Mit Pilzen Feuer machen

von Dr. Robert Hofrichter

Die Folgen eines Bierrausches werden umgangssprachlich gerne als »Brand« bezeichnet. Tatsächlich kannten unsere Vorfahren aber nicht nur diese Form des von Pilzen (mit-)verursachten Brandes. Sie zündeten mit einem Pilz, dem Zunderschwamm, auch ihre Lagerfeuer an. Zunder zählt neben den halluzinogenen »narrischen Schwammerln« und den Speisepilzen zu den ältesten von Menschen verwendeten Pilzen – er ist sozusagen das älteste Feuerzeug der Welt. Fomes fomentarius, wie er wissenschaftlich heißt, fand man in bedeutenden Fundstätten der sogenannten Maglemose-Kultur (etwa 9000 bis 6500 v. Chr.) in Magle Mose (dänisch für Großes Moor) an der Westküste Seelands in Dänemark oder in der an Artefakten aus Holz und Knochen reichsten mesolithischen Fundstätte Englands, Star Carr, bei Scarborough in North-Yorkshire. Die Träger dieser Kultur waren Jäger und Sammler, die ohne Zunder über Jahrtausende hinweg kein Feuer hätten machen können. Spätere Funde stammen vom berühmten Pfahlbau von Alvastra in Östergötland in Schweden und von der Feuchtbodensiedlung Ehrenstein bei Ulm, einem wichtigen Ausgrabungsplatz der Schussenrieder Kultur. Wann und wie unsere Vorfahren den passenden Pilz für diesen Zweck zum ersten Mal entdeckt haben, ist jedoch unbekannt.

Zunderschwamm01

Der Zunderschwamm befällt geschwächte Laubbäume, vor allem Buchen und Birken. Seine bis zu 30 Zentimeter messenden, grauen, konsolenförmigen und mehrjährigen Fruchtkörper sind nicht zu übersehen. Viele Waldwanderer gehen an ihnen vorbei, ohne zu wissen, dass sie eine der spannendsten Geschichten unserer Kulturgeschichte zu erzählen haben. Aus dem Schwamm wurde seit Urzeiten Zunder hergestellt, eine Kunst, die heute am Aussterben ist. In Scheiben zersägt wurde der Schwamm aufgekocht, um die locker-filzige Mittelschicht des Pilzes, die sogenannte Trama, ablösen zu können. Diese wurde anschließend mit einem Holzhammer zu Fladen geklopft, wodurch der Zunder weich wurde. Nachdem er getrocknet war, tränkte man ihn mit Salpeterlösung. In früheren Zeiten wurde er zum selben Zweck drei bis vier Tage lang in Urin eingelegt.

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Nach einer weiteren Trocknung war das älteste Feuerzeug der Welt fertig, um in einer Zunderbüchse oder sonst einem geeigneten Kästchen zusammen mit einem Feuerstein und einem Stückchen Pyrit oder Metall zum Funkenschlagen aufbewahrt zu werden. Bei Bedarf wurde der Zunder an den Feuerstein gelegt, der wiederum mit seinem Gegenstück geschlagen werden musste, um Funken zu erzeugen. Diese fingen sich im staubtrockenen Zunder und dann genügte es, ein wenig zu blasen, um die Glut anzufachen.

Zunder 1

Auch um blutstillende Wundauflagen herzustellen, wurde der Zunderschwamm noch bis ins 19. Jahrhundert hinein verwendet. Wir werden vermutlich nie erfahren, wann die Menschen diese Eigenschaft des Pilzes entdeckt haben. Ähnlichen Zwecken dienten später auch manche Boviste wie der Schwärzende Eierbovist und der Hasen-Stäubling. Etwa 2.000 Jahre alte Hinweise dafür fand man an verschiedenen Standorten auf den Britischen Inseln.

Gerne würde ich Ihnen weitere spannende Pilzgeschichten unserer Kulturgeschichte schildern, doch würden die Erzählungen kein Ende nehmen.

Die bisherigen Ausführungen dürften aber schon klargemacht haben: Eine wohlriechende, knusprige Pizza funghi mit echtem Mozzarella ist nur ein vernachlässigbar kleiner, relativ moderner Teilaspekt einer sehr alten, langen, intensiven, zwiespältigen und vielfältigen Kulturbeziehung zwischen zwei grundverschiedenen Lebewesen.

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KRAUTJUNKER-Kommentar: http://www.passion-pilze-sammeln.com/birkenporling.html

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KRAUTJUNKERAnmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Titel: Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt

Autor: Dr. Robert Hofrichter

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

ISBN: 978-3-579-08676-7

Fotoquellen: Wikipedia

Verlagslink: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheimnisvolle-Leben-der-Pilze/Robert-Hofrichter/Guetersloher-Verlagshaus/e518522.rhd

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Bereits veröffentlichte Leseproben:

https://krautjunker.com/2017/06/30/wie-ich-die-pilze-und-meine-frau-fand-unsere-wurzeln-sind-in-der-erde-nicht-im-beton/

https://krautjunker.com/2017/08/10/jeder-von-uns-ein-biotop/

https://krautjunker.com/2017/09/16/zauberpilze-und-schamanen/

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