Erinnerungen von Pilzjägern aus Russland

von Wladimir Solouchin

Meine Mutter ist vierundachtzig. Ich weiß nicht wie sie ihr langes Leben an ihrem geistigen Auge vorüberziehen läßt. Vielleicht ausführlich und chronologisch, Jahr für Jahr, Etappe für Etappe: Mädchenzeit, Hochzeit, Kinder, Arbeit als Bäuerin, Kriege und Notzeiten. Einige Episoden aber, besonders markante offenbar, sind zu mündlichen Erzählungen geworden, sind formuliert und haben sich verselbständigt. Sie trägt sie stets mit ein und denselben Worten vor und vergißt dabei, daß sie all das schon des öfteren erzählt hat. Kommt das Gespräch auf Pilze und namentlich auf Reizker, dann erwacht sie plötzlich aus ihrem Dahindämmern, das mittlerweile schon zu einem Dauerzustand geworden ist, ihr Gesicht verklärt sich, sie lächelt und sagt: „Was sind das heute bloß für Pilze. Ja, früher…“
„Was war denn früher?“
„Einmal bin ich in die Pilze gegangen, in die Pflanzung nach Barki, und hab mir gedacht, ich werd ein bißchen zwischen den kleinen Fichten suchen. Ich bin also unter der ersten Fichte, und da stehen Reizker in Hülle und Fülle. Reizker, so weit das Auge reicht, man braucht keinen Schritt zu tun. Schade ist`s, wenn man drauf tritt. Ich knie mich also hin, wähle um mich herum Pilze aus, gehe dann weiter. So krieche ich zwischen den Fichten rum, aber die Reizker wollen und wollen nicht weniger werden. Ich schneide und schneide, aber ein Ende ist nicht abzusehen. Je mehr ich schneide, um so mehr Reizker sind um mich herum. Ich werde müde und gehe nach Hause, ein Pferd holen. Na ja, wir haben damals ein bescheidenes Leben geführt. Lenja (also mein Vater Alexej Alexejewitsch) spannt Gulubtschik an und stellt einen großen Korb aus Birkenrinde auf den Wagen. Den ganzen Korb haben wir mit Reizkern gefüllt. Wie ich mich jetzt an diese Reizker erinnere! Man kniet sich hin, und sie sind in rauher Menge um einen herum im grünen Gras.“
Diese Begebenheit hat sich meiner Mutter fest eingeprägt. Eines Tages hat sie sie erzählt, für sich selbst ausformuliert, und wenn jetzt die Rede darauf kommt, gibt sie diese stets mit den gleichen Worten wieder, als habe sie sie auswendig gelernt. Schon fünfzig oder sechzig Jahre hat sie diese Geschichte im Gedächtnis; und obwohl es in den übrigen Jahren keine so spektakuläre Pilzereignisse und sogar ganz wenige Pilze gab, meint Mutter doch mitunter: „Was das jetzt bloß für Pilze sind. Ja, früher …“
Bevor man die Shurawlicha erreicht, kommt man an eine junge Pflanzung. Kleine Kiefern stehen dort in Reih und Glied. Ich weiß noch, wie sie mir bis zu den Knien reichten, heute sind sie mir über den Kopf gewachsen. Selbst wenn ich den Arm ausstrecke, bin ich hinter den dichten und kerzengraden Bäumen nicht zu sehen. Die Pflanzung ist nicht so weitläufig wie jene in Barki, wo meine Mutter einst den Riesenkorb voll Reizker gesammelt hat. Aber warum sollte es hier nicht auch Pilze geben?
Einmal, es war zu Sommeranfang, wenn gewöhnlich alle auf die ersten, die frühesten Pilze warten, lief das Gerücht um, man habe hier und da Butterpilze gesehen. Mir fielen die jungen Kiefern ein, und ich dachte, wenn es überhaupt irgendwo Butterpilze gäbe, dann sicher dort. Meine Frau und ich begaben uns mit einem großen Bastkorb, der anderthalb Wassereimer faßte, auf Erkundung. Es ging schon auf den Abend zu, wir aber wollten um keinen Preis bis zum Morgen warten. Die Pflanzung ist so groß nicht, meinten wir, binnen dreißig Minuten werden wir sie abgegrast haben. Wenn dort wirklich Pilze waren, dann würden wir am nächsten Morgen in den großen Wald aufbrechen. Jetzt wollten wir nur mal flüchtig sondieren.
Schon von weitem erblickten wir unter den Kiefern im Gras etwas Gelbes, als sei der Fleck mit leuchtenden Herbstblättern übersät. Doch woher sollten jetzt, Anfang Juni, Herbstblätter kommen? Am Ende waren das keine Blätter, sondern Pilze?
Und richtig, rings um eine junge Kiefer zogen Butterpilze ihre Kreise. Sie schienen einander bei den Händen zu halten und einen Reigen um den Baum aufzuführen. Dieser Pilz neigte sich zur Seite, jener zur anderen, wie in übermütigem Tanz. Manche kauerten vor sich hin, während sich andere auf die Zehenspitzen stellten. Leider waren sie nur eine Spur zu groß geraten. Wären sie doch etwas kleiner und kerniger gewesen! Schließlich geben Form und Größe augenblicklich Aufschluß darüber, was man von einem Pilz zu erwarten hat, obschon es auch angenehme Überraschungen gibt. Ohne jede Hoffnung schneidet man einen Steinpilz ab, und, siehe da, er ist fest und schwer wie Schweinespeck und ohne einen Wurmstich.
Unsere Butterpilze hatten allesamt die Größe eines halben Teeschälchens. Sie waren nicht etwa dunkelbraun, sondern gelb bis hellgelb und hatten ein weißes Häutchen an der Unterseite. Doch wer beschreibt unser Erstaunen, als all diese Butterpilze frisch und kernig und keinesfalls madig waren. Es waren kleine darunter und auch solche von der Größe eines Teeschälchens, aber alle einwandfrei.
Anfangs schnitten wir sie im Stehen ab, dann knieten wir uns hin. Man hätte sich dabei hinlegen und von einer Stelle zur anderen kriechen können. Mein Lebtag hatte ich noch nicht so viele Butterpilze auf einmal gesehen. Noch dazu waren sie von vorteilhafter Größe. Unseren Korb hatten wir im Nu gefüllt, ohne auch nur um fünf Kiefern herumgegangen zu sein. Aber hier waren es an die hundert. Wir schütteten die Pilze auf einen Haufen ins Gras. Korb um Korb, der Haufen wuchs unaufhörlich, die Pilze im Wald jedoch wurden nicht weniger. Meine Frau ließ die Hände, welche ein abgebrochenes Küchenmesser hielten, sinken.
„Wenn wir jeden Tag so viele Pilze sammeln, was fangen wir damit an?“
„Erinnerst du dich, was meine Mutter von den Reizkern in der Fichtenpflanzung in Barki erzählt?“
„Natürlich! Dein Vater hat sie mit Pferd und Wagen abgeholt.“
„Ja. Das war vor sechzig Jahren. Ich stelle mir gerade vor, wie du in sechzig Jahren deinen Urenkeln , mit zahnlosem Mund murmelnd, berichten wirst:
„WIe ich mich jetzt erinnere, gingen wir nach Schoschenki in die Pilze. Ich kann nicht genau sagen, ob es im Jahre sechzig oder fünfundsechzig war, vielleicht auch früher, aber ganz bestimmt nach dem Vaterländischen Krieg, den ich war schon verheiratet …“
Wir lachten und wollten uns wieder über die Pilze hermachen, aber es wurde dunkel. Da war uns eben der Tag zuteil geworden, den man nur einmal erlebt und nie vergißt.
In unserer Wirtschaft hatten wir weder ein Pferd Golubtschik noch einen Riesenkorb aus Birkenrinde. Wir mußten wohl oder übel die Beute mit dem Auto abholen lassen. Alles in allem hatten wir diesmal in anderthalb Stunden zwölf Eimer Butterpilze gesammelt. Zu Hause schütteten wir die Pilze in der Diele aus, so daß der Fußboden mit einer dünnen Schicht bedeckt war, und machten uns sofort daran, sie zu verarbeiten. Den russischen Ofen, in dem man gut die Hälfte der Pilze hätte trocknen können, hatten wir bei der Renovierung abreißen lassen. So mußten wir uns jetzt wohl oder übel mit Kochherd und Backröhre, ja sogar mit dem elektrischen Backwunder behelfen. Wir kamen nur langsam voran. Es war vorauszusehen, daß wir es nicht schaffen würden, alle diese Pilze zu trocknen. Sie würden matschig werden und verderben.
Gleichzeitig wählten wir die kleinsten aus, möglichst feste und warfen sie zum Marinieren in einen großen Kochtopf. Zwei Tage dauerte die fieberhafte Verarbeitung unserer Beute. Wir taten, was wir konnten. Die übrigen Pilze hatten sich mit Wasser vollgesogen, waren aufgequollen, klebten aneinander, hafteten an den auf dem Fußboden ausgebreiteten Zeitungen.
Aus purer Neugier statteten wir zwei Tage später unseren Kiefern einen kurzen Besuch ab und waren sprachlos. Es schien, daß alles, was wir vor zwei Tagen gesehen hatten, nur ein Traum, ein schönes Märchen gewesen war. Selbst wenn wir gewollt hätten, nicht einen einzigen Pilz hätten wir jetzt heimbringen können. Ein Neuling hätte nie und nimmer geglaubt, daß erst vor zwei Tagen … Ja, selbst wir konnten es nicht fassen, doch zu Hause hatten wir die unwiderlegbaren Beweise für dieses kleine Pilzwunder.
Meine Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen. In Gesellschaft fängt meine Frau bisweilen an zu erzählen: „Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr es ar, vor etwa fünf Jahren jedenfalls gingen wir in die Kiefernschonung. Wir sammelten anderthalb Stunden. Und wissen Sie, wir mußten doch tatsächlich im Dorf ein Auto holen. Zwölf Eimer voll …“
Und im Laufe der Jahre kommt uns selber diese Pilzgeschichte immer unwahrscheinlicher vor, in die wir an einem warmen Juniabend zufällig hineingerieten.

***
KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Gruppe bei Facebook.

Die dritte Jagd

Titel: Die dritte Jagd – Betrachtungen eines Pilzjägers

Autor: Wladimir Solouchin

Verlag: Aufbau-Verlag; Auflage: 1. Auflage (1981)

Verlagslink: http://www.aufbau-verlag.de/

ASIN: B002HWJ1DG

Übersetzerin: Barbara Heitkam

Holzschnitte: Ellen Willnow

Hinweis: Der Titel ist leider längst vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Ich fände es großartig, wenn er zumindest als E-Book wieder aufgelegt werden würde. Bis dahin empfehle ich zur vierten Jagd – der gloriosen Jagd auf seltene und kapitale Bücher – die Suchseite http://www.buchhai.de

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Erste Leseproben:

https://krautjunker.com/2017/10/02/die-dritte-jagd-betrachtungen-eines-pilzjaegers/

https://krautjunker.com/2017/10/17/der-russische-pilzjaeger-ueber-butterpilze/

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