Ötzis Pilz-Reiseapotheke

von Dr. Robert Hofrichter

Wir schreiben etwa das Jahr 3.200 v. Chr. Das Neolithikum, die Jungsteinzeit, neigt sich dem Ende zu, und wir befinden uns am Beginn der Bronzezeit. Der Frühling zeigt sich schon in den Tälern, als sich ein Mann im Hochgebirge der Ötztaler Alpen beim 3.208 m hohen Tisenjoch einen Steinbockbraten gönnt und anschließend etwas rastet. Als Kopfbedeckung trägt er eine Mütze aus dem Fell eines Braunbären, eine längsgestreifte Jacke aus braunem und weißem Fell wärmt ihn. Er trägt Beinlinge aus vielen kleinen Fellstücken, die mit Tiersehnen vernäht sind. Für seine Zeit ist er recht gut gekleidet. Ein Bronzebeil, Bogen und Pfeile sowie ein Dolch aus Feuerstein bilden wesentliche Teile seiner Ausrüstung, ebenso eine Rückentrage sowie ein Glutbehälter. Und eine Gürteltasche trägt er bei sich, die einen besonderen Inhalt hat. Unser Mann ahnt nichts von der Gefahr, die ihm folgt. Er hat einen Feind, der ihm nach dem Leben trachtet und der den Ahnungslosen bei seiner Rast beobachtet. Ein Pfeil trifft unseren Wanderer, gerade als er sich bereit macht, wieder aufzubrechen. Den Schwerverletzten erschlägt der Mörder mit einem Stein, den Leichnam und seine Ausrüstung lässt er zurück.
Schnee und Eis bedecken die Spuren des Dramas, doch mehr als 5.200 Jahre später soll der Tote als Ötzi, als Mann vom Tisenjoch, Mann vom Hauslabjoch, Mann aus dem Eis, als die Mumie vom Similaun und unter weiteren Namen zur berühmtesten Gletschermumie der Welt werden.

ötzi

Abb.: © Südtiroler Archäologiemuseum/Ochsenreiter

 

Ötzis Pilze
Fast als ob sie gestern erst geschehen wären, erzählt sie uns Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit, und die Gürteltasche des Mannes vom Hauslabjoch hält für uns eine besondere bereit., nämlich eine über Pilze. Gleich zwei verschiedene Arten trug Ötzi bei sich, darunter den seit Urzeiten verwendeten Zunderschwamm (siehe: https://krautjunker.com/tag/zunderschwamm/).  Bei ihm fanden sich auch Spuren von Pyrit, beides waren Bestandteile des damals üblichen „Feuerzeugs“. Und der Birkenporling fand sich in der Tasche des Wanderers, ein Heilmittel, das heute nicht nur das begeisterte Interesse von Naturheilern findet, sondern auch das nahmhafter Forschungslaboratorien in aller Welt. Er gilt als Vitalpilz, der gegen Magenbeschwerden helfen soll, wenn ein Sud aus ihm zubereitet und getrunken wird. Er soll gut für die Haut sein und gegen Tumorerkrankungen verschiedenster Art wirken. Dazu gilt er als entzündungshemmend, als antibiotisch und antiviral wirkend und hilft bei Wurmerkrankungen und bei anderen Darmparasiten. Und er gilt als entsprechend wertvoll: 100 Milliliter Birkenporling-Tropfen sind als Ötzi-Pilz-Konzentrat über das Internet für EUR 29,99 (inkl. MwSt.) zu bekommen.
Der Mann aus dem Eis trug nun kein Fläschchen mit Birkenporlingskonzentrat bei sich, sondern eine Scheibe des Pilzes, die er wie einen Teebeutel an ein Lederband Gehängt hatte. Vielleicht hat er ihn so zur Stillung von Blutungen direkt auf Wunden gelegt und dabei zugleich die antibiotische Wirkung des Pilzes genutzt? Oder aber er hat die Pilzscheibe in heißes Wasser gehängt und den Sud getrunken. Im Jahr 2016 wurde im Magen der Mumie das Bakterium Helicobacter pylori nachgewiesen, und vieles spricht dafür, dass ihn auch Würmer als Darmparasiten plagten. Den Mann könnten akute Magenbeschwerden und Verdauungsprobleme gequält haben; der mitgeführte Birkenporling diente ihm wohl als Medizin, ein Wissen und eine Tradition, die sich zum Beispiel beim Volk der Samen bis heute erhalten hat.

*

Die Skepsis, die der Mykotherapie oft noch entgegengebracht wird, beruht entweder auf Unkenntnis oder Ignoranz.
Mit dieser Haltung will man uns weismachen, dass nur die Pharmamedizin heilen kann und die Naturmedizin schon lange ausgedient hätte.

Franz Schmaus, Vorreiter der Heilkunde durch Pilze in Deutschland

 

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Anmerkungen

Von KRAUTJUNKER existiert eine Facebook-Gruppe.

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Titel: Das geheimnisvolle Leben der Pilze – Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt

Autor: Dr. Robert Hofrichter

Verlag: Gütersloher Verlagshaus

ISBN: 978-3-579-08676-7

Verlagslink: https://www.randomhouse.de/Buch/Das-geheimnisvolle-Leben-der-Pilze/Robert-Hofrichter/Guetersloher-Verlagshaus/e518522.rhd

https://www.zukunftsfreude.com/buch/robert-hofrichter-das-geheimnisvolle-leben-der-pilze/

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Film: https://www.youtube.com/watch?v=3uKxPZ_BATk

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Bereits auf KRAUTJUNKER veröffentlichte Buchvorstellung und Leseproben:

https://krautjunker.com/2017/12/17/das-geheimnisvolle-leben-der-pilze-die-faszinierenden-wunder-einer-verborgenen-welt/

https://krautjunker.com/2017/06/30/wie-ich-die-pilze-und-meine-frau-fand-unsere-wurzeln-sind-in-der-erde-nicht-im-beton/

https://krautjunker.com/2017/08/10/jeder-von-uns-ein-biotop/

https://krautjunker.com/2017/09/16/zauberpilze-und-schamanen/

https://krautjunker.com/2017/10/27/mit-pilzen-feuer-machen/

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logo-museo-arch_200

Ötzi ist im Südtiroler Archäologiemuseum zu besuchen
http://www.iceman.it/

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DerMannAusDemEis_Main_A3.indd

Im letzten Winter ist er ein Kinofilm über den verhärmten und kleinwüchsigen Steinzeit-Jäger erschienen. Als Hauptdarsteller bot sich Jürgen Vogel an, der eine glänzende Vorstellung gab.
https://dermannausdemeis-film.de/

Iceman

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. inerlime sagt:

    Sehr fein berichtet und sehr fein zu lesen, lieben Dank 🙂 Ja, die Natur, was für ein (Heil-Wunder. Für mich sind Pilze eine ganz eigene wunderbare Welt und die gute Wirksamkeit einer sinnvoll angewendeten Mykotherapie steht für mich außer Frage 🙂

    Gefällt mir

    1. KRAUTJUNKER sagt:

      In dem Buch steht allerdings auch „…Denn Pilze sind nicht entweder giftig oder ungiftig. Sie sind nur mehr oder weniger giftig, je nachdem, welche Dosis an toxischen Substanzen sie enthalten bzw. welche Menge wir von ihnen zu uns nehmen.

      Essbare Pilze sind jene, die nach einer ausreichend langen Garzeit und in angemessenen Mengen keine Beschwerden oder gar Vergiftungssymptome hervorrufen.“

      Und an anderer Stelle zitiert der Autor Agatha Christie, „Wenn irgendwo Pilze schmoren, wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.“

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