären aber waren diese Tiere leichte Beute. Noch einfacher war es, nach Kleintieren Ausschau zu halten. Hasen, Füchse oder Eichhörnchen waren zwar flink und schwer zu fangen, aber wesentlich ungefährlicher als die Fleischriesen. Proteinquellen ließen sich auch durch Vogeljagd und Fischfang erschließen, doch fehlen im archäologischen Befund bis heute für beide Jagdmethoden die Belege.

Rentier+

Der Beute einen Schritt voraus

 Um das begehrte Fleisch zu gewinnen, feilten die Neandertaler an Erfolg versprechenden Jagdstrategien. Das direkte Duell Mensch gegen Tier galt es zu vermeiden. Stattdessen mussten die Jäger das Verhalten der Beute vorhersagen können, um ihr immer einen Schritt voraus zu sein. So war die mächtigste Waffe der Eiszeitmenschen nicht Kraft, sondern Denkvermögen.

Fallen garantierten Jagderfolg. Bei der archäologischen Spurensicherung in Salzgitter-Lebenstedt fanden Forscher große Mengen an Rentierknochen. Die Tiere waren an dieser Stelle vor 50.000 Jahren bevorzugt gejagt worden. An der Entwicklung von Zähnen und Geweihen ließ sich ablesen, dass die Rentiere im Herbst getötet worden waren. Zu dieser Zeit verließen die Herden die Mittelgebirge, um den Winter im Tiefland zu verbringen. Auf ihren Wanderungen folgten die Tiere meist denselben Routen. Wer diese Pfade kannte, musste sich nur auf die Lauer legen und Geduld haben. Tatsächlich öffnet sich noch heute in der Nähe der Fundstelle ein schmales Tal, durch das die Rentiere gezogen sein konnten. Im Hinterhalt liegende Jäger hatten leichtes Spiel. Hatte die Herde eine bestimmte Stelle passiert, sprangen die Treiber aus dem Dickicht, um die Beute in den Hinterhalt zu hetzen. Dort lauerten die Jäger. Sie stachen die Tiere mit Lanzen ab oder steinigten sie mit Felsbrocken, die sie von einer Anhöhe herunterrollen ließen. Die blutige Ernte garantierte der Sippe das Überleben für Wochen.

Eiszeit

Ähnliches scheint sich in der Nähe des südfranzösischen Ortes Mauran abgespielt zu haben. Die Verteilung von Knochen und Steinspitzen unterhalb eines Hanges verrät, dass hier eine Gruppe Jäger einer Herde Bisons aufgelauert hat. Die Tiere mussten sich durch eine enge Passage zwischen Hügel und Fluss zwängen und boten den Neandertalern leichte Ziele. Die Archäologen Bärbel Auffermann und Jörg Orschiedt vermuten, dass die Jäger solche Stellen mit Zäunen oder Steinhaufen künstlich verengt haben, um einen gut beherrschbaren Engpass für die Beute zu schaffen.

Unachtsame Tiere endeten im Loch. Am Fundplatz Rheindahlen bei Mönchengladbach entdeckten Archäologen mehrere von Menschen angelegte Gruben, die nur 100 Meter von einem Lagerplatz entfernt lagen. Hier hatten die Jäger gleich ein ganzes System von Fallen ausgehoben. In Hörweite verborgen, mussten sie nur darauf warten, dass sich ein Tier in den Erdlöchern verfing. Anschließend war es ein Leichtes, die Beute mit Steinen und Lanzen zu töten, auszunehmen und das Fleisch zum Hauptlagerplatz zu tragen.

Neandertaler-Lager

Der Zug der großen Herden war ein Fest für Jäger. Noch heute springen Rentiere auf ihren Wanderungen zu Dutzenden in die Flüsse, die sie überqueren wollen, und erreichen das andere Ufer schwimmend. In der Strömung ist die Herde wehrlos. Wenn sich zwei Gruppen von Jägern an den Ufern verstecken und den Tieren auflauern, ist Flucht unmöglich. Obwohl es an archäologischen Belegen für diese Jagdtechnik mangelt, muss davon ausgegangen werden, dass die Neandertaler sich solche Gelegenheiten nicht entgehen ließen. Sie wussten, wo die Furten und Tränken waren, sie wussten, wann die Tiere kamen und wie sie zuschlagen mussten. Die Neandertaler hatten gelernt, die Zeichen der Natur zu lesen. Erfahrung war das höchste Gut der Jäger. Die Älteren gaben sie an die Jüngeren weiter. Wann kalbten Mammutkühe? Welche Spuren verrieten die Anwesenheit von Kleintieren? Welches Wild äste am Abend in der Flussniederung? Zwar lassen sich Erfahrungen leicht in Worte kleiden, aber aus Worten allein entstehen noch keine Erfahrungen. Nur auf der Pirsch sammelte die nächste Jägergeneration weiteres Wissen und gab dieses wiederum an ihre Nachfahren weiter. Auf diese Weise entwickelten sich die Neandertaler 150.000 Jahre lang zu Spezialisten in ihrem Lebensraum. Ihr Wissen vereinigte sich mit Mut und Geschick, mit ausgeprägten Sinnesorganen wie Geruch, Gehör, Geschmack, Sehvermögen sowie einem feinen Instinkt und machte sie zu erstklassigen Jägern.

Erst durch Arbeitsteilung konnten Jagdstrategien in die Praxis umgesetzt werden. Ging es auf Großwild, waren die Jäger eine eingeschworene Mannschaft. Die Stärke einer solchen Gruppe mag bei zwanzig Menschen gelegen haben. Treiber dirigierten die Beute in die Falle, Jäger töteten sie. Eine wichtige Funktion erfüllten Späher. Sie mussten wissen, welche Herden sich im Umkreis des Lagers aufhielten oder darauf zusteuerten. Sie kannten das Verhalten der Tiere am besten und waren Garanten für Jagderfolg. Ohne Späher hatten die Neandertaler auf der Jagd das Nachsehen. Statt den sich nähernden Herden aufzulauern, hätten die Jäger fliehenden Rentieren oder Mammuts hinterherlaufen müssen. Dieses Fersengeld wäre die Sippe teuer zu stehen gekommen. Arbeitsteilung und die Herausbildung von Spezialistentum waren lebenswichtige soziale Erfindungen der Altsteinzeit.

Jäger zu sein, glich einem Vollzeitjob mit Rufbereitschaft. Meldeten die Späher Wild, griffen die Häscher zu den Waffen. Danach konnten sie tagelang verschwunden sein. Im archäologischen Fundmaterial ist erkennbar, dass die Jäger in der späten Saale-Eiszeit, der Zeit der ersten Neandertaler, in einem Radius von durchschnittlich zehn Kilometern um das Basislager umherstreiften. In diesem Umkreis legten sie kleine Stützpunkte an, wo sie Feuer entfachten und vermutlich übernachteten. In der darauf folgenden Weichseleiszeit dehnte sich der Aktionsradius der Jäger aus. Die Jagdstationen lagen nun in einem Kreis von durchschnittlich fünfzehn bis zwanzig Kilometern vom Basislager entfernt. Vermutlich erlaubten eine weiterentwickelte Technologie und größeres Wissen die Ausdehnung des Reviers.

wollnashorn

Wo heute die englische Ortschaft Thetford liegt, gingen Neandertaler vor 50.000 Jahren dem Waidwerk besonders erfolgreich nach. Im Juni 2002 förderten Ausgrabungen in einer nahe gelegenen Kiesgrube die Reste von vier kapitalen Mammuts, einem Nashorn und einem Rentier zutage. Die Tiere waren an Ort und Stelle erlegt und zerkleinert worden. Wie in Thetford machten die Neandertaler auch andernorts so reiche Beute, dass sie es sich erlauben konnten, zweitklassige Nahrung einfach liegen zu lassen. Neben Fleisch gehörte Knochenmark in jenen Tagen zu den wichtigsten Energielieferanten des menschlichen Körpers. Es enthält viel Fett und ist nahrhaft – die Butter der Urgeschichte. In Salzgitter-Lebenstedt zerschlugen die Jäger die Knochen der Beutetiere stets nach demselben Muster, um an das Mark zu gelangen. Knochen, die nicht so viel Mark enthielten, wurden nicht geöffnet, sondern weggeworfen. Stattdessen widmete sich die Sippe lieber ergiebigeren Stücken. Auch dieses Beispiel zeigt, dass das Waidwerk oft mehr Nahrung einbrachte, als eine Gruppe verbrauchen konnte. Die Neandertaler mögen technologisch hinter den Erfindungen des anatomisch modernen Menschen zurückgestanden haben – auf der Jagd aber waren sie unschlagbar.

Archäologie im Abfallhaufen

Von der Waidmannskunst der Eiszeitjäger sind in den Höhlen des östlichen Mittelmeerraums vielsagende Abfälle liegen geblieben, die von Schlachtung und Schmaus stammen. In Palästina liegt die Fundstelle Qafzeh, eine zwölf Meter tiefe und zwanzig Meter breite Höhle im Kalkstein. Vor 92.000 Jahren bot die Grotte einer Jägersippe Unterschlupf. Überreste von elf anatomisch modernen Menschen kamen unter den Pinseln und Schabern der Archäologen ans Licht. Sie zählen zu den ältesten Funden von Homo sapiens außerhalb Afrikas. Neben den aufschlussreichen Menschenknochen waren auch viele Überreste von Tieren in den Ablagerungen konserviert. Pferde, Wildrinder und Rhinozerosse ernährten die Menschen der Levante. Alle Tiere hatten etwa gleichzeitig Saison und zogen im Herbst zu ihren Winterweidegründen. Dabei kamen sie nahe der Qafzeh-Höhle vorüber. Die Jägersippe erlebte eine Zeit ohne Hunger. Kaum war die Beute einer Jagd verzehrt, zog schon die nächste Herde heran. Zwei oder drei Monate lebte es sich in der Höhle recht sorglos. Dann blieben die Tiere aus. Die Herden hatten die Winterweiden erreicht. Die Menschen packten ihre Habseligkeiten zusammen und zogen der Beute hinterher. Dieses Szenario entwarfen die US-Anthropologen Daniel Lieberman und John Shea. Sie verglichen die Knochen der Beutetiere in Qafzeh mit denen in der Höhle von Kebara und machten eine erstaunliche Entdeckung.

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Die Kebarahöhle liegt nahe der israelischen Hafenstadt Haifa, in den verkarsteten Südausläufern des Karmelgebirges. Im Schatten des Grotteneingangs lebte vor 60.000 Jahren eine Gruppe von Neandertalern. Unter ihren Hinterlassenschaften sind ein Zungenbein und eine Bestattung – zwei der bedeutendsten Funde der Neandertalerforschung. Aber die Sippe von Kebara hinterließ noch mehr Spuren. Wie die Menschen von Qafzeh jagten auch die Bewohner Kebaras Wild, dessen Knochen Jahrzehntausende in der Höhle überdauerten. Als Shea und Lieberman die Tierknochen mit denen aus Qafzeh verglichen, stellten sie fest, dass das Wild in Kebara das ganze Jahr über gejagt worden war. Die Neandertaler verfolgten demnach eine andere Überlebensstrategie als Homo sapiens. Während die anatomisch modernen Menschen den großen Herden hinterher wanderten, sobald sie nur noch vereinzelt Tiere vor die Speere bekamen, nutzten die Neandertaler die Ressourcen der Natur bis zur Erschöpfung aus. Erst wenn das Überleben nicht mehr gesichert war, werden sich auch die Neandertaler von Kebara nach einem neuen Unterschlupf umgesehen haben, in dessen Umgebung die Jagd wieder Erfolg versprach. Daniel Lieberman, Professor an der Universität von Harvard erkennt in diesen Verhaltensweisen zwei unterschiedliche Mentalitäten: „Neandertaler waren offenbar standorttreuer und mussten sich deshalb auf Wild konzentrieren, welches das ganze Jahr über Fleisch lieferte. Anatomisch moderne Menschen scheinen eher in der Lage und auch willens gewesen zu sein, mit den Jahreszeiten den Lebensraum zu wechseln und dem Wild hinterherzuziehen.“

Der Höhlenvergleich steht auf steinernen Füßen, denn es gibt noch weitere Indizien für den Unterschied im Jagdverhalten: Die Homo-sapiens-Sippe hinterließ in Qafzeh weniger Tierknochen als die Neandertalergruppe in Kebara. Die anatomisch modernen Menschen hielten sich nicht lange genug an einem Ort auf, um viel Abfall zu produzieren.

Höhlenhyäne

Ein von Menschen verlassener Lagerplatz war ein gefundenes Fressen für Hyänen. Die Raubtiere sind Aasfresser.  Zur Zeit der Neandertaler waren sie in vielen Regionen Europas heimisch, so auch im östlichen Mittelmeerraum. Die Tiere verzehrten das Fleisch, das den Zweibeinern nicht mehr frisch genug gewesen und liegen gelassen worden war. Sie verschleppten die Knochen aus den Höhlen in ihren eigenen Bau und nagten dort die Markreste heraus. Der Geruch des verwesenden Fleisches muss die Tiere zu Dutzenden angelockt haben. Eine Höhle wie Qafzeh, von Menschen nur vorübergehend bewohnt, war ein Tummelplatz für Aasfresser.

In Kebara lag der Fall anders. Die Neandertaler bewachten ihr Lager das ganze Jahr über und verteidigten es gegen Eindringlinge. Ohne Hyänen blieben die Knochen Jahrzehntausende in der Höhle liegen. Heute zeugen sie vom Lebensstil der Neandertaler, die lieber länger an ihren sicheren Jagdrevieren festhielten, als sich mit der gesamten Gruppe auf Wanderschaft zu begeben.

Noch tiefere Einblicke in das Weltbild der Neandertaler gewährten Ian Tattersall die Speisereste des Urmenschen. Der Kurator des Museums of Natural History in New York attestierte den Neandertalern angesichts ihres Höhlenabfalls mangelnde Zielstrebigkeit. Seine Theorie: Während Homo sapiens gezielt nach Jagdtieren suchte und diesen mit der gesamten Sippe hinterher wanderte, fehlte dem Neandertaler die Fähigkeit zum planvollen Handeln. Der moderne Mensch sei frühzeitig weitergezogen, weil er wusste, dass die Nahrung in Kürze ausbleiben würde. Der Neandertaler aber sei erst dann aufgebrochen, als er merkte, dass er keine Nahrung mehr fand. Tattersall sieht im Neandertaler einen durch Wälder und Steppen streifenden Menschen, der sich von dem ernährte, was er zufällig im Umkreis seiner Behausung fand. Im Verhalten von Homo sapiens hingegen erkennt der Menschenforscher einen Beleg für die Fähigkeit, vorausschauend zu planen. „Jeder Primat weiß, wo und wann in seinem Lebensraum welche Nahrung zu finden ist“, sagt Tattersall und behauptet, „dass diese archaischen Menschen ein weniger komplexes Bild ihrer Umwelt besaßen als wir oder diese zumindest auf weniger komplexe Weise nutzten.“

Dieser Vergleich ist überzogen. Schimpansen ernähren sich zwar hauptsächlich von gesammelten Blättern, Nüssen, Beeren und graben nach Wurzeln. Gelegentlich aber stellen sie auch kleineren Affenarten nach. Dabei entwickeln die Tiere keinerlei Strategie. Sie lauern der Beute nicht auf: Schimpansen jagen ohne vorausschauendes Verhalten. Vielmehr nutzen sie die Jagdgelegenheit, wenn sie sich bietet. Zwar lässt sich die Jagdpraxis der Neandertaler nicht genau rekonstruieren. Aber dass diese Menschenart vorausschauend lebte, ist an ihren kulturellen Hinterlassenschaften erkennbar. Werkzeuge, Kleider oder Bestattungen sind Ausdruck eines strukturierten Lebens. Wie unwahrscheinlich erscheint es, dass ausgerechnet die Nahrungsbeschaffung, lebenswichtiges Tagwerk der Eiszeit, dem Zufall überlassen gewesen sein soll.

Säbelzahntiger

Welche dieser Theorien der Wirklichkeit entsprechen, wird sich wohl niemals mit hundertprozentiger Sicherheit feststellen lassen. Mit Gewissheit aber ist der Vergleich der Essensreste von Kebara und Qafzeh ein schillerndes Beispiel für die Flut an Informationen, die sich aus zwei Händen voll Knochen für die Wissenschaft ergeben können – und für daraus folgende Spekulationen.

 Werfen, Stechen, Schlagen – die ältesten Waffen der Menschheit

Eine jagdstrategische Gleichung mag zudem während der Weichseleiszeit aufgegangen sein: Je kälter das Klima, desto langsamer das Wild. Nach einem gängigen Forschungsmodell haben die Neandertaler in den kalten Phasen der Erdgeschichte mehr Jagdglück besessen als in den Warmzeiten, da aus Kaltphasen mehr Tierknochen überliefert sind. Die Erklärung liegt in der Größe der Beute. Wurde es kälter, entwickelten viele Tiere Riesenwuchs. Damit waren sie langsamer und in den offenen Landschaften schon von weitem auszumachen. Wärmte sich die Erde hingegen auf, verbargen Urwälder die Beute, die im Dickicht zwischen Bäumen und Sträuchern schnell das Weite suchen konnte.

Wo die Neandertaler das Wild auch stellten – beim Kampf auf Leben und Tod mussten sie sich der Beute bis auf Fellfühlung nähern. Zunächst wird die Gruppe versucht haben, ein einzelnes Tier von der Herde zu trennen – eine Taktik, die auch Raubtiere verfolgen. Beliebte Ziele waren junge oder kranke Tiere, die bei Flucht der gesamten Herde nicht mithalten konnten. Hatten die Häscher die Beute isoliert, werden sie diese umzingelt und anschließend versucht haben, sie mit Lanzen zu töten. An dieser Stelle wurde die Jagd zum lebensgefährlichen Ringen zwischen Jägern und Gejagtem. Ein verwundeter Bison, der versucht, sein Leben zu retten, muss selbst für eine ganze Gruppe von Neandertalern ein harter Brocken gewesen sein. Viele Neandertalerknochen tragen Spuren verheilter Verletzungen, die von solchen Duellen zeugen. Die Frakturen vermitteln eine Vorstellung von der Vehemenz, mit der Mensch und Tier aufeinander prallten. In ihrer Verteilung und Art entsprechen sie den Knochenbrüchen moderner Rodeoreiter.

Für solche Begegnungen war das Waffenarsenal bescheiden. Weder kannten die Neandertaler Pfeil und Bogen, noch standen ihnen Hunde zur Seite. Erst der Homo sapiens brachte diese Meilensteine der Menschheitsgeschichte vor 8.000 beziehungsweise 25.000 Jahren in die Welt. Aber zu dieser Zeit erinnerte sich schon niemand mehr an die Neandertaler. Selbst Speere scheinen den pleistozänen Jägern unbekannt gewesen zu sein. Sie sind bislang im Fundgut nicht aufgetaucht.

Jagdwaffe Nummer eins war die Lanze. Sie unterscheidet sich vom Speer durch ihre breite Spitze. Speere können dank ihres schlanken Endes weit geworfen werden. Einem kräftigen Stoß halten sie hingegen nicht Stand. Lanzen lassen sich zwar nur über kurze Distanz schleudern, sind aber im Nahkampf furchterregende Waffen. Schon nach wenigen Treffern kann das Wild zu Boden gehen. Die breite Spitze der Waffe reißt große Wunden. Steckt sie im Körper der Beute, versucht der Jäger, den Schaft zu drehen – eine Praxis, die bis vor wenigen Jahrhunderten noch bei der Keilerjagd mit der Saufeder, einer breitblättrigen Stangenwaffe, gängig war. Bis ins 17. Jahrhundert waren Lanzen auch eine der wichtigsten Kriegswaffen. Abgesehen vom Eisen, das den Stein als Material für die Spitze abgelöst hat, ist das Prinzip der Lanze seit 125.000 Jahren unverändert geblieben – perfektes Design der Altsteinzeit.

Lanzen waren aus Holz, einem Material, an dem der Zahn der Zeit ebenso schnell nagt wie an Leder oder anderen organischen Stoffen. Für Archäologen ist Holz wertvoll wie ein Rohdiamant. Ist es zudem älter als 2.000 Jahre, hat es großen Seltenheitswert. Die Lanze von Lehringen ist 125.000 Jahre alt und gehört zu den ältesten Holzfunden der Menschheitsgeschichte. Lehringen liegt in der Lüneburger Heide an der Aller. Als die Waffe geschnitzt wurde, hatten die Eiszeitgletscher das Gebiet noch nicht erreicht. Das Klima war gemäßigt. Eines der häufig hier lebenden Jagdtiere war der Waldelefant, der zwischen dem heutigen Hamburg und Hannover lebte. Eines Tages wurde eines der Tiere von einer Gruppe Jäger angegriffen. Die Neandertaler trieben die Beute auf einen See zu. Dabei mögen sie die Lanzen geschwungen und lauthals gebrüllt haben. Als der Elefant den See erreichte, steckte er in der Falle. In Wasser und Uferschlick sank der Koloss ein und konnte sich nur mehr langsam bewegen. Die Stunde der Jäger hatte geschlagen. Sie näherten sich dem Tier und töteten es im Nahkampf mit ihren Lanzen. Kaum war die Beute gefallen, schnitten ihr die Jäger das Fleisch von den Knochen, um es nicht gegen Aasfresser und Raubtiere verteidigen zu müssen. Mit großen Brocken Fleisch auf Schultern und Tragegestellen verschwanden sie in Richtung Lager. Zurück blieben Steinsplitter der Schneidewerkzeuge und ein Kadaver, in dessen Rippen eine Lanze stecken geblieben war.

Wasser und Schlamm schlossen sich luftdicht um Knochen und Holz. Vakuumverpackt überdauerte das Material die Jahrhunderttausende. Der See füllte sich mit Sedimenten und verlandete zu einer Mergelgrube. Erst 1948 tauchte die Lanze aus ihrer Klimakammer wieder auf. Von der Zeit veredelt, hatte sie sich von einem profanen Jagdwerkzeug in ein Kronjuwel der Archäologie verwandelt.

Kälte, Hitze und Druck von Erdmassen haben Spuren an der einst ebenmäßigen Waffe hinterlassen und sie in elf Teile zerbrochen. Zusammengesetzt ist sie 2,45 Meter lang. Bei dieser Länge ist große Sorgfalt bei der Herstellung wichtig. Aber die Neandertaler kannten Kniffe genug, um verlässliche Waffen herzustellen. Die Spitze der Lanze ist aus Holz. Offenbar standen keine geeigneten Steine zur Verfügung oder es mangelte an Möglichkeiten, eine Steinspitze am Schaft zu befestigen. So behalfen sich die Lanzenschnitzer mit einem Trick. Sie hielten die Spitze des Schaftes ins Feuer und härteten das Holz damit aus. Dabei ist Geschick gefragt. Ist das Holz der Hitze zu lange ausgesetzt, verliert es seine Festigkeit, wird spröde und bricht. Unterbricht man den Prozess hingegen zu früh, bleibt es zu weich und zersplittert beim Aufprall. Richtig behandelt aber kann feuergehärtetes Holz eine so hohe Festigkeit erhalten, dass es auch Elefanten gefährlich wird.

Die Wahl des Holzes war nicht willkürlich. Die Neandertaler wählten Eibe für ihre Waffe. Dieses Nadelholz ist besonders elastisch. Von der Jungsteinzeit bis heute ist es das Lieblingsholz der Bogenbauer. Auch die Lanze von Lehringen war aus Eibenholz geschnitzt. Dabei gingen die Neandertaler mit größter Vorsicht zu Werke. Als Rohmaterial fällten sie einen jungen Baum, dem sie mit Steinmessern die gewünschte Form gaben. Schwachstelle jedes Stamms ist der Markstrahl. In diesem weichen Gewebestrang transportiert die Pflanze Nährstoffe. Die Neandertaler wussten um die Nachgiebigkeit dieses Holzteils. Sie formten die Lanze so, dass die Spitze neben dem Markstrahl verlief und dadurch fester wurde – ein Tischlertrick, der die intensive Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz belegt. Auch wenn das Fundmaterial den archäologischen Beweis vermissen lässt: Die Neandertaler müssen ihren Alltag mit Gegenständen aus Holz und Pflanzenfasern bestritten haben.

Speere von Schöningen

So erfinderisch der Neandertaler war – die ältesten Waffen der Menschheit gehen auf das Kerbholz von Homo erectus. Die neun Speere von Schöningen sind 400.000 Jahre alt. 1994 und 1995 tauchten sie aus dem Braunschweiger Tagebaugebiet auf. Ihre Verarbeitung wies die Hersteller als Kenner der Materie aus. Sie wussten, dass Baumstämme an der Basis am härtesten sind und schnitzten die Spitzen aus den wurzelnahen Teilen junger Fichten. Auch den Markstrahl, die Achillesferse der Stämme, kannten die Waffenmeister aus Brandenburg und gingen mit ihm ebenso um wie 270.000 Jahre später die Neandertaler von Lehringen. Der Schwerpunkt der 2,5 Meter langen Schöninger Speere liegt im vorderen Drittel. Damit ähneln sie heutigen Wettkampfspeeren. Lässt man die Waffen sprechen, ist die Aussage eindeutig: Vor knapp einer halben Million Jahren konnte Homo erectus perfekte Wurfspeere herstellen. Diese Technik muss auch den Neandertalern vertraut gewesen sein. Sie standen kulturell wie biologisch eine Stufe höher auf dem Podest der Weltgeschichte. Unwahrscheinlich ist, dass sie die technologische Treppe wieder hinuntergefallen sind. Der Wurfspeer muss dem Neandertaler vertraut gewesen sein. Vielleicht schoss er sogar schon mit Pfeil und Bogen.

Der Beweis ist in einem Wildesel zu finden. Ein syrischer Vorfahr des heutigen Grautiers war vor 50.000 Jahren Zielscheibe einer Fernwaffe. Der Jäger einer Neandertalersippe tötete das Tier mit dem Speer. Der Wurf war mit solcher Kraft geführt worden, dass die Spitze tief im Halswirbel des Esels stecken blieb. Heute gilt der Fund von Umm el Tlel als einziger, aber sicherer Beleg dafür, dass der Wurf mit dem Speer den Neandertalern vertraut war. Dessen ist sich auch John Shea von der State University of New York at Stony Brook sicher: „Bessere Beweise für die Jagd mit Speeren kann es nicht geben“, meint der Spezialist für Steinartefakte der Neandertalerzeit.

Wildesel

Auch Hightech durch Bogenbau hält Shea für möglich. „Ich wäre nicht überrascht, wenn sie Pfeil und Bogen genutzt hätten. Die Unterschätzung der technischen Fähigkeiten der Neandertaler hat eine lange Geschichte in der Archäologie.“ Das ist mehr als nur eine Einschätzung. John Shea hat Handfestes vorzuweisen. Er vergleicht kleine bearbeitete Steinspitzen der Neandertaler aus Griechenland, dem Balkan oder der Krim mit so genannten Mikrolithen, winzigen, fein retuschierten Steinspitzen, die der anatomisch moderne Mensch nachweislich als Pfeilspitzen nutzte. „Aber der einzige wissenschaftlich haltbare Beweis für diese These“, erklärt John Shea, „wäre eine Pfeilspitze, die im Knochen eines Neandertalers steckt.“

Leibspeise Mammut

Vögel, Hasen, Füchse. Alles, was die Chance zur Flucht verpasste, landete im Magen der Neandertaler. Das Leibgericht aber war Damhirsch – jedenfalls im Nahen Osten. An den Siedlungsplätzen in Palästina und im Libanon hinterließen die Jägersippen auffallend viele Knochen dieser Wildart. Andere Gaumenfreuden genossen die Neandertaler auf der Krim. Dort schmausten sie am liebsten das Fleisch von Wildesel und Saiga-Antilope. Am Dnjestr aß man Mammut, an der Wolga Wisent, in Mittelasien schmeckte besonders die Bergziege und in Mitteleuropa das Pferd. Die Neandertaler des Alpenvorlands waren versessen auf Bärenbraten, sodass sie sich auf der Pirsch nach Meister Petz bis in 2.000 Meter Höhe vorwagten. Archäologen lesen auch das aus den Speiseresten der frühen Europäer.

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Die Jäger waren wählerisch. Sie spezialisierten sich nicht nur auf ein oder zwei Tierarten. Wie die Knochenhaufen verraten, bevorzugten die Neandertaler sogar Tiere eines bestimmten Alters. Auch wenn die Beute eine gewisse Größe hatte, schien sie für die Jäger besonders interessant gewesen zu sein. Die Vorteile dieser Vorauswahl liegen auf der Hand. Alte Tiere waren langsamer und leichter zu erlegen, das Fleisch aber war weniger schmackhaft. Junge Tiere waren flink, aber köstlich. Ähnlich verhält es sich mit der Größe: Kleinere Tiere waren keine gefährlichen Gegner, gaben aber auch weniger Fleisch ab. Große Tiere wussten sich zu wehren, versprachen dafür aber einen Festbraten. Der goldene Weg lag in der Mitte. Die Neandertaler wussten, welches Tier einer Herde schon alt genug war, um nicht mehr entwischen zu können, aber noch nicht zu alt, um lohnende Beute zu sein. Im Kampf ums Überleben war es wichtig, das Ziel zu kennen, bevor der Startschuss fiel.

Im Angesicht der Neandertaler ergriffen einige Tiere die Flucht, andere die Initiative. Fleischfresser machten sich über die Kadaver her, welche von den Menschen erlegt worden waren. Besonders in Mittel- und Osteuropa müssen die Jäger ihre Beute oft gegen Raubtiere verteidigt haben. Dort sind die Funde von Raubtierresten besonders häufig. Auch sind die Gebeine von Neandertalern in Frankreich, Deutschland oder Kroatien meist erstaunlich schlecht erhalten. Ein weiterer Hinweis auf die Aktivität Fleisch fressender Tiere. Im Gegensatz dazu sind Neandertalerknochen aus der Levante nahezu unbeschädigt. Hier gab es weniger Konkurrenten bei der Jagd, das Klima war wärmer und das Leben insgesamt wohl etwas angenehmer. Vielleicht ist hier ein Grund dafür zu finden, dass Neandertaler und Homo sapiens am östlichen Rand Europas über 10.000 Jahre lang in guter Nachbarschaft lebten.

Vorratskammer Wald

Ging es um Nahrung, spielten die Neandertaler auf allen Registern der Natur. So virtuos sie jagen konnten, die Grundtonart gab das Sammeln von Pflanzen an. Vermutlich aßen die Sippenmitglieder viel häufiger vegetarisch, als dass sie sich über Flusspferdschenkel oder Pferdeinnereien hermachten. Jagen bedurfte der Vorausschau und Planung. Sammeln aber war immer möglich. Selbst wenn die Gruppe das Lager aufgab und zu neuen Jagdgründen weiterzog, konnten findige Nomaden am Wegrand allerlei Nahrhaftes und Nützliches entdecken. Obst, Knollenfrüchte, Kleintiere oder Vogeleier konnten von Kundigen rasch ausgemacht und aufgelesen werden. Blätter, Stängel, Beeren und Wurzeln machten die Sippe satt oder konnten als Rausch- oder Heilmittel eingesetzt werden. Ein Strauch voller Haselnüsse, ein Dutzend wilde Pastinakwurzeln – von heutigen Zeitgenossen beim Sonntagsspaziergang vermutlich nicht einmal wahrgenommen – waren für die Neandertaler reiche Tafelfreuden.

Der Laubwald war eine Fundgrube. Zwischen Eichen, Ulmen und Linden gediehen die Schätze der Natur so üppig, dass die Jäger Fleisch nur noch als Zubrot liefern mussten. Wenn ein Revier abgeerntet war oder die Herden der Beutetiere weiterzogen, brachen auch die Neandertaler auf. Bis zu 150 Kilometer marschierten sie mit Kind und Kegel, bevor sie ein neues Lager aufschlugen. Essbares fand sich in der Umgebung für einige Wochen, vielleicht Monate. Dann zogen die Nomaden abermals weiter. Dieser Rhythmus bestimmte das Leben der gesamten Art, bis die Kälte das Nahrungsangebot verkümmern ließ. In den feuchten und kühlen Nadelwäldern werden sich noch viele Pilzarten wohl gefühlt haben. Beeren aber waren nur noch in ihren bodennahen Formen zu finden, Obst geriet in Vergessenheit. Als die Gletscher kamen, bildete sich in den eisfreien Korridoren arktische Strauchtundra. In diesen Steppenlandschaften gab es kaum noch etwas aufzulesen. Sippen, die in diesen Zeiten ohne gute Jäger auskommen mussten, hatten kaum Aussicht, den Winter zu überleben.

 Superjäger und Fischverächter

Eine weitere Nahrungsquelle war das Wasser. Fischfang ist zwar archäologisch kaum feststellbar, muss aber eine Rolle bei den Neandertalern gespielt haben. Fischgräten sind weich. Schon nach wenigen Jahren haben sie sich aufgelöst und sind für die Archäologie verloren. Dauerhafter sind die Kalkhüllen von Muscheln. Harte Schale, weicher Kern – die Neandertaler wussten um das schmackhafte Innenleben der Mollusken und kannten Methoden, die widerspenstige Hülle zu knacken. Das belegen Muschelschalen, die Archäologen in der Nähe der Vanguard Cave bei Gibraltar entdeckt haben. Hier hielten sich vor über 50.000 Jahren mehrere Neandertaler auf. Für einen Lagerplatz schien ihnen das Gelände nicht geeignet. Sie waren auf der Durchreise, vielleicht ein Trupp Jäger, der eine Herde verfolgte. Aus der nahen Flussmündung lasen sie Muscheln auf und ließen sie sich schmecken, bevor sie, vielleicht schon am nächsten Morgen, wieder aufbrachen. Austern gab es häufiger für eine Sippe, die in der heutigen Grotta di Moscerini in Latium, Italien, lebte. Auch im süditalienischen Apulien gehören Muscheln seit 44.000 Jahren zu den traditionsreichsten Gerichten der Region.

Das Rezept für ein schmackhaftes Muschelgericht war damals so einfach wie heute. Nur die Utensilien zur Zubereitung waren grober. Mit trockenem Strauchwerk entfachten die Neandertaler am Strand ein Feuer. Gefäße oder Kochgruben, in denen Wasser erhitzt werden konnte, mussten erst noch erfunden werden. So behalf sich der pleistozäne Koch mit Algen, die wie ein Grillrost in die heiße Asche gelegt wurden. Darauf ließen sich die Muscheln hervorragend erhitzen, ohne zu verbrennen. Die Muscheln sprangen auf, das hartnäckige Fleisch ließ sich mit Feuersteinwerkzeug aus der Schale schneiden.

Fischfang erforderte mehr Idee und Initiative. Wenn es nach dem britischen Forscher Michael Richards geht, waren Neandertaler schlechte Fischer. Richards untersuchte 2001 die Knochenreste von frühen Vertretern des anatomisch modernen Menschen aus Russland, Tschechien und Großbritannien. Da sich in den Knochen Spuren von Proteinen ablagern, kann man deren Herkunft auch nach 30.000 Jahren noch bestimmen. Michael Richards fand erstaunliche Übereinstimmungen: Die Proteine in allen untersuchten Gebeinen von Homo sapiens stammten zur Hälfte von Süßwasserfischen und Wasservögeln. Ein Vergleich mit etwa gleichzeitig lebenden Neandertalern – um diese Zeit die letzten ihrer Art – ergab, dass sich die Ureuropäer kaum von Fisch, dafür umso mehr von Wild ernährten. Richards hält es für möglich, dass Homo sapiens Fisch durch Salzen haltbar machen konnte, der Neandertaler diese Technik aber nicht kannte. Fisch vergeht schneller als Fleisch. Ohne Konservierungsmittel wird er für die Neandertaler keine Alternative zu Wild geboten haben. Die Jäger bissen lieber ins Fleisch und deshalb, wenn man Paul Pettitt von der Universität Oxford glaubt, ins Gras.

Pettitt sieht im Fleischhunger der Neandertaler eine mögliche Ursache für ihr Aussterben: „Sie waren Superjäger“, sagte Pettit in einem BBC-Interview. „Ich vermute, sie verbrachten die meiste Zeit mit der Jagd auf mittelgroße und große Pflanzenfresser und brachten diese sofort wieder zum Lager zurück. Starben diese Pflanzenfresser aus oder tauchte ein mächtiger Konkurrent auf, waren die Neandertaler nicht flexibel genug, um auf andere Nahrungsressourcen auszuweichen. Gewissermaßen waren sie Opfer ihres eigenen Erfolgs.“

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Meinen herzlichen Dank an Dirk Husemann, den Autor dieser Zeilen, für die Erteilung der Rechte zur Veröffentlichung auf diesem Weblog. Es handelt sich bei dem Text um ein Kapitel aus einem sehr lebendig geschriebenen Sachbuch.

Die Neandertaler Genies der Eiszeit

Titel: Die Neandertaler: Genies der Eiszeit

Autor: Dirk Husemann

Verlag: Campus Verlag

ISBN: 978-3593376424

Verlagslink: http://www.campus.de/buecher-campus-verlag/gesellschaft-wirtschaft/wissen/die_neandertaler-2307.html

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Dirk Husemann studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Er ist heute als Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor tätig. Ich schätze besonders sein Talent, den komplizierten und oft trockenen und widersprüchlichen Stand der Wissenschaft, unterhaltsam zu präsentieren. Ich betone dies extra, weil diese Art unter deutschen Wissenschaftlern oft noch verpönt ist, weswegen der deutsche Markt der populärwissenschaftlichen Bücher von Briten und US-Amerikanern dominiert wird.

Sein aktuelles Buch ist der Roman „Die Seidendiebe“, dessen Handlung 552 n.Chr. spielt.

Die Seidendiebe

Verlag: Bastei Lübbe (Bastei Lübbe Taschenbuch) (14. Juli 2016)

ISBN: 978-3404173815

Verlagslink: https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/historische-romane/die-seidendiebe/id_3414073

Einige seiner Sachbücher sind zwar vergriffen, aber es gibt sie noch als E-Book. Dazu zählt „Spiele, Siege und Skandale“, in dem es um das antike Olympia geht (auch dort wird übrigens viel gegessen). Gerade während aktuell die Olympischen Spiele in Brasilien veranstaltet werden, ein interessanter Blick in die Ursprünge des Sports. Das Buch erhielt von verschiedenen Feuilletons sehr wohlwollende Kritiken.

Spiele, Sieger und Skandale
Amazon-Link für E-Book: https://www.amazon.de/Spiele-Siege-Skandale-Husemann-erz-hlt-ebook/dp/B004WN85E4/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=1471438547&sr=1-2-fkmr0

Denjenigen meiner Leser, welche gebundene Bücher bevorzugen, empfehle ich für die Suche nach Antiquariats-Exemplaren diese Seite: http://www.buchhai.de/

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