Landtage: Nelkenschwindling (Marasmius oreades)

von Michael Rudolf

Die feinen Kollegen wußten sich nicht zu lassen vor Neid, weil ich für ein paar Tage aufs Land verschwinden durfte, das elterliche Anwesen zu hüten. Doch nichts da.

Der Dorfblockwart versieht dort sein Tag- und Nachtwerk, und die nachbarlichen Kreissägen und Rasenmäher flöten frühmorgens ihre klare, gefühlvolle Weise dazu.

Die Luft hat eine Farbe, wie sie allenfalls in Zeichentrickfilmen vorkommt. Meine Blicke schweifen über sanfte, bewaldete Höhen am Horizont, und jeden Moment könnte eine überlebensgroße Spielzeuglok vorbeidampfen. Das wäre kein Wunder, denn die Eingeborenen haben die vormalige Landschaft komplett verschwinden lassen und restlos ihrer Modelleisenbahnästhetik untertan gemacht. Daß ich das Töchterlein bei meinen Erkundungen auf dem Add-Bike mitführte, veranlaßt die Landbevölkerung, nachdem sie, bis zum Äußersten entschlossen, mit Mistforken und Dreschferkeln hereibeigelaufen ist, zu kritischen Kommentaren, die im Ton oberflächlicher Vorurteile gehalten sind. – Wir lassen Milde walten und grüßen mit der Sonne unserer Herzen.

Das häusliche Leben hält unvorhergesehene Prüfungen bereit. Mit dem Strom scheint hier einiges nicht zu stimmen, rätselhaft verschwindet er immer wieder in den Steckdosen oder traut sich gar nicht erst heraus, und die Schreibmaschine will sowieso nur noch rückwärts schreiben. Der nächtliche Mond sieht aus, als wenn er mächtig eins auf die Lampe bekommen hätte; irgendwie so schräg eingebeult. Herumstreunende Grundstücksspekulanten gibt es abzuwehren, dann noch kälteresistente Schmeißfliegengeschwader, die draußen jeden Kuhfladen zu einem schillernden Juwelenteller veredeln, sich aber genauso vom Küchentisch angezogen fühlen, wenn wir aus Versehen mal ein Fenster öffnen.

Mit unseren klobigen Schritten hätten wir beinahe die zerbrechlichzarten Nelkenschwindlinge am Dorfbachufer zertrampelt. Das heißt: Die Hüte sind zerbrechlichzart, ihre Stiele eher faserigzäh. Schnipst man mit dem Finger dagegen, vibriert der ganze Thallus. Wenn  man sie nicht vorher zertrampelt hat. Das passiert, wenn einem die Fliegen die Sicht vernebeln. Obwohl: Die Schwindlinge waren so winzig, daß ihnen auch die glitzernden Tautropfen, die sie eigens als Vergrößerungslinsen aufgesetzt hatten, wenig nützten.

Knoblauchschwindling 2

Dafür trifft das Gasherdungetüm keine Anstalten zu friedlicher Koexistenz; selbst simple Spiegeleier mit den Pilzwinzlingen verkommen zur Bewährungsprobe. Für die berühmte Schwindlingssuppe bräuchte man nun Kartoffeln, Kümmel und Knoblauch. Der Keller quillt zwar über vor aufgestapelten Weinpräparaten (Spätlese), doch die Kartoffeln fliehen mit wuchernden Keimtentakeln die Auf- und Zubereitung. Und der Kümmel legt, Restwürzkraft und Tütendesign anbetreffend, ein Verfallsdatum nahe, das ohne Mühe in der Phase der ersten Beatles-Erfolge anzusiedeln wäre. Ein paar Knoblauchmumien runden die prähistorischen Eindrücke ab. Bleibt verunglücktes Rührei mit Nelkenschwindlingen.

Wir sehen die kleinen Aromaträger förmlich die zierlichen Hütlein zusammenstecken und tuscheln: „Da stellt man sich nun in Reih und Glied und ausreichender Anzahl bereit, um ihm den Landaufenthalt zu veredeln, und was macht dieser Blödmann? Trampelt die eine Hälfte breit, die andere läßt er auf dem Gasherd verbrennen!“

Sie wurden seither nie wieder gesehen dort.

 

Anmerkungen

Dieser Text ist ein Kapitel des großartigen, aber leider vergriffenen Buches „Hexenei und Krötenstuhl – Ein wunderbarer Pilzführer“ von Michael Rudolf, erschienen bei Reclam Verlag Leipzig im Jahr des Herrn 2001. Der Klappentext macht keine leeren Versprechungen, sondern untertreibt: „Eine Entdeckungsreise ins Wunderland der Pilze mit wirklich sehr schönen Gastbeiträgen von Wiglaf Droste, Vincent Klink, Eva Rudolf und Horst Tomayer.“

hexenei und krötenstuhl

Sollten beim Verlag mehrere tausend Vorbestellungen für eine Neuauflage eingehen, werden vielleicht neue Ausgaben gedruckt, die Bücherschränke der Pilzsucher dieses Landes ein bisschen schöner und ich von der Geschäftsführung zum Essen mit Nachtisch und Freibier eingeladen.

Ich bedanke mich bei dem Verlag für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf meinem Weblog und empfehle einen geneigten Blick in das aktuelle Verlagsprogramm.

Titel: Hexenei und Krötenstuhl – Ein wunderbarer Pilzführer

Verlag: Reclam Leipzig, 2001

Autor: Michael Rudolf (ein ganz Großer, leider schon verstorben)

ISBN: 3-379-01736-1

Link zum aktuellen Verlagsprogramm: https://www.reclam.de/programm

***

Für die Bereitstellung der wunderschönen Fotos bedanke ich mich bei Roland Letscher.
copyright ©Roland Letscher
Bei den abgebildeten Pilzen handelt es sich jedoch um einen nahen Verwandten, den Langstieligen Knoblauchschwindling: https://de.wikipedia.org/wiki/Langstieliger_Knoblauchschwindling

Die Beschreibung zum Nelkenschwindling ist hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Nelken-Schwindling

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